03.01.2000

RUANDAMit Weihrauch und Machete

Zeugen beschuldigen Priester und Nonnen der katholischen Kirche, den Völkermord an den Tutsi unterstützt zu haben. Nun landen die ersten prominenten Fälle vor Gericht.
Dass sein ehemaliger Schüler Théophile Zigirumugabe von den Toten auferstehen würde, hatte Hochwürden Emmanuel Uwayezu nicht erwartet. Gut drei Jahre arbeitet der Priester aus Ruanda nun schon bei einer Stadtrandgemeinde im italienischen Florenz als Aushilfspfarrer.
Dort, zwischen den zypressenbestandenen Hügeln der Toskana, wäre er am liebsten für den Rest seiner Tage in Vergessenheit geraten. Doch der wieder auferstandene Schüler Théophile kann nicht vergessen.
Unauslöschlich sind dem heute 25-Jährigen die Ereignisse ins Gedächtnis eingebrannt, die sich im Frühjahr 1994 in dem katholischen Internat Marie Mercie im Südwesten Ruandas abspielten. Bis zu jenem Tag, an dem 82 seiner Mitschüler im Speisesaal der Schule niedergemetzelt wurden, erinnert er sich an jedes Detail - ganz so, als spule ein Film vor seinem inneren Auge ab.
Ende November hat Théophile in Ruandas Hauptstadt Kigali seine Erinnerungen erstmals öffentlich vor Gericht dargelegt - in einem Prozess gegen Augustin Misago, den Bischof von Gikongoro und Uwayezus Vorgesetzten. Mit Misago steht gleichsam Ruandas katholische Kirche unter Anklage - in den Augen vieler Gläubiger hat sie ihre Ehre verloren. Die meisten ihrer Priester und Nonnen hatten 1994 bei dem Blutbad teilnahmslos zugesehen oder gar den Mördern geholfen, die binnen hundert Tagen 800 000 Menschen umbrachten. Noch heute schützt die Hierarchie jene Untergebenen, die sich zu Propagandisten und Vollstreckern einer Theologie des Hasses machen ließen.
Zusammen mit seinem Bischof Misago müsste auch, glaubt zumindest Théophile, Uwayezu selbst auf der Anklagebank sitzen. Denn der aus Ruanda geflohene Priester, davon ist der protestantische Pastorensohn überzeugt, hat mit den Mördern gemeinsame Sache gemacht. Uwayezu war Théophiles Schuldirektor, als das Land am 7. April 1994, wenige Stunden nach dem Tod von Präsident Juvenal Habyarimana bei einem mysteriösen Flugzeugabsturz, in einen Blutrausch verfiel. Aufgehetzt von fanatischen Radiomoderatoren und Parteifunktionären, stürzten sich mit Macheten und Holzknüppeln bewaffnete Hutu-Bauern auf alle, die der Minderheit der Tutsi angehörten und die sie für den Tod des Staatschefs verantwortlich machten.
In den mörderischen Wochen nach Ostern befanden sich rund 500 Schüler in Marie Mercie in Kibeho, einer ländlichen Gemeinde im Südwesten Ruandas. Auch sie wurden von einer Pogromstimmung erfasst, in der Freunde Freunde verrieten, Lehrer ihre Schüler umbrachten und Geistliche ihre Schutzbefohlenen dem Mob überließen.
Kibeho war das Lourdes von Ruanda. Mehrfach wollen Gläubige dort Marienerscheinungen beobachtet haben. Wie ein Wahrzeichen für den Siegeszug des Katholizismus in Afrikas christlichstem Land thronte das Gotteshaus auf einer Anhöhe oberhalb der Schule. Als das Töten begann, strömten die Menschen nach Kibeho. An einem Wallfahrtsort wähnten sie sich sicher.
Doch der blutige Zwist zwischen Hutu und Tutsi hatte auch die Priestergemeinschaft von Kibeho entzweit. Während zwei der Geistlichen ihr Leben riskierten, um die Flüchtlinge vor dem Zugriff von Killerbanden zu bewahren, schlug sich Uwayezu, selbst ein Hutu, auf die Seite der Stärkeren. Die Hetzjagd sei ihre eigene Schuld, herrschte er die Flüchtlinge auf dem Kirchenvorplatz an und warf ihnen vor, mit von Uganda aus angreifenden Tutsi-Rebellen zu sympathisieren. "Sollen diese Kakerlaken euch doch retten."
Als die Mordlust sich auch seiner Hutu-Schüler bemächtigte, ließ er die Tutsi in einem Nebengebäude unterbringen. Doch zu ihrem vermeintlichen Schutz forderte er Gendarmen an, die längst selber zu Mördern geworden waren.
