10.01.2000

ESSAYDas digitale Evangelium

Die Diskussion über Computer und neue Medien wird beherrscht von Heilsverkündern und Apokalyptikern. Beide haben etwas gemeinsam: Propheten sind gegen die Tatsachen immun. Von Hans Magnus Enzensberger
Enzensberger, 1929 in Kaufbeuren geboren, ist als Lyriker und Essayist, als Zeitschriftengründer ("Kursbuch") und Herausgeber der Reihe "Die Andere Bibliothek" eine intellektuelle Institution. Sein jüngster Essay beruht auf einem Vortrag, den er im Dezember in Erfurt hielt. Zu den Irrtümern, die der Text heiter zitiert, zählt auch ein 1970 im "Kursbuch" veröffentlichter Lobgesang über neue Medien. Spöttisch kommentiert der Essayist den "schneidigen Ton" des alten Textes - und beschweigt augenzwinkernd dessen Autor: Hans Magnus Enzensberger. -------------------------------------------------------------------
1. DIE BOCKSPRÜNGE DER THEORIE
Es hat lange gedauert, bis die Menschheit anfing, sich über die Medien, die ihr gegeben waren, den Kopf zu zerbrechen. Erst die Sprache - dann die Grammatik, die Rhetorik, die Linguistik, die Sprachphilosophie; erst die Schrift - dann die Reflexion auf die Schriftlichkeit; erst die Münze - dann die Numismatik. Die Theorie hinkt hinter ihren Gegenständen her. Dabei ist es ein paar Jahrtausende lang geblieben.
Auch über die neueren Medien wurde erst mit gehöriger Verspätung nachgedacht. Sie haben sich gleichsam naturwüchsig, hinter dem Rücken der Gesellschaft entfaltet. Kein Philosoph hat die Tüftler und Bastler, die weltfernen Mathematiker, bescheidenen Ingenieure und die verkannten Genies begleitet, die sie auf den Weg brachten. Die Implikationen der Erfindung, die Gutenberg machte, sind erst im 20. Jahrhundert, in der Abenddämmerung der schwarzen Kunst, eingehend analysiert worden.
Als der Telegraf aufkam, waren es nicht Akademiker, sondern Militärs und Spekulanten, die seine Bedeutung begriffen. Ebenso unbeobachtet kamen Fotografie und Film zur Welt. Daguerre und Talbot, die Brüder Lumière, Etienne-Jules Marey und Georges Méliès vollbrachten ihr Werk in selbst gebauten Ateliers und Labors, in Scheunen und auf Jahrmärkten, nicht in den Räumen einer Universität. Lange bevor Kracauer seine filmtheoretischen Werke schrieb, hatte der deutsche Generalstab die Gründung der "Ufa" betrieben, weil er erkannte, welche Möglichkeiten dieses Medium der Propaganda eröffnete. Brechts weitsichtiger Text über den "Rundfunk als Kommunikationsapparat" erschien 1932, zu einem Zeitpunkt, da Hitlers Gebrüll bereits in ganz Europa zu hören war.
Die philosophischen Fakultäten quittierten diese Arbeiten, ebenso wie das Werk Walter Benjamins, mit hartnäckigem Schweigen. Noch in den fünfziger Jahren beschränkte sich das Interesse der Fakultäten auf einen Wurmfortsatz der Germanistik, die so genannte Zeitungswissenschaft, die sich mit einem über 300 Jahre alten Medium befasste. Und als Marshall McLuhan endlich ab 1962 mit seiner Theorie des Fernsehens die Szene aufmischte, stand der Kasten bereits in jedem zweiten Wohnzimmer.
Woran es freilich nie gefehlt hat, das waren die Warner und die Mahner. Die Kulturkritik ist älter als ihr Name. Sie lässt sich bis in die Antike zurückverfolgen. Platons Höhlengleichnis ist ihr unerreichtes Vorbild. Jedem Medium folgt wie ein Schatten der Verdacht des Sinnverlustes und der Uneigentlichkeit. Schwerlich lässt sich das politische Interesse übersehen, das den erhobenen Zeigefinger motiviert. Die Alphabetisierung bedrohte das Informationsprivileg der Gelehrten und Gebildeten, und jedes neue Medium gefährdete in den Augen der Obrigkeit die Moral der Untertanen. Vor der Romanlektüre wurde bereits im 18. Jahrhundert mit denselben Argumenten gewarnt, die heute gegen das Fernsehen ins Feld geführt werden.
An Stringenz hat diese Kritik seither nicht gewonnen. Die Geste, mit der sie irgendwelche "Werte" hochhält, erinnert an die des Streifenpolizisten, der dem Verkehrssünder die rote Kelle zeigt. Dass der Medienverkehr auf diese Weise aufgehalten werden könnte, ist unwahrscheinlich, und zwar schon deshalb, weil die Kritik kein nennenswertes Interesse für die Tatsachen aufbringt. Wer beispielsweise behauptet, wir würden uns zu Tode amüsieren, sieht gänzlich vom Terror der Reklame und vom Wiederholungszwang der Programme ab, die wahrhaftig keinerlei Amüsement versprechen, sondern hochkonzentrierte Langeweile; er scheint auch nicht zu bemerken, dass tödliche Unfälle vor dem Fernseher selten sind, verglichen mit den Opfern, die durch Kalaschnikows, Automobile und andere Waffen ums Leben kommen. Es handelt sich hier um Formen der Medienkritik, die eher der Sphäre der Trivialliteratur als der Wissenschaft zuzurechnen sind.
Was aber die Theorie angeht, so hat sie in den letzten Jahrzehnten zum großen Sprung vorwärts angesetzt. Seitdem sich herumgesprochen hat, dass die Bewusstseinsindustrie zur Schlüsselbranche des ausgehenden Jahrhunderts geworden ist, gilt die Kommunikations- und Medienwissenschaft als akademisches und publizistisches Wachstumsfeld. (Wie es abzustecken wäre, ist ebenso unklar wie die einschlägige Begrifflichkeit. Die Rede von der "Kulturindustrie" hört sich inzwischen altfränkisch an. Man kann den Akzent auch auf die technische Dimension legen und von den elektronischen Medien sprechen. Wer wie Peter Glotz die politische Ökonomie nicht verlernt hat, wird den Ausdruck "digitaler Kapitalismus" bevorzugen. Wahrscheinlich erleben epochale Veränderungen ihre endgültige Taufe immer erst post festum.)
