16.12.2017

Tiere„Friedlicher Gesang kann trügerisch sein“

Der norwegische Soziologe Andreas Tjernshaugen, 45, beobachtet nicht nur Menschen, sondern auch Meisen. Jetzt hat er ein Buch über die Vögel geschrieben, die auch hierzulande zu den häufigsten Gartenbesuchern zählen – und gewalttätiger sind, als viele glauben.
SPIEGEL: Kohlmeisen fallen in Ausnahmefällen über noch kleinere Vögel her und fressen sogar deren Gehirn. Das passt so gar nicht zu den putzigen Vögeln, die wir aus unserem Garten kennen.
Tjernshaugen: Man darf sich nicht täuschen lassen vom aparten Äußeren. Einige Meisen trauen sich sogar an Fledermäuse heran und picken ihnen bei lebendigem Leib Stücke aus dem Körper. Auch der schöne, friedlich klingende Gesang kann trügerisch sein.
SPIEGEL: Was meinen Sie damit?
Tjernshaugen: Ich habe in meinem Garten beobachten können, wovon Forscher schon häufiger berichteten. Zwei Männchen, die eben noch die schönsten Töne von sich gaben, gingen plötzlich aufeinander los, attackierten sich mit Schnäbeln und Krallen und fielen dann entkräftet zu Boden. Das mag überraschend sein, allerdings eher für Deutsche als für Norweger.
SPIEGEL: Warum?
Tjernshaugen: In unserem Land heißt die Kohlmeise Kjøttmeis, was übersetzt "Fleischmeise" heißt. Der Name rührt daher, dass Kohlmeisen bei uns früher dafür bekannt waren, dass sie ans Fett geschlachteter Tiere gingen und sogar in Lagerhäuser eindrangen, um an das begehrte Fleischfutter zu gelangen.
SPIEGEL: Sehen Sie als Soziologe Parallelen zum menschlichen Verhalten?
Tjernshaugen: Absolut. Nicht nur, was die Bereitschaft zur Gewalt angeht. So sind Meisen liebevolle Eltern und sehr lernwillig. Wenn man Kohlmeiseneier in Blaumeisennester legt, dann passt sich der Nachwuchs weitgehend an und will später auch mit einer anderen Blaumeise zusammen sein. Der Einfluss der Eltern ist demzufolge immens.
SPIEGEL: Hierzulande wird oft darüber debattiert, ob es sinnvoll sei, Meisen und andere Vögel zu füttern. Wie denken Sie darüber?
Tjernshaugen: In Norwegen ist die Population mancher Vogelarten durch das Füttern angestiegen. Ich kann nicht genau einschätzen, ob das auch in Deutschland der Fall ist; aber ich bin mir sicher, dass man gerade den Meisen dadurch nicht schadet.
Andreas Tjernshaugen: "Das verborgene Leben der Meisen". Insel; 234 Seiten; 18 Euro.
Von Gui

DER SPIEGEL 51/2017
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