21.10.2017

AffärenIm Sumpf

Airbus-Chef Tom Enders gibt im Korruptionsskandal den Aufklärer und schiebt die Verantwortung auf Manager in Frankreich. Dabei wollte er selbst unbedingt mit ihnen arbeiten.
Eigentlich hatte die "Jetzt rede ich!"-Woche gut angefangen für Tom Enders, 58: Erst durfte der Airbus-Chef der französischen Zeitung "Le Monde" lang und breit erklären, wie er die Welt sieht, dann dem deutschen "Handelsblatt", noch länger, noch breiter. Sein Grundsound: Krise, welche Krise? Die ganzen Korruptionsvorwürfe gegen Airbus – alles halb so wild, alles nicht bewiesen.
Derselbe Tom Enders, der noch im Juni seinen Topmanagern im vertrauten Kreis gesagt hatte, die Lage sei "todernst", die "Scheiße" könne man nicht länger "unter den Teppich kehren", erzählte jetzt, dass es der Firma prima gehe und das Einzige, was man ihr vorhalten könne, ein paar fehlende Angaben gewesen seien. In irgendwelchen Exportpapieren. Das klang schön läppisch – und der Chef schön lässig.
So gut ging es dann aber doch nicht weiter. Am Donnerstag meldeten der SPIEGEL und sein französischer Partner Mediapart, dass Enders ausgerechnet dem Kopf der Pariser Einheit, die heute im Zentrum des Schmiergeldverdachts steht, zum Abschied eine monströse Summe bewilligt hatte. Rund 80 Millionen Euro kassierte dieser Jean-Paul Gut demnach.
Jetzt der nächste Dämpfer: Anscheinend steckt der selbst ernannte Aufklärer Enders tiefer im Sumpf, als er notorisch behauptet. Dass er in seiner Zeit als Deutschlandchef mit der mutmaßlichen Schmutztruppe um Monsieur Gut zusammengearbeitet hat, um in Österreich einen umstrittenen Deal abzuwickeln, war bekannt ( SPIEGEL 41/2017). Weitere Papiere zeigen nun aber, wie stark er sich dafür ins Zeug legte, dass ihm das Team aus Paris behilflich war. Dabei galt damals im Konzern, dass die Franzosen mit dem Österreichgeschäft nichts zu tun haben durften.
Enders ließ sich von Gut und seinen Leuten die Blaupause für ein Firmenkonstrukt erstellen, über das nach heutiger Erkenntnis gut hundert Millionen Euro verschwunden sind. Die Papiere widersprechen damit dem, was Enders dem "Handelsblatt" sagte: dass er selbst mit der Vector, der dubiosen Firma im Zentrum des Geflechts, "gar nichts" zu tun hatte. Ebenso sprechen die Umstände gegen seine Darstellung, der Konzern habe die Minifirma, in die er Riesensummen pumpte, nie kontrolliert.
Im Mittelpunkt der Affäre bei Airbus – damals noch EADS – steht heute die inzwischen aufgelöste Vertriebssparte EADS International in Paris. Eine Art Sondereinsatzkommando, das immer dann in die Schlacht um Aufträge zog, wenn ein Flugzeugdeal besonders schwierig und schmierig wurde.
Auch der Verkauf von 18 "Eurofighter"-Maschinen nach Österreich fiel 2003 in die Kategorie delikater Geschäfte. Trotzdem sollten die Franzosen damit ursprünglich nichts zu tun haben. Die EADS-Partner im "Eurofighter"-Konsortium, die Italiener, Spanier und Briten, hatten das durchgesetzt. Sie fürchteten, dass über die Franzosen Firmengeheimnisse abfließen könnten, weil EADS in Frankreich noch mit dem Dassault-Konzern zusammenarbeitete. Der baute ein anderes Kampfflugzeug.
Es war dann Enders, seit 2004 EADS-Deutschlandchef, der die Truppe in Paris anbettelte, dass sie trotzdem beim Österreichgeschäft mitmischen sollte – wenn schon nicht beim Verkauf, dann wenigstens, um eine Bedingung zu erfüllen, die Österreich gestellt hatte. EADS, so der Deal, musste dem Land nebenher Geschäfte für vier Milliarden Euro besorgen, um die Wirtschaft anzukurbeln. Damit wollte die Regierung in Wien den Wählern die teure Anschaffung der "Eurofighter" schmackhaft machen.
Zunächst schien der Chef der Pariser Einheit, Jean-Paul Gut, zu schmollen. Doch Enders wollte nicht hinnehmen, dass sich die Franzosen herauszogen. Erst recht, weil EADS ja zugesagt hatte, der Wirtschaft in Österreich Aufträge zu besorgen. Dieses Versprechen zu halten, habe damals hohe Priorität gehabt und ihn sehr beschäftigt, sagte Enders schon 2013 internen Ermittlern bei EADS, wie aus einem Protokoll hervorgeht. Er habe sich dazu auch unterrichten lassen. Leider hätten sich die Deutschen mit solchen "Gegengeschäften" bei Rüstungsdeals nicht ausgekannt. Deshalb habe er auf die Pariser Vertriebsspezialisten gehofft, auf ihre Erfahrung. Angeblich ging es ihm jedoch nur darum, wie man für solche Geschäfte saubere Verträge mit Beratern, Vermittlern, Agenten aufsetzt, die helfen sollten.
