17.01.2000

USADie Gespenster von Littleton

14 Schüler und ein Lehrer starben beim Amoklauf der Teenager Dylan Klebold und Eric Harris in Colorado. Grausame Videos und Tonbandaufnahmen lassen den Alptraum für die Angehörigen weitergehen. Sie reagieren mit absurden Klagen und der Vergötterung eines Opfers.
Am Tag ihres Todes trug Cassie Bernall Blue Jeans und Doc-Martens-Stiefel. Cassie Bernall, 17, war ein amerikanischer Teenager und wie andere Teenager unsicher angesichts all der Fragen, die das Leben jungen Menschen stellt. Sie war sich zum Beispiel unsicher darüber, ob sie zu dick war und was sie mit den Jungs aus ihrer Klasse anfangen sollte.
Vor einiger Zeit hatte Cassie ihre Seele Satan geweiht, ihre Haut zerschnitten und in Briefen an ihre beste Freundin darüber sinniert, was sie mit ihren Eltern machen solle. "Mord ist die Antwort", hatte die Freundin geschrieben. Dann fuhr Cassie in ein Zeltlager, und danach sagte sie ihrer Mutter: "Ich glaube an Gott." Misty Bernall weint, wenn sie davon erzählt.
Cassies Mutter weiß, dass der Glaube ihrer Tochter oberflächlich war, weil er mit der fröhlichen Jugendgruppe der West Bowles Community Church zu tun hatte und weniger mit Überzeugung; endlich war Cassie in einer Gruppe willkommen. Doch was zählen Fakten, wenn so etwas geschieht wie in Littleton am Rande der Rocky Mountains? Details können stören, wenn eine Heilige benötigt wird.
Als Dylan Klebold, 17, und Eric Harris, 18, am 20. April 1999 um 11.17 Uhr ihren Amoklauf beginnen, liest Cassie Bernall in der Bücherei der Columbine High School in ihrem "Macbeth". Sie mag Shakespeare, aber sie hasst Macbeth - zu dunkel, zu brutal, zu satanistisch.
Dylan Klebold und Eric Harris legen drei Sätze Bomben aus: den ersten eine Meile von der Schule entfernt, eine falsche Fährte für die Polizisten; den zweiten in der Cafeteria, ein Feuerwerk für die Mitschüler, die davon auf den Parkplatz gescheucht und dort von den Attentätern mit Dauerfeuer erwartet werden sollen; den dritten in ihrem BMW, zur Begrüßung von Krankenwagen und Polizei. Doch keine der Bomben, die sie in der Garage zusammengebastelt haben, funktioniert.
Also Plan B.
Dylan und Eric warten zwei Minuten und marschieren auf die Schule zu. Sie schießen wahllos in die Gegend, zwei Kinder sterben. Hilfssheriff Neil Gardner, der in seinem Chevrolet ein Sandwich isst, rast herbei, schießt auf Harris und verfehlt ihn. Dylan und Eric erreichen das Gebäude, das für sie die Hölle war, wo sie verspottet wurden und nie dazugehörten.
Die Lehrerin Patti Nielson sieht sie und rennt in die Bücherei, wo Schüler im Magazin "People" lesen, studieren oder Bewerbungen schreiben. "Get down", schreit sie. Sie wählt 911, den Notruf. Als die Killer kommen, lässt sie den Hörer fallen.
Das Letzte, was Isaiah Shoels, 18, hört, ist das Wort "Nigger". Isaiah stirbt in der Bücherei. "So sieht das Gehirn von einem Nigger aus", sagen die Mörder.
Das Letzte, was Matt Kechter, 16, hört, ist ein spöttischer Spruch über Sportler.
Corey DePooter, 17, hört nicht mehr viel. Er hat den anderen von seinem Termin bei der Bank erzählt, die ihm am Nachmittag den Kredit für ein Auto geben will. Seine Mutter weiß, "dass der 20. April der schönste Tag seines Lebens sein sollte, so freute er sich". Corey ist sofort tot.
Und das Letzte, was Cassie Bernall, das Mädchen in den Doc-Martens-Stiefeln, hört, ist angeblich die Frage, ob sie an Gott glaube: "Do you believe in God?" Cassie, so schilderte es eine Überlebende, sagt "Yes". Der Killer schießt ihr ins Gesicht.
