10.01.2000

ZEITGESCHICHTEWo die Raben kreisen

Heinrich Himmlers Obsession war die Hexenforschung. Eine neue Studie rekonstruiert die Geschichte der „Hexenkartothek“ des Reichsführers SS.
Im Barockschloss der Grafen Haugwitz beim niederschlesischen Glogau fand sich im März 1945 die Hinterlassenschaft eines skurrilen Projekts der SS. Das Anwesen barg rund 140 000 Bücher und Aktenstücke, darunter zum Teil halb verkohlte Werke, die sich mit der Geschichte der Strafverfolgung seit dem 13. Jahrhundert beschäftigten.
Ein Bibliothekar der Universität Posen, der auf die seltsame Sammlung gestoßen war, fand darin jede Menge "angekreuzte Stellen, wo die verschiedenen Foltermethoden beschrieben sind". Er wunderte sich und vermutete, die SS habe "Methoden der Quälerei" zusammengetragen - zum Zweck der Anwendung.
Tatsächlich war der Mann auf die Überreste einer obskuren Obsession Heinrich Himmlers gestoßen: auf den "Hexen-Sonderauftrag des Reichsführers SS".
Ab 1935, rekonstruierten Regionalhistoriker um den Tübinger Landeskundler Sönke Lorenz, hatten hauseigene SS-Forscher im Dienste des geheimniskrämerisch als "H-Sonderauftrag" abgekürzten Projekts hunderte von Archiven und Bibliotheken auf der Suche nach Spuren sämtlicher Hexenprozesse seit dem Mittelalter durchkämmt**.
Auf 33 846 großformartigen Karteibögen ("Hexen-Blätter") dokumentierten sie Fälle von Hexenverfolgung und -verbrennung aus ganz Deutschland - und bis hin nach Indien und Mexiko - in einer ebenso riesigen wie seltsamen "Hexenkartothek".
Einen Grund für das Faible des SS-Chefs vermuten die Forscher in einer Familiensage der Himmlers: Ein Vetter namens Wilhelm August Patin, SS-Untersturmführer und ehemals Kanonikus am Münchner Kollegiatsstift St. Kajetan, verbreitete gern, eine Urahnin Heinrich Himmlers namens Passaquay sei einst als Hexe verbrannt worden. Offenbar trieb
nicht zuletzt diese Vorstellung den Reichsführer um.
Dessen Phantasie war leicht zu erregen: Als Hermann Göring einmal beiläufig erwähnte, "dass er bemerkt habe, dass an früheren Hinrichtungsplätzen heute noch die Raben in besonderem Maße kreisen oder sich dort niederlassen", verfügte Himmler sogleich, solche Orte nach Kriegsende "interdisziplinär" zu erforschen.
Ein Gebäckmodell in Hirsch-Form, Himmler von der "Reichsfrauenführerin" Gertrud Scholtz-Klink verehrt, verhalf - nach befürwortendem Gutachten des beigeordneten Forschungsausschusses unter Schirmherrschaft des Reichsjägermeisters Göring - einem Professor der SS-Forschungsgemeinschaft "Ahnenerbe e. V." zu einem öffentlich geförderten Auftrag zur "Sinnbild-Forschung" über "das Hirsch-Motiv".
Himmler sah in der Hexenverfolgung eine Art frühneuzeitlichen Holocaust an
der germanischen Rasse - betrieben und begangen durch die katholische Kirche. Der Hexenwahn, wurde er nicht müde zu wiederholen, habe "das deutsche Volk hunderttausende von Müttern und Frauen deutschen Blutes durch grausame Verfolgung und Hinrichtung gekostet".
Zugleich, so mutmaßen die Forscher, erhoffte sich Himmler, in den alten Akten "auf die Reste jener heidnischen altgermanischen Volkskultur zu stoßen, von der man annahm, dass sie mit den Hexen ausgerottet werden sollte". Damit war seine Obsession weltanschaulich legitimiert.
