31.01.2000

SCHWEDENMoralische Führung

Energisch ergriff Samuel Pisar das Wort. "Es ist meine Pflicht", sagte der französische Jurist, "die Stimme der Überlebenden zu Gehör zu bringen." Doch als der Anwalt und Autor auf dem Internationalen Holocaust-Forum in Stockholm von seinen Erfahrungen als "Heranwachsender in Auschwitz" erzählte, waren die meisten Adressaten längst gegangen.
Nach der Eröffnungszeremonie der bislang größten Holocaust-Konferenz hatte die versammelte Polit-Prominenz, mehr als 20 Staats- und Regierungschefs sowie Politiker aus 48 Nationen, den Saal beinahe fluchtartig verlassen - auch der Gastgeber, Schwedens Premier Göran Persson, war enteilt.
Der konnte allerdings zufrieden sein. Vor dem Hintergrund immer neuer Enthüllungen über die Kollaboration Schwedens mit Nazi-Deutschland und dem zunehmenden Terror schwedischer Neonazis gegen Ausländer hatte der Sozialdemokrat das Projekt "Lebendige Geschichte" gestartet. Der dreitägige Gipfel sollte die Aufklärungskampagne krönen.
Wie erhofft gab es dafür Lob von allen Seiten. Israels Premier Ehud Barak sprach gleich dem ganzen "Volk von Schweden unseren tiefsten Dank" aus. Die Stockholmer Regierung, so sahen es Kommentatoren, habe erneut die "moralische Führung" in Europa übernommen. Kein Wort mehr über die amtliche Unterstützung nationalsozialistischer Truppentransporte durch das eigentlich neutrale Land, über dessen Antisemitismus oder über die wirtschaftliche Unterstützung für die NS-Rüstungsindustrie.
Manche Politiker mochten geahnt haben, dass sie vornehmlich als Staffage dienen sollten. Frankreichs Lionel Jospin kam viel zu spät. Briten-Premier Tony Blair entschuldigte sich mit parlamentarischen Aufgaben. US-Präsident Bill Clinton schickte lediglich ein Video. Auch in deutschen Delegationskreisen wurde Unmut über das "Doppelspiel" der Schweden laut. Kanzler Gerhard Schröder nutzte das Forum vor allem zu bilateralen Konsultationen.
Mehrere dutzend Workshops und Arbeitssitzungen nach dem Eröffnungstag unterstrichen immerhin die "hohe Symbolik" des Treffens, auch im Kampf gegen den "vernetzten Rechtsradikalismus in Europa", so Michel Friedman, Vizepräsident des Zentralrats der Juden in Deutschland. Auch ihm wäre es allerdings weitaus lieber gewesen, "wenn die Authentizität der Überlebenden im Mittelpunkt gestanden hätte" und die Politiker zunächst nur als Zuhörer in Erscheinung getreten wären.

DER SPIEGEL 5/2000
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