Die Aufholjagd der Theorie hat zu bemerkenswerten Ergebnissen geführt. Weit zurückliegende Phasen der Mediengeschichte sind erst in jüngster Zeit analytisch untersucht und in ihren Implikationen verstanden worden. In Deutschland haben vor allem die Arbeiten von Friedrich Kittler und Jochen Hörisch gezeigt, was solche Forschungen leisten können. Dass sich der neuen Disziplin auch eine ziemlich buntscheckige Schar von Adepten zugewandt hat, sollte nicht wundernehmen. Enttäuschte Germanisten, versprengte Soziologen, ehrgeizige Journalisten, mehr oder weniger seriöse Philosophen, mehr oder weniger kompetente Schriftsteller, hie und da sogar der eine oder der andere Naturwissenschaftler - sie alle versuchen den Anschluss an jene Techniken zu gewinnen, die ihnen so lange vorausgeeilt waren.
Die Beschleunigung der Medien hat inzwischen auch ihre Theoretiker erreicht. Der Eifer, den sie an den Tag legen, verleitet sie oft genug zu Übersprungshandlungen, ganz so, als hätten sie eine peinliche Scharte auszuwetzen. Es genügt ihnen nicht, die Praxis einzuholen; sie möchten ihr am liebsten zuvorkommen. Deshalb tendiert ihre Reflexion zur Prognose. Dass das Leben meist auch den bestraft, der zu früh kommt, davon könnten allerdings die meisten Futurologen ein Lied singen, wenn sie es nicht vorzögen, von ihren Blamagen zu schweigen.
Dass die Medienpropheten in doppelter Formation auftreten, ist nicht überraschend. Die beiden Fraktionen folgen einem vertrauten religionsgeschichtlichen Muster: Auf der einen Seite finden wir die Apokalyptiker, auf der andern die Evangelisten. In mehr als einer Hinsicht hat ja der technische Fortschritt die Nachfolge der Offenbarungsreligionen angetreten. Heil und Unheil, Segen und Fluch lesen die Auguren seit der Aufklärung nicht mehr in den Heiligen Schriften, sondern aus den Eingeweiden der technischen Zivilisation. Beiden Verkündigungen ist ein sonderbar befriedigter, um nicht zu sagen triumphierender Unterton gemeinsam.
Die digitalen Evangelisten begnügen sich nicht mehr mit der alten Frohbotschaft von der Perfektibilität der Menschen. Nur die Naivsten unter ihnen sehen in der globalen Dorfgemeinschaft die Lösung unserer Probleme. Weltweite Kommunikation und Vernetzung, direkte elektronische Demokratie, gleichberechtigter Zugang zu jeder Art von Information, Abbau von Hierarchien, nachhaltige Nutzung von Ressourcen, kurzum, Homöostase und Harmonie - das sind einige ihrer Verheißungen. Sie erinnern in ihrer Erinnerungslosigkeit an die nukleare Euphorie der Nachkriegszeit, die in der so genannten friedlichen Nutzung der Kernspaltung die Lösung aller Energieprobleme sah. Wie damals, so genießen derartige Experten auch heute das Wohlwollen finanzstarker Konzerne, und ihre Forschungsergebnisse sind von den Botschaften einer Public-Relations-Agentur kaum zu unterscheiden.
Aber bei diesen menschenfreundlichen Visionen lassen es die neuesten Evangelisten nicht bewenden. Ihr Weitblick reicht über den Horizont der Spezies hinaus. Angesichts der Mangelhaftigkeit des Menschen reißt ihnen die Geduld. Schließlich übertrifft schon die Lebenserwartung eines ganz gewöhnlichen Schraubenziehers die unsrige, und ein hinreichend großer Rechner speichert unvorstellbar viele Daten rascher und zuverlässiger als unser hinfälliges Gedächtnis.
Sehnsüchtig erwarten daher die Freaks unter den Evangelisten die nächsten Schritte der Evolution. Zunächst geht es um die Emanzipation des Menschen von seiner unmittelbaren, organisch bedingten Erfahrung. An die Stelle der schmuddligen Lebenswelt soll der hygienisch einwandfreie Cyberspace treten, eine erste Stufe der Befreiung vom eigenen Körper. Oswald Wiener hat bereits 1969 zur "verbesserung von mitteleuropa" aufgerufen - ein Werk, dem spätere Propheten wenig hinzuzufügen hatten. Der Cyborg, eine Chimäre aus Mensch und Maschine, ist der nächste logische Schritt zur Selbstabschaffung der Gattung.
Am Ende sollen fortschrittliche Automaten, die mit dem Makel der Sterblichkeit nicht behaftet sind, das hinfällige Geschlecht gänzlich ersetzen. Diese Maschinen werden auch dem Durcheinander der Sexualität ein Ende machen; sie sind nämlich in der Lage, sich auf einwandfrei keimfreie Art und Weise fortzupflanzen. Von den militanteren Pionieren der künstlichen Intelligenz wurde dieses selbstlose Ziel schon vor Jahrzehnten verkündet. Die in den Sand gesetzten Forschungsgelder, die Hartnäckigkeit des Mind-Body-Problems, die vielen Pleiten, die ihren Verheißungen beschieden waren - das alles kann die Projektemacher in ihrem Behagen nicht stören. Propheten sind gegen Tatsachen immun. Das macht ihren Reiz aus. Die apokalyptische Fraktion hingegen ist jeder Sympathie mit der großen Industrie unverdächtig. Sie ist von Drittmitteln unabhängig, verzichtet auf Subventionen und verkündet ihre Schreckensmeldungen auf eigene Rechnung und Gefahr. Sie versichert uns, dass das Ende, ohne dass wir es bemerkt hätten, bereits eingetreten ist. Der Medienphilosoph Paul Virilio teilt uns mit, dass wir längst zu Mutanten geworden sind und im Zustand des "rasenden Stillstands" leben. Raum und Zeit sind uns abhanden gekommen. Übertroffen werden seine Thesen von Baudrillard, dem zufolge alles, was wir für wirklich halten, in Wirklichkeit längst verschwunden ist. Unsere Medien haben jede Möglichkeit, zwischen Schein und Sein zu unterscheiden, bereits abgeschafft. Die Welt ist nur noch eine Simulation. Damit hat sich die Frage nach dem Sinn erledigt.
