17.01.2000

„Wir müssen unabhängig bleiben“

Wie Bertelsmann-Chef Thomas Middelhoff auf die Fusion AOL/Time Warner reagieren will
Ungläubig schauten die Manager von Bertelsmann auf ihren Chef. Der hatte das Führungsgremium, das zum "Strategischen Planungsdialog" zusammengekommen war, mit einer Horrorvision erschreckt: Der OnlineDienst AOL könne dank seines hohen Börsenwerts auch Großkonzerne schlucken - etwa die Telefonfirma AT&T.
Die Spitzenmanager glaubten an eines der üblichen Rituale - Motivation durch Panik. Mit dem Satz: "Ich möchte nicht irgendwann als Abteilungsleiter bei Steve Case enden", hatte Thomas Middelhoff, 46, schon öfter Schnelligkeit eingefordert.
Auch diesmal also allgemeines Kopfschütteln. Ob er Witze mache, fragten die Manager ihren Vorstandsvorsitzenden. Das war Mitte November 1999.
Vergangenen Montag begriffen die Führungskräfte den Ernst der Lage. Der langjährige Bertelsmann-Partner AOL hatte den schärfsten Konkurrenten der Gütersloher gekauft, Time Warner aus New York. Filme, Musik, Zeitschriften und der AOL-Onlineclub werden künftig miteinander verzahnt.
Bertelsmann-Chef Middelhoff hat mit seiner Internet-Strategie nach Expertenmeinung stets richtig gelegen. Und dennoch wirkt sein Konzern plötzlich kleiner und deutscher als vorher. Die Allianz mit AOL, für Middelhoff ein Grundpfeiler, ist mehr als wackelig.
Der Deal habe "die Ruhe auf dem westfälischen Land erschüttert", kommentiert das "Wall Street Journal". Das Überbleibsel der einst stabilen Achse, die regionale Zusammenarbeit bei AOL Europe, sei "weit entfernt von der Vision, die Middelhoff mit seinem Einstieg bei AOL verbunden hatte". Die Fusion in Amerika, urteilt auch der "Economist", "schießt ein Loch in die Bertelsmann-Strategie".
Dabei sind die Karrieren von Middelhoff und Case eng miteinander verbunden. Als der Chef der Online-Firma 1995 Kapital brauchte, stieg Bertelsmann auf Drängen des neuen Multimedia-Vorstands Middelhoff mit fünf Prozent ein. Zugleich starteten die Partner ein Joint Venture für Europa.
Case, das war für Middelhoff mehr als irgendeine Geschäftsbeziehung. Es war sein Fluchtpunkt in der großen amerikanischen Medienwelt, es war der Treibsatz für den eigenen steilen Aufstieg. Allein der Wert der AOL-Beteiligung, mittlerweile auf 0,7 Prozent reduziert, übersteigt den Bertelsmann-Überschuss der letzten vier Jahre.
Auch Case profitierte. In den Gesprächen mit Middelhoff lernte der Ex-Marketing-Mann von Pizza Hut viel über die Medienindustrie. Am liebsten hätte er AOL mit Bertelsmann fusioniert. Das Medienhaus aus Deutschland sei besser als jeder andere Konzern auf die Internet-Ära vorbereitet, so seine Begründung.
Schon vergangenen Oktober bot der AOL-Gründer seinem "Freund Thomas" die Verschmelzung der Firmen an, in der Zentrale im US-Staat Virginia wurde fleißig gerechnet. Das deutsche Imperium war demnach 70 Milliarden Mark wert, Bertelsmann wäre größter Einzelaktionär von "AOL Bertelsmann" geworden.
Dann die Ernüchterung: Die Offerte stieß in Gütersloh auf kein Interesse. Der Eigentümer, die Bertelsmann-Stiftung, lehnte rundweg ab. Begründung: "Wir müssen unabhängig bleiben."
Das war's dann auch für Middelhoff. Den Sitz im Aufsichtsrat von AOL wird er spätestens im Herbst niederlegen.
All die geplanten Internet-Strategien sind nur noch Erinnerungsposten. Gemeinsame Telefondienste - keine Chance mehr. E-Commerce-Geschäfte mit den 17 Millionen AOL-Kunden in den USA - Time Warner hat das Vetorecht. Immerhin wollten AOL und Bertelsmann vor Monaten noch den US-Fernsehsender CBS sowie einen Musikkonzern kaufen.
Das Problem für Middelhoff: Eine Firma, die nicht an der Börse notiert ist und in der eine Vermögensverwaltung mit acht Personen das Sagen hat, muss anders klarkommen. Aber wie?
Wachstum aus eigener Kraft heißt nun die neue alte Parole. Und damit sich die Kraft etwas stärker entfalten kann, wird demnächst eine alte Konzernregel fallen: Bisher muss jede Investition mindestens 15 Prozent Rendite auf das eingesetzte Kapital abwerfen, eine aus Buchhaltersicht grundsolide Leitlinie. Jetzt wird an einer neuen Steuerungsgröße gearbeitet.
Im Zeitalter von kaufen oder gekauft werden ist mehr Wagemut gefragt. Middelhoff kann künftig großzügiger investieren und mehr Bankkredite aufnehmen. "Der Konzern ist jetzt entfesselt", sagt ein Spitzenmanager.
So stehen fürs Nächste Großeinkäufe auf dem Programm: Die Übernahme einer Musikfirma besitzt Priorität, Sony Music und EMI sind im Visier. "Ich will noch in diesem Jahr die Nummer eins im Musikgeschäft werden", erklärt Middelhoff. Bislang ist seine Bertelsmann Music Group die Nummer vier.
Auch im Fernsehen wollen die Gütersloher rasch zulegen. Bei der Luxemburger TV-Holding CLT-Ufa, an der Bertelsmann bisher nur 50 Prozent gehören, würden sie gern die Führung übernehmen.
In Frankreich und Spanien sollen Buchverlage gekauft werden, und in den USA lauern die Bertelsmänner auf die Chance, beim Umbau von Time Warner zu profitieren. Sollte etwa die Zeitschriftengruppe Time Inc. ("Time", "People") zur Disposition stehen, würde man gern zuschlagen.
Zusätzliche Milliarden für weitere Akquisitionen will Bertelsmann über die Börse eintreiben. Schon heute sind die Beteiligungen an den Firmen Barnesandnoble.com und Pixelpark knapp fünf Milliarden Mark wert. Als Nächstes sollen in den kommenden Wochen die Konzernableger Lycos Fireball (Internet-Suchmaschine) und BOL (Online-Buchhändler) den Anlegern verkauft werden. Und AOL Europe, eine gemeinsame Tochter von AOL und Bertelsmann, wurde jetzt in eine AG umgewandelt - offenbar eine Vorbereitung für den baldigen Börsengang.
Auch einen vorherigen Verkauf von AOL-Europe-Anteilen halten Experten für möglich. Es meldeten sich schon erste Interessenten, darunter Telekom-Chef Ron Sommer. Die 50-Prozent-Beteiligung ist über 20 Milliarden Mark wert.
Der Verkauf des 0,7-Prozent-Anteils am Mutterhaus AOL ist nur noch eine Frage der Zeit. Eine Finanzbeteiligung sei schließlich "kein Stammgeschäft", sagt Middelhoff: "Wir brauchen die nicht." HANS-JÜRGEN JAKOBS
Von Hans-Jürgen Jakobs

DER SPIEGEL 3/2000
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