31.01.2000

ZEITGEIST

Entzauberung von rechts

Von Mohr, Reinhard

Sprachlos stehen die linken Intellektuellen vor der Selbstdemontage der CDU: Löst sich jetzt auch der ideologische Katechismus der Konservativen auf? Von Reinhard Mohr

Stundenlang tagte die eilig zusammengetrommelte Bezugsgruppe. Wieder einmal. Die Hütte brannte lichterloh, der ganze Laden drohte auseinander zu fliegen. Der Zoff zwischen Fundis und Realos kochte hoch. Die Betroffenheit war groß, fast so groß wie die Orientierungslosigkeit. Es wurde von schweren Fehlern gesprochen, von falschen Einschätzungen der Lage, fehlenden Perspektiven und vom Verrat an den gemeinsamen Idealen. Wo bleibt eigentlich unsere politische Vision? So fragte manch einer wütend, mit Tränen in den Augen. Erst um zwei Uhr nachts ging das CDU-Präsidium in Berlin auseinander, das in diesem Augenblick nicht völlig von einer Sponti-Gruppe in Frankfurt-Bockenheim kurz vor der Selbstauflösung zu unterscheiden war.

Die flüchtige Ähnlichkeit mit den selbstquälerischen Endlosdebatten der linken Szene ist kein Zufall. Was sich jetzt bei den christlichen Demokraten abspielt, erscheint - jenseits der skandalträchtigen Fakten um schwarze Kassen und Geheimbündelei - wie das rechte Gegenstück zur Desillusionierung und Entzauberung der deutschen Linken in den achtziger Jahren, wie eine, freilich bizarre, Parallelität der Ereignisse.

Die Gegenwart von Globalisierung und Individualisierung, die immer auch den Verlust von Traditionen bedeuten, hat die Partei des wirtschaftlichen Fortschritts eingeholt. Stets sprach sie dynamisch von der Zukunft und lebte doch so gern in der wärmenden Vergangenheit - nicht viel anders als große Teile der alten Linken.

Plötzlich gerät nicht nur die moralische Grundlage christlich-konservativer Werteorientierung wie Gesetzestreue, Ehrlichkeit und Vertrauen in Zweifel. Es wankt auch die politische Statur einer Volkspartei, die Substanz und Metaphysik der Bundesrepublik seit 1949 verkörpert wie keine andere Kraft in Deutschland und so zur inoffiziellen "Staatspartei der Bundesrepublik" (Jürgen Busche) wurde, zum "Bollwerk der deutschen Nachkriegs-Staatsräson" (Eckhard Fuhr).

Nun droht auch dem konservativen Lager ein schmerzlicher Prozess der Ent-Ideologisierung: eine Konfrontation mit der eigenen Geschichte - einschließlich der unbestrittenen Erfolge - auf dem schwierigen Weg zu einem neuen, "rückhaltlos aufgeklärten" Realismus, der die Wirklichkeit im Jahr 2000 reflektiert. Das, was man jahrelang zu Recht von den Linken gefordert hat, wird nun eine intellektuelle Herausforderung an die Rechten sein, bei der Teile der Anhängerschaft geistig heimatlos werden könnten, Vertriebene aus dem scheinbar sicheren Reich des a priori Guten, nämlich Gutbürgerlichen.

Mit der schockartigen Zeitverzögerung eines Jahres implodiert jetzt nicht nur die Ära Kohl - auch die ideologischen Versatzstücke der "geistig-moralischen Wende" von 1982 sind nun, für alle sichtbar, endgültig anachronistisch geworden. Sie wirken ausgezehrt und abgestanden, hohl und verlogen. Der "patriarchalische Stil" des ewigen Kanzlers, der seine Partei wie ein mal gütiger, mal zorniger Autokrat beherrschte, ist wohl nur eine euphemistische Umschreibung für den rabiaten Kern christdemokratischer Parteipolitik der letzten drei Jahrzehnte: ein Freund-Feind-Denken mit einem Anflug von angedrohtem Ausnahmezustand. "Freiheit oder Sozialismus" lautete die Parole vor allem in den siebziger Jahren, als die ideologischen Schützengräben noch in voller Mannschaftsstärke besetzt waren.

Es war die Zeit der Kriegskassen, damals, als der Streit um die sozialdemokratischen "Rahmenrichtlinien" für den Unterricht an hessischen Schulen wie ein Glaubenskrieg geführt wurde. Bis tief in die neunziger Jahre hinein, als die linken Intellektuellen längst schon in der neuen Mitte angekommen waren und ihre Häuser in der Toskana renovierten, fuchtelten die deutschen Konservativen noch mit der Munition aus den guten alten Tagen herum: Sie nannten Otto Schily unverdrossen einen "Terroristen-Anwalt" und Joschka Fischer einen "Steinewerfer" und meinten, damit die Dinge beim Namen zu nennen.