Auch die Behauptungen der Apokalyptiker zeichnen sich durch einen triumphierenden Tonfall aus. Sie haben den Charme des Endgültigen. Ihrer Radikalität haftet die Selbstzufriedenheit dessen an, der über alle Illusionen erhaben ist und die allgemeine Verblendung durchschaut hat. Auch in diesen Fällen erweist es sich als Vorteil, dass die Medienphilosophie, wenn sie sich zu solchen Höhen erhebt, auf Tatsachen keine Rücksicht mehr zu nehmen braucht.
2. DER GEBRAUCHSWERT ALS BREMSER
Gewöhnlich greifen die technischen Medien nicht nur der Theorie, sondern auch der Praxis vor. Einer der Gründe dafür, dass unter ihren historischen Erfindern so viele, von Gläubigern verfolgt, im Armenhaus starben, liegt darin, dass sie den Gebrauchswert ihrer Waren verkannten, ja, dass er sie gar nicht sonderlich interessierte. Gutenberg hatte keineswegs Postwurfsendungen und Boulevardblätter im Sinn, als er die beweglichen Lettern schuf. Er wollte nur eine schöne Bibel drucken. Bell soll zuerst an Hörgeschädigte gedacht haben, als er auf die Idee der Telefonie kam, und Etienne-Jules Marey entwickelte seine Kamera, um die Bewegungsabläufe von Tieren zu untersuchen; Hollywood lag ihm gänzlich fern.
Neue Medien sind immer auf der Suche nach unbekannten Bedürfnissen. An ihren Pionieren fällt eine kuriose Autonomie auf. Wenn sich Bastler, Ingenieure, Programmierer etwas ausdenken, sind sie ausschließlich an den Eigenschaften ihrer Spielzeuge interessiert. Der mögliche Benutzer ist für sie nur ein störender Ignorant. Die Logenbrüder der Technik bilden, ebenso wie die Mediziner, eine Geheimsprache aus, einen Jargon, der ihr Herrschaftswissen sichern soll. Das war schon bei den Buchdruckern so, die ausgesprochene Initiationsriten kannten. Ebenso stolz waren die High-Fidelity-Spezialisten auf die Unverständlichkeit ihrer Produktbeschreibungen, und die Computerentwickler und Software-Ingenieure haben diese Art der Selbstreferenz auf die Spitze getrieben.
Während frühere Medien noch halbwegs handgreiflich waren - wer das Alphabet beherrscht, kann ohne weiteres mit jedem Buch umgehen -, so hat der Abstraktionsgrad neuerer Erfindungen derart zugenommen, dass ihre Anwendung sinnlich nicht mehr zu vermitteln ist. Die Betriebssysteme heutiger Rechner sind für den normalen Benutzer unzugänglich, und selbst dem Service-Techniker fehlen die notwendigen mathematischen Kenntnisse, um zu begreifen, was er tut. Er ist auf eine pragmatische Trickkiste angewiesen und kann bestenfalls das eine oder andere Modul austauschen.
Aber nicht nur die zu Grunde liegenden Schaltungen sind dem Anwender Hekuba. Er sieht sich auch mit einer Komplexität konfrontiert, die auf das, was er braucht, keinerlei Rücksicht nimmt, und mit Kapazitäten, die er nur zum geringsten Teil nutzen kann. Die Handbücher, die ihm geliefert werden, könnten, was ihre Verständlichkeit angeht, auch von Marsmenschen verfasst sein.
Die Suche nach Zwecken für die vorhandenen und exponentiell zunehmenden technischen Mittel nimmt zuweilen groteske Formen an. Die elektronische Speisekarte soll den Kellner ersetzen, der Multimedia-Kühlschrank automatisch einkaufen, das angeblich intelligente Haus für Beschallung sorgen und so immer fort.
Eine Industrie, die sich den Phantasien ihrer Ingenieure unterwirft, gehorcht auf der einen Seite dem Gesetz der rasenden Beschleunigung; sie nimmt aber auf der anderen Seite die sonderbarsten Blockaden in Kauf. Indizien für diese strukturelle Trägheit sind in jedem Wohnzimmer zu besichtigen. Wer Musik hören will, muss einen Turm aufstellen, der aus Tuner, Verstärker, Boxen, CD-Spielern und Recordern verschiedener Formate besteht.
Auch der Fernseher wirft immer neue Junge; er braucht diverse Videorecorder, Decoder, Satellitenempfänger. Telefone, Anrufbeantworter, Faxgeräte verstopfen den Schreibtisch, und der Rechner verlangt nach einer weiteren Kistenfamilie aus Druckern, Modems, Netzgeräten, Scannern und Brennern, von denen jedes einzelne Teil das Studium einer 100-seitigen Betriebsanleitung erfordert. Der Zustand der so genannten Multimedia-Branche lässt sich am Gewirr der Kabel ablesen, über welche die Putzfrau stolpert. Vom technisch möglichen Zusammenschmelzen der elektronischen Medien kann in Wirklichkeit keine Rede sein.
Hätten die Automobilhersteller ihren Kunden zugemutet, dass sie einen Crash-Kurs in technologischem Kauderwelsch absolvieren, bevor sie sich ans Steuer setzen dürfen, so wäre es nie zum permanenten Stau auf unseren Straßen gekommen. Die digitalen Medien schließen durch ihre Benutzerfeindlichkeit zwei Drittel der Bevölkerung von ihrem Gebrauch aus. Man fragt sich vergeblich nach dem ökonomischen Sinn dieser Sabotage.
Einwände dieser Art können das Zukunftspotenzial der Medien nicht in Frage stellen. Sie zeigen nur, dass der Prozess ihrer Aneignung langwierig und voller Hindernisse ist. Wie in früheren Phasen der Mediengeschichte wird es lange dauern, bis sich herausstellt, wozu das Neue gut ist und wozu nicht. Hoffnungsvoll stimmen in dieser Hinsicht die Zwölfjährigen, von denen viele den Jargon der Industrie verachten und, ohne den unbrauchbaren Handbüchern auch nur einen Blick zu schenken, auf eigene Faust ausprobieren, wozu der nagelneue Schrott, der ihnen angeboten wird, am Ende taugen kann.
