17.01.2000

TIEREDoktor Flipper

Delfine im Nürnberger Zoo sollen behinderten Kindern helfen. Tierschützer halten das Therapieprojekt für eine PR-Maßnahme zur Rettung des Delfinariums.
Die rührselige Schlagzeile zielte mitten ins Herz für Kinder: "Der Delfin brachte Sebastian sein verlorenes Lachen zurück", überschrieb die "Bild"-Zeitung jüngst ihren Bericht.
Es ging um den Start eines ungewöhnlichen Forschungsprojekts: Sonderpädagogen von der Uni Würzburg wollen im Delfinarium des Nürnberger Zoos das Geheimnis der Delfintherapie ergründen, die der amerikanische Psychologe David Nathanson Ende der siebziger Jahre in Florida erfand. Das Schwimmen mit den Meeressäugern, hatte Nathanson beobachtet, mildere Angst, Stress und motorische Unruhe. Die Tiere, deren Physiognomie an das fröhliche Lachen eines Menschen erinnert, könnten die Tür zum abgeschotteten Innenleben psychisch Kranker öffnen.
Regelmäßig künden seither Heilungsberichte von den sensationellen Therapieerfolgen, die "Doktor Flipper" in Delfinzentren in Florida und Israel erzielt haben soll: Demnach öffnen sich autistische Kinder im Angesicht der Kreatur ihrer Umwelt, Spastiker recken unter Wasser die verkrampften Glieder.
Esoteriker führen dies auf die Wunderkraft des Ultraschalls zurück, den Delfine zur Ortung benutzen. Aus Sicht der Wissenschaft jedoch ist bisher unbekannt, woher der augenscheinlich positive Einfluss der Tierbegegnung auf die Kranken rührt, ebenso wenig, ob er von Dauer ist und welchen Anteil Sonne, Wasser und Urlaubsatmosphäre daran haben.
Dem Ansturm auf die wenigen Therapieplätze tut dies keinen Abbruch. Verzweifelte Eltern auch aus Deutschland tragen sich in die endlosen Wartelisten ein. Unterstützt von Spendenaufrufen in der Boulevardpresse ("Letzte Hoffnung für den kleinen Dominik"), kratzen sie alles verfügbare Geld zusammen; Delfintherapie ist nichts für Arme: Eine Behandlung in der naturnah und weitläufig angelegten Lagune des Therapiezentrums in Key Largo (Florida) kostet 3200 Dollar pro Woche.
Die Gebühren können sich die Teilnehmer des Nürnberger Forschungsprojekts sparen. Die Tümmler, die im Zoo Bälle jonglieren und durch Reifen springen, sollen ihre ausgeprägte Kontaktfreudigkeit und ihren Spieltrieb kranken Kindern vorerst gratis zur Verfügung stellen. "Wir wollen untersuchen", erklärt der Behindertenpädagoge Erwin Breitenbach, "ob die Delfintherapie auch unter den Bedingungen eines Delfinariums zu bewerkstelligen ist."
Bisher haben acht unterschiedlich behinderte Kinder eine Woche lang täglich eine Stunde mit den Tümmlern verbracht. Pädagogen dokumentierten den Verlauf der Behandlung und stellten nun erste Ergebnisse der Presse vor. "Verblüffend positiv" hätten die Kinder auf die tierischen Therapeuten reagiert, sagt Breitenbach. "Wunder haben wir allerdings keine erlebt - aber auch nicht erwartet."
Die Eltern indes sehen ihre kranken Kinder nach der Delfinbegegnung mit anderen Augen. Überwältigt beobachtete Heike Buse, wie ihr spastisch gelähmter Sohn Christian, 4, Kraft und Willen zusammennahm, um Delfinweibchen "Anke" mit Fischen aus einem lila Plastikeimer zu füttern. Hildegard Metzger registrierte "trotz anfänglicher Skepsis" bei ihrer "ansonsten etwas therapiemüden" geistig behinderten Tochter Elisabeth, 16, "eine ganz besondere Offenheit für die Tiere". Auch bei der autistischen Amelie, 9, hinterließ die Berührung durch die nassen Schnauzen einen selten tiefen Eindruck. "Die ganze Welt ist ein Delfin", stellte sie fest - und malt seither graue Leiber und singt selbst erdachte Delfinlieder.
Manche Kritiker indes, vor allem aus der Tierschützer-Szene, finden das Flipper-Idyll im Delfinarium keineswegs herzerwärmend. "Wir haben den Verdacht", sagt Sabine Gerl vom Verein "Menschen für Tierrechte", dass der Zoo "die armen Kinder als PR-Maßnahme missbraucht".
Seit langem werden Delfinarien mit Skepsis betrachtet. "Delfine leiden in Gefangenschaft sehr", sagt die Biologin Petra Deimer von der Gesellschaft zum Schutz der Meeressäugetiere. "Ihr Echolot, mit dem sie im Meer ihre Umgebung auskundschaften, stößt sofort an Grenzen. Sie verkümmern zu Behinderten."
