24.01.2000

Bimbesgate

In Berlin fragen sich in diesen Tagen die Starfriseure, Werbetexter und Dax-Designer, die irritierten Vertreter der "neuen Mitte": Wo bleibt eigentlich Christoph Schlingensief, der fanatische Deutschlandsucher, die Mutter aller Geschmackskatastrophen, Liebling der Medien - jetzt, da die Nation in Not ist? Wäre dies nicht der historische Augenblick, die Chance 2000 zu nutzen und Schlingensiefs alte Losung "Tötet Helmut Kohl!" metaphorisch aufzufrischen und dramatisch umzusetzen? Warum nicht den königsblauen Bundestagssitz des absenten Altkanzlers mit einer Beuysschen Fettecke zum glitschigen Mahnmal erklären und damit zugleich der fett schweigenden Bräsigkeit und Selbstgerechtigkeit mit bildender Kunst zu Leibe rücken? Will man uns denn allein lassen mit diesem galoppierenden Wahnsinn? Was ist mit Castorfs Volksbühne, Peymanns BE und Ostermeiers Schaubühne? Der Stoff liegt auf der Straße, und keiner hebt ihn auf. Die Rettung kommt, wieder mal, vom Fernsehen. Das Fernsehen ist die Theaterbühne unserer Zeit. Sie bietet Szenen Shakespeareschen Formats: Verrat, Freitod, Vatermord. Schicksal auf Rädern. Kamikaze-Kohl vor Dienst-Mercedes. Helmut III. Die hasserfüllten TV-Statements des Schwarzgeld-Kanzlers erinnern an große Böse in der Filmgeschichte wie Edward G. Robinson und Peter Lorre, und noch das letzte Nachtmagazin schickt uns mit der tragödischen Gewissheit ins Bett: Nur das Fernsehen hält mit dem Tempo der Ereignisse Schritt. Gebannt wie beim Fall der Mauer sitzen Millionen vor den Geräten, und wer nur kurz anderen Verrichtungen nachgeht, hat schon eine Szene oder gar einen ganzen Akt des Dramas verpasst. Doch wie die griechische Tragödie hat auch "Bimbesgate" (Harald Schmidt) kathartische Wirkungen: Eines schönen Frühlingstages werden wir entronnen sein, klüger als zuvor. Das Satyrspiel wird nach Beckett klingen. Ehrenwort. Zurück zu "Phoenix".

DER SPIEGEL 4/2000
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