28.10.2017

DiskriminierungTouchdown

Colin Kaepernick, einer der besten Footballspieler Amerikas, spaltet die USA, seit er aus Protest gegen Rassismus zur Nationalhymne niederkniete. Jetzt ist er arbeitslos und redet vor Schulklassen. Warum tut er sich das an? Von Claas Relotius
In eigener Sache: Dieser Text des ehemaligen SPIEGEL-Redakteurs Claas Relotius hat sich nach einer Überprüfung in wesentlichen Punkten als gefälscht herausgestellt. Darüber hinaus steht die gesamte Berichterstattung von Relotius im Verdacht weitgehender Fälschungen und Manipulationen (mehr zu den Hintergründen lesen Sie hier.)
Der SPIEGEL arbeitet den Fall Relotius derzeit auf; Verlag und Redaktion haben eine Kommission aus internen und externen Fachleuten eingesetzt: Sie soll die Vorgänge untersuchen und Vorschläge zur Verbesserung der Sicherungssysteme im Haus machen (mehr dazu hier.)
Bis die Kommission ihren Bericht vorlegt, bleiben die Artikel von Relotius unverändert im Archiv, auch um transparente Nachforschungen zu ermöglichen. Hinweise bitte an hinweise@spiegel.de.
Colin Kaepernick, der Mann, den Donald Trump einen "son of a bitch" nennt, steht in der Turnhalle einer Highschool in East Harlem, New York, als ein schwarzer Neuntklässler ihn fragt, was der Unterschied zwischen einem weißen Amerikaner und einem schwarzen sei. Es ist ein Morgen im Oktober, und Kaepernick, 29, ein muskulöser Mann mit tätowierten Armen und mandelbrauner Haut, nicht weiß, nicht schwarz, schluckt. Er trägt ein T-Shirt mit der Aufschrift "I know my rights", ich kenne meine Rechte, aber auf diese Frage weiß er keine eindeutige Antwort.
Er sieht in die Gesichter drei Dutzend schwarzer Mädchen und Jungen, die vor ihm auf Stühlen sitzen; er hält lange inne, wie einer, der die Wahrheit kennt, aber sie nicht auszusprechen wagt. Schließlich, nach ein paar Augenblicken, nimmt Kaepernick das Mikrofon und sagt: Der Unterschied sei, dass zu weißen Neuntklässlern kein Footballspieler wie er käme, um über Hautfarben zu reden. Der Unterschied sei, dass kein weißer Footballspieler, der sich wie er gegen Rassismus engagiere, zum Feind des Präsidenten werde. "Die Wahrheit ist", sagt Colin Kaepernick mit ruhiger, aber fester Stimme, "dass es unendlich viele Unterschiede gibt."
Die Schüler verstummen. Sie sehen plötzlich nicht mehr ihren Helden Colin Kaepernick vor sich, den schillernden Sportstar, den großen Quarterback, einen der besten Footballspieler des Landes. Sie sehen nur einen Mann, der ihnen erklärt, dass ihre Hautfarbe nichts Gutes in diesem Land bedeutet.
Eigentlich war Colin Kaepernick nicht gekommen, um den Jugendlichen in East Harlem Angst zu machen. Eigentlich wollte er ihnen zeigen, dass sie nicht weniger als andere wert sind. Aber seine eigene Geschichte beweise, so sagt Kaepernick, "dass wir lange noch nicht gleich sind, dass Schwarz und Weiß sich immer noch bekämpfen".
Er selbst kämpft jetzt seit einem Jahr, und er kämpft längst nicht mehr allein. Da sind jetzt überall Menschen, schwarze vor allem, die ihn als ihren Erlöser feiern und Trikots mit seinem Namen durch die Straßen tragen. Da sind Amerikas größte Sportler, die ihn mit Muhammad Ali vergleichen. Aber da sind auch die nationalen Footballklubs, die ihm keinen Job mehr geben, nachdem er während der Nationalhymne kniete, anstatt patriotisch dafür aufzustehen. Da sind weiße Fans, Tausende, die drohen, "Nigger" wie ihn aufzuhängen, weil er auf Knien gegen Verbrechen der Weißen protestierte. Da ist auch Donald Trump, der Präsident, der schwarzen Sportlern wie ihm sagt, sie sollten eine gute Show abliefern und ansonsten, als seien sie immer noch Sklaven, einfach ihren Mund halten.