"She said Yes" ist der Titel des Bestsellers, den Misty Bernall, Cassies Mutter, zwei Monate nach dem Tod der Tochter schrieb. Es ist der Titel von Video-Dokumentationen und Websites; "Cassie Bernall" heißt das neue Jugendzentrum der im Wochentakt expandierenden West Bowles Community Church. Die Menschen in Littleton (US-Bundesstaat Colorado) tragen Cassie-Bernall-Sticker am Hemd und Cassie-Bernall-Aufkleber auf den Heckscheiben ihrer Autos.
"Es ist schwierig für eine Mutter, so etwas zu sagen", sagt Misty Bernall, "aber Cassie war eine Märtyrerin."
Die Menschen von Littleton brauchen eine Heilige. Irgendetwas für die Seele. Die Menschen von Littleton sinken vor Gesprächen auf die Knie und bitten Gott, dass sie "mit Deiner Hilfe die richtigen Sätze sagen"; es sind Menschen, die wie Coreys Mutter Patricia DePooter davon sprechen, dass die Mörder ihr Ziel verfehlt haben: Die 13 Opfer lebten schließlich bei Gott.
"Cassie Bernall weist uns den Weg zu Gott", sagt der Priester George Kirsten.
Das Problem ist, dass die Mutter mit diesem Buch, das die trauernde Familie reich gemacht hat, ein wenig hätte warten sollen. Das Problem ist, dasss die frohe Botschaft von der "modernen Märtyrerin" ("Washington Post") nicht stimmt.
Die Überwachungskamera, die den Amoklauf aufzeichnete, lief zwar ohne Ton. Doch weil die Lehrerin Nielson den Hörer nicht aufhängte, haben die Polizisten ein Band von dem, was am 20. April in der Bücherei tatsächlich geschah.
Tatsächlich lachen Dylan und Eric, und die Opfer kreischen. "Sch" macht einer, damit die anderen unter den Tischen den Mund halten. Als Eric Harris Cassie Bernall entdeckt, sagt er "Peekaboo"; so erschrecken sich amerikanische Kinder. Eric Harris stellt keine Frage, er sagt kein Wort von Gott.
Er presst Cassie den Lauf ins Gesicht und drückt ab.
DIE SUCHE NACH SINN
Vorstädte wie Littleton waren eine Zone der Geborgenheit", sagt Alisa Long, deren Sohn Eric, 15, verletzt wurde und überlebte, "alles hier war beschützt, ruhig, kein Krieg, nicht mal Rassismus kam uns jemals nahe. Die einzige Sorge der Leute war, ob die Denver Broncos die Football-Meisterschaft gewannen. Wenn dann so etwas passiert, reagieren wir extrem." Die Amerikanerin sagt "extremely extreme".
Man ist verständnisvoll und sehr nett in Littleton. Alle hier besitzen eine "Never forget"-Mütze und ein T-Shirt, auf dem vorne "We are ..." und hinten "... Columbine" steht. Sie klammern sich aneinander und suchen manisch nach Erleichterung.
Darum glauben sie in Littleton einerseits an die heilige Cassie Bernall - und darum marschieren sie andererseits vor Gericht. Sie beauftragen Anwälte und führen Prozesse: Eltern gegen Eltern, Eltern gegen die Schule, den Bezirk, den Sheriff, gegen alle, die helfen wollten an jenem 20. April und dabei vielleicht einen Fehler gemacht haben.
Inzwischen hat so ziemlich jeder der Hinterbliebenen ein Verfahren laufen. Wenn zum Beispiel die Eltern der Täter verurteilt würden, dann hätten die Eltern der Opfer Klarheit: Dann wäre alles nicht nur ein furchtbarer Zufall gewesen, dann wären die Biografien der heiligen Cassie und der teuflischen Dylan und Eric bis zum 20. April nicht so erschreckend deckungsgleich. Dann hätten sie selbst keine Fehler gemacht, denn dann hätten sie gewonnen. Und sie wären gute amerikanische Eltern und hätten gute amerikanische Kinder, die nie so etwas tun würden wie Dylan Klebold und Eric Harris.
Ja, wenn.