In Wahrheit war das nicht alles: Schon im Dezember 2003 lieferten die Franzosen den Plan für eine Briefkastenfirma auf Zypern. Sie sollte Millionen aus der Konzernkasse bekommen, angeblich Erfolgsprämien dafür, dass die Minifirma Aufträge für die Wirtschaft in Österreich ranschaffte. Für dieses windige Zypernmodell machte sich Enders stark. Angeblich, so seine Erklärung, konnte ihm die Firma helfen, die Verpflichtungen in Österreich zu erfüllen.
Aus dem Zypernmodell wurde zwar am Ende doch nichts, dafür aber aus einer ganz ähnlichen Firma in London, der Vector. Jene Firma, bei der die rund hundert Millionen Euro versickert sind. Warum sich Enders ausgerechnet von einer neu gegründeten Zwei-Mann-Bude die nötige Erfahrung versprochen hatte, Milliardengeschäfte für Österreichs Wirtschaft hereinzuholen, blieb bisher sein Geheimnis. Ebenso, warum er angeblich nicht merkte, dass dort so viel Geld verschwand, obwohl er sich doch nach eigenen Angaben stark für die Gegengeschäfte interessiert hatte.
Und ungeklärt bleibt auch, warum Enders die Vector überhaupt brauchte. Schließlich hatte erst das "Eurofighter"-Konsortium, dann eine von einem früheren EADS-Mann geführte Firma in Österreich schon viele Gegengeschäfte beschafft. Die Firma in Österreich arbeitete auch erfolgreich daran, noch den Rest hereinzuholen. Was sollte also die Minifirma in London? Und wofür bekam sie Geld, wenn die Arbeit andere erledigten?
Das fragen sich heute auch Staatsanwälte in München und Wien, die dem Verdacht nachgehen, dass die Vector mit Geld von EADS bestochen hat – und dies ihr wahrer Zweck war. Airbus bestreitet das.
Dass Tom Enders partout nicht auf die Mannschaft in Paris verzichten wollte, die er nun als Keimzelle dubioser Geschäfte anprangert, belegt auch die Mail eines "Eurofighter"-Managers. "Wir hatten nochmals versucht (tom und gut) sowie hertrich und camus zu einer Einigung zur Mitarbeit von cadudal zu kommen", hieß es da Ende 2004. Bedeutet: Damals waren sogar die EADS-Chefs Rainer Hertrich und Philippe Camus eingeschaltet, damit "tom" Enders von Jean-Paul "gut" dessen wichtigsten Mann fürs Österreichprojekt freibekam, Jean-Claude Cadudal.
Zwar blieb Gut im Kern hart: "Leider ist voraussichtlich alles gescheitert, so dass ich mit tom vereinbart habe, schritte vorzubereiten, dass wir eine eigene clearingstelle einrichten", heißt es in der Mail des "Eurofighter"-Managers weiter. Hinter "clearingstelle" verbarg sich dann aber offenbar jene Vector, die heute unter Verdacht steht. Die Vorlage dafür hatten die Franzosen mit dem Zypernmodell geliefert.
Obwohl also der Vertrieb in Paris und der Chef in Deutschland geschlossen hinter dem Plan standen, eine Klitsche für die Gegengeschäfte zu gründen – gesteuert haben soll EADS die neue Vector nicht. Behauptet Enders jedenfalls. Auch das ist wohl nur die halbe Wahrheit: In einem Protokoll von 2004 hieß es, Enders befürworte persönlich die Gründung der Vorgängerfirma auf Zypern inklusive der "damit verbundenen Personalkonsequenzen". Nach Lage der Dinge konnte damit eigentlich nur eines gemeint gewesen sein: dass zwei deutsche Manager den Konzern verlassen sollten, um danach die Zypernklitsche zu führen. In einer internen Präsentation hieß es unverblümt, die Firma auf Zypern stehe damit "de facto" unter der Kontrolle von EADS.
Genauso aber steuerte mindestens einer der beiden Deutschen offenbar den Nachfolger der Zypernfirma, die ominöse Vector, auch wenn Enders das Gegenteil behauptet.
Von Rafael Buschmann, Jürgen Dahlkamp, Dinah Deckstein, Gunther Latsch, Jörg Schmitt und Gerald Traufetter

DER SPIEGEL 43/2017
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