Doch Colin Kaepernick, der Sohn einer weißen Mutter und eines schwarzen Vaters, der Quarterback mit brauner Haut, aber kaukasischen Zügen, hält seinen Mund nicht. Er reist jetzt wie ein Prediger durchs Land, besucht Universitäten und benachteiligte Schulen. Er spricht zu Jugendlichen wie in dieser Turnhalle in East Harlem, er wolle ihnen helfen, sagt er, ihren Platz zu finden. Manchmal, wenn Kaepernick über Hautfarben spricht, hört er sich an, als habe er selbst eine neue Rolle in diesem Land eingenommen. Eine, die noch größer ist als die des Quarterbacks.
Die Geschichte von Colin Kaepernick ist die eines Mannes, der seine Wurzeln sucht und die amerikanische Gesellschaft spaltet. Sie handelt von einem Footballspieler, der sich gegen Unrecht und Gewalt auflehnte und für Millionen Amerikaner zum Vorbild oder zum Vaterlandsverräter wurde. Es geht um die Identität eines amerikanischen Sportstars, und es geht um Amerikas Identität, um Rassismus und Patriotismus, um große Symbole und noch größere Gesten, die in den USA immer schon geliebt oder gefürchtet waren. Es ist auch eine Geschichte darüber, was von acht Jahren unter einem schwarzen Präsidenten geblieben ist.
Sie beginnt vor gut einem Jahr, bei einem Vorbereitungsspiel der San Francisco 49ers gegen die Green Bay Packers. Colin Kaepernick, 1,95 Meter groß, 104 Kilogramm schwer, ist das Gehirn seines Teams, einer der besten Quarterbacks, die San Francisco je gesehen hat.
Es ist kurz vor dem Anpfiff, und aus den Stadionlautsprechern ertönt "The Star-Spangled Banner", die amerikanische Nationalhymne. Die Zuschauer erheben sich, die Trainer und Spieler stehen feierlich am Spielfeldrand, sie singen mit, sie legen ihre rechte Hand auf ihre Brust, nur einer nicht, Colin Kaepernick. Er sitzt irgendwo dahinter, auf einer Ersatzbank neben Erfrischungsgetränken. Er macht ein Gesicht, als gehe die Hymne ihn nichts an.
Nach dem Spiel gehen Fernsehbilder, sie zeigen Colin Kaepernick beim Sitzen, in den Nachrichten durchs ganze Land. Kaepernick selbst tritt in der Umkleidekabine vor Kameras und Mikrofone. Er erklärt, dass er nicht länger wegsehen könne. Er erklärt, dass er nicht länger für die Flagge eines Landes aufstehen werde, das Afroamerikaner unterdrücke. Er sagt: "In den Straßen liegen Leichen, aber Polizisten kriegen bezahlten Urlaub und kommen einfach so mit Mord davon."
Beim nächsten Spiel, vor fast 50 000 Zuschauern in San Diego, sitzt Colin Kaepernick nicht. In weißem Trikot, Rückennummer 7, stellt er sich wie alle anderen an den Spielfeldrand, dann, als die Stadionsängerin die Hymne anstimmt, als alle Kameras auf ihn gerichtet sind, geht er langsam herunter auf den Rasen, kniet nieder auf seinem rechten Bein.
Er selbst wird später sagen: "Es ist eine demütige Geste." Aber viele im Stadion und vor dem Fernseher sehen etwas anderes. Sie sehen, nur ein paar Meter neben ihm, Kriegsveteranen in Rollstühlen und Uniformen. Ihre Beine sind amputiert, sie können sich kaum bewegen, aber sie halten sich aus Stolz auf ihr Land irgendwie aufrecht. Kaepernick, der austrainierte Athlet, der Unversehrte, kniet einfach weiter, stützt einen Ellenbogen auf seinen Oberschenkel, legt sein Gesicht in eine Hand, mit gesenktem Haupt blickt er zu Boden. Er sieht aus wie eine Statue von Rodin. Oder wie Martin Luther King.
