24.01.2000

GENETIKDas Herz des Königs

Überlebte ein Spross des Königshauses die Wirren der Französischen Revolution? DNS-Detektive wollen das Rätsel lösen. Als Beweisstück dient ihnen ein vertrocknetes Herz.
Vier Ärzte beugten sich über den Leichnam des Knaben. Krätze und Knochentuberkulose hatten ihn entstellt. Ratten waren die einzigen Zeugen seines Todes gewesen.
Trotzdem war es königliches Blut, das über den Obduktionstisch rann: Aufgebahrt vor den Medizinern lag der Körper Ludwigs XVII. Seine Eltern, Ludwig XVI. und Marie Antoinette, hatten zwei Jahre zuvor unter der Guillotine Kopf und Leben verloren. Er selbst war am 8. Juni 1795 im Pariser Temple-Gefängnis gestorben. Nach der Obduktion wurde die Leiche mit ungelöschtem Kalk beschüttet und in aller Heimlichkeit auf dem Friedhof von Saint-Marguerite verscharrt.
So jedenfalls lautet die offizielle Version. Trotzdem wollten die Legenden um eine wundersame Rettung des Bourbonen-Sprosses nie verstummen: Royalisten hätten den Thronfolger befreit und nach England geschafft. Augenzeugen wollten den Knaben, einen Tag nach seinem angeblichen Tod, auf der Straße nach Fontainebleau in Begleitung eines Erwachsenen gesehen haben. An Stelle des echten Ludwigs, so weiß die Legende, hätten Getreue des Königs den Kerkerwächtern einen 14jährigen Taubstummen untergeschmuggelt.
Haben die Ärzte den Totenschein für einen Falschen ausgestellt? Wie bei den Gerüchten um überlebende Nachkommen der russischen Romanows oder um die angeblich fürstliche Abstammung des Findelkindes Kaspar Hauser sollen DNS-Fahnder nun auch das Rätsel des Bourbonen-Knaben lösen. Sie stützen sich dabei auf das Einzige, was von der Leiche erhalten ist: Einer der an der Autopsie beteiligten Ärzte hatte das Herz des Leichnams in einem unbeobachteten Augenblick in sein Taschentuch geschlagen und als Souvenir mit nach Hause genommen.
Mitte Dezember letzten Jahres stand das in einer geschliffenen Kristallurne aufbewahrte Relikt im Mittelpunkt einer feierlichen Zeremonie in der Basilika von Saint-Denis im Norden von Paris. Anschließend wurde das in einen Purpurmantel gehüllte Gefäß in ein Labor am anderen Ende der Stadt gebracht, wo Wissenschaftler dem Gewebeklumpen zwei Proben entnahmen.
Inzwischen befindet sich diese Beute in der Obhut von Speziallabors in Belgien und Deutschland. Dort wollen Forscher mit Hilfe modernster molekularer Diagnostik klären, ob Erbgut-Schnipsel aus dem Kinderherzen mit DNS-Spuren aus dem Haar Marie Antoinettes übereinstimmen. Ergebnisse werden im Februar erwartet.
Unter den heutigen Nachfahren der alten Herrscherdynastie sorgt "L'affaire Louis XVII" ("Le Figaro") für beträchtlichen Zwist. Henri d'Orléans, Graf von Paris und derzeitiger Chef des "Hauses Frankreich", hat schon im Vorfeld gedroht, er werde die einer Majestät nicht würdige Erbgutschnüffelei mit allen rechtlichen Mitteln zu verhindern wissen.
Anspruch auf den Inhalt der Kristallurne haben jedoch die spanischen Bourbonen, und die sind auf ihre französischen Vettern aus der Nebenlinie Orléans nicht gut zu sprechen, seit deren Vorfahr Philippe Egalité, Vater des späteren "Bürgerkönigs" Louis Philippe, in den Wirren der Revolution für die Hinrichtung Ludwigs XVI. gestimmt hat.
Obendrein outete sich der Graf von Paris, nicht eben geschickt, als Anhänger der Flucht-Legende: Der im Temple Verstorbene, ließ er durch seinen Anwalt wissen, sei "viel älter" gewesen als der Dauphin. Damit jedoch verstrickt sich der oberste Blaublüter Frankreichs in einen Widerspruch: Er pocht auf sein Recht, über die Untersuchung eines Herzens bestimmen zu dürfen, an dessen Echtheit er gar nicht glaubt.
Dutzende von falschen Ludwigs haben in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts ihre Ansprüche auf den französischen Königsthron geltend gemacht. Der Dreisteste dieser Betrüger war der deutsche Uhrmacher und Falschmünzer Karl Wilhelm Naundorff. Er kam im Mai 1833 auf Einladung der französischen Legitimisten nach Paris. Dort enttäuschte der Preuße mit den frappierend bourbonischen Gesichtszügen seine Anhänger bitterlich: Es zeigte sich, dass er des Französischen nicht mächtig war.
Dennoch schaffte er es, die Welt postum zu narren. Die Behörden in den Niederlanden, wo er 1845 an Typhus starb, trugen ihn als Charles Louis de Bourbon ins Sterberegister ein. Seinen Grabstein in Delft schmückt der Satz: "Hier ruht der König von Frankreich." Die Nachfahren Naundorffs adelten ihren Namen durch den Zusatz "de Bourbon".
Mit einer DNS-Analyse hat der belgische Genfahnder Jean-Jacques Cassiman vom Zentrum für Humangenetik an der Katholischen Universität von Löwen den Fall Naundorff im vergangenen Jahr zu den Hochstapler-Akten gelegt. Beim Vergleich von DNS aus Knochen und Haaren des Deutschen mit Erbgutsequenzen aus dem Haar Marie Antoinettes sowie zweier ihrer Schwestern hatte der Forscher keinerlei Verwandtschaft entdeckt. Der Thronprätendent war damit, mehr als 150 Jahre nach seinem Tod, als Gauner enttarnt.
Cassiman soll jetzt, zusammen mit DNS-Experten in einem Labor in Münster, auch die Echtheit des Bourbonen-Herzens prüfen. Doch die Untersuchungen dürften sich als schwierig erweisen. Ob die Genfahnder überhaupt genügend DNS-Material aus dem vertrockneten Muskel isolieren können, ist fraglich: "Das Herz", erklärte der Belgier, "ist für diese Art von Tests jedenfalls nicht optimal konserviert worden."
Eine vornehme Untertreibung, denn die Zeitläufte haben dem vermoderten Zellhaufen kaum weniger übel mitgespielt als seinem einstigen Besitzer. Das Knabenherz wurde im Verlauf einer über 200-jährigen Odyssee gestohlen und tauchte dann wieder auf. Der Alkohol, in den es der souvenirsüchtige Obduzent eingelegt hatte, verdampfte.
Bei gewaltsamen Unruhen in Paris 1831 ging die Urne im Handgemenge zu Bruch. Erst Stunden nach dem Gerangel fanden Retter, auf den Knien suchend, zwischen zerbrochenen Möbeln und Glasscherben die Reliquie wieder.
Skeptiker fürchten, dieser Zwischenfall könnte für alle Zeiten die Wahrheitssuche vereiteln - falls nämlich im Eifer des Gefechts das falsche Stück Gewebe in die Urne geriet. GÜNTHER STOCKINGER
Von Günther Stockinger

DER SPIEGEL 4/2000
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