07.10.2017

Kongo„Inszeniertes Chaos“

Die Afrika-Expertin Ida Sawyer, 33, von der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch über die jüngsten Gewaltexzesse in der Demokratischen Republik Kongo
SPIEGEL: Wie bewerten Sie die Situation im Kongo?
Sawyer: In verschiedenen Regionen breiten sich plötzlich Gewalt und Instabilität aus wie etwa in der Kasai-Region, wo Regierungskräfte einen Stammesführer töteten. 5000 Menschen wurden umgebracht, 1,4 Millionen sind auf der Flucht, 80 Massengräber wurden gefunden. Die Verantwortung für das Morden wird den Regierungskräften zugeschrieben.
SPIEGEL: Ist die Opposition nicht mitschuldig?
Sawyer: Regierungsgegner und von der Regierung gestützte Milizen sind an Gewalttaten beteiligt gewesen. Dennoch, die Gewalt in Kasai wird von der Regierung als Vorwand genutzt, um keine Wahl abhalten zu müssen.
SPIEGEL: Jetzt gibt es neue Unruhen im Osten des Landes: im Süd-Kivu.
Sawyer: Dort hat sich eine Reihe bewaffneter Rebellengruppen gebildet, sie nehmen Dörfer ein und kämpfen gegen die Regierungsarmee und die Vereinten Nationen. Ihr Ziel ist es, Präsident Joseph Kabila zu stürzen, der illegal regiert. Es ist unklar, ob dies tatsächlich ein Protest des Volkes ist oder ob womöglich die Regierung dahintersteckt, die Chaos inszeniert, um eine Wahl unmöglich zu machen.
SPIEGEL: Haben Sie eine Erklärung dafür, dass Präsident Kabila im Dezember vergangenen Jahres nicht verfassungsgemäß abgetreten ist?
Sawyer: Es hat sicherlich mit dem Vermögen zu tun, das die Familie angesammelt hat, auch schon zu Zeiten von Kabilas Vater. Experten von Bloomberg und der New York University schätzen die Einkünfte aus den über 80 Firmen, an denen die Familie beteiligt ist, auf mehrere Hundert Millionen Dollar. Gleichzeitig lebt die Bevölkerung in Armut und ist bedroht von Cholera.
SPIEGEL: Welche Zukunft für den Kongo ist denkbar?
Sawyer: Wenn sich Kabila weiterhin weigert, den Weg für Wahlen frei zu machen, und seine Strategie der Gewalt und der Repression fortsetzt, führt das zu noch mehr Instabilität im zweitgrößten Flächenland Afrikas.
Von Suk

DER SPIEGEL 41/2017
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