24.01.2000

UNTERNEHMERKönig der Gummibärchen

Der Chef öffnet jeden Brief, eine Marketing-Abteilung gibt es nicht: Mit skurrilen Methoden - und gegen alle Regeln der Managementlehre - führt Hans Riegel die Firma Haribo.
Eine Woche dauert es, bis ein Gummibärchen geboren ist. Zuerst wird die Flüssigkeit in Formen gegossen, wo sie sieben Tage trocknet. Dann werden die Bären in einer großen Trommel mit Öl besprüht (damit sie nicht kleben), kräftig geschüttelt, auf ein Fließband gespuckt und zur Verpackung befördert.
Doch nicht alle schaffen den Weg zur Tüte. Denn genau hier, am Ende der Trommel, steht oft genug Hans Riegel, Herr über Milliarden Gummibärchen und 5000 Mitarbeiter bei Haribo, und greift zu. Immer wieder, fast mechanisch, langt seine Hand aufs Band und stopft ein Dutzend Bärchen in den Mund.
Riegel, 76, kann nicht genug davon kriegen: nicht von den Goldbärchen, Weingummis und Cola-Fläschchen. Nicht von den Lakritzschnecken, Salinos und Maoam. Und erst recht nicht von der Firma, die er seit 53 Jahren führt. Das Unternehmen, 1920 von seinem Vater Hans Riegel in Bonn (daher: Ha-Ri-Bo) gegründet, ist bei Lakritzen und Fruchtgummis die Nummer eins in Deutschland (Marktanteil: rund 60 Prozent) und Europa. Über zwei Milliarden Mark Umsatz, schätzt die Branche, kommen so jedes Jahr zusammen.
Die Gummigruppe vom Rhein ist ein großes Geheimnis. Hans Riegel und sein Bruder Paul, 73, die jeweils eine Firmenhälfte besitzen, halten die Geschäftszahlen so verborgen wie das vom Vater hinterlassene Rezept der Bärchen. Nur so viel ist sicher: Haribo macht die Brüder froh. Zwar geht es ihrer Branche seit langem schlecht; auch 1999 sind die Umsätze in den ersten drei Quartalen nur um gut ein Prozent gestiegen. Doch bei den Bonnern läuft es prächtig. Ihre Verkaufszahlen legten 1999, wie in den Vorjahren, deutlich zu; diesmal, sagen sie, um rund zehn Prozent.
Ein Phänomen, denn eigentlich dürfte es ein Unternehmen wie Haribo gar nicht mehr geben. Management-Theoretiker müssten an den Hausbräuchen der Goldbären verzweifeln, Unternehmensberater entnervt das Weite suchen, ließe Hans Riegel, der Kopf der Firma, solche Leute je das Haus betreten. Er wird es nicht tun, denn der Mann leitet den Laden wie ein Fabrikdirektor alten Schlages. Sein Führungsstil erinnert an jene Zeiten, als noch Wilhelm II. die ersten Goldbärchen goutierte. (Der ließ sich, so die Überlieferung, die Fruchtgummis gleich kartonweise ins niederländische Exil schicken. "Das einzig Gute", befand der Ex-Kaiser, "was die Republik hervorgebracht hat.")
Fast wie ein Monarch regiert auch Hans II. sein Imperium. Jeden Tag treten seine Abteilungsleiter im Chefbüro zum Einzelgespräch an. Riegel händigt ihnen dann persönlich ihre Post aus und diskutiert anhand der Briefe die Probleme und Aufgaben der jeweiligen Abteilung.
Postbesprechung heißt das merkwürdige Ritual, denn die Schaltzentrale des Chefs ist zugleich auch oberste Poststelle des Hauses. Kein an Haribo, Hans-Riegel-Str. 1, 53129 Bonn, adressiertes Schreiben geht an Hans Riegel vorbei. "Sonst würden die unangenehmen Briefe in der Schublade verschwinden", sagt er, "und ich würde den Überblick verlieren."
Den Überblick bewahren, dafür hat der Patriarch sein Büro genau in der Mitte des zweiflügeligen Verwaltungstrakts. Eine große Fensterfront öffnet die Sicht auf den Hof, das Beladen der Laster, die Lagerhallen und die Fabrik, aus der der Duft der Bären übers Viertel zieht. "Kanzel" nennen Mitarbeiter den gläsernen Kommandostand.
So alt wie die Holzvertäfelung seines Büros wirken auch andere Methoden des Chefs. Eine Marketing-Abteilung zum Beispiel gibt es in dem Konzern, der über 200 Produkte im Sortiment hält, nicht. Der Patriarch macht das alles selbst, und er macht es nicht schlecht: Den Slogan "Haribo macht Kinder froh", in den Dreißigern entstanden, hält Riegel stur bis heute durch; nur eine geschäftstüchtige Ergänzung ("und Erwachsene ebenso") kam in den sechziger Jahren dazu. Thomas Gottschalk hat Riegel schon seit zehn Jahren als Werbeträger unter Vertrag; dessen Spots zählen zu den bekanntesten im deutschen Fernsehen. Neue Produkte entwickelt der Chef oft allein. Jüngstes Beispiel sind seine Lakritztaler, die er als "Schwarzgeld" auf den Markt bringen will; die Verpackung, so Riegels Vorgabe, soll wie ein Koffer aussehen.
