17.01.2000

Kosovo (III):Der etwas andere Krieg

War der Angriff auf die chinesische Botschaft von Belgrad doch kein Irrtum? Plante die Nato heimlich den Bodenkrieg? Warum knickte Milosevic wirklich ein? Sieben Monate nach dem Ende der Kampfhandlungen auf dem Balkan lassen sich einige dieser Rätsel lösen. Von Erich Follath
Während der ersten Tage des Krieges hatte die Diplomatie keine Chance: Da glaubten die meisten Politiker im Westen und viele Nato-Militärs noch an eine baldige Kapitulation Milosevics. Bei den täglichen Pressekonferenzen wurden die Bomben-Treffer vorgestellt und ihre Präzision gepriesen. Doch bald schon ist unbestreitbar, dass sich die Lage der Kosovo-Albaner durch die Nato-Angriffe nur verschlimmert: Belgrads Diktator intensiviert seine Vertreibungskampagne, Brüssel muss erste zivile Opfer einräumen. Zwei Wochen nach Kriegsbeginn sind 430 000 Menschen auf der Flucht aus dem Kosovo.
Dem deutschen Außenminister und Vorzeige-Grünen Joschka Fischer ist klar, dass die deutsche Öffentlichkeit - vor allem aber seine Partei - Bombardierungen nicht unbegrenzt tolerieren wird. Bei den letzten Versuchen, den Krieg diplomatisch zu verhindern, ist die unerfahrene deutsche Regierung an den Katzentisch verbannt worden. Nun haben die Amerikaner das militärische Handeln völlig an sich gerissen.
"Da gingen die Türen zu, und die machten, was sie wollten", sagt ein hochrangiger europäischer Diplomat in Brüssel. "Es war für uns eine schmerzliche Erkenntnis: Wenn''s ernst wird, bestimmen in der Nato nur noch die USA."
Fischer setzt auf Diplomatie, "auch im Hinblick auf unseren Eigennutz und die innenpolitische Lage", wie er zugibt: Ein Sonderparteitag der Grünen steht an. Der deutsche Außenminister lässt von seinen Beamten einen Friedensplan ausarbeiten, wie Milosevic zum Einlenken gebracht werden könnte. Ein wesentliches Element soll dabei die Einbeziehung der Russen spielen. In Washington wie in Moskau ist die Reaktion auf die Fischer-Initiative anfangs recht kühl, in der US-Presse spottet man sogar über die deutschen "Friedensaktivisten".
Das beginnt sich erst zu ändern, als es Fischer in einem langen Gespräch gelingt, die eisenharte US-Außenministerin Albright so weit "aufzuweichen", dass sie neben dem militärischen ein diplomatisches Gleis wenigstens erwägt: "Es war am 12. April, an meinem Geburtstag, und wird mir immer in Erinnerung bleiben", sagt Fischer.
Genauso wichtig für den Friedensprozess: Zwei Tage später ernennt der russische Präsident - statt des Apparatschiks Jewgenij Primakow - den wendigeren Wiktor Tschernomyrdin als seinen Sonderbeauftragten für den Balkan. Zu dem Pragmatiker haben die Deutschen beste Drähte. Tschernomyrdin hat man in Bonn manchen Gefallen getan, auch privat: So wurden für ihn unter falschem Namen Spezialuntersuchungen in einer Mainzer Klinik arrangiert.
Im Vorfeld zum Nato-Gipfel in Washington, der gleichzeitig eine Jubiläumsfeier zum 50-jährigen Bestehen der Organisation (mit den neuen Mitgliedern Polen, Tschechien, Ungarn) ist, kommt es dann fast zum Eklat: Der französische Präsident ist beleidigt, weil er sich bei der Auswahl der Bombenziele auf dem Balkan von den Amerikanern übergangen fühlt. Er kündigt an, nach dem ersten Tag abzureisen. Clinton gelingt es schließlich, Chirac zu überreden. Auszüge aus einem geheimen White-House-Protokoll: "Ich bin froh, dass Sie es möglich machen, bis zum Schluss zu bleiben. Ihr vorzeitiger Abgang wäre als Ausdruck unserer Uneinigkeit gewertet worden und hätte Milosevic ermutigt."
Auch die Briten müssen kurz vor Konferenzbeginn gesondert befriedet werden. Der stets als Falke auftretende Premier Blair will unbedingt die Vorbereitung der Allianz auf einen Bodenkrieg vorantreiben. Die Deutschen sind dagegen. Wieder ist der amerikanische Präsident als Schlichter tätig - und als entscheidende Instanz.
An seiner Seite agiert und argumentiert Javier Solana. Der Nato-Generalsekretär, bärtig und mit Randlosbrille, dabei stets leicht gebeugt und verlegen lächelnd, wirkt auf Außenstehende wie der Prototyp eines weltfremden Professors. Solana ist Professor (für Festkörperphysik), aber eher knallhart als versponnen. "Die Stürme des Lebens", wie der Madrilene sagt, haben ihn mächtig umgetrieben: Solana agitierte während der Franco-Diktatur im Untergrund für die verbotenen Sozialisten, kämpfte als linker Kultusminister gegen Spaniens Nato-Beitritt - und wandelte sich vom Nato-Saulus zum Nato-Paulus. So überzeugend, dass ihn 1995 auch die politische Führung der USA für den Chefposten in Brüssel vorgeschlagen hat.
