Von Großbongardt, Annette
Manchmal, wenn Mosche Goralik auf die Weide fährt, macht er einen Abstecher zum Grenzzaun. Der liegt nur zweieinhalb Kilometer von seiner Siedlung entfernt. Durch den Maschendraht blickt der israelische Farmer auf die Anhöhen jenseits der Minenfelder, wo die syrischen Dörfer liegen. Goralik kann fahrende Autos ausmachen, Traktoren und bisweilen auch Menschen. Doch er erkennt nur Umrisse.
Gesichter von Syrern sah der religiöse Siedler nur während des arabisch-israelischen Sechs-Tage-Kriegs 1967. Schmutzig und blutverschmiert blickten sie ihm damals entgegen, als Goralik, 58, mit seinen Kameraden in zähem Nahkampf das Land eroberte, auf dem er heute lebt. Goralik glaubt inzwischen, dass hinter dem Zaun "gute Menschen" leben. "Sprächen wir von Volk zu Volk, hätten wir vielleicht schon längst Frieden." Aber das Dorf räumen, sein Haus samt dem alten Feigenbaum einem der syrischen Flüchtlinge überlassen, die damals vertrieben wurden? Dieser Preis für ein Abkommen mit Syrien ist Goralik zu hoch. "Ich bin mit dieser Erde verwachsen, ich habe hier Weinberge gepflanzt, Schafe und Rinder gezüchtet."
Während sich die israelisch-syrischen Verhandlungen in den USA dahinschleppen, heizt sich in Israel der Protest gegen einen Rückzug aus dem 1967 eroberten Gebiet auf. Das 1176 Quadratkilometer große Vulkanmassiv mit dem Berg Hermon galt bisher vor allem als strategischer "Schutzwall" Israels.
Vergangene Woche protestierte Goraliks Familie mit 150 000 Demonstranten in Tel Aviv gegen eine Rückgabe an Syrien - obschon sie in der Masse der Protestler für eine ganz besondere Gruppe stehen: Ihre Liebe zum Golan geht so weit, dass sie sogar dann nicht gehen wollen, wenn der Höhenzug unter syrische Hoheit zurückfällt. "Regierungen wechseln, Grenzen werden verändert, wir bleiben", ist sich Goralik sicher, "das Volk Israel war lange genug auf Wanderschaft."
Sollte es tatsächlich so weit kommen, wäre es das erste Mal in der Geschichte des Judenstaats, dass Siedler in einen arabischen Staat einwanderten. Er sehne sich keineswegs nach syrischer Herrschaft, betont Goralik, der Golan solle israelisch bleiben. Doch wenn es sein muss, "dann lerne ich eben Arabisch".
Goralik hat viel zu verlieren: Seine Siedlung Ramat Magschimim ist ein florierender Wirtschaftsbetrieb mit Viehherden, Weinbergen, Avocado- und Mangohainen sowie eigenem Hotel am See Genezareth.
Bereits vor Jahren gründete der studierte Agrarökonom einen Club von Gleichgesinnten, die "nie mehr Flüchtlinge werden wollen". Mindestens 2000 der 17 000 auf dem Golan lebenden Juden seien bereit, unter allen Umständen zu bleiben, schätzt Goralik.
Wie hartnäckig Premier Ehud Barak bei den Friedensverhandlungen mit Syrien auf einen Fortbestand der Siedlungen dringen will, ist indes unklar.
Folgt man einem Arbeitspapier der US-Regierung, hat Israel bislang tatsächlich den Abzug auf das Militär beschränkt und die Zivilisten zunächst ausgespart. Das bedeute "jüdische Siedlungen im syrischen Golan", folgerte die israelische Zeitung "Haaretz".
Ein solches Ansinnen war bisher undenkbar. Auch nach dem Friedensschluss mit Ägypten 1979 räumte Israel wie vereinbart den Sinai. Die israelische Armee musste widerstrebende Siedler mit Panzern, Kränen und Tränengas aus den Häusern treiben.
So geißelte Likud-Hardliner Ariel Scharon die Idee auch als "Trick" Baraks, um die Siedler zu besänftigen. Den zum Bleiben entschlossenen Siedlern wird in bissigen Kommentaren vorgeworfen, sie gäben die israelische Demokratie auf "für ihre schöne Aussicht". Andere bezweifeln, ob sie ihre Ankündigung im Ernstfall tatsächlich wahr machen würden.
"Wir brauchen kreativere Lösungen als bisher", beharren dagegen die Golanis. Es müsse doch mehr geben als "entweder kein Frieden und wir bleiben oder Frieden und alle werden evakuiert", sagt Scharon Jewzorei. Der junge Kibbuznik behauptet, er könne durchaus "mit israelischem Pass unter syrischer Polizeihoheit" leben.
Die Golanis gelten als Individualisten, die sich nicht vorstellen können, an einem anderen Platz in Israel zu leben. Im Vergleich zu den Siedlern des Westjordanlandes wirken sie gemäßigt. Viele haben den auf Ausgleich mit den arabischen Nachbarn bemühten Barak gewählt. Sie glauben, dass sie sich ihre Existenz auf dem Golan hart erarbeitet haben, indem sie blühende Landschaften anlegten - als gäbe es ein internationales Recht, das die gute Pflege besetzter Gebiete honoriert.
Dass der syrische Staatschef Assad jüdische Siedlungen auf dem Golan dulden könnte, hält Syrien-Experte Volker Perthes für ausgeschlossen: "Er will den ganzen Golan. Jede Siedlung wäre ein Relikt israelischer Okkupation." Für eine enge Nachbarschaft sei es nach jahrzehntelanger Feindschaft "viel zu früh".
Als die Israelis 1994 schon einmal mit dieser Idee vorfühlten, reagierte der syrische Regent auch völlig verständnislos: "Bisher wollte Israel immer, dass ich die Juden aus Syrien rauslasse. Und jetzt wollen sie zu mir zurück?"
Doch Mosche Goralik lässt sich nicht beirren. Vor einiger Zeit fragte er einen hohen deutschen Militär, ob er in seinem Fall genauso handeln würde. "Nach Frankreich oder Belgien ginge ich sofort", antwortete der Deutsche, "doch bei den Russen würde ich mir das sehr überlegen." ANNETTE GROßBONGARDT
DER SPIEGEL 3/2000
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