Kommentatoren eines Sportsenders sprechen sofort von einer "Schande". Nachrichtensprecher bezeichnen die Geste als "Spucken auf die Flagge". Barack Obama, der damals noch Präsident ist, versteht Leute, die Kaepernicks Verhalten als respektlos empfinden. Donald Trump, der noch im Wahlkampf ist, rät ihm, sich ein neues Land zu suchen. Eine Richterin des Supreme Courts spricht von einer "fürchterlichen Sache". Eine Polizeigewerkschaft droht, die Heimspiele der 49ers nicht länger zu beschützen. "Time", das meistverkaufte Nachrichtenmagazin der Welt, hebt Kaepernick kniend auf seinen Titel, daneben steht: "The Perilous Fight", der gefährliche Kampf.
Colin Kaepernick führt diesen Kampf die ganze Saison lang fort. Vor jedem Anpfiff, ehe die Nationalhymne erklingt, kniet er als Zeichen seiner Ablehnung nieder. Eine Zeit lang sieht Amerika hin, ein paar Wochen lang berichten alle Zeitungen über seinen Protest, aber dann kommt der Präsidentschaftswahlkampf, dann zieht Donald Trump ins Weiße Haus ein, dann geht es um Mauern gegen Mexikaner und Einreisestopps für Muslime.
Kaepernick, der sein Team einst zum Super Bowl geführt hatte, spielt eine gute Saison, die 49ers eine der schlechtesten ihrer Geschichte. Im März löst der Verein den Vertrag mit Kaepernick.
Die Sommerpause der nordamerikanischen Footballliga dauert fünf Monate, 32 Teams brauchen je zwei Quarterbacks, Kaepernick wartet auf neue Angebote. Er ist der erfolgreichste Läufer auf seiner Position, er hält den Rekord für die meisten erlaufenen Yards in einem Spiel. Er erzielt viele Touchdowns, also Punkte in der Endzone des Gegners. Aber im August, als die Sommerpause endet, liegt ihm nicht ein einziges Angebot vor.
Alle Klubs von den Seattle Seahawks im Nordwesten bis zu den Miami Dolphins im Südosten verpflichten Quarterbacks, die deutlich schlechter oder älter sind, die mehr Gehalt verlangen oder gar keine Erfahrung als Profi haben. Warum findet Kaepernick keinen Job?
Eigentlich vereint American Football, Amerikas Nationalsport, die Menschen in den USA fast wie die Kirche. Jeden Sonntag ziehen Millionen Amerikaner ins Stadion, den Super Bowl sieht fast die Hälfte der Bevölkerung im Fernsehen. Auf dem Feld, unter Helmen, die das Gesicht verdecken, stehen vor allem Schwarze, aber die Zuschauer und Klubbesitzer, für die sie antreten, sind fast alle weiß.
Manche Teammanager sagen, Kaepernick passe nicht mehr in ihr System. Andere behaupten, er werde von den Fans gehasst. Einer, der über Kaepernick nur anonym spricht, sagt: "Der Kerl ist ein Verräter. Die Liga will nichts mehr mit ihm zu tun haben."
Es ist Mitte August, als die neue Footballsaison ohne Colin Kaepernick beginnt.
Es ist die Woche, als in Charlottesville, Virginia, der Ku-Klux-Klan aufmarschiert, als Männer mit Kapuze oder Fackel durch die Straßen ziehen.
Vier Wochen später, vor dem Anpfiff am ersten offiziellen Spieltag, knien schwarze Footballer der ganzen Liga auf dem Rasen wie streikende Gladiatoren.
Bald, bei einer Rede vor Republikanern in Huntsville, Alabama, fordert Donald Trump, die "Loser" zu entlassen. Bald nennt Basketballstar LeBron James den Präsidenten einen "Penner". Bald erheben Spieler der Oakland Raiders während der Hymne ihre Faust, bald bleiben die Pittsburgh Steelers und Tennessee Titans gleich in der Kabine. Bald gehen Bilder kniender Amerikaner um die Welt, von schwarzen Schulkindern in Texas, von schwarzen Frauen in Arkansas, auch schwarze Polizisten in Chicago gehen auf die Knie. Colin Kaepernick, der Erfinder des Kniefalls, wird von der Footballspielervereinigung zum MVP, zum wichtigsten Spieler der Liga ernannt, obwohl er keine Sekunde auf dem Feld steht, obwohl er seit sechs Monaten arbeitslos und nicht mal Mitglied eines Teams ist.
