17.02.2018

Sprachwissenschaften„Mehr Respekt vorm Fluchen“

Die britische Wissenschaftsautorin Emma Byrne, 43, über die linguistische und psychologische Kraft der Schimpfworte
SPIEGEL: Sie behaupten in Ihrem Buch, Fluchen sei gut für den Menschen. Warum?
Byrne: Fluchen ist ein sehr mächtiger, emotionaler Teil der Sprache. Wer flucht, lässt Dampf ab, ist weniger bereit, Gewalt anzuwenden, und kann Schmerzen besser aushalten. Experimente zeigen, dass Menschen, die fluchen, ihre Hand noch mal um die Hälfte der Zeit länger in Eiswasser halten können. Das ist ein erstaunlich starker Effekt. Gleichzeitig sind Schimpfworte sehr geeignet, Bindung und Kameradschaft zu erzeugen, vor allem unter Männern. In der Politik wird Fluchen deshalb auch instrumentalisiert.
SPIEGEL: Wie das?
Byrne: Männer, die fluchen, werden als ernster, mächtiger und glaubwürdiger wahrgenommen. Politiker wissen das zu nutzen, um Leidenschaft und Authentizität zu erzeugen. Nehmen Sie Donald Trump: Seine Schimpfkanonaden werden zumindest von seinen Anhängern als Zeichen von Ehrlichkeit gedeutet. Die Leute erinnern sich auch besser an Inhalte, wenn sie mit Obszönität verbunden sind.
SPIEGEL: Das kann allerdings auch nach hinten losgehen ...
Byrne: In der Tat. Trump wird seine angeblichen Bemerkungen zu "shithole countries" und Frauen, denen er an die Genitalien fasst, nie wieder loswerden.
SPIEGEL: Dürfen Frauen fluchen?
Byrne: Von Frauen wird erwartet, dass sie einfühlsamer und höflicher sind als Männer. Deshalb werden fluchende Frauen schnell als hysterisch und beleidigend wahrgenommen. Ich bedaure diese Doppelmoral. Noch vor 300, 400 Jahren waren Frauen, die gut fluchen konnten, hoch angesehen. Ich hoffe, dass wir dahin zurückkommen.
SPIEGEL: Fluchen alle Menschen auf die gleiche Weise?
Byrne: Die Schimpfworte unterscheiden sich. Russen zum Beispiel fluchen gern über die Ehre der Mutter. In England sind weibliche Genitalien als Kränkung sehr beliebt. Schimpfworte funktionieren natürlich nur so lange, wie sie von Tabus belegt sind. Werden sie normaler Teil der Sprache, verlieren sie ihre Wirkung.
SPIEGEL: Was raten Sie?
Byrne: Wir sollten mehr Respekt vor Schimpfworten haben. Fluchen ist starke Sprache, aber nicht automatisch schlechte Sprache.
Emma Byrne: "Swearing is Good for You: The Amazing Science of Bad Language". W. W. Norton & Co.; 240 Seiten.
Von Phb,

DER SPIEGEL 8/2018
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