11.11.2017

FilmeMission Mitmensch

Die Schauspielerin Vanessa Redgrave und der Künstler Ai Weiwei schildern ihre Sicht auf das globale Flüchtlingsdrama – ein heikles, aber auch ergreifendes Unterfangen.
Einmal wird die Stimme der stolzen, oft in forscher Lautstärke sprechenden Schauspielerin Vanessa Redgrave verblüffend warm und sanft. "Ich saß eines Abends in London am Radio und war panisch vor Angst, dass der Faschismus zurückkehrt", sagt Redgrave. Sie sitzt auf dem Sofa eines Nürnberger Hotelzimmers, rückt ein Stück nach vorn und lässt ihre berühmten blauen Augen strahlen. Sie schildert eine Kindheitserinnerung; sie war damals, 1948, keine zwölf Jahre alt. "Der BBC-Sprecher las die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte vor, Artikel für Artikel. Und ich beschloss, dafür zu kämpfen, dass diese Rechte auch durchgesetzt werden. Das war der Moment, in dem ich zu einem politisch denkenden Menschen wurde."
Der Künstler Ai Weiwei sitzt an einem Holztisch in seiner Berliner Werkstatt, verknotet seine erstaunlich zarten Hände auf der Tischplatte und berichtet in brummigem Verschwörerton von seiner Arbeit. Für eine kurze Weile dimmt er die Stimme auf Flüsterlautstärke herunter. "Fast meine ganze Kindheit über war meine Familie geächtet", sagt er. "Kurz nach meiner Geburt hat man uns von Peking aus in den äußersten Nordwesten Chinas verbannt, später in den äußersten Nordosten, weil mein Vater plötzlich als Feind des Kommunismus galt. Man nannte das Umerziehung. Seit dieser Zeit weiß ich, was es bedeutet, ein Vertriebener, ein Outlaw zu sein."
Die Schauspielerin Redgrave ist 80 Jahre alt und reist derzeit durch die Welt, weil sie einen Film bekannt machen will, bei dem sie selbst Regie geführt hat. Er heißt "Sea Sorrow" und hatte im Mai beim Festival in Cannes Premiere. Er zeigt unter anderem die Not syrischer, irakischer und afghanischer Bootsflüchtlinge, die vor der griechischen Küste aus Schlauchbooten gerettet und dann an Land von Vanessa Redgrave befragt und aufgemuntert werden. "Ich musste mich einmischen", sagt Redgrave. "Freundliche Worte allein bedeuten noch gar nichts. Man muss handeln und helfen. Alles andere ist nutzlos."
Der Künstler Ai Weiwei ist 60 Jahre alt und kommt gerade von einer wochenlangen Reise durch die USA, Südamerika und ein paar europäische Länder zurück. Überall, wo er zu Besuch war, hat er auch seinen Film vorgestellt. "Human Flow" hatte Anfang September beim Festival in Venedig Premiere und zeigt zum Beispiel Flüchtlingslager in Kenia, im Libanon und in Jordanien. In den dramatischsten Szenen aber sieht man syrische, irakische und afghanische Bootsflüchtlinge, die in Griechenland anlanden und von Ai Weiwei mit Worten und Schulterklopfen begrüßt werden. "Mir war lange nicht klar, warum ich so eine starke Beziehung zu Flüchtlingen habe", sagt Ai Weiwei. "Ich musste ihnen meinen Respekt zeigen. Ich musste sie berühren."
Es gibt ein paar Gemeinsamkeiten zwischen der britischen Schauspielerin Redgrave und dem chinesischen Künstler Ai Weiwei, so verschieden ihre Herkunft, ihr Denken und ihre Arbeitsweise sein mögen – unter anderem die, dass beide, indem sie sich im Handwerk der Filmregie versuchen, sich ziemlich weit entfernt von den Jobs abrackern, für die sie bislang in der Welt Anerkennung fanden.
Redgrave ist berühmt als Schauspielerin. In ihrer glanzvollsten Rolle, in Michelangelo Antonionis "Blow Up" aus dem Jahr 1966, verkörpert sie eine zauberhaft störrische, kluge und rätselhafte Frau, die sich in einem Park mit einem Fotografen um dessen Kamera balgt. Redgrave hat Theatertriumphe mit Shakespeare und Ibsen gefeiert, in einer noblen Fernsehserie Cosima Wagner gespielt und in Kinowerken von "Mord im Orient-Express" (1974) über "Mission: Impossible" (1996) bis "Abbitte" (2007) ein Massenpublikum begeistert.