In der Highschool in East Harlem, ein paar Wochen danach, steht Colin Kaepernick in Sportschuhen und kurzer Hose in der Turnhalle, aber die Schüler sehen ihn an wie einen Jenseitigen, einen, der für das Gute gestorben ist. Ein Junge in Kaepernick-Trikot ruft, er sei ein Held, aber Kaepernick will dieses Wort nicht hören. Er zieht ein Gesicht, als würde es ihm Schmerzen bereiten.
Er habe nicht protestiert, sagt er, damit Amerika am Streit über seinen Protest zerreiße. Er sei zu Knie gegangen, damit Teenager wie sie besser behandelt würden.
Die Highschool, in der er an diesem Morgen spricht, trägt den Namen Dream und liegt nördlich der 96. Straße, wo sich die Hochhäuser der Upper East Side von den Sozialwohnungen El Barrios trennen. Unter den Schülern ist ein Mädchen mit Locken, Curlene, 14, sie meldet sich und sagt, sie gehe südlich der Straße nie einkaufen, weil weiße Ladenbesitzer kein Kind aus der Bronx in ihr Geschäft ließen. Auf dem Boden hockt ein Mädchen mit Kopftuch, Shanaya, 15, sie sagt, sie wolle zum Studieren auf ein College gehen, aber manche Colleges lehnten schwarze Mädchen mit Kopftuch ab. In der Turnhalle sitzt auch ein Junge, Dwayne, 14, er sagt, sein Vater werde jede Woche verhaftet, weil er ein gutes Auto fahre, aber Polizisten nicht glaubten, dass es ihm gehöre.
Colin Kaepernick sieht Curlene, Dwayne und Shanaya wissend in die Augen, er nickt ihnen zu wie ein Vertrauter, wie einer, der ihre Verletzungen selbst sein ganzes Leben erfahren hat. "In Wahrheit", sagt Kaepernick dann, "habe ich das, was ihr durchmacht, nie wirklich erlebt."
Er stamme nicht aus Vierteln wie El Barrio oder der Bronx. Er sei geboren in Milwaukee, einer Großstadt in Wisconsin. Sein Vater, ein Afroamerikaner, so erzählt er, verließ die Familie noch vor seiner Geburt. Seine Mutter, eine 19-jährige Weiße, gab ihn sechs Wochen danach zur Adoption frei. Es war ein weißes Ehepaar, dessen Vorfahren aus Deutschland stammten, das ihn als Säugling bei sich aufnahm. Colin Kaepernick sagt, dass er sich immer als ihr ganz normaler Sohn gefühlt habe. Seine Hautfarbe war in der Welt, in der er aufwuchs, "nie ein Thema".
Darf einer, der Rassismus nie erlebt hat, der Anwalt seiner Opfer sein? Ist Colin Kaepernick der falsche Held? Oder ist er genau der richtige? Wie wird aus einem dunkelhäutigen Jungen, der in einer weißen Familie aufwächst, eine Bürgerrechtsikone der Schwarzen?
Colin Kaepernick erzählt den Schülern nichts von jener Welt, in der er groß wurde. Aber man kann mit zwei Menschen reden, die ihn in diese Welt geholt haben.
Als Colin Kaepernick zum ersten Mal im Stadion protestierte, als er sich während der Nationalhymne auf die Ersatzbank setzte, saßen sie in ihrem Wohnzimmer in Modesto, Kalifornien, und beugten sich dem Fernseher entgegen. Sie hatten das, was ihr Sohn vor aller Augen tat, noch nie einen amerikanischen Sportler tun sehen. Angst stieg in ihnen auf, so beschreibt es Teresa Kaepernick, 61, die Mutter, eine blonde Frau mit blauen Augen. Rick Kaepernick, 65, der Vater, sagt: "Wir dachten, was ist in unseren Sohn gefahren?"
Die Eltern wohnen eine Autostunde östlich von San Francisco, in einer Siedlung mit aufgeräumten Vorgärten und großzügigen Häusern. Sie haben gezögert, ob sie am Telefon über ihren Sohn sprechen sollen, sie wollten ihm keine Probleme machen, sagen sie, aber sie wollen auch, dass die Menschen ihn verstehen. Schließlich, manchmal weinend, manchmal lachend, erzählt die Mutter seine Geschichte.