Den SS-Wissenschaftlern des Amtes VII ("Weltanschauliche Forschung und Auswertung") in Himmlers Machtzentrale, dem Reichssicherheitshauptamt, die sich auch mit Kirchen, Freimaurern, Liberalen, Emigranten und Marxisten befassten, kam der Wahn nur recht. Sie konnten sich unter Hinweis auf den "Sonderauftrag" des Reichsführers vor dem Fronteinsatz drücken und ihre Karriere vorantreiben.
In der Regel betrieben die Hexenjäger ihre Mission konspirativ. Unter dem Vorwand von Familienforschungen oder als Studenten der Universitäten Berlin oder Leipzig getarnt, gingen sie von privaten Tarnadressen aus heimlich zu Werke. Hilfreiche Empfehlungsschreiben mit dem Briefkopf des "Seminars für Historische Hilfswissenschaften am Historischen Institut der Universität Leipzig" oder Briefbögen der "Reichsstudentenführung" dienten der Camouflage.
Der wissenschaftliche Ehrgeiz der Forscher war weit größer als ihr Können. Zwar standen mehr als ein Dutzend umfangreicher Abhandlungen auf einem Arbeitsplan von April 1942, darunter eine Studie über die "geisteswissenschaftlichen Grundlagen des H-Komplexes", die "wirtschaftlichen Folgen der H-Prozesse" oder ein "Grundbuch der H-Forschung". Auf Arbeitstagungen des Reichssicherheitshauptamtes debattierte man pseudowissenschaftlich über "volksgeschichtliche" Aspekte der "Hexenfrage".
Aber selbst etablierte Historiker des Nationalsozialismus rieten gelegentlich zu mehr Differenzierung, wenngleich mit abstrusen Argumenten. Der Straßburger Professor und SS-Untersturmführer Günther Franz etwa, graue Eminenz des Hexen-Sonderauftrags (und ab 1963 Rektor der Landwirtschaftshochschule Hohenheim), legte den Mitarbeitern des Amtes VII nahe, die "biologischen Folgen" der Hexenverbrennungen "nicht zu überschätzen". Begründung: Es seien "doch die große Mehrzahl der Verbrannten ältere Frauen" gewesen, "deren Ehe - biologisch gesehen - bereits erfüllt war".
Was im "H-Sonderauftrag" mit fragwürdigen wissenschaftlichen Methoden zusammengetragen wurde, sollte nach Himmlers Willen direkt in die Propaganda der NS-"Volksbildung" einfließen. Der sudetendeutsche Schriftsteller Friedrich Norfolk wurde engagiert, um völkisch angelegte Hexenromane zu verfassen.
Doch Norfolks Plan einer Hexentrilogie, für die er "zwei bis drei Jahre" veranschlagte, war dem Reichsführer SS zu aufwendig und verkopft. Himmler wollte lieber "eine ganze Menge kleinerer H.-Geschichten mit 60 bis 100 Seiten, die bequem in kürzester Zeit durchgelesen werden können".
Die Bilanz des "H-Sonderauftrags" war trotz allen Aufwands blamabel: Nach insgesamt neun Jahren intensiver Arbeit war nicht ein einziges Buch zum Thema erschienen oder auch nur in druckreifem Zustand. Die im Zuge der Arbeiten entstandene Habilitationsschrift des Projektleiters Rudolf Levin fiel so schlecht aus, dass sie 1944 sogar von den sorgfältig ausgewählten Professoren der Münchner Universität abgelehnt wurde.
Ein Ergebnis immerhin hatte der von Himmler entfesselte Hexen-Hokuspokus erbracht - mit "diebischer Freude" meldete Reinhard Heydrich seinem Chef am 9. Januar 1939, dass in der Ahnengalerie des Reichsführers SS wohl tatsächlich eine Hexe auftauche: Margareth Himbler aus Markelsheim, verbrannt am 4. April 1629. HANS MICHAEL KLOTH
* Gemälde eines unbekannten Malers (um 1860). ** Sönke Lorenz, Dieter R. Bauer, Wolfgang Behringer, Jürgen Michael Schmidt (Hrsg.): "Himmlers Hexenkartothek. Das Interesse des Nationalsozialismus an der Hexenverfolgung". Verlag für Regionalgeschichte, Bielefeld, 1999; 198 Seiten; 38 Mark.
Von Hans Michael Kloth

DER SPIEGEL 2/2000
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