3. DIE NETZESTADT
Darum lasst uns hier eine Stadt gründen / Und sie nennen Mahagonny / Das heißt: Netzestadt! / Sie soll sein wie ein Netz / Das für die essbaren Vögel gestellt wird. / Überall gibt es Mühe und Arbeit / Aber hier gibt es Spaß. / Denn es ist die Wollust der Männer / Nicht zu leiden und alles zu dürfen. / Das ist der Kern des Goldes."
Brechts zweideutige Verheißung aus dem Jahre 1929 hat inzwischen eine Bedeutung angenommen, von welcher der Autor nichts wissen konnte. Wie bei der Telegrafie waren es auch im Fall des Internet die Militärs und die Geheimdienste, die als Erste er-
* In New York.
kannt haben, wozu man die Erfindung einiger Tüftler brauchen konnte. Dann kamen die Wissenschaftler aus dem Genfer Cern und schufen, zunächst für ihre eigenen Bedürfnisse, das World Wide Web. Seither hat sich das Netz explosiv entwickelt.
Auch hier blieben die Theoretiker der Praxis auf den Fersen, und an Versuchen, sie zu überholen, hat es nicht gefehlt. Doch der wahre Evangelist des Netzes ist das Kapital. Nie zuvor ist in ein Medium zu rasch so viel Geld investiert worden. Unternehmen der Netztechnologie, die Jahr für Jahr riesige Verluste erwirtschaften, werden an der Börse mit astronomischen Kursen gehandelt. Ihr Marktwert übertrifft den vieler multinationaler Industriekonzerne. Das Internet gilt als das Mekka der Investoren.
Doch sind es nicht nur zukünftige Traumrenditen, welche die Phantasie beflügeln. Auch über die gesellschaftlichen Auswirkungen der neuen Medien ist viel geschrieben worden. In einem Text von 1970, der damals viel zitiert wurde, heute aber vor allem durch seinen schneidigen Ton auffällt, heißt es: "In ihrer heutigen Gestalt dienen Apparate wie das Fernsehen oder der Film ... nicht der Kommunikation, sondern ihrer Verhinderung. Sie lassen keine Wechselwirkung zwischen Sender und Empfänger zu ... Dieser Sachverhalt lässt sich aber nicht technisch begründen. Im Gegenteil: Die elektronische Technik kennt keinen prinzipiellen Gegensatz von Sender und Empfänger ... George Orwells Schreckbild einer monolithischen Bewusstseins-Industrie zeugt von einem Verständnis der Medien, das undialektisch und obsolet ist. Die Möglichkeit einer totalen Kontrolle solcher Systeme durch eine zentrale Instanz gehört nicht der Zukunft, sondern der Vergangenheit an ... Informations-Quarantänen, wie sie der Faschismus und der Stalinismus verhängt haben, sind heute nur noch um den Preis bewusster industrieller Regression möglich." Und schließlich: "Die neuen Medien sind ihrer Struktur nach egalitär. Durch einen einfachen Schaltvorgang kann jeder an ihnen teilnehmen; die Programme selbst sind immateriell und beliebig reproduzierbar."
Wohl gesprochen zu einer Zeit, da vom Internet noch keine Rede war. Doch führte der Versuch des Verfassers, die Medienpraxis zu überholen, zu allerhand Erwartungen, die heute naiv anmuten. Dem imaginären Netz der Zukunft wurden - ganz im Gegensatz zu den alten Medien - utopische Möglichkeiten zugeschrieben; seine emanzipatorische Potenz stand für den Dichter außer Frage. Ganz im Sinn der marxistischen Theorie hegte er ein unbegrenztes Zutrauen in die berühmte "Entfaltung der Produktivkräfte", eine materialistische Variante der christlichen Trias von Glaube, Liebe und Hoffnung. Heute würden auf derartige Verheißungen nur die Evangelisten des digitalen Kapitalismus schwören. Vielleicht empfiehlt sich 30 Jahre später eine gewisse Nüchternheit.
Richtig an solchen Prognosen war allerdings die Unterscheidung zwischen zentral gesteuerten und dezentral verfassten Medien. Man braucht nur die Extremfälle zu betrachten, um die politische Bedeutung dieses Unterschieds zu begreifen. Auf der einen Seite das Edikt, die kaiserliche Botschaft, die das Gefälle zwischen Befehl und Gehorsam voraussetzt; auf der andern Seite der "herrschaftsfreie Diskurs" gleichberechtigter Teilnehmer. In diesem Sinn ist das Netz tatsächlich eine utopische Erfindung: Es hat den Unterschied zwischen Sender und Empfänger abgeschafft. Eine zentrale Instanz, die im Stande wäre, es zu kontrollieren, existiert nicht mehr.
Dezentrale Medien sind jedoch kein historisches Novum, und die Trennung zwischen einseitiger und wechselseitiger Kommunikation ist relativ. Ohne Feedback kommt auch ein Befehlshaber nicht aus. Ein gutes Beispiel für diese Unschärfe bietet bereits ein sehr frühes Medium, nämlich das Geld. Die Münze unterliegt, wie schon Hoheitszeichen und Herrscherbild beweisen, zunächst ganz der Verfügung einer zentralen Instanz, die sie prägt. Dann aber zirkuliert sie jenseits aller Kontrollen unter den Marktteilnehmern. Auch die Post diente zunächst ausschließlich dem Verkehr zwischen privilegierten Herrschern, bis sich nach langem Hin und Her ihr öffentlicher Gebrauch durchsetzte. Ein allgemein zugängliches Postwesen existiert in Europa seit vier Jahrhunderten, und seine Globalisierung erfuhr es vor mehr als 100 Jahren, nämlich mit der Gründung des Weltpostvereins im Jahre 1874. Spätestens mit der Verlegung der ersten Überseekabel für die Telefonie war bereits das erste weltweite Netz installiert.
All diese Entwicklungen bedrohten das Informationsmonopol der Regierungen und setzten zähe Auseinandersetzungen über die Kontrolle der Medien in Gang. Die Briefzensur ist dafür das klassische Beispiel. Später konnten sich an den Vermittlungsknoten der Telekommunikation die Behörden, aber auch andere Nutznießer einschalten. Verschlüsselungstechniken aller Art waren die Antwort auf solche Lauschangriffe. Bankiers und Generalstäbler kodierten ihre Botschaften, die Gegenseite versuchte, sie zu entziffern. Heute wetteifern Hacker, Softwareunternehmen und Geheimdienste mit avancierten Methoden der Zahlentheorie um die Herrschaft über die Datenbanken. Was die Kontrolle letzten Endes unmöglich macht, sind aber weniger die immer ausgefeilteren Chiffriertechniken. Es ist das schiere Volumen des Verkehrs. Kein Filter kann verhindern, dass die Zensurinstanzen unter dem Informations-Overkill zusammenbrechen. Sie erfahren nicht zu wenig, sondern zu viel.