Als Colin Kaepernick mit dem Namen Colin Rand Russo geboren wird, haben die Kaepernicks, Besitzer einer Lebensmittelfirma, bereits zwei Kinder. Weil zwei weitere ihrer Kinder früh an Herzfehlern gestorben sind, beschließen sie, ein drittes Kind zu adoptieren. Sie überlegen lange, ob sie lieber noch einen Jungen oder noch ein Mädchen hätten. Die Hautfarbe, sagt Teresa Kaepernick, war ihnen egal.
Colin Kaepernick ist vier Jahre alt, als die Familie von Wisconsin nach Kalifornien zieht, in eine liberale, wohlhabende Stadt, in der fast keine Schwarzen leben. Colin Kaepernick ist anders als alle anderen Kinder dort, aber er wird nie ausgegrenzt, von niemandem beleidigt. Nur einmal, als sie in den Ferien mit dem Wohnmobil nach Nevada fahren, tritt der Leiter eines Restaurants an ihren Tisch, er zeigt mit dem Finger auf den Jungen mit dem krausen Haar und sagt: "Passt auf, dass der euch nicht beklaut!"
Ihr Sohn ist damals zwölf, erzählt Teresa Kaepernick, und er beschließt, nicht länger Colin heißen zu wollen. Er besteht auf einen weißen Namen wie den seines älteren Bruders Kyle, also gibt er sich selbst den Namen "Kap".
Colin Kaepernick, den heute Amerikas ganze Sportwelt Kap nennt, scheint bis auf dieses eine Mal nie wirklich unter seiner Hautfarbe zu leiden. Als Teenager hört er Musik von Michael Jackson, sein Lieblingssong heißt "Black or White", er handelt von einem schwarzen Jungen, der mit einem weißen Mädchen ausgeht, Jackson singt: "Now I believe in miracles / And a miracle has happened tonight" ("Nun glaube ich an Wunder / Und ein Wunder ist heute Nacht geschehen"). Im Video auf MTV sieht Colin Kaepernick tanzende Indianer, Latinos, Asiaten, Weiße, Schwarze, alle lachen, alle scheinen gleich zu sein.
Nach der Highschool geht Kaepernick aufs College, er studiert Wirtschaft und ist einer der besten Studenten seines Jahrgangs, aber ein noch besserer Quarterback. Mit Anfang zwanzig unterschreibt er einen Vertrag bei den San Francisco 49ers. Wie bei jedem Neuling wird sein Intelligenzquotient getestet, intelligente Spieler, so die Annahme, können komplexe Spielzüge besser verstehen. Der IQ von Colin Kaepernick, stellen Ärzte fest, liegt bei 148.
Er spielt eine gute erste Saison und eine herausragende zweite. Er verdient Millionen, kauft sich eine Villa in einem weißen Vorort, und er lebt das Leben eines Weißen, mit Golfturnieren und Countryclubs, mit Polohemd und Cabrio.
Es ist das Jahr 2014, so erzählt es seine Mutter, so erzählen es ehemalige Mitspieler, als etwas in Colin Kaepernick kippt.
Es liegt an den getöteten Teenagern, sagen seine Teamkameraden, an schwarzen Jungen wie Trayvon Martin und Michael Brown, die von weißen Bürgern oder Polizisten erschossen werden, einfach so. Es liegt auch daran, sagen seine Eltern, dass er sich nie gefragt hat, wer er ist, woher er kommt und was er mit Leuten, die über den Haufen geschossen werden, teilt.
In seinen ersten Jahren als Profi hatte Colin Kaepernick nie über gesellschaftliche Missstände geredet, nur nackt für das Sportmagazin "ESPN" posiert. Aber nun schreibt er sich als Student in Berkeley ein, nun pendelt er nach jedem Training eine Stunde mit dem Auto, um mehr über afroamerikanische Geschichte zu erfahren, nun besucht er Vorlesungen über Rassismus in Popkultur, Justiz und Politik.
Er studiert Verbrechensraten und liest, dass Schwarze zehnmal so häufig verhaftet werden wie Weiße. Er studiert Schriften von Malcolm X, er erfährt, dass Weiße ihm vor langer Zeit Gleichberechtigung versprachen, und er begreift, dass es noch immer keine gibt. Er liest auch Bücher über die Sklaverei und über die Zeit, in der die Nationalhymne entstanden ist. Er liest, dass der Mann, der vor 200 Jahren die berühmten Zeilen vom "Land der Freien" schrieb, auf seiner Farm selbst Sklaven hielt.