DIE ELTERN DER TOTEN KINDER
Michael Shoels, der Vater des ermordeten Isaiah, ist ein Schwergewicht, groß und breit, ein Mann mit gewaltiger Brille und Cowboyhut, goldenem Armband, goldener Uhr und goldenen Ringen. So steht er auf den Bühnen Amerikas, gestern in New York, Ohio oder Alabama und heute Abend in Dallas (Texas). Und er redet von guter, amerikanischer Erziehung und sehr viel von Schuld; der Schuld der anderen.
"Ich werde gefragt, ob ich die Eltern der Mörder anklage. Natürlich. Wen sonst könnte ich anklagen", schreit Shoels in den Saal, in dem ausschließlich Schwarze sitzen. "Ich habe meinem Sohn den Unterschied zwischen Recht und Unrecht beigebracht", schreit Shoels, "Isaiah hat keine Menschen erschossen. Er hat in der Bücherei gelernt." Die Zuhörer johlen und werfen Zehn-Dollar-Scheine in den Hut für Shoels, den Wanderprediger in eigener Sache. Der muss schließlich seinen Kampf finanzieren, der ihm am Ende 250 Millionen Dollar Schadensersatz von Thomas und Susan Klebold und Wayne und Katherine Harris einbringen soll, den Eltern der Mörder.
Zuerst kamen die Anwälte, so ist es immer in den USA. Dann verklagt jeder jeden, und am Ende weiß keiner mehr, wie es zur Zerstörung der Gemeinschaft kam.
Der Shoels-Familie stellte sich Geoffrey Fieger vor, jener Advokat aus Michigan, der alle vertritt, die ihm Millionen versprechen und eine Menge Aufsehen: Sterbehelfer, elfjährige Killer oder Erwachsene, die behaupten, von einer Talkshow zum Mord angestiftet worden zu sein.
Fieger ist ein Mann, der im Büro eine hölzerne Kopie seiner selbst stehen hat, einer, für den das Gericht ein Stadion ist und ein Prozess ein Wettkampf um viel Geld. Natürlich, das gehört zum Spiel, geht es im Fall Littleton um Prinzipien: "Was", fragt Fieger, "läuft mit unseren Kindern falsch? Die Eltern wissen die Antwort."
Das ist zweifelhaft. Sicher ist, dass die Familien Klebold und Harris bald bankrott sein werden. Geschworene, aufgehetzt von denen, die nach den guten republikanischen Werten rufen, werden sie mit ziemlicher Sicherheit verurteilen, und selbst wenn es vorher zu einer außergerichtlichen Einigung kommen sollte, werden sie zahlen, bis sie tot sind. Und bis dahin sind sie jene Rabeneltern, die im Wohnzimmer saßen, während ihre kleinen Monster in der Garage Bomben bauten.
Darum sitzen sie seit Monaten hinter zugezogenen Gardinen in ihren hübschen Häuschen am Stadtrand und trauern allein. Ihre Anwälte haben ihnen jede öffentliche Äußerung untersagt, aber vermutlich stellen auch sie sich die Fragen, die alle in Littleton beschäftigen: Was können, was müssen Vater und Mutter von einem Teenager wissen? Müssen Kinder überwacht werden? Abstrakter: Wann trägt jemand auch juristisch Verantwortung für etwas, was andere tun? Oder, schmerzhafter: Wieso werden moderne Eltern ihren Kindern nicht mehr gerecht?
Die Eltern der Täter haben Briefe an die Familien der Opfer geschickt. "Wir hätten unser Leben gegeben, um das zu verhindern", formulierten Wayne und Katherine Harris; "wir sahen nie Wut in Dylan bis zu diesen letzten Momenten seines Lebens, als wir in hilflosem Horror mit dem Rest der Welt zuschauten", schrieben die Klebolds. Diese Schreiben hat Michael Shoels, der Vater des toten Isaiah, nicht mal gelesen.
"Sie haben Kinder Hass gelehrt", sagt Shoels, "ich fühle nichts für diese Leute."
Es war drei Tage vor dem Amoklauf. Die Familie Shoels saß im Auto, als Isaiah fragte: "Was würdet ihr tun, wenn einer eure Kinder abknallt?"
"Junge, gibt es einen Grund für die Frage?", fragte Michael.
"Nein, war nur so ein Gedanke. Würdest du Waffen kaufen, Daddy?"