Im Meer können die Tiere einige hundert Kilometer am Tag zurücklegen. Im monotonen Nürnberger Becken misst die Strecke zwischen den türkisblau getünchten Betonwänden 15 Meter. Während die Lebenserwartung frei lebender Delfine bei 20 bis 30 Jahren liegt, halten die gefangenen Artgenossen im gechlorten Wasser im Schnitt nur 16 Jahre durch.
Nürnberger Tierfreunde fordern deshalb ein Bürgerbegehren, das langfristig zur Schließung des Delfinariums führen soll. 10 000 der 18 000 dafür erforderlichen Stimmen kamen bereits zusammen. Seit vor zwei Jahren das Weibchen "Emy" einem Herzanfall erlag, nachdem ihr Baby sich hinter einem Absperrgitter verfangen hatte und ertrunken war, formiert sich die fränkische "Free Willy"-Fraktion immer wieder in Delfinkostümen vor der Nürnberger Lorenzkirche.
Der Tod des Delfinweibchens "Neike" im letzten Oktober erhitzte die Gemüter erneut. "Wir trauern um Neike", war auf den Transparenten der Protestler zu lesen. Schwarze Holzkreuze verzeichneten die Namen aller bisherigen Toten.
Das Nürnberger Szenario steht für eine Art Glaubenskrieg um die "heiligen Kühe der Meere" (Biologenspott). Tierrechtler sehen in ihnen zuweilen "bessere Menschen", während sich Delfinariumsbetreiber im Kampf gegen den Delfinkult auf neue Untersuchungen berufen, die den Tieren eine geringere Intelligenz und höhere Aggressivität bescheinigen als bisher.
Viele Zoos in Europa verzichten unter dem Druck der Öffentlichkeit bereits auf die Delfinhaltung. Die Lebkuchen-Stadt Nürnberg will sich die Hauptattraktion ihres Tierparks jedoch nicht von "ideologischer Kritik" (Zookurator Helmut Mägdefrau) kaputtmachen lassen.
Zum Beleg für das Wohlergehen der Tiere verweist Zoodirektor Peter Mühling gern auf Erfolge in der Aufzucht von Nachwuchs. Auch die 350 000 Besucher jährlich, die Extra-Eintritt zahlen, um die lustigen Shows der marinen Artisten anzusehen, glauben nicht an Flippers Leiden. In der Hochsaison reichen die Plätze in der Wasser-Arena nicht für alle. Für 13 Millionen Mark will der Zoo deshalb ein 750 Quadratmeter großes neues Freiluft-Becken bauen und sucht dafür Sponsoren.
Da träfe es sich gut, wenn das Bauvorhaben nicht nur den Delfinen, sondern auch kranken Kindern zugute käme. Die alten Bassins seien für Therapiezwecke eigentlich zu tief, meint Pädagoge Breitenbach. Eine "Lagune mit Flachwasserzone", bestätigt Delfinariumsleiter Lorenzo von Fersen, sei die "Voraussetzung" für das begehrte Therapieangebot.
Argumentationshilfe für die Delfinariumsgegner könnte nun jedoch von dritter Seite kommen. Experten wie Dietmar Todt, Leiter des Berliner Instituts für Verhaltensbiologie, halten es für "extrem bedenklich, das, was in Meeres-Freigehegen unter optimalen Bedingungen stattfindet, in Delfinarien nachzumachen". Solange niemand wisse, woher der angebliche Heilungseffekt kommt, würden bei den Patienten völlig falsche Hoffnungen geweckt, sagt Todt, der im israelischen Eilat den Effekt des Delfinultraschalls erforscht. "Wer sagt, wir brauchen Delfine für eine Therapie, instrumentalisiert die Tiere."
Auch der Berliner Psychologe Rainer Brockmann, Fachmann in Sachen tiergestützter Psychotherapie, hält das Projekt in Nürnberg für überflüssig. "Forschungen mit Delfinen haben in unserem Lebensraum keinerlei Perspektive", empört sich der Psychologe. Die "Eisbrecherfunktion", die den Delfinen beim Umgang mit kontaktgestörten Menschen nachgesagt wird, sei bei landestypischen Vierbeinern, die auf dem Trockenen leben, längst gut belegt.
Wenn es den Sonderpädagogen um neue Erkenntnisse in der Mensch-Tier-Begegnung gehe, rät Brockmann, sollten es die Würzburger doch "erst einmal mit Hunden, Katzen oder Pferden" versuchen: "Da gibt es noch wahnsinnig viel Spannendes zu entdecken." BEATE LAKOTTA
Von Beate Lakotta

DER SPIEGEL 3/2000
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