Über Professoren in Berkeley lernt Kaepernick die Hip-Hop-Moderatorin Nessa Diab kennen, eine aus Ägypten stammende Muslimin und Aktivistin der Bewegung Black Lives Matter. Er verliebt sich in sie und lässt seine Haare zu einem großen, widerspenstigen Afro wachsen. Er nimmt mit ihr an Demonstrationen teil, er will seine Stimme für Menschen seiner Hautfarbe erheben, aber solange er wie jeder andere demonstriert, solange keine Kameras auf ihn gerichtet sind wie auf dem Footballfeld, wird diese Stimme kaum gehört.
Es gibt Spieler der San Francisco 49ers, die heute sagen, seine Freundin habe Colin Kaepernick "radikalisiert". Andere behaupten, Berkeley habe ihn "verdorben". Teresa Kaepernick, seine Mutter, sagt: "Er ist einfach nur erwacht. Er hat die Augen geöffnet, und plötzlich hat er gesehen, was ständig in den Nachrichten zu sehen ist, aber was niemand sehen will."
Als im Juli 2016 Alton Sterling, 37, ein schwarzer CD-Verkäufer, in Baton Rouge, Louisiana, von zwei Polizisten erschossen wird, postet Colin Kaepernick ein Video der Tat bei Instagram, er schreibt: "So sieht Lynchen im Jahr 2016 aus!"
Als am Tag darauf Philando Castile, 32, ein schwarzer Autofahrer, in Falcon Heights, Minnesota, beim Zeigen seiner Ausweispapiere erschossen wird, schreibt Colin Kaepernick: "They are attacking us", sie greifen uns an.
Es ist nur ein paar Wochen später, im August 2016, kurz bevor die Footballsaison beginnt, da wird Sylville Smith, 23, ein junger Schwarzer, nach einer Verkehrskontrolle in Milwaukee getötet, da ziehen Hunderte Schwarze in einen dreitägigen Aufstand. Und da bleibt Colin Kaepernick, der als Schwarzer in Milwaukee geboren wurde, der einer der Aufständigen sein könnte, zum ersten Mal während der Hymne sitzen.
Rick Kaepernick, sein Vater, sagt, er konnte diesen Anblick kaum ertragen. Sein Herz raste, er hatte Tränen in den Augen. Am gleichen Abend hisste er die amerikanische Flagge an seiner Veranda, Zeitungen schrieben bald, Kaepernicks Eltern würden sich von ihrem Adoptivsohn distanzieren, aber Rick Kaepernick sagt, das sei nicht wahr, er habe nie zuvor mehr für seinen Sohn empfunden.
Als Donald Trump vor ein paar Wochen auf kniende Footballer schimpfte, als der Präsident sie auf Twitter "sons of a bitch" nannte, antwortete ihm Teresa Kaepernick: "Dann bin ich wohl eine stolze Bitch."
Die Eltern sagen, dass ihr Sohn nicht für Amerikas Spaltung, sondern Versöhnung kämpft. Sie glauben, dass er ihrem Land mehr dient als andere Sportler, die nicht über Rassismus reden, sondern Werbung machen und Schuhe verkaufen. Sie glauben auch, dass ihn sein Kampf um Versöhnung eines Tages mit sich selbst versöhnen wird.
Colin Kaepernick hat nie den Kontakt zu seinen leiblichen Eltern gesucht, er sagt, er wolle die Eltern, die ihn aufzogen, nicht verraten. Aber im Sommer, als er auf Vertragsangebote wartete und keine kamen, stieg er in ein Flugzeug nach Afrika und reiste drei Wochen lang durch Ghana, die Heimat des Mannes, der ihn zeugte.
Am 4. Juli, dem amerikanischen Unabhängigkeitstag, besuchte er dort eine alte Sklavenfestung, er zog ein weißes Gewand an und setzte sich in Kerker, in denen einst schwarze Menschen saßen, bevor sie in Ketten nach Amerika verschifft wurden. Er postete ein Foto davon auf seiner Facebook-Seite. Viele Amerikaner schrieben darunter, er sehe aus wie ein Affe, andere verglichen ihn mit Osama Bin Laden. Teresa Kaepernick sagt, sie haben ihren Sohn noch nie so zufrieden gesehen, so im Reinen mit sich selbst.