Beim Washingtoner Gipfelbeginn am 23. April 1999 zeigt sich die Nato nach außen hin als ein Herz und eine Seele. Die 19 Mitglieder und 25 Partnerschaftsstaaten (darunter auch die russischen Nachbarn Georgien und Ukraine) machen Eindruck - auch auf Boris Jelzin. Am zweiten Konferenztag gibt es den ersten Durchbruch in Richtung einer diplomatischen Lösung. Der russische Präsident lässt sich - so ein Vertrauter zum SPIEGEL - direkt zu Solana durchstellen. Jelzin, der die Nato noch zwei Wochen zuvor vor einem "drohenden Weltkrieg" gewarnt hat, fragt in Washington nach, was er für den Frieden tun kann.
Einzige Bedingung: Die Vereinten Nationen müssten in eine Regelung involviert sein - und die Deutschen sollten dabei eine besondere Rolle spielen.
FRAGE 9: Haben die Deutschen
und die Russen für
die Nato den Frieden erzwungen?
Die Zeit drängt. Allen westlichen Politikern ist bewusst, dass die Flüchtlinge nicht mehr lange in den überfüllten Lagern von Mazedonien und Albanien bleiben können: Das politische Gleichgewicht der jugoslawischen Anrainerstaaten ist durch den Krieg inzwischen extrem gefährdet. Sollte das Kosovo bis zum Spätherbst nicht befriedet sein, würden die ethnischen Säuberungen wohl unumkehrbar. Milosevic kann auf Zeit spielen, der Westen nicht. Die Nato braucht für ihr Selbstverständnis einen Sieg, und der hat nach den Worten des britischen Liberaldemokraten Paddy Ashdown eine eindeutige Messlatte: "Dies ist der erste Krieg in der Geschichte, der für Flüchtlinge geführt wird. Wenn die Vertriebenen nicht zurückkehren, haben wir verloren."
Am 22. April schickt Jelzin seinen neuen Balkan-Sonderbeauftragten Tschernomyrdin nach Belgrad. Tschernomyrdin kennt Milosevic schon lange und war auch in Paris bei der Unterzeichnung des Bosnien-Friedensabkommens 1995 dabei. Es wird der Erste von fünf dramatischen Besuchen: über 40 Stunden intensive Gespräche im kleinen Kreis.
Wladimir Markow, Ex-Chef der staatlichen Nachrichtenagentur Nowosti, ist an Tschernomyrdins Seite für die Russen immer dabei. Er schildert die Gesprächsatmosphäre so:
Wir machten von Anfang an klar, dass wir nicht als Verbündete Belgrads gekommen waren wie noch der letzte Moskauer Unterhändler Primakow. Dennoch tranken wir viel und duzten uns alle bald. Während die anderen Mitglieder seiner Delegation gelegentlich dösten, war Milosevic stets hellwach. Er gab russische Lieder zum Besten. Er zeichnete aus dem Kopf Einsatzpläne auf. Er war charmant - und manchmal tobte er auch theatralisch, wenn er uns für zu kompromissbereit hielt. Wie ernst die Kriegslage war, sahen wir schon daran, dass Milosevic seinen Dienst-Mercedes vor den Bomben versteckt hatte, im Hof unter Bäumen, mit Planen bedeckt. Und dass einer seiner engsten Berater ständig mit blassem Gesicht aus dem Sitzungssaal lief, um sich zu erkundigen, ob Frau und Kinder okay seien: Sein Privathaus lag direkt neben einer Kaserne, die schon einmal bombardiert worden war.
Am 6. Mai 1999 einigen sich die Außenminister Russlands und der sieben führen-
den westlichen Industrienationen auf dem Petersberg bei Bonn dann auf gemeinsame Grundsätze zu einer politischen Lösung auf dem Balkan. Sie beinhalten den Rückzug der serbischen Armee und der Spezialpolizei aus dem Kosovo. Erstmals ist die Rede von zivilen und militärischen "Sicherheitspräsenzen" in der umkämpften Provinz. Die internationale Truppe soll formal vom Sicherheitsrat der Vereinten Nationen abgesegnet werden.
"Ein großer Fortschritt", urteilt Außenminister Fischer. Am 7. Mai empfängt er - auf Vermittlung des SPIEGEL - Dragomir Karic, den Sonderemissär von Milosevic, zu Geheimgesprächen in Bonn und muss sich dafür eigens eine Genehmigung von US-Außenministerin Albright einholen. Am selben Tag geht die chinesische Botschaft in Belgrad in Flammen auf - und alles ist wieder gefährdet.
FRAGE 10: War der Angriff auf
Chinas Botschaft ein Irrtum der CIA - oder doch Absicht?
Am 7. Mai 1999 um zehn Minuten vor Mitternacht lädt ein amerikanischer Tarnkappenbomber seine tödliche Last auf die Botschaft der Volksrepublik China in Belgrad ab. Es sind drei Lenkbomben mit Autopilot und Satellitensteuerung - die U. S. Air Force hat zu diesem Zeitpunkt nur mehr wenige dieser hochmodernen "Bomben mit Hochschulabschluss" ("FAZ").
Die gesamte Hausfassade in Richtung Tresnji-Cvet-Straße stürzt ein, alle Stockwerke werden schwer beschädigt. Bei dem Angriff sterben die drei chinesischen Journalisten Xu Xinghu, 31, seine Frau Zhu Ying, 27, (beide von der Zeitung "Guangming Ribao") sowie Shao Yunhuan, 48 (der für die Nachrichtenagentur Xinhua und auch für den chinesischen Geheimdienst tätig ist). Mehr als ein Dutzend Botschaftsangehörige, unter ihnen der Militärattaché sowie die Ersten Sekretäre, werden schwer verletzt.