Jeder denkbare Lauscher wird an einer prinzipiellen Eigenschaft der Datenströme ersticken, nämlich an ihrer überwältigenden Banalität. 99,999 Prozent aller Botschaften sind allenfalls für ihre Empfänger von Interesse, und selbst das ist noch übertrieben. Auch insofern trügt die Prophezeiung von der emanzipatorischen Kraft der neuen Medien. Nicht jedem fällt etwas ein, nicht jeder hat etwas zu sagen, was seine Mitmenschen interessieren könnte. Die viel beschrieene Interaktivität findet hier ihre Grenze.
Das hat sich schon früh am Beispiel der Kurzwellen-Amateure gezeigt, die zu den Pionieren des Funkverkehrs gehören. Sie tauschten eifrig ihre Positionen aus und sprachen über die technischen Leistungen ihrer Geräte. Darüber hinaus hatten sie sich kaum etwas mitzuteilen - ähnlich wie die zahllosen Sprüher, deren Graffiti sich gewöhnlich darauf beschränkten, "Kilroy was here" zu melden oder "Ich bin ich".
Auch die offenen Fernsehkanäle, mit denen man in Deutschland seit den achtziger Jahren experimentierte, zeigten kaum anderes als öde Vereinsmeierei und hilflosen Exhibitionismus - eine Entwicklung, die in der interaktiven Talkshow und im Chatroom ihre Krönung fand.
Während die Web-Pioniere in ihrem elektronischen Idealismus ein Medium für den herrschaftsfreien und kostenlosen Diskurs im Sinn hatten, sah das Kapital in seiner göttergleichen Indifferenz bald die Verwertungschancen, die das Netz ihm nach beiden Seiten hin bot. Zum einen ging es um die ökonomische Kontrolle des Datenverkehrs, zum andern um die Kommerzialisierung der Inhalte. Seitdem hat die Verschmutzung des Netzes durch die Werbung ständig zugenommen.
Auch auf Seiten der Nutzer zeigt die Globalisierung manche ihrer Kehrseiten. Zwar triumphieren auf Tausenden von Homepages Eigenbrötlerei und Dissidenz. Keine Nische, kein Mikromilieu, keine Minorität, die im Netz nicht ihre Heimstatt fänden. Die Veröffentlichung, im Gutenberg-Zeitalter ein Privileg Weniger, wird zum elektronischen Menschenrecht, nach dem Motto: Samisdat für alle. Das erklärt die Angst der Macher vor dem Netz in diktatorisch verfassten Gesellschaften wie Iran oder China.
Doch zugleich ist das Internet ein Dorado für Kriminelle, Intriganten, Hochstapler, Terroristen, Triebtäter, Neonazis und Verrückte. Hier finden alle Sekten und alle Kulte ihr gemütliches Auskommen. Endlich können sich Welterlöser und Satanisten zusammenschalten. Kein Wunder, dass in solchen über den ganzen Globus verteilten Gruppen die Paranoia nistet und dass die Verschwörungstheorien unter ihren zahllosen Adressen blühen und gedeihen. Da kein Zentrum vorhanden ist, kann sich jeder einbilden, er befinde sich, wie die Spinne in ihrem Netz, im Mittelpunkt der Welt. Kurzum, das interaktive Medium ist weder Fluch noch Segen; es bildet schlicht und einfach die Geistesverfassung seiner Teilnehmer ab.
4. GEWINN- UND VERLUSTRECHNUNG
Die Frage, wie die Versprechungen des digitalen Kapitalismus einzuschätzen sind, ist heikel genug, und wer sich auf die einlässt, riskiert in jedem Fall, sich zu blamieren, gleichgültig, wie seine Antwort ausfällt. Die Unsicherheit beginnt schon dort, wo es sich um rein ökonomische Kritik handelt. In den Vereinigten Staaten wird seit Monaten ein lebhafter Streit darüber geführt, ob die Umwälzungen in der Informationstechnologie tatsächlich zu den hohen Produktivitätsgewinnen geführt haben, von denen ihre Propheten schwärmen. Klar ist, dass manche der unmittelbar beteiligten Branchen riesige Zuwachsraten verzeichnen können.
Weniger eindeutig sind die Resultate für die amerikanische Wirtschaft insgesamt. Enormen Investitionen stehen keineswegs immer entsprechende Effizienzgewinne und Erträge gegenüber. In vielen Fällen handelt es sich um Wechsel, die auf die Zukunft bezogen werden. Entscheiden lässt sich die Frage kaum ohne Berechnungen, die so verwickelt und vieldeutig sind, dass man ebenso wohl aus dem Kaffeesatz lesen könnte.
Die Alltagserfahrung rechtfertigt jedenfalls eine gewisse Skepsis. Jeder kennt die Rede vom papierlosen Büro, und jeder weiß, dass die neuen Techniken ganz im Gegenteil zu einer beispiellosen Verschwendung dieses kostbaren Materials geführt haben. Simple Buchungsvorgänge, die computergestützt abgewickelt werden, pflegen sich um Wochen zu verzögern, und sobald in Banken, Reisebüros oder Versicherungen der Zentralrechner streikt, steht das Personal hilflos vor dem dunklen Bildschirm. Wer versucht, eine so genannte Hotline anzurufen, kann sich auf penetrante Computerstimmen und lange Warteschleifen gefasst machen und wird mit pestilenzialischem Musikmüll gepeinigt. Was die Anfälligkeit der digitalen Technik angeht, so bot das Jahr-2000-Problem eine bemerkenswerte Kostprobe. Hunderte von Milliarden hat es gekostet, der Borniertheit von Programmierern zu begegnen, die nicht in der Lage waren, ein paar Jahrzehnte vorauszudenken.
Auch was den Abbau von Hierarchien angeht, sind Zweifel angebracht. Dass es in dieser Hinsicht meist bei bloßen Sonntagsreden bleibt, ist freilich der Technik nicht anzulasten. Es liegt eher am Beharrungsvermögen der Platzhirsche, die ökonomische Gesichtspunkte immer nur dann gelten lassen, wenn es darum geht, andere "abzuwickeln".