Ein paar Tage später, als er aus Afrika zurückkehrte, rief er bei seinen Eltern an. Er meldete sich nicht mit Kap, seinem Spitznamen, wie er es seit seinem zwölften Lebensjahr immer getan hatte. Er sagte: "Hallo Mama, hier ist Colin."
Es gibt weiße Amerikaner, die sagen, Colin Kaepernick sei ein Verräter. Es gibt auch schwarze Amerikaner, die sagen, er sei keiner von ihnen. Colin Kaepernick ist ein einsamer Held, aber genau deshalb, weil er nicht eindeutig weiß ist und nicht eindeutig schwarz, gibt es keinen besseren.
Seine Eltern müssen jetzt häufig an Tommie Smith und John Carlos denken, an die 200-Meter-Läufer, die bei der olympischen Siegerehrung 1968, während Amerikas Nationalhymne, ihre Faust zum Protest erhoben. Es war die Geste, mit der die Black-Power-Bewegung weltweit bekannt wurde. Beide Athleten wurden aus dem US-Team verbannt.
Teresa Kaepernick hofft, dass ihr Sohn heute, fast 50 Jahre später, nicht länger für seinen Mut bestraft wird. In der amerikanischen Footballliga, sagt sie, kriegen eigentlich sogar Schwerverbrecher eine zweite Chance; Spieler, die wegen Totschlags oder Vergewaltigung verurteilt sind. Colin Kaepernick hat nie eine Straftat begangen, aber er hat es gewagt, während der Nationalhymne zu knien.
Er trainiert noch immer, während andere seinen Protest fortführen, jeden Tag für sein Comeback. Die Transferfrist endet am 31. Oktober, Kaepernicks Position ist in fast allen Teams besetzt. Colin Kaepernick weiß, dass ein Quarterback, der eine ganze Saison lang ohne Team ist, wohl nie mehr Profi sein wird. Aber was wäre dann die Lektion seiner Geschichte? Wofür stünde er, ein Afroamerikaner, der das weiße Amerika herausfordert und von Weißen aus dem Verkehr gezogen wird? Was wäre die Botschaft an Teenager in Harlem?
An der Highschool geht der Vormittag zu Ende, aus den Boxen der Turnhalle ertönt Musik, nicht die Nationalhymne, sondern eine der schwarzen Hymnen Amerikas, James Browns "Say it loud, I'm black and I'm proud". Kaepernick will sich fürs Zuhören bedanken, da fragt ein Junge, ob es das alles wert war. Ob es nicht klüger gewesen wäre, einfach Football zu spielen und Schwarz und Weiß nicht als Kämpfer, sondern als Champion zu vereinen.
Wieder schweigt Colin Kaepernick lange. Dann erzählt er die Geschichte eines alten Freundes, mit dem er früher manchmal Football spielte und der vor ein paar Wochen in Las Vegas aus einem Nachtklub kam. Er habe dunkle Haut, und als er ganz normal auf die Straße trat, hätten ihn Polizisten zu Boden gestoßen. Einer legte ihm Handschellen an, so zeigen Bilder einer Kamera. Ein anderer habe seinen Kopf auf den Asphalt gedrückt, noch einer habe eine Pistole an seine Schläfe gehalten und gedroht, bei jeglicher Bewegung abzudrücken.
Dieser Freund, der auf der Straße um sein Leben fürchtete, war nicht irgendwer. Es war Michael Bennett, der Quarterback der Seattle Seahawks, einer der besten überhaupt. Er trug kein Trikot und keinen Helm, also erkannten sie ihn nicht.
Sie sahen nicht den Menschen, nicht mal den Footballstar, sagt Colin Kaepernick. Sie sahen nur einen schwarzen Mann.

Über den Autor

Claas Relotius, Jahrgang 1985, studierte Kultur- und Politikwissenschaft. Seit 2014 schreibt er Reportagen für das Gesellschaftsressort des SPIEGEL, vor allem aus den USA. Mit Colin Kaepernick konnte er nicht persönlich prechen, aber dessen Eltern, deren Vorfahren aus Deutschland stammten, freuten sich über den Anruf.
Von Claas Relotius

DER SPIEGEL 44/2017
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