02.12.2017

EinwurfAusgespäht beim Sexfilm

Wie die Forschung von der Internetpornografie profitieren kann
Um die Wahrheit über den weiblichen Orgasmus zu ergründen, konstruierte der Gynäkologe William Masters in den Sechzigerjahren einen Plastikpenis mit eingebauter Kamera. Dennoch war vergleichsweise dürftig, was der Aufklärer am Ende zusammen mit seiner Partnerin Virginia Johnson an Wissen über die Lust der Geschlechter zusammengetragen hatte. Mühsam schöpften die Sexforscher damals Bruchstücke an Informationen aus dem geheimen Reich des Begehrens. Beide hätten sich wohl nicht träumen lassen, dass im 21. Jahrhundert die Informationen sprudeln – und dies nicht durch aufwendige akademische Studien, sondern aufgrund von banalem Pornokonsum im Internet.
Während die Öffentlichkeit Facebook, Google oder Amazon verdächtigt, ihre Nutzer auszuspähen, sammelt ein anderer Webgigant beinahe unbemerkt emsig jene Abdrücke, die Besucher auf seiner Seite hinterlassen: Pornhub, Marktführer in Sachen Internetpornografie. Der Anbieter hat online so viel Material vorrätig, dass ein Konsument 173 Jahre am Stück vor dem Bildschirm hocken müsste, um das gesamte Angebot zu sichten.
In den zehn Jahren seines Bestehens hat das Portal reichlich Daten über seine Nutzer angehäuft: So gucken amerikanische Frauen am liebsten Lesbenpornos, ihre russischen Geschlechtsgenossinen favorisieren Filme, die unter dem Stichwort "anal" laufen. Suchbegriffe wie "Mann isst Pussy", "junger schwarzer Teenie" oder "größter Schwanz der Welt" weisen sagenhafte Zuwachsraten auf. Auch die Zeitläufte beeinflussen das Guckverhalten: Gerüchte über eine Hotelorgie in Moskau, an der Donald Trump beteiligt gewesen sein soll, ließen die Suche nach dem Begriff "Golden Shower" dramatisch ansteigen. Masters und Johnson wären begeistert – zu Recht. Die Daten aus dem Pornoimperium sind eine Goldmine für Soziologen. Und anders als ihren Vorgängern fallen sie der neuen Forschergeneration einfach so in den Schoß.
Von Frank Thadeusz

DER SPIEGEL 49/2017
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