Auch die intellektuelle Potenz der digitalen Medien erlaubt nur sehr vorläufige Einschätzungen, und auch hier dürfte das Urteil zwiespältig ausfallen. Jeder Herrlichkeit, die sie zu bieten haben, entspricht ein fataler Verlust. Das fängt schon bei den landläufigen Selbstbeschreibungen an. "Kommunikation ist alles", heißt es, und überall stolpert man über Bezeichnungen wie "Wissens-" oder "Informationsgesellschaft", die aus gutem Grund offen lassen, wovon die Rede ist: von Erkenntnis? Von Werbung? Von bloßen Daten? Von Blabla? All diese Begriffe sind schwach auf der Brust. Natürlich kann man behaupten, Information lasse sich nach der Shannonschen Theorie definieren als die Entropie einer Größe, die sich in n Ereignissen mit den Wahrscheinlichkeiten p1...pn realisiert, aber mit dem, was wir suchen, wenn wir etwas wissen wollen, hat diese Bestimmung weiß Gott nichts zu tun.
Die Verwechslung von bloßen Daten mit sinnvoller Information bringt seltsame Chimären hervor. Ein relativ harmloses Beispiel ist das Lexikon. Man kann mit gutem Grund behaupten, dass die Enzyklopädien je neuer, desto reichhaltiger und unbrauchbarer sind. Das liegt daran, dass die Kenntnisse, die sie bieten, immer weiter in immer kleinere Lemmata aufgespalten werden, bis die Einträge zu wenigen Bits geschrumpft sind. An die Stelle des Zusammenhangs tritt der link, der per Mausklick zu einer endlosen Suche nach dem Kontext einlädt. Im Vergleich dazu sind alte Lexika, wie die "Encyclopædia Britannica" von 1911, Wunderwerke an Erklärungskraft. Man findet dort, zum Beispiel unter den Stichworten Electricity, Song oder Anarchism, lange und konzise Abhandlungen von erstklassigen Fachleuten, die auf dem Stand des damaligen Wissens alle gewünschten Auskünfte geben. Die neuen Medien haben dagegen nur Datenschutt und Splitter anzubieten.
Ebenso problematisch ist die schiere Menge an Material, die im Netz greifbar ist - einmal vorausgesetzt, dass es sich um brauchbare Informationen handelt (angesichts des unvorstellbar großen elektronischen Schrotthaufens eine kühne Unterstellung). Natürlich ist auch die viel beklagte Informationsflut nichts Neues. Den meisten von uns steht schon längst nicht mehr zu wenig, sondern zu viel Input zur Verfügung. Als einzig mögliche Gegenwehr bietet sich eine Ökologie der Vermeidung an, die schon in der Grundschule trainiert werden sollte.
Natürlich haben auch die Netzbetreiber das Problem erkannt und immer differenziertere Suchmaschinen entwickelt. Davon gibt es inzwischen so viele, dass man Meta-Suchmaschinen braucht, um den richtigen Filter zu finden. Das alles ändert nichts an der Tatsache, dass die Evolution uns mit einem Apparat ausgestattet hat, der schwer zu übertreffen ist: Die beste Suchmaschine ist nach wie vor das Gehirn.
Ein weiterer Angelpunkt ist der allgemeine, unbeschränkte Zugang zum Netz, zweifellos einer seiner größten Vorzüge. Doch auch er ist mit gravierenden Nachteilen erkauft. Das Internet hat den Begriff des Originals, der schon durch frühere Medien stark beschädigt war, endgültig liquidiert. Wer der Autor einer E-Mail oder einer Web-Botschaft ist, lässt sich schwerlich ausmachen. Aber mit dem Autor schwindet auch die Autorität. Nicht nur kann jedermann publizieren, jeder kann theoretisch auch in den Text des andern eingreifen, ihn kopieren, ergänzen, umschreiben, plagiieren oder fälschen. Passwörter und Zugangsbeschränkungen lassen sich, wie die Praxis zeigt, mit denselben Methoden überwinden, auf denen sie beruhen.
Auch ein weiterer Vorzug des Rechnernetzes, seine unbeschränkte Speicherkapazität, hat seine Schattenseiten. Das rasante Innovationstempo hat nämlich zur Folge, dass die Halbwertzeit der Speichermedien sinkt. Die National Archives in Washington sind nicht mehr in der Lage, elektronische Aufzeichnungen aus den sechziger und siebziger Jahren zu lesen. Die Geräte, die dazu nötig wären, sind längst ausgestorben. Spezialisten, die die Daten auf aktuelle Formate konvertieren könnten, sind rar und teuer, so dass der größte Teil des Materials als verloren gelten muss. Offenbar verfügen die neuen Medien nur über ein technisch begrenztes Kurzzeitgedächtnis. Die kulturellen Implikationen dieser Tatsache sind bisher noch gar nicht erkannt worden. Vermutlich läuft das Ganze darauf hinaus, dass wir uns immer mehr immer weniger lange merken können.
5. EIN BISSCHEN POLITISCHE ÖKONOMIE
Der Klassenkampf hat bekanntlich schon bessere Tage gesehen. Auf absehbare Zeit hat der Kapitalismus - digital oder nicht - gesiegt. Die alten Konflikte sind dadurch nicht stillgelegt, aber sie finden nur noch fein verteilt statt, so als hätten sich ausgerechnet die Lohnabhängigen das neoliberale Gebot der Privatisierung zu eigen gemacht. Man kann von molekularen Klassenkämpfen sprechen, die auf allen möglichen Nebenschauplätzen ausgetragen werden.
Dazu kommt eine weitere Komplikation. Die wirtschaftlichen Verteilungskonflikte werden seit geraumer Zeit von neuartigen kulturellen Ausschlussmechanismen überlagert. Bisher war das kulturelle Kapital immer analog zur ökonomischen Klassenschichtung verteilt. Die Bourgeoisie verfügte über die Hochkultur und über jenes Bildungswissen, das ihre Hegemonie befestigte; das Kleinbürgertum investierte in die Ausbildung seiner Nachkommen, um ihre Aufstiegschancen zu verbessern; die Facharbeiter erwarben Qualifikationen, die ihre Arbeitsplätze sicherten, und die Ungelernten mussten sich mit dem kulturellen Existenzminimum begnügen.
