11.11.2017

UrteileHumanität der Grauzone

Es ist gut, den Interessen der Mehrheit manchmal Einhalt zu gebieten, sagt der Ethiker Peter Dabrock.
Dabrock, 53, ist Professor für evangelische Theologie und Vorsitzender des Deutschen Ethikrats. Das Gremium verfasste 2012 eine Stellungnahme zur Situation Intersexueller in Deutschland.
SPIEGEL: Herr Dabrock, begrüßen Sie die Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts?
Dabrock: Ich weiß von vielen Menschen, die als Kinder verstümmelt worden sind, weil sie mithilfe chirurgischer Operationen an ein Geschlecht angepasst werden sollten. Viele von ihnen waren am Ende zutiefst verwundete Persönlichkeiten. Anders als Eltern und Ärzte es erhofft hatten, fühlten sie sich identitätslos, obwohl sie biologisch gesehen nun vermeintlich eine eindeutige Identität besaßen. Manche wollten ihr Leben beenden. Es geht in dem Senatsbeschluss also um elementare Schicksalsfragen. Darüber hinaus ist er sehr grundsätzlich ein riesiger Schritt.
SPIEGEL: Inwiefern?
Dabrock: Das Verfassungsgericht hat die binäre Fixierung unseres Alltags aufgebrochen. Wir leben bisher, als gälte auch für die menschliche Existenz der Satz aus der Metaphysik des Aristoteles: Ein Drittes gibt es nicht.
SPIEGEL: Sie meinen eine Logik, in der es nur Schwarz oder Weiß geben kann?
Dabrock: Dieses Prinzip haben wir breitflächig auf unser Leben übertragen: Wir sind entweder krank oder gesund. Die anderen sind entweder für oder gegen uns. Im Kern unserer Existenz finden sich Grauzonen, das spiegelt sich ja auch in unserem oft widersprüchlichen Verhalten wider. Der Karlsruher Beschluss berücksichtigt auch die Verletzlichkeit, die sich aus den Uneindeutigkeiten menschlicher Existenz speist.
SPIEGEL: Hat es damit eine Symbolkraft, die über den Fall hinausweist?
Dabrock: Die Verfassungsrichter weisen uns auf eine grundlegende Verrücktheit unserer Gegenwart hin: Einerseits wird die Welt dank technologischem und wissenschaftlichem Fortschritt immer komplexer. Orientierung wird schwieriger. Andererseits stülpen wir der Wirklichkeit oft schlichte, verkürzte Erklärungen über. Der Erfolg populistischer Politiker und Parteien ist ja eine Folge davon. Gegen diesen Trend der einfachen Lösungen spricht das Gericht ein klares Wort: nein!
SPIEGEL: Überhöhen Sie die Entscheidung da nicht zu sehr?
Dabrock: Im Gegenteil, sie erinnert uns an eine entscheidende Stärke unserer Gesellschaftsordnung: In einem demokratischen Rechtsstaat kann das Recht den Interessen der Mehrheit auch Einhalt gebieten. Hätte Demos, das Staatsvolk, entschieden, wäre es aller Wahrscheinlichkeit nach zu einem weniger humanen Ergebnis gekommen.
SPIEGEL: Sind die Hoffnungen, die nun an den Senatsbeschluss geknüpft werden, nicht zu groß? "Divers" oder "anders" im Pass anzugeben führt ja nicht automatisch zu einem stabilen Gefühl von Identität.
Dabrock: Es ist aber deutlich mehr, als wir bislang hatten. Und die Politik sollte diese richterliche Entscheidung mitten in den Koalitionsverhandlungen als Beginn einer grundsätzlichen Debatte begreifen: Welche geschlechtsabhängigen Benachteiligungen, welche Rollenbilder existieren in unserer Gesellschaft? Wie lassen sie sich aufweichen? Aber auch: Wie können wir uns die Entscheidung kulturell aneignen? Wir brauchen Geduld, es handelt sich um jahrtausendealte kulturelle Muster. Wir müssen der Versuchung widerstehen, nun möglichst rasch festlegen zu wollen, was ein Begriff wie "divers" umfasst oder ausschließt. Sonst sind wir sofort wieder in der alten binären Logik verhaftet. Und die soll ja um der Menschen willen aufgeweicht werden.
Interview: Katja Thimm
Von Katja Thimm

DER SPIEGEL 46/2017
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