Nato-Generalsekretär Solana ist in Berlin, als er von dem Angriff hört. Es ist das erste Mal seit Beginn des Krieges, dass er Brüssel den Rücken gekehrt hat - für 24 Stunden. Er hat vor der Arthur-Burns-Stiftung einen Vortrag gehalten, davon gesprochen, "wie gut der Krieg läuft". Um halb zwei Uhr morgens erfährt er vom Angriff auf die Botschaft. Sein erster Gedanke, den er gegenüber einem seiner deutschen Gastgeber äußert: "Eine Katastrophe, ein Alptraum. Das Entsetzlichste, was passieren konnte - nur die Zerstörung der russischen Vertretung in Belgrad wäre noch schlimmer gewesen."
Solana entschuldigt sich gleich frühmorgens telefonisch beim chinesischen Botschafter in Brüssel. Doch er ahnt: Mit diesem Kotau dürfte es nicht getan sein. Überall in der Volksrepublik werden die Anti-Nato-Wellen hoch schlagen. Alle Friedensbemühungen sind zurückgeworfen, denn der Westen braucht Peking, um eine Regelung für den Balkan festzuzurren. Eine diplomatische Lösung ist allein unter Einbeziehung der Vereinten Nationen möglich - und dort hat die Volksrepublik als permanentes Sicherheitsratsmitglied ein Veto-Recht.
Auch Bundeskanzler Schröder trifft es besonders schwer. Sein lange geplanter, viertägiger Staatsbesuch in China steht unmittelbar bevor; er kürzt ihn zu einem eintägigen Arbeitsbesuch.
Innerhalb der Nato beginnt eine fieberhafte Suche nach den Schuldigen an diesem "tragischen Vorfall" (so US-Präsident Clinton). Schnell ist geklärt, dass die Amerikaner den Angriff geflogen haben, und zwar mit einem B-2-Bomber, der von einer Militärbasis in den USA gestartet ist. Ungewöhnlich sind solche Flüge - vorbei an den Nato-Gremien - durchaus nicht; die Zielauswahl ist eine fast ausschließlich amerikanische Angelegenheit. Paris und London haben ein Einspruchsrecht, aber das betrifft nur die offiziell in Brüssel diskutierten Targets. Über alle Operationen ihrer Tarnkappenbomber erstatten die Amerikaner erst im Nachhinein Bericht.
In den USA arbeiten mehrere Behörden an Erklärungsversuchen für den Angriff. Der amerikanische Geheimdienst übernimmt bald die Verantwortung. CIA-Chef George Tenet äußert sich am ausführlichsten vor einem Geheimdienst-Ausschuss des amerikanischen Parlaments:
Es war das einzige Angriffsziel, das wir von der CIA vorgeschlagen haben. Die Episode ist ungewöhnlich, weil die CIA normalerweise nicht auf sich allein gestellt Zielplanung mit den Koordinaten spezifischer Einrichtungen und Gebäude betreibt. (Wir verwendeten) eine fehlerhafte Technik bei der genauen Bestimmung des Ziels. Nachdem wir einmal das Ziel falsch identifiziert hatten, blieb es dabei. Es gab keine warnende Einschränkung.
Geht man den Aussagen des Geheimdienstchefs Tenet und des Vize-Verteidigungsministers John Hamre nach, ist Folgendes passiert: Das Pentagon suchte Anfang Mai dringend neue Ziele, nachdem die vorgesehenen Angriffspunkte alle bombardiert waren und befragte dazu auch den Geheimdienst. Die CIA schlug die Zerstörung einer großen Waffenhandelsfirma vor, die den Geheimdienstlern schon lange ein Dorn im Auge war: Die Waffenschieber von Belgrad hatten durch ihre Verkäufe modernen Kriegsgeräts an Staaten der Dritten Welt Milosevics Armee in erheblichem Ausmaß mitfinanziert.
Die korrekte Adresse der Waffenfirma wollen die CIA-Analytiker dann aber falsch lokalisiert haben - just an der Stelle, wo sich der Neubau der chinesischen Botschaft befand. Die ihnen vorliegenden beiden jugoslawischen Stadtpläne stammten von 1989 und 1996, der amerikanische von 1997. Auf allen drei Plänen sei die 1996 errichtete diplomatische Vertretung der Volksrepublik nicht verzeichnet gewesen.
Auch beim letzten Check keine Warnung: Datenbanken erfassten zwar alle Sperrgebiete wie Kirchen, Krankenhäuser und ausländische Gesandtschaften - aber selbst in diesen Informationsspeichern war nach Angaben der CIA Chinas diplomatische Vertretung in Belgrad noch nicht erfasst.
Nato-Zielplaner im italienischen Aviano halten das für höchst unwahrscheinlich - "an der Geschichte ist so ziemlich alles faul", meinen mehrere Auswerter gegenüber dem SPIEGEL. Nach Informationen der Fachleute war die chinesische Botschaft in den Nato-Karten sehr wohl korrekt verzeichnet und mit den entsprechenden Alarmsignalen als Sperrzone ausgewiesen. Dass ausgerechnet die Amerikaner, sonst stets auf dem letzten Stand, nur über "vorsintflutliche" Karten und nicht über Kopien des Aviano-Materials verfügt haben sollen, "widerspricht dem gesunden Menschenverstand" (so die Nato-Quelle). Die Amerikaner hätten das Ziel absichtlich von der Verbotsliste gestrichen und bombardiert - aus übergeordneten Gesichtspunkten.
