16.12.2017

BallettWas gelernt

Moskaus Elite feiert die Premiere von „Nurejew“. Nur Regisseur Kirill Serebrennikow darf nicht dabei sein.
Wie frei die russische Kunst ist, das lässt sich von außen schwer ermessen. Und auch die Russen verstehen es nicht. Wo die Grenzen ihrer Freiheit verlaufen, das können sie derzeit selbst kaum erkennen.
Der Fall des Theatermanns Kirill Serebrennikow ist ein Beispiel. Am Wochenende wurde im Bolschoi-Theater sein Ballett "Nurejew" uraufgeführt. Es handelt von Rudolf Nurejew, dem ersten Popstar des modernen Balletts. Es ist die Geschichte von einem, der sich viele Freiheiten nahm: die Freiheit, sein Land zu verlassen – Nurejew floh 1961 in den Westen. Die Freiheit, als Mann die Bühne zu dominieren, anstatt im Schatten der Primaballerinen zu verharren. Die Freiheit, andere Männer zu lieben. Auch die Freiheit, sich und seinen Körper zu ruinieren: Nurejew starb 1993 – an Aids erkrankt, einsam, berühmt.
Moskaus High Society hatte die Premiere mit Spannung erwartet, schließlich war sie schon einmal abgesagt worden. Der Reiz des Verbotenen lag über dem Stück. Am Ende feierte der Saal die Aufführenden, und einer der Zuschauer, Präsident Putins Sprecher Dmitrij Peskow, sprach von einem "Weltereignis". Komponist Ilja Demuzki und Choreograf Jurij Possochow hörten es gern. Nur der Regisseur konnte es nicht hören, er war nicht da. Stattdessen sah man sein Gesicht auf den T-Shirts der Tänzer, darauf außerdem die Forderung gedruckt: "Freiheit für den Regisseur".
Serebrennikow wurde im August festgenommen, er steht unter Hausarrest. Die Proben zu "Nurejew" hat er seither verpasst, ebenso eine Premiere in Stuttgart und Dreharbeiten in Petersburg. Serebrennikow ist eigentlich ein viel beschäftigter Mann.
Ermittelt wird wegen Betrugsverdachts, es geht um die angebliche Unterschlagung von umgerechnet einer Million Euro Fördergelder. Tatsächlich, heißt es in Moskau, gehe es wohl gegen Serebrennikows Kunst. Mit seiner Lust an Tabubrüchen habe sich der Regisseur mächtige Feinde geschaffen.
Davon sprach man in Moskau schon im Juli, als das Bolschoi die ursprünglich geplante Premiere im letzten Moment absetzte. Die Ballettkritikerin der Zeitung "Kommersant" hatte Videos der Generalprobe gesehen und war begeistert. "Größeres und Bedeutenderes", schrieb sie, "hat das Ballett im 21. Jahrhundert nicht hervorgebracht."
So richtig weiß man bis heute nicht, wer die Premiere damals verhindert hat und weshalb. Lag es am Thema Homosexualität? Deren Darstellung ist in Russland verpönt und teils strafbar; das Bolschoi hat eine Altersgrenze für das Stück gezogen. Doch wer von Nurejew spricht, kann über dessen Liebe zum dänischen Tänzer Erik Bruhn nicht schweigen. Sie wird in einem zarten Pas de deux gezeigt.
War Richard Avedons Foto von Nurejews nacktem muskulösem Körper Grund für den Ärger? Serebrennikow hatte es im Juli groß auf die Bühne projiziert. Jetzt fehlte es fast ganz. Überhaupt ginge diese keusche Aufführung in Deutschland als familienfreundliches Musical durch. Aber das Bolschoi ist nicht irgendein Theater, Russland nicht Deutschland. Und die Grenze der Kunstfreiheit wird gerade neu gezogen.
Dabei schien Serebrennikow geschützt durch beste Kontakte in den Kreml. 2011 inszenierte er einen Roman, der einem hohen Mitarbeiter Putins zugeschrieben wird. Und vor laufender Fernsehkamera sagte der damalige Präsident Dmitrij Medwedew ihm Hilfe für das Projekt einer Experimentierplattform zu. Russlands Theaterszene fehlten die Innovationen, sagte Serebrennikow damals, und Medwedew stimmte freudig zu, es passte zu seinem Anspruch als Modernisierer. 2012 erhielt Serebrennikow dann sogar sein eigenes Haus. Das verschlafene Gogol-Theater durfte er zum "Gogol-Zentrum" umformen, einer Art Berliner Volksbühne für Moskau; dabei hatte er gerade erst die Anti-Putin-Proteste im Winter 2011/2012 unterstützt. Die Stadt Moskau schien das nicht zu stören. Sie wollte modernes Theater, und sie bekam es. Serebrennikow produzierte in wildem Tempo, mit viel Erfolg, aber ohne Rücksicht auf finanzielle Verluste.
Serebrennikows Rolle als staatlich subventionierter Rebell und geachteter Störenfried wurde aber umso schwieriger, je mehr Kirche und Konservative in Russlands Kulturpolitik an Macht gewannen. Russische Medien zählen zu seinen einflussreichsten Feinden Bischof Tichon, den Sekretär des Kulturrats beim Moskauer Patriarchat und angeblichen Beichtvater Wladimir Putins.
Nun suchen Ermittler nach dem Verbleib ebender Gelder, die Medwedew 2011 zugesagt hatte. Dabei unterstützt sie bizarrerweise auch die Abteilung Verfassungsschutz des Geheimdiensts FSB. Eine Buchhalterin, ein Ex-Direktor des Gogol-Zentrums und eine Ex-Mitarbeiterin des Kulturministeriums befinden sich in Haft beziehungsweise unter Hausarrest.
Viele fühlen sich an jene Sowjetzeiten erinnert, denen Nurejew entflohen war. In Wahrheit ist das Leben in Russland heute freier, aber auch unberechenbarer. Eine Justiz, die schon dem Verdächtigen die Freiheit nimmt und niemandem Rechenschaft schuldet, kann ausnahmslos jeden treffen. Das hat die Moskauer Kulturszene im Fall Serebrennikow gelernt.
Von Christian Esch

DER SPIEGEL 51/2017
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