"Nein, würde ich nicht, Junge", sagte Michael, "aber ich würde gegen das Verbrechen anreden, bis ich sterbe." Das ist sein Schwur, deshalb wurde er ein Prediger gegen Rassismus. Rassismus, sagt Shoels, ist überall. 4,4 Millionen Dollar wurden zum Beispiel für die Opfer von Columbine gesammelt; für die Eltern jedes toten Schülers gab es 50 000 Dollar. Michael Shoels aber wollte auch ein neues Haus, weil er im alten ohne Isaiah nicht leben kann, und da er es nicht bekam, rief er zum Boykott der Hilfsorganisationen auf. Er hält jeden für rassistisch, der Nein sagt.
Littleton ist eine weiße Vorstadt für 33 700 Menschen. Die Häuser haben flache Dächer, überall flattern Stars and Stripes, Basketball-Körbe hängen über Garagen, in denen zwei Autos parken. Alle paar Meilen wiederholen sich die Ansammlungen von Parkplatz, Multiplex-Kino, Schnellrestaurants und Geschäften. Es ist wie überall in der amerikanischen Provinz, nur teurer. Zehn Meilen westlich liegen die ersten Skihänge der Rocky Mountains und zehn Meilen nördlich Downtown Denver. Es ist so teuer hier, dass in Columbine am 20. April von 2000 Schülern 19 schwarz waren.
Im September begann Michael Shoels damit, die Institutionen der Weißen zu verklagen, die Schule, in der Schwarze einer "Gehirnwäsche" unterzogen würden, die Stadt Denver, die Stadt Littleton, den Bezirk Jefferson, die Nachbarbezirke Arapahoe und Douglas. Zu "Columbine Hope", den Treffen der Angehörigen, jede Woche montags, ging er noch nie.
"Die wollen mich nicht", sagt Shoels.
"Er stellt sich selbst außerhalb der Gruppe und schadet uns und dem Andenken Isaiahs", sagt Patricia DePooter.
Und dann begannen die Recherchen über den Kläger. Der erste Reporter fand Michaels erste Frau, die sagte, dass er jahrelang seine 60 Dollar Unterhalt pro Monat nicht gezahlt habe. Der nächste entdeckte eine Vorstrafe: 1974 in Texas, für einen Einbruch in eine Apotheke. Ein dritter fand die gefälschten Schecks, mit denen er seine Spielschulden bezahlen wollte. Reporter Nummer vier meldete, dass Michael seine Vonda geheiratet hat, als Isaiah drei Jahre alt war. Michael Shoels ist nicht der leibliche Vater - was regt der sich auf?
"Wenn ich weiß wäre, würden sie mich anders behandeln und mich nicht für meine Trauer verurteilen", sagt Michael, der nun dasteht wie das größte Arschloch östlich der Rocky Mountains.
Er war nur der Erste. Insgesamt haben 19 Familien die Klageankündigungen gegen die Behörden ausgefüllt, die innerhalb von 180 Tagen nach der Tat fällig sind.
"Ich will Antworten", sagt Joe Kechter.
"Falls etwas bewiesen wird, machen wir die Eltern fertig", sagt Patricia DePooter. Selbst die Familie Klebold mischt vor Gericht mit; sie verklagt die Behörden, weil die sie nicht über Delikte des jungen Eric Harris informiert hätten; darum hätten die Eltern ihren Dylan auch nicht vor der schlechten Gesellschaft schützen können.
Donna Taylor, Mutter des schwer verletzten Mark, wollte sich heraushalten. Doch am letzten Tag vor Ablauf der Frist stieg sie mit Schriftsätzen gegen den Sheriff und die Schulverwaltung ein; dann traf sie Shoels und den Anwalt Fieger, und nun klagt auch sie gegen die Familien der Täter.
"Ich habe ihnen vergeben", sagt Donna Taylor, "aber Vergebung heißt nicht, dass es keine Konsequenzen gibt."
DIE FILME DER MÖRDER
In den Wochen vor dem 20. April hocken Dylan Klebold und Eric Harris in den Kellern ihrer Elternhäuser und drehen fünf Filme. Dylan sitzt breitbeinig da und kaut auf einem Zahnstocher, während Eric die Videokamera einstellt; dann setzt sich Eric neben seinen Freund, eine Flasche Jack Daniels in der Hand und eine abgesägte Knarre im Schoß.