Warum aber sollten die CIA, das Pentagon oder gar der US-Präsident selbst ein solches Risiko eingehen? Wer konnte die schwerwiegenden diplomatischen Verwicklungen ignorieren - oder womöglich ein Interesse an solchen Verwerfungen haben?
Der chinesische Militärattaché Ren Baokai, bei der Botschafts-Bombardierung schwer verletzt, sprach noch wenige Stunden vor der Attacke mit seinem jugoslawischen Freund, dem Präsidenten des "Forums für Völkerverständigung" Dusan Janjic. Pekings Mann erzählte sensationelle Neuigkeiten: Chinesische Experten in der Botschaft hätten damit begonnen, die Cruise-Missiles-Angriffe auf Belgrad auszuwerten, um für die jugoslawische Regierung militärische Gegenmaßnahmen zu entwickeln. Auch die Recherchen der britischen Wochenzeitung "Observer" ergaben für die Bombardierung einen plausiblen Grund. Die Nato hatte demnach einen Sender geortet, der Nachrichten an die Todesschwadronen des gesuchten Kriegsverbrechers Arkan aussendete. Die Funksignale kamen zunächst aus der Residenz des Präsidenten Milosevic. Als diese am 22. April zerstört wurde, waren die Peilungen verschwunden - bis sie 24 Stunden später vom Gelände der chinesischen Botschaft in Belgrad wieder auftauchten.
Peking hatte sich demnach zur Kriegspartei gemacht: aus Ärger über die Nato, aus Konkurrenzdenken gegenüber den passiven Russen, aus Interesse an Hightech-Waffen (vor allem an dem von den Jugoslawen abgeschossenen amerikanischen Tarnkappen-Jagdbomber).
Die Nato bleibt bis heute bei ihrer Darstellung vom "schrecklichen Irrtum". Die Volksrepublik China nimmt keine Stellung zu der möglichen Verwicklung ihrer Diplomaten in den Krieg. Die CIA will ihre Databasen modernisieren und ihre Entscheidungswege überprüfen, "damit so etwas nicht noch einmal vorkommen kann".
FRAGE 11: Warum gab Milosevic
auf - und was spielte
sich ab in der entscheidenden Nacht?
Auch nach dem Botschafts-Desaster reißt die Serie der "Kollateralschäden" nicht ab. Bomben allein werden den Krieg nicht beenden, jede diplomatische Lösung muss einen Wiederaufbauplan für den Balkan einschließen, denkt Joschka Fischer. Und flankierende Maßnahmen gegen die mafiose Führungsschicht Jugoslawiens, wie das von der EU ausgesprochene Einreiseverbot gegen die reichen Geschäftsleute im Dunstkreis des Milosevic-Clans. Der deutsche Außenminister kämpft für seinen Friedensplan, besonders bei den täglichen Telefonkonferenzen mit den Amtskollegen aus den USA, aus Großbritannien, Frankreich und Italien. Die so genannten Quint-Gespräche werden zu einem wichtigen Forum.
Parallel dazu hält Bonn engen Kontakt mit Tschernomyrdin. Während Mitglieder der US-Regierung Moskau mit dem Verlust internationaler Milliardenkredite drohen wollen, halten die Deutschen wenig von solchen Erniedrigungen. Meinungsumfragen zeigen, dass eine große Mehrheit der Russen mit den Serben sympathisiert.
Was für ein Glück für den Westen, dass Moskau so viel undemokratischer ist, als der Westen es sich wünscht, meint der Schriftsteller Michael Ignatieff dazu: "Der Autokrat Jelzin konnte die öffentliche Meinung zu Gunsten Serbiens ignorieren." In Deutschland wiegt ein Umschwung schwerer. Mitte Mai sind nur noch 38 Prozent der Befragten für eine Fortsetzung des Krieges.
Am 14. Mai übernimmt Helsinkis Präsident Martti Ahtisaari im Auftrag der EU die Verhandlungsführung mit Belgrad. Es ist ein Vorschlag der US-Außenministerin und des Bundeskanzlers, dass der Finne den Russen Tschernomyrdin bei den Friedensbemühungen unterstützen soll. Ahtisaari erweist sich in seiner bedächtigen, aber standfesten Art schnell als der richtige Mann. Finnland gehört nicht zur Nato, und so glaubt Milosevic wohl zuerst an westliche Kompromissbereitschaft, als er den neuen Vermittler-Namen hört.
Doch der Mann aus dem hohen Norden ist in dem Konflikt nicht neutral, er vertritt hundertprozentig Nato-Positionen. Er ist mit Amerikas Chefunterhändler, dem Vize-Außenminister Strobe Talbott, befreundet. Faule Kompromisse sind ihm von Kindheit an verhasst. Ahtisaari wurde in Viipuri geboren, einer heute russischen Stadt, die in seiner Kindheit aber noch zu Finnland gehört hat. Als kleiner Junge ist er im Jahr 1939 mit seinen Eltern vor Stalins Invasionstruppen geflohen.
Tschernomyrdin, Ahtisaari und Talbott treffen sich mehrfach - in Helsinki, in Bonn und vor allem an einem sehr geschichtsträchtigen Ort: in Stalins Datscha, in Kunzewo, außerhalb von Moskau. Russlands Ex-Premier Tschernomyrdin, durch seine Erdöl-Deals als Chef des mächtigen Gasprom-Konzerns der bei weitem erfolgreichste - und reichste - Kapitalist im Kreise der Vermittler, stellt im Verhandlungszimmer einen vierten Stuhl auf. Er bleibt immer leer. "Der ist für Milosevic, damit wir nie vergessen: Da ist noch einer, dessen Reaktion wir einberechnen müssen", sagt Tschernomyrdin.