Ein bisschen berüchtigt ist Redgrave in ihrer Rolle als Politaktivistin. In den Sechzigern engagierte sie sich gegen den Vietnamkrieg, in den Siebzigern für die trotzkistische Workers' Revolutionary Party, in den Achtzigern gegen Nuklearwaffen, und bis heute ist sie eine verlässliche Aktivistin für die Sache der Palästinenser. Als sie 1978 den Oscar für die Rolle einer jüdischen Widerstandskämpferin in einem Film namens "Julia" erhielt, nannte sie die vor der Hollywoodgala demonstrierenden israelfreundlichen Protestierer, die Redgraves Sympathien für palästinensische Gewalttäter anprangerten, "zionistische Strolche". Im Jahr 2017 sagt Redgrave in Nürnberg: "Ich habe viele Fehler gemacht in meinem Leben, natürlich. Aber ich habe immer Menschen gefunden, die verstanden, dass ich mit offenem Herzen sprechen muss." Ob heftige, mitunter berechtigte Kritik einen davon nicht manchmal abhalten sollte? "Das finde ich nicht."
Der Künstler Ai Weiwei ist von ähnlicher Unbeirrbarkeit geprägt. Weltbekannt wurde er durch eine Konzeptkunst, die mit klaren Zeichen arbeitet, und durch seine unbeugsame Haltung gegenüber den staatlichen Autoritäten in China. Er präsentierte in der Londoner Tate Modern einen Raum, voll mit hundert Millionen handbemalten Sonnenblumenkernen aus Porzellan, und stellte den Lichthof des Berliner Martin-Gropius-Baus mit einer Installation aus 6000 antiken Holzschemeln zu. Er dokumentierte in einem Blog die Gleichgültigkeit der chinesischen Autoritäten gegenüber Zehntausenden Erdbebenopfern und drehte kritische Videos über Chinas Wirtschaftsboom. Im Jahr 2011 wurde er unter dem Vorwand der Steuerhinterziehung monatelang interniert. Seit 2015 lebt er vorwiegend in Europa; zeitweise auf Lesbos und meist in Berlin. "Meine Arbeit hat nicht unbedingt mit Mut zu tun", sagt er in seinem Atelier in einem ehemaligen Brauereikellergewölbe. "Ich tue und sage die Dinge, von denen ich glaube, dass sie getan und gesagt werden müssen."
Redgraves Film "Sea Sorrow" ist ein Pamphlet. Zu Beginn zeigt er einen syrischen Jungen in Großaufnahme, der erzählt, wie vor seinen Augen seine Eltern hingerichtet wurden. Es folgen historische Aufnahmen von Kindertransporten, mit denen jüdische Kinder aus Nazideutschland nach Großbritannien gerettet wurden. Man sieht Eleanor Roosevelt im Jahr 1948 die Erklärung der Menschenrechte vortragen und den Schauspieler Ralph Fiennes im Jahr 2016 einen Monolog aus Shakespeares "Sturm" aufsagen. Das Zentrum dieses Bekennerfilms ist Vanessa Redgrave selbst. Sie spricht mit brüchiger Stimme über die Pflicht der Politiker, Kindern zu helfen, sie lässt sich von der Kamera bei der Besichtigung des Flüchtlingslagers im französischen Calais begleiten. Sie hört afrikanischen und arabischen Frauen in Griechenland und Italien zu, erkundigt sich bei Unicef-Helfern nach den Bedingungen ihrer Arbeit und mahnt Zuschauer und Politiker zum Mitgefühl. Ein boshafter britischer Kritiker nannte Redgraves Werk eine "amateurhafte Polemik zur Flüchtlingskrise", die "besser als Familienschatz gehütet worden wäre".
Ai Weiweis Film ist eine monumentale Großansicht des globalen Flüchtlingselends. In irritierend schönen Drohnenaufnahmen zeigt "Human Flow" Barackenlager in Kenia, Zeltstädte in Griechenland und hässliche Betonbauten im Gazastreifen. Ai Weiwei filmt Polizisten an den Grenzanlagen zwischen Mexiko und den USA und vom Regen durchnässte Kinder, Frauen und Männer am Grenzzaun zwischen Griechenland und Mazedonien. Immer wieder sieht man den Regisseur, dessen Team in 23 Ländern unterwegs war, selbst im Bild: wie er mit gezückter Handykamera Helfer befragt, wie er mit einem syrischen Mann Pässe tauscht, wie er mit dem Vater des toten Flüchtlingsjungen Alan Kurdi zu sprechen versucht. Vor anderthalb Jahren gab es empörte Reaktionen, als sich Ai Weiwei am Strand der Insel Lesbos in genau jener Haltung fotografieren ließ, in welcher der Leichnam des kleinen Jungen Alan angespült worden war. Auch für "Human Flow" bekam er ein paar böse Kritiken, die ihm Selbstinszenierung vorwarfen.
