03.01.2000

SCHAUSPIELERSchnulze mit Herzblut

Polizisten singen selten, doch die „Tatort“-Kommissare Stoever und Brocki scheuen vor nichts zurück. Ihre Songs sind nun auf CD zu haben.
Als Anwalt Liebling hat er mit seinem rauen Charme sogar die Staatsanwältin überrumpelt, als Kommissar Stoever, Pistole im Schulterhalfter, hat er Mordverdächtige ohne Ansehen der Person verfolgt. Er spielt den harten Kerl - aber innen drin ist der Schauspieler Manfred Krug ganz weich.
"Die Streicher sind wunderbar", sagt Krug. "Als ich die hörte, hatte ich richtig einen Kloß im Hals und musste eine Pause machen." Die Streicher sind Münchner Philharmoniker, und sie begleiten Krug gefühlvoll bei seiner jüngsten Produktion: einer CD mit Songs aus den "Tatort"-Krimis.
Dass Polizisten während der Jagd nach einem Mörder plötzlich "Somewhere over the Rainbow" zu singen anfangen, gibt es wahrscheinlich nur im Fernsehen. Aber Krug und seinem Kollegen Charles Brauer, die als Stoever und Brockmöller den "Tatort" beleben, hat die musikalische Einlage so viel Spaß gemacht, dass sie fortan in jedes Serienstück einen ihrer Lieblingssongs einbauten.
Da ist inzwischen, seit 1996, mehr als ein Dutzend zusammengekommen. Der Vorschlag, damit eine CD zu füllen, auf die so mancher Fan der beiden schon eine Weile gewartet hat, kam vom Studio Hamburg. Swingende Nummern sind dabei, etwa "All of Me" oder "Goody Goody", und Schnulzen wie "As Time Goes by". Die Songs sind neu aufgenommen und in voller Länge zu hören - und nicht nur ein paar Sekunden wie im Fernsehen.
Bei der Wahl ihrer Schlager scheuen Krug und Brauer vor nichts zurück. Am 9. Januar werden die Kommissare den Mordverdächtigen mit dem schaurig-schönen Zarah-Leander-Hit "Kann denn Liebe Sünde sein" zur Strecke bringen.
Für Krug, der "einen gewissen Hang zur Schlager- und Trivialmusik" - und zum Jazz - gern zugibt, waren die Aufnahmen nichts Ungewöhnliches. Er hatte schon in grauer Vorzeit, als es die DDR noch gab, in öffentlichen Auftritten die ostdeutsche Jugend für westlich-dekadentes Liedgut begeistert und Platten besungen. Mit der Truppe des jungen Trompeters Till Brönner
hat er bereits vor der Produktion der "Tatort"-CD einige Stücke eingespielt.
Krugs Partner "Charlie" Brauer (genannt "Brocki") hat nie größere Ambitionen als Sänger gezeigt. Immerhin spielt er in Essen den Professor Higgins in "My Fair Lady", und der muss ja auch seine Eliza singend zurechtweisen. Bei den Songs für die "Tatort"-CD hat er von Krugs Erfahrung profitiert: "Es war toll, wie locker und professionell der Manfred das gemacht hat." Drei Tage haben die Kommissare im Studio zugebracht, dann war der Fall CD erledigt. "Und wir haben nicht mal auf das Mittagessen verzichtet", sagt Krug.
Dass alles so reibungslos lief, ist nicht zuletzt das Verdienst des Jazz-Saxophonisten Klaus Doldinger, der die CD in seinem Münchner Studio produziert hat. Doldinger ist selbst eine der wichtigsten Figuren des "Tatort". Er hat nicht nur die Erkennungsmelodie der Serie geliefert, sondern auch oft die Musik für den Film geschrieben. Der Pianist seiner Gruppe Passport, Roberto Di Gioia, spielt Piano, wenn es so aussieht, als ob Stoever in die Tasten greift.
Doldinger ist von der Produktion begeistert: "So etwas kann man nur mit Herzblut machen." Er hat für die Songs seine Jazzmusiker ins Studio geholt und spielt selbst bei einigen Stücken mit. Nur die Streicher, die den hartgesottenen Kommissar so anrührten, hat der Sänger Krug nie gesehen; die wurden dazugemixt.
Weil alles so hervorragend gelaufen ist, könnten sich Manfred und Charlie vorstellen, noch eine weitere Platte aufzunehmen. Der eine wird 63, der andere ist 64, und live wollen sie deshalb auf keinen Fall auftreten. Schließlich singe er mit seinen vier Enkeln oft im Badezimmer, sagt Krug, das genüge ihm als Live-Auftritt.
Warum wagt sich das erfolgreiche Krimi-Duo auf den überfüllten Musikmarkt, noch dazu mit Songs, die weiter nichts sind als gute Songs? "Weil''s Spaß macht", sagt Brauer. Aber natürlich geht es auch um die weitere Vermarktung einer populären Serie und ihrer Hauptfiguren - die Quote lässt sich vielleicht noch ein bisschen nach oben trällern.
Jedenfalls tun es die beiden angeblich nicht, weil sie noch ein paar Mark dazuverdienen wollen. "Ich bin stinkreich", flachst Krug. Und überdies bleibt ja noch die Telekom-Werbung. "Die mache ich", so Krug, "weil ich reich bleiben will."
Avantgarde sind die "Tatort"-Sänger nicht. Eine Botschaft wollen sie mit ihren aufgebügelten Schlagern auch nicht verkünden. Es klingt bescheiden, was das Duo Krug und Brauer als Erfolg erwartet: "Uns würde es schon genügen", sagt Krug, "wenn die Leute nicht merken, dass wir keine Sänger sind." PETER BÖLKE
* In "Tatort: Tod auf Neuwerk", 1996.
Von Peter Bölke

DER SPIEGEL 1/2000
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