Mit dieser schichtenspezifischen Verteilung ist es vorbei. Jeder kennt den analphabetischen Geschäftsmann und den habilitierten Taxifahrer. Bildung, oder was dafür gehalten wird, folgt keineswegs der Einkommensstruktur oder dem Lebensstandard. Man könnte sagen, dass sich quer zu den ökonomischen Schichten Informationsklassen gebildet haben, deren Zukunftsaussichten auf keinen einfachen Nenner mehr zu bringen sind. Außerdem operiert das herrschende Regime mit einem ganz neuen Tugendkatalog, der alle früheren ethischen Codes außer Kraft setzt. Prämiert werden Eigenschaften und Verhaltensweisen, die früher eher als verdächtig galten. Als wichtigste Kardinaltugend gilt die Flexibilität. Daneben werden Durchsetzungsvermögen, Mobilität und die Bereitschaft zu raschem, lebenslänglichem Lernen gefordert. Wer da nicht mithalten kann, wird ausgeschieden.
Der Zusammenhang mit dem Stand der Medientechnologien liegt auf der Hand. Hypothetisch lässt sich aus diesen Andeutungen eine neue soziologische Struktur ableiten. Man zögert, von einer Klassenanalyse zu sprechen, weil die Fraktionen, die sich abzeichnen, in sich sehr inhomogen sind. Von Klassenbewusstsein in irgendeinem hergebrachten Sinn kann ohnehin keine Rede mehr sein. Es handelt sich eher um funktionelle Differenzierungen. Ich behelfe mich deshalb mit Typisierungen, die der Fabel nahe stehen.
Dabei ergibt sich ungefähr folgendes Bild. Ganz oben in digitalen Gesellschaften rangieren die Chamäleons. Sie ähneln jenem Typus, den David Riesman vor Jahrzehnten als außengesteuert beschrieben hat, nur dass es sich nicht um passive Anpasser, sondern um äußerst dynamische Workaholics handelt. Eine wesentliche Bedingung ihres Erfolges ist es, dass sie mit der materiellen Produktion nichts zu tun haben. Sie sind Agenten, Makler, Vermittler, Anwälte, Consultants, Medienleute, Entertainer, Wissenschafts-, Geld- und Informationsmanager. Ihr Geschäft ist nicht die Hard-, sondern die reine Software.
Ihren abstraktesten Ausdruck findet diese Existenzform in den Finanzkonzernen, weil dort das Produkt rein virtuell ist. Auch in der Computerindustrie, in der Telekommunikation und in verwandten Branchen zählt längst nicht mehr das handgreifliche Gerät, sondern das Know-how. Brillante Naturwissenschaftler verlassen die Universitäten, werden Firmengründer oder verwandeln ihr Wissen in Patente.
Gemeinsam ist all diesen Tätigkeiten, dass sie jener Sphäre angehören, die einst Überbau hieß. Hier fallen inzwischen Gewinne an, von denen die traditionellen Industrien nur träumen können. Die aufsteigende Klasse der Chamäleons hat bereits ihre eigenen Rekrutierungsmechanismen entwickelt. Hochbegabte, die über die geforderten Eigenschaften verfügen, gehen heute nicht mehr in die Politik oder in die Lehre, sondern werden Software-Unternehmer.
Eine zweite Klasse, der man erhebliche Überlebenschancen einräumen kann, ist die der Igel. Was sie auszeichnet, ist gerade ihr Mangel an Flexibilität. Ihre Heimat ist das Gehäuse der Institutionen, das nach wie vor den Sesshaften eine sichere Zuflucht bietet. Das Funktionärswesen in lokalen, nationalen und internationalen Behörden, Verwaltungen, Parteien, Verbänden, Gewerkschaften, Kammern und Kassen aller Art, kurzum: Die viel geschmähte Bürokratie hat sich bisher allen Veränderungen der Arbeitsgesellschaft als resistent erwiesen. Die Nachfrage nach Regelungen steigt unvermeidlich mit wachsender Komplexität. Über die Zukunft der Millionenheere, die sich solchen Aufgaben widmen, braucht man sich keine Sorgen zu machen.
Dagegen wird die Zahl aller anderen Arbeitsplatzbesitzer voraussichtlich weiter schwinden. Man könnte sie unter dem Emblem des Bibers fassen. Die klassischen Produktivitätssektoren schrumpfen durch Automatisierung, Rationalisierung und Auslagerung in Niedriglohngebiete. In der Landwirtschaft ist dieser Prozess bereits so weit fortgeschritten, dass der ganze Sektor nur noch durch massive Subventionen am Leben erhalten werden kann.
Die vierte Klasse könnte man als Unterklasse definieren, wäre dieser Begriff nicht allzu pauschal. Ein Totemtier für sie lässt sich nicht angeben, aus dem einfachen Grund, weil die Natur keine überflüssigen Arten kennt. Es handelt sich nämlich um Leute, die nicht in den Tugendkatalog des digitalen Kapitalismus passen und die daher aus seiner Perspektive überflüssig sind. Sie machen zweifellos auch in den reichen Ländern einen stetig zunehmenden Teil der Bevölkerung aus. Im Weltmaßstab sind sie ohnehin in der überwältigenden Mehrheit.
Sicher gibt es in diesem Millionenheer Freiwillige, will sagen, Menschen, die eine bewusste Wahl getroffen und sich vom Erfolgsdruck der Erwerbsgesellschaft verabschiedet haben. Das ist aber eine Option, die nur den Wenigsten offen steht. Sie setzt einen intakten Wohlfahrtsstaat und ein gesundes Selbstbewusstsein voraus. Sicherlich gibt es Virtuosen des Aussteigertums, die in den Nähten und Fugen des kapitalistischen Regimes ihr Auskommen finden, und es wäre lächerlich, sie mit der Elle einer Arbeitsmoral zu messen, die schon aus Mangel an sicheren Jobs ausgedient hat.
Normalerweise ist das Los der für überflüssig Erklärten alles andere als beneidenswert. Die meisten Arbeitslosen, Asylbewerber, Leute ohne Berufsausbildung, allein erziehenden Frauen - die Aufzählung ließe sich fortsetzen - finden bestenfalls unterbezahlte Teilzeitjobs, schlagen sich mit Schwarzarbeit oder Prostitution durch oder landen in kriminellen Karrieren.