Von Managern geführte Unternehmen, ist zu vermuten, hätten mit jeder Angestelltengeneration neue Slogans teuer beworben, die Marke verändert, andere Stars verpflichtet und mit aufwendiger Marktforschung gute Ideen verhindert.
Der Wille des Herrn reicht weit, selbst die Werkskantine richtet sich nach seinem Geschmack: Knoblauch ist hier verboten; ein Koch, so will es die Legende, hat schon eine Abmahnung kassiert, weil er die Zwiebeln zu dick geschnitten hatte.
Für solches wird der Patriarch gefürchtet, für vieles aber von seinen Leuten, von denen einige schon in dritter Generation Bärchen produzieren, verehrt und geliebt. Riegel, der nur zwei Jahre verheiratet war, hat die Firma zu seiner Familie gemacht. "Die Arbeit ist mir das Wichtigste", sagt er, doch gleich danach kommt der Spaß; viele von Haribo haben daran teil. Noch heute steuert der 76-Jährige seinen Hubschrauber selbst und fliegt mit Angestellten zu einem der 15 Werke in Europa. Startplatz ist sein 130 000 Quadratmeter großes Grundstück bei Bonn, hinter dessen Einfahrt ein gelbes Ortsschild verkündet, wer auch hier das Sagen hat: "Riegel".
Moderne Unternehmen setzen auf E-Mail, auf Bildtelefone und Videokonferenzen, wenn ihre Mitarbeiter vernetzt werden sollen. Bei Haribo ist es so: Weilt der Chef zur Jagd auf seinem Landsitz in der Steiermark oder erholt er sich in seinem Ferienhaus an der Côte d'Azur, dann lässt er seine Führungskräfte zum Rapport aus den verschiedenen Vertriebsbüros und Produktionsstätten einfliegen; jeder muss dann eine kulinarische Spezialität aus seiner Region mitbringen.
Und wenn Riegel in Boppard, wo er ein Hotel besitzt, zur Sauen-Jagd bläst, kommen wiederum die Kollegen hinzu: Zum Halali des Haribos treten Mitarbeiter aus Bonn als Treiber an, im gelben Hemd, damit sie nicht getroffen werden. Zum Glück sind die Männer im Laufen geübt, schließlich haben sie oft in der werkseigenen Badmintonhalle gegen den deutschen Meister im Herrendoppel des Jahres 1953 gespielt: Hans Riegel ("Heute ist mir Squash lieber"). Und im montäglichen Saunaclub beim Boss daheim besprach die Führungsrunde lange Jahre ganz ungezwungen die Firmenstrategie.
Kapitalisten wie ihn gibt es kaum noch: Hans Riegel liebt das Fliegen und die Jagd, schnelle Autos und schöne Frauen. Und den Karneval: Selbst bei der Außendiensttagung im Hochsommer lässt der Patriarch eine Fastnachtsgruppe auftreten, manchmal gibt der Chef persönlich ein Ständchen mit dem Saxofon. Wenn sie dann alle um ihn herum feiern, die Vertreter und Außendienstler, Abteilungsleiter und Sekretärinnen, dann ist Hans Riegel im Glück; er zieht sein Hemd aus, so erinnern sich Teilnehmer, sitzt, weit über siebzig, mit nacktem Oberkörper am Tisch. "Rheinländer müssen was zu lachen haben", sagt Riegel.
So versteht er seine Firma: Der Patriarch sorgt für seine Leute, richtet ihre Feste aus, und besser als die Branche zahlt er auch. Was braucht er da einen Arbeitgeberverband, Tarifverträge und Gewerkschaft? Als die 1998 erstmals einen eigenen Mann im Betriebsrat durchbrachte, war Riegel verstimmt - die erste Betriebsversammlung der Firmengeschichte fand freitags nach Schichtende statt, in der Tiefgarage.
Auch ein Controlling, also eine zahlengestützte Überwachung aller Abläufe, gab es jahrzehntelang nicht; Riegel zog seine Postbesprechungen vor und setzte ansonsten auf Vertrauen und Sympathie. So ist erst vor knapp vier Jahren aufgeflogen, dass sein damaliger Personalchef, Mitglied im Saunaclub, rund 14 Millionen Mark veruntreut hatte. Eine "schlampige Unternehmensführung" bescheinigte damals der Staatsanwalt dem Inhaber.
"Die Firma ist eben sehr groß geworden", sagt ihr Chef fast bedauernd, weil seine Ideen nicht mehr so schnell umgesetzt werden, seine Spontaneität gebremst wird. Riegel resigniert: "Heute geht das nicht mehr anders."
Externe Manager dürften später einmal, so glaubt er, das Kommando übernehmen. Von seinen drei Neffen, die alle im Unternehmen arbeiten, hat er noch keinen sichtbar als Kronprinz akzeptiert. Auch seinen Anteil erbt nicht die Familie, Riegel hat ihn lieber in eine Stiftung eingebracht; sie soll den Nachwuchs der Branche fördern.
Aber aufhören will er ohnehin nicht. Weil das Unternehmen mich braucht, würde jeder sagen, der nicht loslassen kann. "Weil mein Leben dann keinen Sinn mehr hätte", räumt Riegel ein. "Ohne die Firma", sagt der Patriarch, "würde ich krank." FRANK HORNIG
Von Frank Hornig

DER SPIEGEL 4/2000
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