Schnell wird klar, dass die Troika in einem Boot sitzt. Der Russe hat klare Anweisungen von Präsident Jelzin ("Ich will endlich dieses Problem vom Hals"), Milosevic unter Druck zu setzen. Jelzin ist über die Haltung des jugoslawischen Präsidenten verärgert. Müsste er nicht Rücksicht auf die proserbische russische Generalität nehmen, griffe er wohl noch härter gegen Belgrad durch: Milosevic hat, das ist im Kreml unvergessen, im Jahr 1993 die Moskauer Putschisten um den Oberst Ruzkoi unterstützt.
Tschernomyrdin macht seinen Kollegen klar: Moskau wird Milosevic fallen lassen. Die Bedingungen: eine Uno-Resolution zum Balkan, eine "substanzielle Rolle" für die Russen innerhalb der Kosovo-Truppe. Damit ist die diplomatische Einkreisung Belgrads, vom fernen China einmal abgesehen, vollkommen. Milosevic hat nur noch zwei Möglichkeiten: Er kann sich in sein Schicksal fügen - oder einen Amoklauf starten. Letzteres will keiner ausschließen.
Auch sonst werden die Daumenschrauben angezogen. Am 27. Mai erhebt das Kriegsverbrechertribunal in Den Haag Anklage gegen Milosevic. Am selben Tag trifft in den frühen Morgenstunden der amerikanische Verteidigungsminister zu einem hochgeheimen Treffen mit seinen Amtskollegen in Bonn ein. Auf dem Tagungsplan steht nur ein Punkt: eine mögliche Kosovo-Invasion mit Nato-Bodentruppen.
Am Himmel des Balkan sind da inzwischen schon 820 Kampfflugzeuge im Einsatz, so viel wie noch nie. US-Luftwaffengeneral Daniel Leaf: "Über meine Schultern schossen Deutsche, niederländische Piloten sicherten gegen feindliche Flugzeuge, italienische "Tornados" feuerten Anti-Radar-Raketen."
Das reicht noch nicht allen. Wir brauchen noch mehr Flugzeuge, warum nicht 2000, verlangt Nato-Kriegsplaner Clark. Sein amerikanischer Generals-Kollege Short schlägt die Hände über dem Kopf zusammen: Um Gottes willen, mehr geht gar nicht im Luftraum über dem Kriegsgebiet, wenn wir uns nicht selbst gefährden wollen.
Die Nato hat zu Beginn des Konflikts darauf verzichtet, mit Bodentruppen zu drohen - nach Ansicht vieler Militärexperten ein Fehler, weil Milosevic seine Politik darauf einstellen konnte. Vor allem die US-Regierung war lange gegen eine solche Eskalation, sucht jetzt aber die Entscheidung; das amerikanische Parlament, von jeher skeptisch gegenüber dem Einsatz auf dem fernen Balkan, wird ungeduldig. Bei der Bonner Geheimkonferenz am 27. Mai will Washington zumindest eine realistische Drohkulisse aufbauen. Über eine ausgebaute Straße vom albanischen Tirana aus sollen über Kukës bald bis zu 175 000 Nato-Soldaten in das Kosovo einrücken können.
Auch die Briten ziehen Einsatzprogramme (Deckname: "Bravo Minus") aus dem Ärmel - sie haben als Einzige schon lange auf Bodentruppen gedrängt und in ihrem Crisis Management Centre, dem "Bunker" unterhalb des Verteidigungsministeriums in Whitehall, Invasionspläne ausgeheckt. Diese Pläne sehen praktisch die gesamte britische Armee im Balkan-Einsatz.
Nato-Oberbefehlshaber Clark hat, wie man in Bonn erst jetzt erfährt, ebenfalls einen eigenen Stab für den Bodenkrieg eingerichtet. "Jedi-Ritter" heißen die intern, nach den guten Jungs in den "Star Wars"-Filmen.
Ein amerikanischer Teilnehmer der Konferenz äußert sich später überrascht, wie skeptisch besonders Bundesverteidigungsminister Scharping gegenüber den Invasionsplänen ist. Der Deutsche fürchtet eine weitere Destabilisierung der Nachbarländer wie Mazedonien und sieht auch Natointern Probleme mit Mitgliedstaaten wie Griechenland - ganz abgesehen von der schwierigen Logistik einer Invasion.
In Bonn fallen dann noch keine endgültigen Entscheidungen zum Bodenkrieg. Aber Milosevic soll auf allen Kanälen vermittelt werden, wie ernst seine Lage jetzt ist. Zu denjenigen, die mit Nachrichten über eine kommende Invasion gespickt werden, gehört auch der geheimnisvolle schwedische Geschäftsmann Peter Castenfelt. Der hat beste Kontakte und wird vom serbischen Geheimdienst direkt zu Milosevic gebracht.
Auch die offizielle Diplomatie läuft auf Hochtouren. Tschernomyrdin registriert, dass die Briten und Franzosen zunehmend eifersüchtig auf die Rolle der Deutschen beim Friedensprozess sind. Doch der Russe schlägt Einladungen nach London und Paris aus. Ihm imponiert, dass Bundeskanzler Schröder und Außenminister Fischer zu jeder Tages- und Nachtzeit als Gesprächspartner zur Verfügung stehen und ihm klar machen, sie gingen "für eine Regelung bis ans Ende der Welt".
