31.01.2000

TÜRKEITeuflischer Pakt

Grausige Leichenfunde wecken den Verdacht, dass sich Ankara im Krieg gegen die Kurden von religiösen Psychopathen helfen ließ.
Zwei Männer auf Motorrädern hatten den Imam abgeholt. Ein Verwandter sei gestorben, sagten sie, ein Geistlicher fürs Totengebet solle kommen. Der Vorbeter Ahmet Aydin aus Tarsus nahe der türkischen Mittelmeerküste tat seine Pflicht und fuhr mit.
Neun Monate später, am vorvergangenen Mittwoch, bargen Polizisten Aydins halb verweste Leiche aus dem Keller eines benachbarten Hauses. Der Imam hatte sich geweigert, seine Moschee den Radikalislamisten von der türkischen Hizbullah ("Partei Gottes") zu überlassen. Dafür wurde er entführt, gefoltert, umgebracht und, zusammengebunden wie Schlachtvieh, verscharrt.
Seine Frau und seine achtjährige Tochter trugen ihn zu Grabe, der Bezirksmufti von Tarsus sprach das Totengebet: "Die Engel werden dich fragen, wie du gestorben bist. Erzähle es nicht. Verrate ihnen nicht, wie böse diese Welt ist."
Der Imam war nicht das einzige Opfer. Seit am 17. Januar die Polizei bei einer Schießerei in Istanbul den mutmaßlichen Hizbullah-Chef Hüseyin Velioglu tötete und zwei Führungsmitglieder der Terrortruppe festnahm, sind insgesamt 39 Ermordete entdeckt worden, hunderte weiterer Funde werden befürchtet.
Details des Massenmords haben auch die nach 15 Jahren Berichterstattung über den Kurdenkrieg abgestumpften türkischen Zeitungsleser geschockt. Denn der Zustand der Opfer entlarvt die pathologische Grausamkeit der Täter. Einigen Toten waren Arme und Beine abgeschnitten worden, anderen hatten die Mörder Nägel in den Schädel geschlagen. Fast alle Leichen waren nackt, manche der Opfer wurden einbetoniert, andere lebend begraben.
Abweichler aus den eigenen Reihen, so berichten die Ermittler, haben die Gottesterroristen erstickt und erdrosselt; "äußere Feinde", Kurdenpolitiker, Geschäftsleute und Journalisten, seien mit einem Schuss in den Nacken hingerichtet worden.
Die türkische Hizbullah, ein eher loses und unübersichtliches Netzwerk muslimischer Fanatiker, ist eine weitere Terrortruppe, die entstehen konnte, weil die Regierung in Ankara jahrzehntelang die Kurdengebiete im Südosten der Türkei vernachlässigt oder bekriegt hat. Ihre Mitglieder sind Bauernsöhne und Arbeitslose aus den Elendsvierteln der Städte Diyarbakir, Batman, Mus oder Bingöl. Sie sind, wie die Mehrheit ihrer Opfer, kurdische Sunniten - was sie von der schiitischen, von Teheran unterstützten Hisbollah im Libanon unterscheidet.
Verbindungen nach Iran soll zwar auch der erschossene Hizbullah-Führer Velioglu gehabt haben, doch das Zentrum der Aktionen lag stets in den Kurdengebieten der Türkei, wo die Gruppe Anfang der achtziger Jahre als eine Art religiöser Alternative zur kommunistischen PKK entstand.
Einig in ihrer Opposition gegen den türkischen Staat, teilten Hizbullah und PKK anfangs Ziele. Doch mit dem Erstarken der PKK begann der Krieg der Islamisten gegen Öcalans gottlose Gefolgsleute. Der Regierung in Ankara konnte das nur recht sein.
Dass der Staat bei der Auswahl seiner Kollaborateure im schmutzigen Krieg gegen die PKK nicht zimperlich war, hat 1997 bereits ein parlamentarischer Untersuchungsbericht festgestellt. So ließen sich Mitglieder des Sicherheitsapparats in den Notstandsprovinzen des türkischen Südostens seit den achtziger Jahren von Mördern, Drogenhändlern und Mafiapaten helfen, die vorwiegend dem rechtsextremistischen Lager angehörten.
Die Empörung bei der Armee hielt sich in Grenzen, denn die vaterländische Gesinnung der gedungenen Agenten stand außer Zweifel. "Wer für diesen Staat Kugeln abfeuert", rechtfertigt die ehemalige Ministerpräsidentin Tansu Çiller die Zusammenarbeit, "verdient denselben Respekt wie jene, die für den Staat ihr Leben lassen."