Es werde genauso wie in dem Videospiel "Doom", sagt Harris, "tick, tick, tick, tick." Alle "Nigger, Juden, Schwulen, verfickten Weißen" müssten sterben. Und Klebold sagt: "Ich hoffe, wir killen 250 von euch." Das werde ein Kick, das werden "die 15 nervtötendsten Minuten meines Lebens werden, nachdem die Bomben gezündet sind und wir darauf warten, in die Schule zu gehen. Sekunden werden wie Stunden sein. Ich kann es nicht erwarten".
Da sitzen zwei Halbwüchsige, die Phantasien haben wie viele Halbwüchsige, aber diese zwei meinen es ernst. Sie quasseln von "Revolution", von ihrem "Judgment Day", ihrem Tag des Jüngsten Gerichts, und von dem Film, der bald über sie gedreht werde; Tarantino oder Spielberg seien geeignete Regisseure, sagen sie. Und sie kündigen an, die Überlebenden wie Geister zu plagen. Es ist bizarr: Das haben sie mit ihren Kellerfilmen inzwischen erreicht.
Jeder in Littleton will die Dinger sehen. Zuerst lagen sie im Schrank des FBI. Dann druckte "Time" erste Auszüge, und nach und nach kamen Kopien ans Licht.
"Dylan und Eric sind die Gespenster von Littleton", sagt Vickie DeHoff.
Früher ging ihre Tochter Krysti, 17, mit Dylan, dem Killer, am West Hoover Place schwimmen. Heute sagt Krysti: "Weine nicht, Mami, ich habe nur zwei Leichen gesehen." Als sie am 20. April aus der Schule floh, schlugen über ihr Kugeln ein.
Vickie DeHoff ist eine dieser Mütter, die für vier Kinder häkeln und kochen, deren Männer Republikaner sind und die in ihrem Wohnzimmer zwischen Porzellanpuppen und Plastikblumen sitzen und nicht begreifen, was mit der heilen Welt passiert ist. Denn das Trauma hört nicht auf. Ihre Tochter Krysti träumt, dass Dylan und Eric sie holen; den Unabhängigkeitstag, das Feuerwerk, konnte sie nur mit Watte in den Ohren aushalten; wenn sie einen Hubschrauber hört oder eine Sirene oder wenn jemand eine Plastiktüte im Einkaufszentrum fallen lässt, denkt das Kind, es geht wieder los.
Die meisten Menschen hier nehmen Tabletten. "Zuerst dachte ich, ich könnte nie wieder lächeln", sagt Patricia DePooter. Sie schaut auf das Foto an der Wand, das Corey mit Angel und Beute, einem mächtigen Fisch, zeigt, und fängt wieder an zu weinen. Patricia trägt Nike-Turnschuhe und am Kragen das Foto ihres toten Sohnes. Sie erzählt, dass Corey zur Marine will, dass er keine Freundin hat, weil er sich sein Geld fürs Zelten und Fischen aufsparen will - und dann sagt sie: "wollte", denn "er kommt ja nicht wieder".
"Es ist so schwierig, wieder in diese Schule zu gehen", sagt Coreys Schwester Jena, 15, "das ist der Ort, wo mein Bruder umgebracht wurde."
Diese Angst macht krank. Wenn ein Schüler im Supermarkt ein T-Shirt mit der Aufschrift "Es steht 13 : 2 für uns" trägt, lassen die Menschen von Littleton ihn einsperren. Zu Hause können sie den Weihnachtsschmuck nicht entfernen. Sie sitzen da und beten. 550 Therapiestunden hat die Schulleitung gezählt. Und an dem Tag, als die schwer verletzte Ann-Marie erstmals ihre Beine bewegte, brachte sich ihre Mutter um. "Das 16. Opfer", sagen die Leute.
"Wir haben keine Kraft mehr", sagt Vickie DeHoff, "und jeder hat Angst, dass er die nächsten Killer großzieht. Wir schauen panisch auf jedes Zeichen."