Als der Amerikaner Talbott die Troika wegen seiner restriktiven Haltung zur künftigen Rolle der Russen im Kosovo zu sprengen droht, wendet sich Tschernomyrdin an Bonn. Der Bundesverteidigungsminister schickt den Leiter seines Planungsstabs nach Moskau. Mit Generalleutnant Kujats Hilfe gelingen Kompromissformeln.
Der Durchbruch muss bei den Beratungen am 1. und 2. Juni im Gästehaus der Bundesregierung auf dem Petersberg bei Bonn kommen. Da sind sich alle einig: Das ist die vielleicht letzte Chance der Diplomatie. Es kommt zu einem dramatischen Sitzungsmarathon.
Vize-Außenminister Talbott steht per Standleitung in ständigem Kontakt mit Washington. Die amerikanische Regierung will ihr Blatt offensichtlich ausreizen. Die Russen fühlen sich durch immer neue Forderungen über den Tisch gezogen und fürchten, ihr Gesicht zu verlieren: Plötzlich ist die Rede davon, die serbischen Truppen sollten bis auf den letzten Mann das Kosovo verlassen, wo doch vorher eine symbolische Präsenz verabredet war. Und Talbott besteht auf einer einheitlichen Nato-Kommandostruktur für die einrückenden Friedenstruppen, auch für die Russen - wo doch die ganze Aktion unter Schirmherrschaft der Vereinten Nationen ablaufen soll.
Irgendwann nach Mitternacht will Tschernomyrdin abbrechen: "Mit so einem Verhandlungsergebnis fliege ich nicht nach Belgrad." Talbott schlägt vor, Milosevic zwei verschiedene Papiere zu präsentieren, ein amerikanisch-europäisches und ein russisches. Da will auch Ahtisaari nicht mehr mitmachen.
Um vier Uhr vertagen sich die Verhandlungsführer, aber ihre Delegationen arbeiten fieberhaft weiter. Und morgens um sieben ist die Welt dann in Ordnung: Man einigt sich nach der offiziellen Wiederaufnahme der Gespräche auf ein gemeinsames Papier, übertüncht dabei die Differenzen.
Jetzt muss nur noch der Kriegstreiber in Belgrad von seiner De-facto-Kapitulation überzeugt werden.
Ahtisaari und Tschernomyrdin reisen noch am 2. Juni nach Belgrad. Der Finne fasst für einen gespannt lauschenden Milosevic die Beschlüsse vom Petersberg zusammen. "Eine brillante Leistung", sagen auch Teilnehmer der russischen Delegation, die ansonsten glauben, die Rolle Ahtisaaris werde überschätzt. Nach seiner Rede schweigen alle. "Können wir an diesen Bedingungen noch etwas verändern?", fragt Milosevic schließlich.
Ahtisaari schüttelt den Kopf. Auf Diskussionen lässt sich der EU-Beauftragte nicht ein. Milosevics außenpolitischer Chefberater Bojan Bugarcic: "Sie setzten uns die Pistole auf die Brust. Sie sagten nicht: Nehmt diese Regelung an oder lasst es. Sie sagten uns: Nehmt sie an, oder wir sorgen dafür, dass ihr sie unter unangenehmeren Bedingungen annehmen müsst - wenn Belgrad in Flammen aufgegangen ist."
Nachdem sich Ahtisaari in sein Hotel zurückgezogen hat, bleiben die Russen mit Milosevic und seiner Führungscrew allein. Tschernomyrdins Intimus Markow schildert die Situation:
"Können wir an den Bedingungen wirklich nichts ändern?", fragte Milosevic, ganz gefasst. Tschernomyrdin versprach ihm, sich im Rahmen der Uno für Korrekturen einzusetzen, aber konkret wurde er nicht. "Kann Moskau uns nicht doch die neuesten Waffen liefern?" Es war gespenstisch, dass Milosevic diese so oft gestellte Frage in dieser Situation noch einmal wiederholte, dass er noch einmal davon sprach, wie wenig er die Nato-Bodentruppen fürchte. Tschernomyrdin schüttelte verärgert den Kopf und sagte: "Wenn ihr wirklich weiterkämpft, dann wird Jugoslawien vom Erdboden verschwinden."
Milosevic lässt seine Führungselite zusammentrommeln und unterrichtet sie. Anschließend lässt er sein Parlament beschließen, was er intern schon entschieden hat: Die Nato-Bedingungen werden angenommen. Was er nach anschließenden Detailverhandlungen von seinen Militärs unterzeichnen lässt, kommt einer Kapitulation gleich - das Kosovo wird de facto zum Nato-Protektorat.
Aber Milosevic kann den "tapferen Widerstand" gegen die übermächtige Allianz über seine staatlich gelenkten Medien als Sieg verkaufen. Und das Wichtigste für ihn: Er bleibt an der Macht.
Der Diktator hat gehofft, die 19 Nato-Staaten auseinander zu dividieren und Moskau gegen die Allianz auszuspielen. Das ist ihm nicht gelungen. Nun setzt er darauf, dass die russischen Militärs, seit jeher eng verbunden mit ihren serbischen Kollegen, sich gegen die Vereinbarungen ihrer politischen Führung auflehnen werden - und hat dabei einigen Erfolg.
FRAGE 12: Drohte bei der
russischen Besetzung des Flughafens von Pristina ein Weltkrieg?