Vieles deutet darauf hin, dass auch die türkische Hizbullah von den Sicherheitskräften als Guerrilla gegen die PKK benutzt wurde. Die Allianz bot sich an: Radikalislamische Tendenzen hatten stets starken Rückhalt im zurückgebliebenen Südosten der Türkei; eine religiöse Opposition gegen Öcalans gewaltbereite Linke und ihre Sympathisanten musste nicht erst aufgebaut werden.
Islamisten bei der Polizei und bei den vom Staat finanzierten örtlichen Bürgerwehren bildeten die Brücke zur schlecht organisierten, aber fanatischen Hizbullah. Ehemalige Mitglieder der Organisation berichten von einem regelrechten "Strategiewechsel" Anfang der neunziger Jahre: Von da an konzentrierte sich der Kampf der Gotteskrieger vorwiegend auf die PKK. "Augenblicklich", so ein Hizbullah-Aussteiger aus der Stadt Bingöl, "ließ der Verfolgungsdruck des Staates nach."
Die neue Kurdentruppe gedieh im Schatten von Polizei und Geheimdienst. "Man hat die Hizbullah ausgequetscht wie eine Zitrone", glaubt der türkische Terrorismus-Experte Faik Bulut.
Knapp 2000 unaufgeklärte Morde an kurdischen Aktivisten und Geschäftsleuten zählte der türkische Menschenrechtsverein IHD während der vergangenen zehn Jahre. 80 Prozent der Anschläge geschahen im Südosten des Landes. Einen großen Teil der Ermordeten, so wird jetzt deutlich, hat die Hizbullah auf dem
Gewissen. "Wir haben noch gar nicht richtig angefangen, über die Anschläge im Südosten zu sprechen", fürchtet der ehemalige Ministerpräsident Mesut Yilmaz. "Dort unten wird erst das wahre Ausmaß der Hizbullah-Taten ans Licht kommen." Allerdings, so hofft der Politiker, hätten nur einzelne "Verräter" im Öffentlichen Dienst mit den militanten Muslimen paktiert.
Doch in Wahrheit belegen die Leichenfunde von Istanbul, Ankara, Konya und Tarsus, dass Teile der türkischen Sicherheitskräfte sogar mit religiösen Psychopathen kollaborierten, um den Aufstand der PKK niederzuschlagen. Geflissentlich übersahen sie dabei, dass die Hizbullah neben dem geduldeten Krieg gegen die kurdische Linke noch eine andere Agenda verfolgte - die Liquidierung jeder religiösen Opposition in ihrer direkten Umgebung.
Prominenteste Opfer der jüngsten Mordserie waren Mitglieder eines gemäßigten muslimischen Ordens sowie die fünffache Mutter Konca Kuris, eine ehemalige Hizbullah-Anhängerin, die sich Anfang der neunziger Jahre von der Gruppe löste und als islamistische Frauenrechtlerin auftrat. 35 Tage lang wurde die Dissidentin festgehalten und gefoltert. Videoaufnahmen zeigen, wie die 38-Jährige während eines Verhörs zusammenbrach und ihren Austritt aus der Organisation bedauerte.
Dass einzelne Staatsorgane mit Terroristen paktiert haben, ist vor allem für die Armee eine peinliche Enthüllung. Nachdem Recai Kutan, der Chef der islamistischen Tugendpartei, die Sicherheitskräfte beschuldigte, den Hizbullah-Terror tatenlos geduldet zu haben, schlugen die Generäle vorigen Mittwoch zurück: Es sei abermals der religiöse Fundamentalismus, der sich als die gefährlichste Bedrohung der laizistischen Republik erweise. Die Abgeordneten der verbotenen Wohlfahrtspartei des früheren Ministerpräsidenten Necmettin Erbakan hätten den Boden für den islamistischen Terror bereitet.
Ganz abwegig ist diese Beschuldigung nicht: Ein Parlamentarier der Wohlfahrtspartei bekannte sich in der Vergangenheit öffentlich als "Hizbullahi"; Erbakan selbst kündigte mehrfach an, die islamistische Partei werde in Ankara die Macht übernehmen - es frage sich nur, ob das "blutig oder unblutig" geschehe.
Konfrontiert mit den Ergebnissen einer Politik, welche die religiöse Rechte stets gegen die Linke ausgespielt hat, lenken die Militärs freilich von eigenen Fehlern ab: Auch sie haben in den Jahren des Kalten Kriegs massiv zur Reislamisierung der Türkei beigetragen. Die Einführung des obligatorischen Religionsunterrichts und der Aufschwung der religiösen Schulen fällt in die Präsidentschaft von Kenan Evren - dem Putschgeneral vom September 1980. BERNHARD ZAND
* Am 19. Januar in Istanbul.
Von Bernhard Zand

DER SPIEGEL 5/2000
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