"Ich verstehe meinen Film als einen Akt der Ermutigung", sagt Vanessa Redgrave in Nürnberg, wo sie mit "Sea Sorrow" das Internationale Filmfestival der Menschenrechte eröffnet. "Ich möchte vom Horror und von der Angst all dieser Menschen erzählen. Und davon, dass wir alle verpflichtet sind, sie zu retten. Sehen Sie sich die Kinder an!" Sie redet sich in Rage. "Es ist ein Skandal, dass die EU diesen Kindern nicht helfen will. Niemand anderes als die Politiker der EU sind verantwortlich!" Der Deal mit der Türkei zur Verhinderung weiterer Flüchtlingsströme nach Mitteleuropa sei "inhuman" und verstoße gegen die Menschenrechtskonvention. Noch schlimmer: "Man bezahlt Konzentrationslager in Libyen, in denen Flüchtlinge gefoltert werden!" Ausdrücklich lobt Vanessa Redgrave die Politik Angela Merkels. "Sie ist eine mutige Frau. In Großbritannien sind die Politiker fast ausschließlich Feiglinge."
Ai Weiwei sagt in Berlin: "Mein Film soll begreiflich machen, dass diese Krise alle Menschen angeht." "Human Flow" sei kein journalistisches Werk und kein politisches Plädoyer, sondern ein Appell an die Kinozuschauer, Flüchtlinge als ihresgleichen zu begreifen. "Die Politik und die Wirtschaft in den reichen Ländern haben sich großartig entwickelt, Deutschland, China oder die USA haben in unfassbarem Ausmaß von der Globalisierung profitiert. Gerade deshalb ist es eine Schande, wenn die Bewohner dieser Länder vor dem, was in den armen Ländern passiert, die Augen verschließen." Ai Weiweis "Human Flow"-Aufnahmen sind immer wieder mit Gedichtzeilen berühmter Poeten geschmückt. Sie stehen in merkwürdigem Gegensatz zu den Zahlen, Fakten und Pressezitaten, die der Regisseur einblenden lässt: als wäre die Lyrik ein Gegengift zu düsteren Prognosen und Statistiken.
Er habe noch in China ohne Reisepass festgesessen, als er entschieden habe, seine Künstlerwerkstatt nach Lesbos zu verlegen, sagt Ai Weiwei. "Ich hatte keine Wahl. Ich wollte bei diesen Menschen sein." Fast jeden Tag erführen die Bewohner der reichen Länder von zerstörten Städten in Syrien oder Amokläufen in Las Vegas oder einem texanischen Dorf. "Wir werden mit solchen Nachrichten zugeschüttet und verlieren unser Empfinden für das, was Menschsein ausmacht." Ai Weiwei stockt eine Kunstpause lang. "Ich wollte am Strand von Lesbos sein und diesen Frauen und Männern und Kindern Respekt zeigen. Ich wollte ihnen sagen, dass ich mit ihnen leide."
Tatsächlich ist es anrührend zu beobachten, wie die beiden prominenten Flüchtlingsfreunde im Angesicht ihrer Schützlinge auftauen und aus ihren öffentlichen Rollen kippen. In "Sea Sorrow" sieht man die strenge, stets mit gerecktem Haupt durch Kulissen und Camps stapfende Vanessa Redgrave einige Male herzlich lachen, als sie mit Kindern scherzt oder sie beim Spielen anfeuert. In "Human Flow" tapert der bullige Künstler Ai Weiwei einmal völlig hilflos um eine weinende ältere Frau herum, die mit dem Rücken zur Kamera sitzt. Irgendwann steckt ihr der Regisseur verlegen zerknüllte Taschentücher zu.
"Human Flow" kommt nun in die deutschen Programmkinos, für "Sea Sorrow" wird Vanessa Redgrave wohl weder in Deutschland noch in Großbritannien einen Kinoverleiher finden. Man kann manche technischen, argumentativen oder erzählerischen Unzulänglichkeiten dieser Filme beklagen. Man kann sich bei der Erkenntnis ertappen, dass man sehr viele ähnliche Bilder arabischer und afrikanischer Flüchtlinge bereits gesehen zu haben glaubt in den vergangenen Jahren. Aber man muss schon sehr hartherzig sein, um die Begeisterung und den glühenden Willen zur Anteilnahme nicht zu spüren, die Vanessa Redgrave und Ai Weiwei in diesen Arbeiten angetrieben haben.
Beide zeigen Mut zum Pathos schon mit den Symbolen, die sie benutzen, um für ihre Botschaft zu werben. Vanessa Redgrave hat eine Rettungsdecke in ihr Hotelzimmer in Nürnberg mitgebracht. "Fassen Sie das Ding ruhig an", sagt sie. "Diese Decke macht für viele Menschen den Unterschied zwischen Leben und Tod aus."
In Berlin reicht Ai Weiwei dem Besucher ein Baumwollarmband mit der Aufschrift "Human Flow" über den Tisch. "Das ist ein Geschenk", sagt er. "Wer es trägt, hat begriffen, dass die Menschen aller Zeiten Flüchtlinge sind."
Von Wolfgang Höbel

DER SPIEGEL 46/2017
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