07.10.2017

Mine in Mali

Wie sich Airbus im Bergbau in Westafrika engagierte
Es war ein großer Tag für eine kleine Klitsche. Der Präsident der Republik Mali war aus der Hauptstadt mit mehreren Ministern angereist. Auch Aliou Diallo war da, einer der reichsten Männer des Landes und Miteigentümer der im Süden des westafrikanischen Staates gelegenen Goldmine Kodiéran.
Sie alle waren gekommen, um eine Schmelzanlage einzuweihen – nach Jahren des Stillstands. Seit 2005 hatte Diallo vergebens versucht, die Goldproduktion ins Laufen zu bringen: Über einen Fonds in Kanada, mithilfe eines Schweizers, der wieder absprang, und mit einer deutschen Aktiengesellschaft, der Pearl Gold AG, mit Sitz in Frankfurt am Main.
Ende Februar 2012 schien alles gut. Gold floss aus einem Schmelzofen und verdichtete sich zu einem Barren, der, sobald er erkaltet war, in die Hände des Präsidenten gelegt wurde.
Danach lief es mit dem Edelmetall wieder schlechter. Ende 2013 wurde die Mine stillgelegt, die Arbeiter entlassen. Aussagen ehemaliger Mitarbeiter zufolge ist es den Verantwortlichen zu keinem Zeitpunkt gelungen, nennenswerte Mengen zu fördern. Alle Versuche, die Goldader wieder sprudeln zu lassen, liefen ins Leere.
Im Juni 2016 meldete die Pearl Gold AG Insolvenz an, weil "nicht mehr wahrscheinlich ist, dass die Goldproduktion in diesem Jahr beginnen wird", wie der Vorstand in einem "Aktionärsbrief" schrieb.
Mittlerweile beschäftigt der Fall Staatsanwälte in Frankreich und der Schweiz. In Paris gehen die Fahnder dem Verdacht des Betrugs und der Untreue nach. Im Visier: der Mitgesellschafter der Mine, Aliou Diallo, und eine seiner Gesellschaften. Geklagt haben der Pearl-Gold-Vorstand und Aktionäre, die sich geprellt fühlen.
Nach Ansicht der Staatsanwälte diente die Mine als Durchlaufstation für Schmiergelder. Der Verdacht: Airbus habe Politiker in Mali bestochen, um den Verkauf von Helikoptern und Transportflugzeugen zu erleichtern.
Bei ihren Nachforschungen waren die Ermittler auf Dokumente gestoßen, die diesen Verdacht erhärten: Dabei handelt es sich unter anderem um den E-Mail-Verkehr zwischen einem Mitarbeiter der Airbus Strategy and Marketing Organization (SMO), dem Vorstand der Pearl Gold AG und einem dubiosen Geschäftsmann, der als Spezialist für verschlungene Finanzströme in Steuerparadiese gilt.
Gut zwei Wochen vor dem Festakt im Februar 2012 war SMO-Mann Laurent Mischler nach Mali gereist und hatte die Kodiéran-Mine inspiziert. Am 16. Februar schrieb er eine Mail an Lutz Hartmann, den späteren Vorstand der Pearl Gold AG: "Guten Morgen Lutz, im Nachgang zu meiner Mali-Mission kommen wir mit unserem Projekt, Anteile der Pearl zu erwerben, voran." Für "das Investitions-Dossier", so Mischler, brauche er aber noch den ausgefüllten Fragebogen, inklusive Anhang und Dokumenten.
Nur einen Tag später meldet Hartmann Vollzug: Die Firmenauskunft sei in einem virtuellen Datenraum hinterlegt. Der Link finde sich am Ende der Nachricht. Das Passwort komme extra.
Es folgt eine Reihe dubioser Transaktionen, die nach Ansicht der Ermittler sämtlich dazu dienten, eine Beteiligung von Airbus an der Goldmine in Mali zu ermöglichen und zu verschleiern. Rund zehn Millionen Euro soll Airbus für die Pearl-Anteile bezahlt haben – auf krummen Wegen und mit einem ordentlichen Bonus für den Mann, ohne den in Mali nicht viel geht: Aliou Diallo.
Im März 2012 erhält der Pearl-Gold-Gesellschafter über eine Kapitalerhöhung fünf Millionen neue Aktien im Wert von 60 Millionen Euro. Er bezahlt sie mit einem Versprechen: 1,5 Tonnen Gold wolle er liefern, wenn die Produktion voll angelaufen sei.
Im April verkauft Diallo alle neuen Aktien an eine Gesellschaft mit Sitz in einem Steuerparadies in den Vereinigten Arabischen Emiraten. Von dort gehen 3,3 Millionen Aktien an zwei Gesellschaften auf den Britischen Jungferninseln, ebenfalls dafür bekannt, dass Steuern dort eher nebensächlich sind.
Alle drei Gesellschaften sind nach Ansicht der Ermittler reine Briefkastenfirmen. In allen dreien hat ein Mann das Sagen, der den SMO-Mann Mischler bei seinen beiden Malireisen im Februar und September 2012 begleitete: Olivier Couriol, Finanzberater von Aliou Diallo.
Der Minen-Mogul hat beste Verbindungen zur malischen Führung, die im Mai 2013 Besuch aus Frankreich erhält. Ein hochrangiger Airbus-Manager, firmenintern als "Monsieur Afrique" bekannt, reist in die malische Hauptstadt Bamako und offeriert der dortigen Regierung drei Militärhubschrauber vom Typ "Super-Puma" und drei Transportflugzeuge.
Im Mai 2015 gibt der malische Präsident die Mittel für den Kauf von zwei Helikoptern frei. Im Februar 2016 bestellt er ein Transportflugzeug. Womöglich haben die Millionen gewirkt, die Airbus für seine Beteiligung an der Mine gezahlt hat. Vielleicht war es auch schlicht die Qualität der Produkte aus der deutsch-französischen Rüstungsschmiede, die überzeugte.
Sicher ist: Präsidentenfreund Diallo, der alle gegen ihn erhobenen Vorwürfe bestreitet, hat sein Versprechen nicht eingelöst, die im Zuge der Kapitalerhöhung erhaltenen Aktien mit Gold zu bezahlen. Und Airbus will offenbar nichts zur Aufklärung des Sachverhalts beitragen: Wegen der laufenden Ermittlungen wollte der Konzern zu Pearl Gold und zu seinen Geschäften in Mali nicht Stellung nehmen.

DER SPIEGEL 41/2017
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