Schon beim Rückflug des Friedensvermittlers nach Moskau wird klar, wie gründlich sich die russischen Militärs vom Kosovo-Kompromiss absetzen wollen. Tschernomyrdin nimmt sich noch in der Luft die Generäle zur Brust, die auf dem Petersberg und in Belgrad dabei waren. "Wir hatten einen Auftrag von Präsident Jelzin, den wir Punkt für Punkt erfüllt haben - oder ist hier jemand anderer Meinung?" Die Militärs behalten ihre Antwort für sich - bis zur Landung.
"Wir sind unglücklich über viele der getroffenen Vereinbarungen", schnaubt Generaloberst Leonid Iwaschow noch auf dem Rollfeld in russische Fernsehkameras. Intern gehen die Militärs noch viel weiter. Verrat an Belgrad, Anbiederung an die Nato, heißt die Kurzformel ihrer scharfen Kritik. Man sinnt darüber nach, wie - gegen die Abmachungen - eine eigene russische Zone im Kosovo sichergestellt werden kann. Für Tschernomyrdins rechte Hand Markow grenzt das an Landesverrat: "Die russischen Militärs haben ihre Kompetenzen weit überschritten und sich nicht dem Primat der Politik gebeugt."
Am deutlichsten wird das bei der bizarren Besetzung des Flughafens von Pristina. "Wir kamen dabei einer militärischen Auseinandersetzung mit Russland ungemütlich nahe", schreibt im Rückblick die "New York Times"-Kolumnistin Flora Lewis.
Dabei scheint an diesem 11. Juni nun endlich alles vorbei: Nach einigen Tagen der Unsicherheit ist das Militärabkommen zwischen der Nato und Jugoslawien endlich von allen Seiten unterzeichnet; die Luftangriffe werden endgültig eingestellt. Am 12. Juni legt der Uno-Sicherheitsrat die Einrichtung einer zivilen Übergangsverwaltung für das Kosovo fest. Da erhält Nato-Oberbefehlshaber Clark in Brüssel eine verschlüsselte Botschaft: In Bosnien stationierte russische Militärs haben sich Richtung Kosovo in Bewegung gesetzt, abgehörte Funksprüche verraten ihr Ziel: der Flughafen von Pristina. Der 200 Mann starke Trupp hat den Befehl, ihn zu besetzen.
Clark ist außer sich. Er möchte den Russen zuvorkommen und befiehlt dem britischen Kfor-Kommandeur, den Flughafen im Handstreich zu besetzen. Doch General Sir Michael Jackson weigert sich. Es kommt zu einer erregten Auseinandersetzung, in deren Verlauf der Brite den Amerikaner anschreit: "Das mach ich nicht. Das ist es nicht wert, den dritten Weltkrieg zu beginnen!"
Formal weiß sich Sir Jackson, ein früherer Geheimdienstler mit Russland-Erfahrung, nach Rücksprache mit London völlig im Recht. Jeder Nato-Mitgliedstaat hat die letzte Entscheidungsgewalt über sein Truppenkontingent vor Ort und besitzt gegenüber der Zentrale in Brüssel das, was man im militärischen Fachjargon eine "rote Karte" nennt. Doch dieses Veto gegenüber dem Supreme Allied Commander auszuüben, ist bis zum Streit um den Flughafen von Pristina immer verpönt gewesen - zeigt es doch tiefe Risse in der Allianz.
In Washington erhitzt die Befehlsverweigerung die Gemüter noch lange. Vor einem Senatsausschuss im September kann der Vorsitzende der Vereinigten Stäbe, US-General Henry Shelton, seine Empörung kaum bremsen. Disziplin sei bei einer solchen Militäroperation "eine Sache von Leben und Tod", die Haltung Jacksons "Besorgnis erregend": "Mit Sicherheit können wir es uns nicht leisten, dass auf jeder Kommandoebene Befehle in Zweifel gezogen werden."
Moskaus Militärs können am 11. Juni ungestört den Flughafen einnehmen. Es wird ein Propagandaerfolg, der das Selbstwertgefühl der lange gedemütigten Russen hebt und letztlich niemandem schadet. Aber wenn sich die Situation so weiterentwickelt hätte, wie es die Generäle in Moskau planten, wäre eine Auseinandersetzung mit der Nato bedrohlich näher gerückt: Russische Militärs wollten eine eigene Zone im Kosovo zur Not auch mit Waffengewalt erzwingen - von ihrem ausgebauten Stützpunkt am Flughafen Pristina aus.
Am Tag nach der Flughafen-Besetzung erhält die Regierung Bulgariens eine Note der russischen Botschaft in Sofia: Ersucht wird um Überflugrechte für sechs Militärmaschinen "zur Unterstützung des russischen Friedenskontingents im Kosovo". Die ersten Maschinen würden um sechs Uhr morgens starten.
In Sofia reagiert man blitzschnell: Die neue bulgarische Verfassung verlange in einem solchen Fall einen Parlamentsbeschluss. Zudem seien solche Flüge mindestens fünf Arbeitstage im Voraus anzukündigen; und außerdem müsse deklariert werden, was genau in den Flugzeugen über dem bulgar ischen Luftraum transportiert würde. Am 14. Juni wird Außenministerin Nadeschda Mihailova bei Geheimgesprächen in Sofia noch deutlicher: Überflugrechte werden erst gewährt, wenn Moskau sich mit der Nato über die genaue Rolle des russischen Kosovo-Kontingents geeinigt hat.