Der digitale Kapitalismus - um bei diesem Terminus zu bleiben - kann diese Tendenzen nur verschärfen. Den Anforderungen, die er stellt, ist ein großer Teil der Bevölkerung schlechterdings nicht gewachsen. Das ergibt sich nicht nur aus den Zugangsbarrieren - nicht jeder dringt bis zur Harvard Business School oder bis zum MIT vor -, sondern es folgt ganz einfach aus der Gaußschen Normalverteilung. In den Ländern der so genannten Dritten Welt (wo ist eigentlich die Zweite geblieben?) ist an die Integration der Mehrheit in den globalen Wirtschaftskreislauf ohnehin nicht zu denken. Die politischen Folgen dieser Entwicklung sind unabsehbar.
6. DIESSEITS DER MEDIEN
Ceci n'est pas une pipe. René Magritte, der Erkenntnistheoretiker unter den Malern, hat sich mit seinem berühmten Bild über alle diejenigen lustig gemacht, die die Abbildung einer Pfeife mit einer Pfeife verwechseln. Genützt hat es wenig. Die digitalen Evangelisten werden nicht müde zu behaupten, dass die neuen Medien die Unterscheidung zwischen Realität und Simulation hinfällig gemacht haben. Ein derartiger Grad von Weltfremdheit ist natürlich nur im Seminar, im Labor und im Science-Fiction-Film denkbar.
Dass sich diese negativen Simulationstheorien so großer Beliebtheit erfreuen, hat jedoch auch ganz handfeste und banale Gründe. Wie andere Berufe auch leiden Medienarbeiter an Betriebsblindheit. Sie drückt sich in ihrem Fall durch eine so weitgehende Selbstreferenz aus, dass ihnen der Blick auf die Außenwelt schwerfällt. Die Überschätzung der eigenen Rolle verleitet sie dazu, die Medienwelt mit der Realität zu verwechseln. Diese Selbsttäuschung entschädigt sie für die Flüchtigkeit ihrer Produktion und ist insofern für ihr Selbstverständnis unentbehrlich.
Das lässt sich schon am klassischen Journalismus zeigen. Die Tatsache, dass auch die beste Zeitung innerhalb von 24 Stunden zum Altpapier wird, ist eine narzisstische Kränkung, die durch Wichtigkeit kompensiert werden muss. Manche Redaktionskonferenzen gleichen daher Kabinettssitzungen, bei denen über den Aufmacher von morgen diskutiert wird, als hinge das Schicksal der Nation davon ab. Man hat oft den Eindruck, dass Journalisten bei ihrer Arbeit kaum einen Gedanken an ihre Leser wenden; worauf es ankommt, ist das Urteil ihrer Konkurrenten, einer winzigen Zielgruppe, von der aber ihre Karriere abhängt.
Unter ähnlichen Realitätseinbußen leidet auch die Werbung. Die so genannten Kreativen möchten unbedingt als Künstler gelten. Art Directoren schielen nach Designer-Preisen. Ohne Rücksicht auf die Wirklichkeit hängen Reklameleute einem Jugendkult an, der ökonomisch unsinnig ist, weil Alterspyramide und Kaufkraftverteilung eine ganz andere Sprache sprechen. Ähnlich geht es in allen anderen Medien zu. Die Parole der l'art pour l'art findet hier ein spätes Echo in dem Prinzip le médium pour le médium.
Eine weitere Illusion, die fast alle Medienarbeiter hegen, ist der Glaube, dass ihnen die Leute glauben. Auch dieser fatale Irrtum verleitet zur Selbstüberschätzung. Gewiss hat es einmal ein Publikum gegeben, das für glaubwürdig hielt, was schwarz auf weiß zu lesen war. Aber diese Zeiten sind vorbei. Heutige Zuschauer, Leser, Konsumenten sind in dem Sinn hoffnungslos aufgeklärt, dass sie den Medien gegenüber die Wahrheitsfrage einfach ausklammern.
Daraus resultiert eine Skepsis, die unüberwindlich ist. So gut wie jeder Leser der "Bild"-Zeitung weiß, dass das Blatt kein Informations-, sondern ein Unterhaltungsmedium ist. So weit darin überhaupt etwas mitgeteilt wird, ist die Meldung gewöhnlich erfunden oder irrelevant. Das Gleiche gilt natürlich für die überwiegende Mehrzahl aller Fernsehprogramme. Werbung gilt sowieso auf den ersten Blick hin als Lüge.
Dass das Medienangebot, ungeachtet dieser Resistenz auf Seiten der Konsumenten, eifrig genutzt wird, verwirrt die Rezeptionsforschung. Das liegt daran, dass diese fast ausschließlich mit quantitativen Methoden arbeitet und deshalb über Wirkungen, die statistisch nicht fassbar sind, etwas Schlüssiges nicht zu sagen weiß. Führt der Konsum von Pornografie zu mehr Vergewaltigungen oder fungiert er im Gegenteil als Triebventil? Sind die Gewaltszenen, die das Fernsehen liebt, für die Jugendkriminalität verantwortlich zu machen oder nicht? Kein Wunder, dass die Antworten der Forscher äußerst widersprüchlich sind. Wenn die Simulationsthese wahr wäre, könnte man sich die Fragestellung ohnehin sparen. Der Mord im Krimi oder im Videospiel und der Mord vor der eigenen Haustür wären ein und dasselbe.
Auch wenn die Gotteshäuser leer sind und die Bauernhäuser sich in Ferienwohnungen verwandeln, spricht manches für den Rat, die Kirche im Dorf zu lassen. Medien spielen eine zentrale Rolle in der menschlichen Existenz, und ihre rasante Entwicklung führt zu Veränderungen, die niemand wirklich abschätzen kann. Medienpropheten, die sich und uns entweder die Apokalypse oder die Erlösung von allen Übeln weissagen, sollten wir jedoch der Lächerlichkeit preisgeben, die sie verdienen. Die Fähigkeit, eine Pfeife vom Bild einer Pfeife zu unterscheiden, ist weit verbreitet. Wer Cybersex mit Liebe verwechselt, ist reif für die Psychiatrie. Auf die Trägheit des Körpers ist Verlass. Das Zahnweh ist nicht virtuell. Wer hungert, wird von Simulationen nicht satt. Der eigene Tod ist kein Medienereignis. Doch, doch, es gibt ein Leben diesseits der digitalen Welt: das einzige, das wir haben.
Von Hans Magnus Enzensberger

DER SPIEGEL 2/2000
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