Am Ende wurde die Hegemonie des konservativ-traditionsbewussten Bürgertums, das sich als virtuelle Bürgerkriegspartei gegen jede Art von Umsturz, Sittenverfall und "schleichender Systemveränderung" stemmte, zur machtgeschützten Ideologie, die bloß noch das unabsehbare Weiterregieren legitimieren sollte. Es ging nur noch um eine ganz persönliche Form der Herrschaft: "Machtgewinnung und Machterhalt sind ihm nicht Wege zum Ziel, sondern das Ziel selbst", schrieb Alexander Gauland, lange Zeit intellektueller Berater des einstigen CDU-Ministerpräsidenten Walter Wallmann, schon 1994 über den Patriarchen, der zum Paten wurde. "Das führt", so Gauland weiter, "fast zwangsläufig zu Verbiegungen und Verformungen, zum Verlust innerer Unabhängigkeit, zu einem Mangel an Souveränität und der Unfähigkeit, loszulassen, zurückzutreten auch im übertragenen Sinne." Selbst jetzt noch wirkt Kohl wie ein buddhistischer Kanzler-Darsteller, der den Zugwind beim freien Fall subjektiv als angenehmes Lüftchen empfindet, das ihm "ausgesprochen gut tut".

Ironie der Geschichte: Wieder einmal, wie schon 1989, werden die eher linken Intellektuellen auf dem historisch falschen Fuß erwischt. Hielten viele damals noch Kohl für einen tumb-nationalistischen Landnehmer und Okkupator der zusammenbrechenden DDR, der ein neues "Großdeutschland" anstrebe, so hat sich die Mehrheit der Geistesschaffenden inzwischen darauf verständigt, dem "Kanzler der Einheit" immerhin politisches Gespür, taktisches Geschick und eine im Ganzen vernünftige Diplomatie der europäischen Einigung zu attestieren. Mehr noch: Hier und da entwickelte sich eine späte linke Liebe zur "alten", früher als "restaurativ" und "formaldemokratisch" gescholtenen rheinischen Republik.

Dass nun ausgerechnet der Repräsentant dieser Republik selbst seine bimbesgesteuerten Gesetzes- und Verfassungsverstöße als rechtsstaatlichen Formalkram abtut, der gegen ein Ehrenwort unter Männern und die unsterblichen Verdienste eines europäischen Staatenlenkers gar nichts ausrichten kann, irritiert durchaus all jene, die sich mit der zeitgeschichtlichen Figur Helmut Kohl längst versöhnt hatten - vom "Nasskämmer" und hessischen Obermoralisten Manfred Kanther zu schweigen, dessen kriminelle Energie die der meisten linken Demonstranten offensichtlich bei weitem übertroffen hat.

"Legal - illegal - scheißegal!" - diese relativistische Parole aus den guten alten Zeiten, als das Gewaltmonopol des Staates noch ein Seyfried-Comic war, schien eigentlich überholt. "Wo Recht zu Unrecht wird, wird Widerstand zur Pflicht!", hieß es einst am Bauzaun von Brokdorf. Naturrecht schlug positives Recht, der fliegende Pflasterstein war die libertäre Antwort auf die "strukturelle Repression" des Staatsapparats: "Wer sich nicht wehrt, der lebt verkehrt!"

Und nun: Helmut Kohl, als später Sponti, als subversiver Gegner staatlicher Allmacht, im Herzensgrunde ein postanarchistischer Zivilgesellschaftler, wie Patrick Bahners in der "FAZ" nicht ganz ohne Ironie nahe legt? Der Endpunkt eines "Marsches aus den Institutionen" ("Zeit"), an dessen Anfang schon extrem unregelmäßig anberaumte Kabinettssitzungen gestanden hatten?

Berti Vogts jedenfalls, zurückgetretener Fußballbundestrainer und schon immer ein Kämpfer hart an der Strafraumgrenze, unterstützt den guten Kameraden: Wenn Kohl Gesetze gebrochen habe, habe er es "im Sinne der Partei getan - ohne Wenn und Aber".

So sorgt der alte Lieblingsfeind der Linken ohne Wenn und Aber dafür, dass Rot-Grün, die jahrzehntelang erträumte politische Alternative und der Schrecken des christlichen Abendlandes, plötzlich als Ordnungshüter ohne Widerpart dasteht, ohne schlagkräftige Opposition (auch ohne Kanther & Co.) und ohne intellektuelle Gegner, deren Kritik die eigenen Argumente immerhin schärfen könnte.

Versinkt die "Berliner Republik" also, in allen Lagern politisch desillusioniert, gleichsam intellektuell vakuumverpackt, jetzt in geistiger Ödnis, in einem ganz neuen, diesmal geistigen "Abgrund an Landesverrat" (Konrad Adenauer)? Tabula rasa? Schröder für immer? Wird seine neue Mitte jetzt zum Juste Milieu des 21. Jahrhunderts?

Am Anfang war alles noch ganz einfach. Alle Linken und alle Intellektuellen (Ausnahmen bestätigen die Regel) waren gegen Kohl. Zwar waren sie auch nicht für Helmut Schmidt gewesen, seinen weltgewandten sozialdemokratischen Vorgänger, aber Kohl war "Birne", und Birne war doof. Doof und gemein. Er konnte nicht richtig sprechen und hatte keinen Stil. Auf die Frage nach seiner klassischen Bildung antwortete er: "Ich war gut in Hölderlin." Gorbatschow verglich er mit Goebbels und redete ansonsten die Staatsmänner weltweit mit "Du" an: "You can say you to me!" Bald hatte Kohl überall nur noch Freunde - außer zu Hause.