"Ich wusste, dass sie uns trennten, um uns umzubringen", sagt Théophile. Pfeifend und grölend feierten die Hutu-Schüler den Auszug ihrer verfemten Mitschüler. Nachdem einigen der jungen Tutsi die Flucht über die nahe Grenze nach Burundi gelungen war, schüchterte Uwayezu die Zurückgebliebenen mit einer Lüge ein: Die Flüchtlinge seien tot, ihre Leichen an einem Flussufer unweit der Schule angeschwemmt worden. Er selbst habe sie gesehen. Nun fügten sich die anderen Tutsi entmutigt in ihr Schicksal.
Am 14. April begann das Massaker von Kibeho, zunächst an den 15 000 Flüchtlingen im Kirchen-Areal. Es dauerte zwei Tage. Auch Eltern und Geschwister der Schüler von Marie Mercie befanden sich unter den Opfern.
Uwayezu hatte die Kinder in ihre Klassenräume eingesperrt, damit sie das Blutbad nicht mit ansehen mussten. Am Boden kauernd hörten sie die entsetzlichen Schreie. Bei lebendigem Leib wurden auch Überlebende verbrannt.
Als drei Wochen später die letzten Tutsi der Umgebung zu Tode gejagt worden waren, forderte der noch immer mordlüsterne Mob, die Schüler herauszugeben. Théophile, den die Gruppe der Tutsi inzwischen zum Sprecher ernannt hatte, bat um eine Unterredung mit dem Bischof. Misago kam am 5. Mai, begleitet von Direktor Uwayezu sowie dem Kommandanten der Gendarmerie und dem zuständigen Präfekten. "Unser Leben liegt in Ihrer Hand", wandte sich Théophile an den Würdenträger.
Doch der Bischof habe ihn kalt abblitzen lassen, berichtet Théophile. "Die Aufständischen marschieren vor. Unsere Armee ist demoralisiert. Wie sollen wir euch da schützen?" Misago bestreitet heute vor Gericht, so etwas gesagt zu haben. Doch zwei Tage später waren die meisten Schüler tot.
Die Killer kamen gegen neun Uhr früh: von fanatischen Hutu-Milizen aufgehetzte Bauern. Aber auch Lehrer des Internats beteiligten sich am Massaker. Mädchen und Jungen wurden zu Tode gehackt oder verstümmelt, erschossen oder erschlagen.
Die Kugel, die für Théophile bestimmt war, hatte nur seinen Oberschenkel durchschlagen. Die Schlächter hielten den blutenden Jungen für tot und warfen ihn in ein tiefes Loch.
Als Théophile schließlich die Kraft und den Mut fand, aus seinem Grab zu kriechen, war er halb wahnsinnig vor Entsetzen. Er sah einen Hund mit einem Kopf im Maul vorüberlaufen. "Das hätte ebenso gut der meine sein können", sagt er.
In Florenz bestreitet Uwayezu, jemals Partei gegen die Tutsi ergriffen zu haben. Doch ist der überlebende Théophile nicht der einzige Zeuge, der sich an Uwayezus Verachtung für die Verfolgten erinnert. Noch im Exil in Kenia, wo Uwayezu auf seiner Flucht nach Europa fast ein Jahr lang Zwischenstation machte, sei der Priester durch "besonders unchristliches Verhalten" aufgefallen, erinnert sich einer seiner Gastgeber, ein einflussreicher westlicher Ordensgeistlicher.
"Berichte über Massaker an Tutsi feierte er wie persönliche Siege", so der Kirchenmann, der nicht genannt werden will. Nicht einmal Messen für ruandische Flüchtlinge habe er lesen wollen. Seine ursprüngliche Zurückhaltung gegenüber Uwayezu ("Ich bin Priester, nicht Polizist") hat der Amtsbruder inzwischen aufgegeben: "Dieser Mann gehört vor ein Völkermordtribunal."
In den drei Jahren, seit "Don Uwayezu" nun schon in der Florentiner Pfarrgemeinde San Piero in Palco die Messe liest, hat er viel Zeit gehabt, über sein Verhalten nachzudenken. Noch immer streitet er jedes Unrecht ab. "Was hätte ich denn tun können?", fragt er. "Die Kirche hatte schließlich keine Gewehre."
Noch heute verliert Uwayezu die Selbstkontrolle, wenn von den Leiden der Tutsi die Rede ist. Dann blitzt hinter der Fassade eines heimwehgeplagten Mannes, der sich verleumdet fühlt und mit seinem Schicksal hadert, plötzlich jemand auf, der kein Mitgefühl für die Opfer aufbringen kann - für die Köche zum Beispiel, die an seiner Schule ermordet wurden und die zu beerdigen er sich weigerte.
Uwayezu ist einer von mindestens drei Dutzend ruandischen Kirchenvertretern, die sich, von Landsleuten der Beihilfe zum Völkermord bezichtigt, ins Ausland abgesetzt haben. Heute leben sie hinter Klostermauern in Belgien, leiten Ordenshäuser in Frankreich, studieren Theologie an päpstlichen Universitäten oder predigen, wie Uwayezu, Nächstenliebe und Vergebung in italienischen Kirchen. Doch die Vergangenheit holt sie allmählich ein.