Dylan und Eric konnten sich in Ruhe vorbereiten, da sie wussten, dass niemand hinsah. Sie bedrohten Mitschüler auf ihrer Website, kauften Waffen, horteten Zeitzünder in den Schubladen ihrer Kinderzimmer, verfassten blutrünstige Gedichte im Kurs für kreatives Schreiben. Keiner setzte das Puzzle zusammen. Vorher.
Jetzt tun es alle in Littleton. Und die Mörder helfen ihnen dabei, denn warum sie es getan haben, das erzählen Dylan und Eric, die Videostars, die beschlossen hatten, ihre Wut nicht mehr mit dem Antidepressivum "Luvox" zu dämpfen.
"Bau mehr Wut auf, mehr Wut", sagt Eric Harris.
Eric erinnert daran, wie er ständig umziehen und immer wieder "am unteren Ende der Leiter anfangen" musste, weil sein Vater bei der Armee war. Alle hätten ihn ausgelacht, "mein Gesicht, meine Haare, meine Hemden".
"Wenn ihr nur diese Wut sehen könntet, die ich in den vergangenen vier verfickten Jahren aufgebaut habe", sagt Dylan Klebold.
Dylans Bruder Byron, ein Football-Spieler, war beliebt in der Schule, wo die Sportler die schönsten Mädchen kriegen und Verständnis für schlechte Klausuren. Dylan fühlte sich nie verstanden, seine Familie habe ihn "zu dem gemacht, was ich bin. Ihr habt zu der Wut beigetragen". Also "werde ich euch alle töten".
Die zwei gehören nirgendwo dazu, nur zu der Gruppe von Außenseitern, die schwarze Mäntel tragen. Diese Jungs lieben Filme wie "Reservoir Dogs" und Nazi-Musik. Eric Harris tauft sich "Reb", das ist eine Kurzform von "Rebell"; so nennen sich die Schüler von Columbine.
Und Dylan Klebold kombiniert wie ein Rapper seine Initialen mit seinem liebsten Drink: "VoDKa". Diese Buchstaben graviert er in die Bomben ein, mit denen er ein letztes Mal zu seiner Schule fahren wird.
Es ist früh am Morgen des 20. April, als sie ihren letzten Film drehen.
"Es ist eine halbe Stunde vor dem Tag des Jüngsten Gerichts", sagt Klebold. Dann, zu seinen Eltern: "Ich habe das Leben nicht sehr gemocht. Ihr sollt nur wissen, dass ich zu einem besseren Platz gehe." Klebold nimmt Harris die Kamera ab, und Harris sagt: "Ich weiß, dass meine Mutter und mein Vater geschockt sein werden. Ich kann es nicht ändern." Klebold fällt ihm aus dem Off ins Wort: "Es ist das, was wir tun mussten." Darauf Harris: "Das war's. Sorry. Goodbye."
"Da waren sie längst von Satan besessen", sagt der Pfarrer George Kirsten.
DIE RACHE DER VÄTER
Die Trauernden von Littleton treffen sich in der West Bowles Community Church. West Bowles ist Cassie Bernalls Kirche, denn hier hat Pfarrer Kirsten vor 18 Jahren Cassies Eltern verheiratet, und hier wurde aus der Satanistin Cassie die Heilige von Littleton. Die Kirche boomt; es wird angebaut, seit das Fernsehen da war und die Spenden kamen.
Kirsten, ein weißhaariger Herr, ist ein Vietnam-Veteran, der als Einziger den Abschuss seines Hubschraubers überlebte - deshalb wurde er Priester.
Im Juni hatte er eine Idee. Gleich hinter der Kirche, wo das Volleyballfeld für die Jugendgruppe ist, legte er einen Gebetspark an: 15 Linden in einem Halbkreis, eine für jeden Toten, also auch eine für Dylan und Eric, die beiden Mörder.
"Denn Gott sagte zu Moses: Liebet eure Feinde", sagt Kirsten.
An einem Sonntag, als gerade ein Gottesdienst war und 1600 Leute in der Kirche, rückten die guten Menschen von Littleton an, jene, die gegen Gewalt sind, und sie waren mit Mützen und Abraham-Lincoln-Masken vermummt. Der Pfarrer erkannte zwei Väter ermordeter Schüler, Brian Rohrbough und Al Velasquez. Sie stapften zu den Bäumen, nagelten Namensschilder an die Stämme, die Namen "Dylan Klebold" und "Eric Harris" an die mittleren. Dann packten sie die Sägen aus.