Karl-Heinz Bohrer, der Enzensberger aus Bielefeld, brachte 1984 die Sache auf den Punkt: Hier sei die "Unschuld an die Macht" gelangt, deren bieder-pathostrunkene "Unfähigkeit zur symbolischen Abbildung" keine Staatsräson mehr kenne: "In diesem Lande ist ein solcher ethischer Formalismus, der alle traditionelle Politik geprägt hat, zerstört." Die Ehre des "ruinierten, lächerlich gewordenen Politikers" heiße "Integration in die Funktion".

Noch einmal, jetzt auf ästhetisch-zeitgeistorientierter Ebene, wurden die alten Schlachten zwischen rechts und links geschlagen. Auf Partys und Kongressen der kulturellen Elite war man sich einig: Das war die Rückkehr einer niveaulosen Vergangenheit mit modernen Mitteln, schon rein geschmacklich pures Mittelalter, ein spätbarockes "pfälzisches Gesamtkunstwerk" (Joschka Fischer), Endlosvorrat auch für drittklassige Kabarettisten. Der Kanzler im Fernsehen: eine Lachnummer.

Deutschland peinlich Vaterland.

Während sich Linke und Liberale damals in ihrer vermeintlichen intellektuellen Überlegenheit gefielen, modernisierte, flexibilisierte und amerikanisierte sich die Republik munter weiter - trotz und wegen des konservativen Zeitgeists. Die Differenzierung der gesellschaftlichen Subsysteme, die der Soziologe Niklas Luhmann akribisch analysierte, beschleunigte sich unaufhaltsam. Die vorherrschenden kulturellen Codes lösten sich immer stärker von der bildungsgeschichtlichen Überlieferung. Auch zwischen Dinkelsbühl und Detmold begann die Welt MTV- und CNN-kompatibel zu werden. Die Spaßgesellschaft zeugte ihre Computerkids, und der Single wurde zum Symbol, zur Leitfigur tief greifender Veränderungen der Lebensformen.

Selbst die anfangs von den Linken vehement bekämpften privaten Fernsehsender erwiesen sich eher als Agenten der Zersetzung konservativer Werte denn als rechte Propagandaorgane. Der konservative Medientycoon und Kohl-Freund Leo Kirch, milliardenschwerer Herr über Sat 1 und Pro Sieben, hat der geistig-moralischen Wende mehr Schaden zugefügt als alle kulturkritischen Mäkelkrähen zusammen. Heute hängen die Fernsehmikrofone von RTL und n-tv am dichtesten - und penetrantesten - über den hochroten Köpfen von Schäuble und seiner verzweifelten Aufklärer-Truppe.

Die achtziger Jahre, die Ära von "neuer Unübersichtlichkeit", Postmoderne und Pop, markierten aber auch das Ende der linken Gesellschaftsutopien. Die historische Zäsur von 1989/90 ließ dies offenkundig werden. Allein Kohls Dauerregiment, durch Wiedervereinigung und Euro-Engagement gesichert, verhinderte eine entsprechende Säkularisierung des autoritären Katechismus - rote und grüne Dummheiten halfen dabei kräftig mit.

Mit erheblicher Verspätung nehmen nun die kritischen Beobachter wahr, was der konservative Publizist Joachim Fest schon vor Jahren am "System Kohl" diagnostiziert hatte: Keinerlei "suggestive Anschaulichkeit einer Idee". Programm war die ideologisch aufgeladene Person, der Patriarch als Hüter und Beschützer, ein Halbgott, unsterblich und unersetzlich.

So wirkt die konservative Szene plötzlich nackt und hilflos wie einst die der heimatlosen Linken, als diese ihre ideologischen Wärmestuben verloren. Droht jetzt ein neuer Kälteschub zynischer Politikverachtung, gar eine kleine "konservative Revolution" à la Ernst Jünger? Könnte es bald neue elitäre Anhänger seiner Vorstellung aus den zwanziger Jahren geben, "dieses Schauspiel der im Leeren kreisenden Kreise hinwegzufegen", um das entfalten zu können, "was noch an Natur, an Elementen, an echter Wirklichkeit ... in uns steckt"?

"Echte" Wirklichkeit gegen die Wirklichkeit, wie sie ist - so haben linke wie rechte Sinnsucher und Erlösungswillige in Deutschland immer schon die schnöde "Zivilisation" der Moderne und ihre Massendemokratie attackiert. Jetzt aber besteht die Chance, dass sich die desillusionierten Bezugsgruppen beider Lager untereinander kreativ austauschen - und jenseits von Utopie und Übervater, im Geiste skeptischer Rationalität, endlich pragmatisch denken lernen. Ganz echt.


DER SPIEGEL 5/2000
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