Bulgarien will in die Nato, informiert das Bündnis über Moskaus Wünsche. In der Nato-Zentrale ist man höchst besorgt. Brüssel macht den russischen Top-Militärs unmissverständlich klar, unautorisierte Flüge über Bulgarien könnten als feindlicher Akt gewertet, die Flugzeuge abgeschossen werden. Da zucken die Generäle zurück. "Sie haben bei dieser gefährlichen Geschichte, wie während des gesamten Balkankriegs, ihre Kompetenzen gegenüber der politischen Führung überschritten. So wusste beispielsweise unser Außenminister nichts von der ganzen Pristina-Aktion", sagt der Tschernomyrdin-Vertraute Markow.
Nach Informationen des SPIEGEL haben die Militärs sogar ihren Präsidenten, den Oberkommandierenden der Streitkräfte, übergangen. Kreml-Geschäftsführer Alexander Woloschin und Generalstabschef Anatolij Kwaschnin treffen die Entscheidung, Boris Jelzin wegen des Handstreichs im Kosovo nicht aus dem Schlaf zu holen.
Russlands Soldaten sind zu ihrem Einsatz auf Pristinas Flughafen ohne Einwilligung ihres Präsidenten marschiert. Wäre es zu einem Krieg gekommen, Jelzin hätte nicht einmal gewusst, warum.
Die Bilanz ist gut sieben Monate nach Ende der Nato-Bombardierungen bestenfalls gemischt:
Die Allianz der 19 Staaten hat zusammengehalten und gegen die brutalen Menschenrechtsverletzungen auf dem Balkan ein Zeichen gesetzt - aber der Hauptschuldige an ebendiesen Verbrechen ist in Belgrad noch immer an der Macht. Dem Großteil der Menschen auf dem Balkan geht es heute dramatisch schlechter als vor dem Beginn der Nato-Angriffe. Es drohen weitere Konflikte, in Montenegro, in Mazedonien.
Die Nato hat militärisch gesiegt und eine De-facto-Kapitulation erzwungen - aber sie hat weit weniger serbisches Kriegsgerät getroffen als lange Zeit behauptet, und die herumliegenden Nato-Streubomben werden noch jahrelang die Zivilbevölkerung gefährden. Den Europäern wurde die militärische Dominanz der USA schmerzlich vor Augen geführt; von Washington misstrauisch beäugt, hat die EU für zukünftige Konfliktfälle eine eigene Schnelle Eingreiftruppe beschlossen.
Die Kosovaren sind jetzt zu einem Großteil in ihre angestammten Dörfer zurückgekehrt - aber die angeblich alles überwachenden Kfor-Truppen konnten neue brutale Vertreibungen und Morde, diesmal begangen an der serbischen Minderheit, nicht verhindern und die Entwaffnung der militanten UÇK nur unvollständig durchsetzen. Das Kosovo dürfte in einigen Jahren ein unabhängiger "Serben-reiner" Staat werden - geführt von unberechenbaren Fanatikern, die mit ihren großalbanischen Träumen die gesamte Region in Aufruhr versetzen könnten.
Die Vereinten Nationen sind zwar in den Balkan-Friedensprozess einbezogen, die Russen haben sich mit ihrem Kontingent den westlichen Wünschen untergeordnet - doch Moskau verwirklicht nun, den Kosovo-Bonus im Rücken, in Tschetschenien "die Ziele von Milosevic mit den Methoden der Nato" ( so der Bürgerrechtler Sergej Kowaljow), ohne viel mehr als lauwarme Proteste aus Washington oder Berlin fürchten zu müssen.
So unbestreitbar die Morde an den Kosovo-Albanern sind, so schlimm die Menschenrechtsverletzungen, so verdammungswürdig Milosevic und seine Politik - ob die Nato wirklich einen "Völkermord" auf dem Balkan gestoppt hat, bleibt sehr umstritten. Und da die Nato "den Völkermord" häufig als Grund ihres Eingreifens genannt hat, kommt der Frage Gewicht zu.
"Nach meinen Berechnungen wird die Zahl der Toten im Kosovo am Ende bei höchstens 2500 liegen", sagt Emilio Perez Pujol, der Leiter eines spanischen Pathologen-Teams, das im Auftrag des Kriegsverbrechertribunals in Den Haag Orte inspizierte, an denen Massengräber von Zivilisten vermutet wurden. Die von der Nato während des Konflikts genannten Zahlen waren um ein Vielfaches höher, der britische Außenminister Cook hatte die Morde an den Kosovaren sogar mit dem Holocaust verglichen.
Fest steht, dass die Empörung und das Mitleid der westlichen Welt in Sachen Völkermord selektiv ist: In afrikanischen Konflikten - in Angola, in Burundi, in Somalia, im Sudan - kamen jeweils mehr Menschen ums Leben als im Kosovo. Und beim erwiesenen Genozid 1994 in Ruanda schauten Nato-Länder unbewegt zu - oder verdienten, wie Frankreich, durch ihre Waffenlieferungen sogar daran.
Moral gilt nicht "out of area". Die Welt ist, auch und gerade nach dem "Sieg" im Kosovo, voller Opfer zweiter Klasse.
MITARBEIT: SIEGESMUND VON ILSEMANN, ALEXANDER SZANDAR
* Mit Bundeskanzler Schröder, am 1. Juni 1999 auf dem Bonner Petersberg. * Tschernomyrdin und Ahtisaari (mit dem Rücken zur Kamera) am 2. Juni 1999 in Belgrad.
Von Erich Follath, Siegesmund von Ilsemann (Mitarbeit) und Alexander Szandar (Mitarbeit)

DER SPIEGEL 3/2000
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