"Jede Linde hat 750 Dollar gekostet", sagt Kirsten, "und warum haben sie die mittleren genommen? Eine davon war für Cassie Bernall bestimmt."
Sie taten es, sagt Rohrbough, weil sie nicht wissen, wohin mit ihrer Wut. Warum musste auch alles schief gehen am 20. April?
Bereits um 11.29 Uhr, als der Notruf kommt, weiß die Polizei, dass die Killer in der Bücherei sind. Sie haben Cassie Bernall und die anderen erschossen. Gegen 20 vor 12 verlassen Klebold und Harris die Bücherei und steigen die Stufen hinab in die Cafeteria. 500 Taschen liegen dort, vier Schüler haben sich versteckt, die anderen sind geflohen. Die Mörder, das zeigen die Videos der Überwachungskameras, trinken aus herumstehenden Bechern, feuern aus dem Fenster und gehen wieder die Treppe hoch.
Um zwölf Uhr sind sie zurück in der Bücherei; sie sehen, dass draußen Polizei und Sonderkommandos zum Sturm auf das Gebäude rüsten. Der Tag des Jüngsten Gerichts ist vorbei. Klebold zündet die letzte Bombe, Harris schießt sich in den Kopf, Klebold sieht zu und erschießt sich dann selbst. Um 12.05 Uhr sind die Killer tot.
Doch erst um 15 Uhr finden die Leute vom Einsatzkommando den Lehrer Dave Sanders; der ist wenige Minuten zuvor verblutet. Drei Stunden sind verstrichen, und das, so die Eltern von Littleton, rechtfer- tigt jede Klage. "Wenn 500 Profis in die Schlacht ziehen und keiner mit einem Kratzer wieder rauskommt, während Kinder sterben, ist etwas faul", sagt Dale Todd, Vater des verletzten Schülers Evan.
"Wir wussten nicht, dass die beiden tot waren", sagt ein Polizist aus Denver. "Alle Telefonleitungen waren überlastet, kaum einer von uns hatte Ausrüstung da, alle wurden überrascht, und die Schüler, die rauskamen, schrien durcheinander und gaben uns unterschiedliche Informationen."
Ist das Versagen also 1, 2, 100 oder 300 Millionen Dollar wert?
DER SIEG
Die Bücherei der Columbine High School ist mit Schränken verrammelt; wer sich nicht auskennt, ahnt nicht, dass es die Bücherei jemals gab. Die Cafeteria ist frisch gestrichen, acht Hocker sind um jeden Tisch herum festgeschraubt, zwei Pepsi-Automaten stehen in der Ecke. Und hinter dem Haupteingang hängt das Poster, das die Eltern gepinselt haben: "We love you Rebels. Your Parents."
Denn heute spielen die Schüler, die sich Rebels nennen, im Finale der Football-Meisterschaft von Colorado gegen die Cherry Creek High School. Columbine gewann den Titel noch nie, Cherry Creek allein fünfmal im letzten Jahrzehnt. Niemanden hassten Dylan Klebold und Eric Harris so sehr wie die "Jocks", die Sportler.
Alle sind im Stadion, auch Schulleiter Frank DeAngelis, der wie alle sein "We are ... Columbine"-Shirt trägt. Nur die Spieler tragen die Trainingshemden mit der Nummer 70. Die Nummer 70 war Matt Kechter.
Jeden Tag geht Ryan Barrett, 16, an das Grab seines besten Freundes. "Weißt du, heute spiele ich das größte Football-Spiel meines Lebens. Ich bin nervös. Ich vermisse dich", hat er heute Morgen geflüstert. Dann kam er ins Stadion. Columbine liegt 0 : 14 zurück und siegt 21 : 14.
"Wenn Gott mit uns ist, kann niemand gegen uns sein", sagt Trainer Andy Lowry.
"Sie konnten nicht verlieren. Sie haben ihre ganze Saison meinem Sohn gewidmet", sagt Joe Kechter.
"Wir hatten den Schrecken", sagt Trainer Lowry, "und wir haben den Triumph. Nun ist unser Leben wieder normal."
KLAUS BRINKBÄUMER
Von Klaus Brinkbäumer

DER SPIEGEL 3/2000
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