31.01.2000

TENNISIm Schatten eines Helden

Diese Woche trifft Deutschland im Daviscup auf die Niederlande. Nach Boris Beckers Rücktritt muss dessen Gefolgsmann Carl-Uwe Steeb das Team allein führen. Die Machtprobe mit Nicolas Kiefer hat der Schwabe schon verloren.
Der Nachmittag, an dem das Fax aus Australien einging, brachte einen der Momente, in denen Carl-Uwe Steeb ernsthafte Zweifel an seinem Auftrag kamen.
In dürren Sätzen lässt Nicolas Kiefer, derzeit der beste deutsche Tennisspieler, darin ausrichten, dass mit ihm im Jahr 2000 in Deutschlands Daviscup-Mannschaft nicht zu rechnen sei. Mit freundlichen Grüßen.
Steeb beugt sich über den Tisch, auf den er das Papier gelegt hat, und schiebt seine Kaffeetasse beiseite, als wolle er zum Sprung ansetzen. Kiefers Verweigerung sei der "Höhepunkt des Egoismus", zischt Steeb, um spitz hinzuzufügen, "wie ich mich als Spieler früher gefreut habe, wenn Daviscup war". Heute dagegen? "Der Teamspirit fehlt."
Das Telefon unterbricht Steeb in seinem Ärger. Ein PR-Berater meldet sich, um die offizielle Antwort des Deutschen Tennis Bundes (DTB) auf Kiefers Depesche abzustimmen. Man einigt sich auf die Formulierung, der Zeitpunkt von Kiefers Absage sei "denkbar spät".
Die laue Replik macht das Dilemma deutlich, in dem Steeb steckt: Seine Abhängigkeit von den Allüren der Spieler ist unübersehbar. Zwar hat das neue DTB-Präsidium den Schwaben kürzlich mit allen Vollmachten ausgestattet, um die Daviscup-Entourage anzuführen. Doch bisher konnte Steeb nur als Krisenmanager in Erscheinung treten, der sich um die Behebung des zerrütteten Binnenklimas sorgt.
Denn Steeb, 32, folgt im Amt auf Boris Becker. Und das ist schwieriger als einst für Berti Vogts, den Job Franz Beckenbauers zu übernehmen. Der Fußball-Kaiser hinterließ als Weltmeister ein bestelltes Haus. Der Tennis-Heros hinterlässt Trümmer.
Dabei war Beckers überhasteter Rückzug als Teamchef Ende Dezember auch als versöhnliche Geste an die aufstrebenden Akteure Kiefer und Thomas Haas zu verstehen. Denn die wähnten sich im Schlagschatten der Lichtgestalt mehr als zwei Jahre lang nicht gebührend beachtet.
Vor der Partie gegen die Niederlande am kommenden Wochenende in Leipzig zeichnet sich allerdings ab, dass nicht die Person Becker der Auslöser der Verwerfungen ist, sondern das System Becker - und dazu gehört Carl-Uwe Steeb wie kein anderer. "In den Köpfen von Haas und Kiefer steckt es tief drin", weiß der ehemalige Daviscup-Coach Niki Pilic, "dass Becker und Steeb sich immer sehr nahe standen."
Kiefers Absage für das Holland-Spiel geriet so zu einer Machtdemonstration - ein Affront gegen Steeb. Als Motiv führte der Spieler zwar einen "extrem engen Turnierkalender im Hinblick auf Olympia 2000" an. Doch mit seiner Hinhaltetaktik bis Mitte Januar blockierte er auch alle wesentlichen Entscheidungen des Kapitäns: die Wahl der Bälle, die Wahl des Belags, die Wahl der Ersatzspieler.
Der Symbolgehalt, der in Kiefers Verzicht steckt, richtete sich gegen sein Feindbild Becker. Der Teamchef hatte die Nation belehrt, nach seinem Rücktritt fehle dem Widerspenstigen fortan "das Alibi".
Und schließlich vergrätzte Kiefer auch seine Mannschaftskameraden. An seiner statt, höhnte der Hannoveraner nach seinem Zweitrunden-Sieg in Melbourne über Tomas Behrend, könne er seinen brasilianischen Gegner empfehlen - der hat deutsche Vorfahren und zog vor sechs Jahren nach Bochum.