Denn wenn es 1994 eine Institution gab, die dem Morden hätte Einhalt gebieten können, dann war es Ruandas katholische Kirche. 90 Prozent der Bevölkerung bekannten sich zum Christentum, 62 Prozent waren Katholiken. Priester genossen hohes Ansehen im Volk.
Fast alle Krankenhäuser und Schulen Ruandas wurden von Klöstern und Orden unterhalten. Geistliche entschieden über die Einstellung von Lehrern, Ärzten und Sozialarbeitern. Die Kirche war, wie selbst das Sekretariat der ostafrikanischen Bischofskonferenz kurz nach dem Völkermord schrieb, "nach der Regierung die mächtigste Institution" im Land.
Dennoch erhoben sich nur wenige Stimmen gegen die Mordhetzer unter den Hutu. Zu sehr waren die Kirchenführer dem Regime verbunden. So hatte der Erzbischof Ruandas, Monsignore Vincent Nsengiyumva, 15 Jahre lang im Zentralkomitee ebenjener Partei gesessen, welche die Pogrome plante. Erst auf Druck des Vatikans trat er von seinem weltlichen Posten zurück. Doch blieb er ein enger Vertrauter Habyarimanas und der Beichtvater der Präsidentengattin.
Die ruandischen Bischöfe sagten, noch nachdem das Schlachten längst begonnen hatte, der Hutu-Regierung ihre Zusammenarbeit zu und forderten die Bevölkerung auf, deren Anordnungen zu befolgen. Viele Priester waren aktive Parteigänger, was sie zwangsläufig zu Helfern mörderischer Politiker und Beamter machte. Und so entstand bei den Gläubigen der Eindruck, dass die Allianz von Machete und Weihrauch gottgewollt sei. Zwischen dem 7. April und dem 4. Juli wurden in 160 Kirchen Tutsi niedergemetzelt, die in die vermeintlich sicheren Sanktuarien geflohen waren.
Heute leitet der überlebende Théophile eine Erholungsstätte der anglikanischen Kirche im Südosten Ruandas. Seinen Frieden, sagt er, werde er erst finden, wenn nicht nur der Bischof, sondern auch Uwayezu zur Rechenschaft gezogen worden seien. Doch der Priester in Florenz hat Fürsprecher, die mächtiger sind als die Staatsanwälte in Kigali.
Zwei Jahre nach dem Genozid wollte eine Gruppe ruandischer Priester das Versagen der Kirche im eigenen Land aufarbeiten. Sie beklagten, dass Geistliche tatenlos mit angesehen hätten, "wie die Machthaber ein ganzes Volk zu Mördern
machten". Doch die Teilnehmer des Diskussionskreises wurden strafversetzt; den Initiatoren drohte der Vatikan gar mit dem Kirchenausschluss. Ende vorigen Jahres reiste der slowakische Kardinal Jozef Tomko, Mitglied der vatikanischen Kongregation für die Glaubenslehre und dort zuständig für afrikanische Kirchen, persönlich zu einem Bischofstreffen nach Kenia, um seine Kollegen zu einem öffentlichen Protest gegen den Misago-Prozess zu bewegen.
Zwei Kirchenfunktionäre sind inzwischen von Gerichten in Ruanda zum Tode verurteilt worden. Über diejenigen aber, die fliehen konnten, halten Vatikan und Kirchenfürsten ihre schützenden Hände.
Ernsthafte Versuche, die Beschuldigungen der Zeugen gegen die geflohenen Seelsorger auf ihren Wahrheitsgehalt zu überprüfen, hat die Kirche bislang unterlassen. Im Gegenteil: In Belgien, wo sich im April zwei Benediktinerschwestern aus Ruanda vor Ge- richt verantworten müssen, versuchten christdemokratische Politiker drei Jahre lang, das Verfahren zu verhindern.
Gertrude Mukangango und Julienne Kizito werden beschuldigt, 7000 Menschen, die sich in den Garten und das Krankenhaus des Klosters von Sovu gerettet hatten, an die Milizen ausgeliefert zu haben. Kizito soll selbst das Benzin herbeigeschleppt haben, mit dem die Massakeropfer anschließend verbrannt wurden.
Dem von seinen Schülern beschuldigten Uwayezu haben Mönche bei seiner Flucht geholfen. Bischof Misago selber hatte ihm das Fluchtauto besorgt, mit dem er nach Zaire entkam.
Uwayezu ist ein stattlicher, kräftiger Mann. Dennoch, ein Held habe er nie sein wollen und ein Märtyrer schon gar nicht.
Nur weil er Hutu sei und das Massaker an seinen Schülern überlebt habe, werde er heute verfolgt, klagt Uwayezu. "Wenn ich gestorben wäre, hätte man mich dann zum Helden erklärt?" BIRGIT SCHWARZ
* In der Gedenkstätte für die Opfer des Massakers von Kibeho.
Von Birgit Schwarz

DER SPIEGEL 1/2000
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