Der Konfrontationskurs des Niedersachsen offenbart, wie nachhaltig der Betriebsfrieden im deutschen Daviscup-Team gestört ist. Denn die Ausnahmestellung, die Kiefer auf seinem vermeintlichen Weg an die Spitze der Weltrangliste einfordert, steht in einem Missverhältnis zu seinen sportlichen Resultaten. Auch beim Grand-Slam-Turnier in Australien schied er vergangenen Mittwoch vorzeitig im Viertelfinale aus.
An Kiefers Anspruchshaltung ändert das nichts. Als wiederhole sich die Geschichte zwischen den einstigen Weltklassespielern Becker und Michael Stich, verweigerte er dem Kollegen Thomas Haas in Melbourne gar den Handschlag. Der beschrieb sein Verhältnis zu Kiefer trocken: "Hallo und wie geht''s, mehr ist da sowieso nicht."
Oben hackt unten, unten tritt oben - der Geprügelte heißt immer Steeb. Erst klagte die deutsche Nummer drei, Rainer Schüttler, über "wenig Respekt" des DTB und mangelnde Kommunikation: "Ich weiß weder gegen wen wir spielen noch wo." Dann wagten sich Becker-Kritiker wie der ehemalige DTB-Sportwart Dirk Hordorff ("Was macht eigentlich der Teamchef?") plötzlich wieder aus der Deckung. Der Manager des Reservisten Jens Knippschild nörgelte, sein Zögling habe "überhaupt noch kein Lebenszeichen erhalten" von Steeb, "nicht mal auf der Mailbox".
Und ausgerechnet der alte Becker-Gefährte soll dazu fähig sein, dieses Geflecht aus Einzelinteressen zu entwirren und als Integrationsfigur aufzutreten?
Mit dem Teamchef Becker nahmen es viele auf, weil Becker-Bashing Schlagzeilen garantierte. Mit dem Teamkapitän Steeb legen sich nun viele an, weil sie glauben, dass Steeb ohne Becker hilflos sei.
Der Ruf als "treuer Charly" haftet ihm seit Jahren an, und Steeb mag davon nichts mehr hören. Er führt seine flache rechte Hand an seinen Hals, bevor er sagt, er habe "alles probiert": Diskussionen angezettelt, Erklärungen abgegeben, Meinungen angehört, Meinungen widersprochen. Umsonst, wie er feststellen musste: "Dass Boris und ich ein gleichberechtigtes Verhältnis haben, ist der Öffentlichkeit nicht klarzumachen."
Andererseits hat Steeb durchaus seinen Anteil am platten Bild als "Beckers Harry". Es stammt aus einer Zeit, in der er, wie Steebs ehemaliger Trainer Karl Meiler berichtet, "Becker wie eine Gottheit verehrte". Es waren die Tage Ende der achtziger Jahre, als Steeb mit seinen Kumpel zweimal den Daviscup gewann. Becker war der "Baron", Patrick Kühnen war "Jean", Eric Jelen war der "Hirsch", und alle vier sahen sich als verschworenen Jungmännerbund. Für die Big Points, die alles entschieden, war natürlich der "Baron" zuständig.
Steeb war tief beeindruckt, wenn er mit Becker in Mailand zum Mittagessen ein volles Lokal betrat und die Kellner ohne Umschweife einen Tisch freiräumten. Denn ihn, den Sohn eines Schreiners und einer Friseurin aus dem schwäbischen Mögglingen, erkannte keine Bedienung in Italien.
Dafür hatte er wegen seines breiten Oberkörpers Schlag bei den Frauen. Becker nannte ihn halb ironisch, halb anerkennend "das Tier", die "Bunte" stilisierte Steeb zum "Sexsymbol", und sein Vater befand erleichtert: "Die Mädels mögen den Bub."
Während Becker die Welt eroberte, markierte Steeb sein Reich im Schwabenland. Er blieb ein Local Hero, selbst als er in der Weltrangliste unter die Top 20 aufrückte. Beim Abschiedsspiel in Stuttgart 1996 saß Boris Becker auf der Ehrentribüne. Als der Matchball gespielt war, stand er als einer der Ersten auf und applaudierte. 6000 Zuschauer folgten ihm.
Der Regionalsender Südwest 3 übertrug live. Steebs Karriere wurde noch einmal im Zeitraffer in Erinnerung gerufen, darunter auch der Werbeauftritt, bei dem er sich zum Trottel machte. Verschwitzt sitzt Steeb auf einer Bank, beißt in einen Schokoriegel und stammelt: "Milchschnidde - schmeckt wirklich subba."
Der tumbe Spot hatte Langzeitwirkung. So traute kaum einer Steeb zu, dass er nach seiner Laufbahn beim ZDF als Co-Kommentator reüssierte. Sechs Wochen im Jahr steht Steeb den Öffentlich-Rechtlichen bei Tennisturnieren mittlerweile zur Verfügung: routiniert und respektabel.
Sein Ehrgeiz hat ihm den Weg geebnet. Denn bevor Steeb, noch bei Sat 1 unter Vertrag, auf Sendung ging, ließ er sich von einer eigens nach Monte Carlo eingeflogenen Sprecherzieherin unterweisen. Die schliff seinen süddeutschen Dialekt mit monotonen Übungen: "Mo, mei, mi, mu - no, nei, ni, nu."
Auch als Teamkapitän wird Steeb häufig unterschätzt. Dabei beherrscht er die Kunst, seine eigene Stellung im Verband durch Freunde zu stützen, denen er Posten verschaffte - die Raffinessen der Amigo-Wirtschaft hat er von Becker abgeschaut.
Fast alle Bundestrainer-Stellen im Nachwuchsbereich hat Steeb mittlerweile mit seinen Gefolgsleuten besetzt und bei sich in München angesiedelt - und damit das Fördersystem des DTB im Leistungszentrum Hannover, das gut funktionierte, größtenteils lahm gelegt.
Mitunter gingen dabei auch langjährige Freundschaften in die Brüche. Den Trainer Karl Meiler, der 13 Jahre lang den B-Kader betreute, drängte Steeb aus seiner Position, nachdem er Teamkapitän geworden war. Dafür schanzte er seinem Duzfreund Stefan Schaffelhuber einen Job als DTB-Coach zu. Mit dem Münchner Tennislehrer, der in Fachkreisen umstritten ist, führt Steeb seit 1994 eine Sportmanagement-Agentur.
Dabei hatte Meiler Steeb bei seinem Aufstieg in die Weltklasse mehr als drei Jahre lang persönlich betreut. Damals muss der Tennis-Crack noch Dankbarkeit verspürt haben. Auf der Fahrt zu einem Turnier, so der Ex-Coach, bot Steeb an, ihm künftig einen Anteil an seinen Prämien zu überlassen. Meiler lehnte ab. Steeb kann sich an die Offerte nicht mehr erinnern.
Doch jetzt ist 2000, und Steeb denkt vor allem an sich. Sein eigenes Profil will er schärfen, und Forderungen will er stellen: Wer 2001 im Daviscup für Deutschland an-
trete, müsse dem Verband spätestens im November dieses Jahres seine schriftliche Zusage gegeben haben: "Denn das Theater der letzten Wochen", sagt er und setzt die bedeutungsschwere Miene eines Scheidungsrichters auf, "darf kein Dauerzustand sein."
Eigentlich liegt alles an ihm. Wenn Steeb künftig seine besten Spieler aufbieten will, muss er sich deutlich freimachen vom Einfluss Beckers.
Nur, ist er dazu bereit? Fachliche Ratschläge will der Teamkapitän weiterhin einholen bei seinem Nachbarn in München-Bogenhausen: "Dafür kennen wir uns zu gut." Auch die Geschäfte der beiden kommen gerade erst ins Rollen. So hat Steeb mit Becker vor einigen Monaten eine Firma in Wien gegründet.
Und selbst Gespräche mit Journalisten führt Teamkapitän Steeb vorzugsweise in den Geschäftsräumen von Beckers BBM in Unterföhring nahe München. Die Wahl des Ortes passt zwar nicht zur gebotenen Emanzipation, doch so kompliziert will der Schwabe nicht denken. Denn dort sei es, sagt Steeb, "einfach am bequemsten". MICHAEL WULZINGER
* Nach dem Erfolg über Schweden im Dezember 1988; von links: Becker, Kühnen, Teamkapitän Pilic, Jelen, Steeb. * Mit Moderatorin Alexandra Muz.
Von Michael Wulzinger

DER SPIEGEL 5/2000
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