07.02.2000

RELIGION„Fanatiker sind leicht verführbar“

Der Vorsitzende des Zentralrats der Muslime in Deutschland, Nadeem Elyas, über die Reaktion seiner Glaubensgenossen auf ein Bild des Religionsstifters Mohammed
SPIEGEL: Warum empört das Bild "Die Berufung Mohammeds durch den Engel Gabriel" die Muslime in Deutschland so, dass sie den SPIEGEL mit massenhaften Protesten bis hin zu Morddrohungen überziehen?
Elyas: Die Muslime sind besonders sensibel, wenn es um den Propheten Mohammed geht. Im Islam gilt ein Bilderverbot, und zwar nicht nur für Darstellungen des Propheten - Friede sei mit ihm! -, sondern aller Propheten und Gefährten des Propheten Mohammed. Der Islam betrachtet jede Abbildung dieser Persönlichkeiten als eine Entwürdigung.
SPIEGEL: Das Bild wurde 1847 von dem deutschen Maler Theodor Hosemann gefertigt, keinem Muslim, sondern einem Christen. Woher nehmen in Deutschland lebende Muslime sich das Recht, ihre religiösen Verbote der pluralistischen Gesellschaft der Bundesrepublik aufzudrücken?
Elyas: Der Islam erwartet nicht, dass seine Verbote oder Gebote für Nichtmuslime Gültigkeit haben. Die Aufregung rührt daher, dass wir in einer multikulturellen Gesellschaft erwarten, dass die Nichtmuslime wissen, was die Gefühle der Muslime verletzt und dass sie diese respektieren.
SPIEGEL: Sind die Beschimpfungen und Drohungen gegenüber dem SPIEGEL repräsentativ für die Mehrheit der Muslime?
Elyas: Die Aufregung ist repräsentativ, nicht die Art der Reaktionen. Beschimpfungen und Drohungen sind die falsche Form der Auseinandersetzung. Die muss intellektuell geführt werden.
SPIEGEL: Gibt es eine Radikalisierung des Islams in Deutschland?
Elyas: Nein, das Bundesamt für Verfassungsschutz geht von einem Prozent Muslime in der Bundesrepublik aus, die extremistisch sind. Es gibt im Gegenteil einen bewussteren Umgang mit der eigenen Religion, eine stärker ausgeprägte islamische Identität.
SPIEGEL: Schließt sich beides aus?
Elyas: Ganz genau. Ein Muslim, der seine Religion richtig kennt, der kann mit der multikulturellen, multireligiösen Gesellschaft besser umgehen als ein fanatischer Muslim, der den Islam verkennt. Fanatiker sind leicht verführbar. Sie entwickeln rassistische Vorurteile gegen Andersdenkende und sind anfällig für Gewalt.
SPIEGEL: Reagieren Ihre Glaubensgenossen vielleicht deshalb so heftig auf das SPIEGEL-Bild vom Propheten, weil sie mit der pluralen Gesellschaft nicht zurechtkommen?
Elyas: Das stimmt nur für die gewaltbereiten Reaktionen. Im Allgemeinen jedoch steht die Integration der Muslime in die deutsche Gesellschaft erst am Anfang. Sie haben noch nicht das Gefühl: Ihr seid ein gleichberechtigter Teil dieser Gesellschaft. Ihr werdet nicht wegen eurer Religion anders behandelt als Christen, als Juden, als Atheisten.
SPIEGEL: Wir werden den Eindruck nicht los, dass die Drohungen gegen den SPIEGEL gesteuert sind. Es gibt Unterschriftenlisten, die Telefonnummer eines Redakteurs ist im türkischen Fernsehen veröffentlicht worden. Wer organisiert den Protest?
Elyas: Organisierte Ablehnung kann von verschiedenen Stellen kommen, und das ist auch legitim. Aber für gewalttätige Drohungen, die wir nicht legitimieren wollen, sind vermutlich ein paar wenige radikale Vereine verantwortlich, eine verschwindende Minderheit.
SPIEGEL: Wie soll denn die deutsche Gesellschaft die Muslime besser integrieren?
Elyas: Indem sie den Muslimen die Möglichkeit der Selbstdarstellung gibt und sie als gleichberechtigte Religionsgemeinschaft anerkennt.
SPIEGEL: Als Körperschaft öffentlichen Rechts wie die großen christlichen Kirchen?
Elyas: Es reicht auch, wenn die Muslime sich unter mehreren Dächern organisieren und mit dem Staat die Gleichberechtigung rechtsverbindlich vereinbaren können.
SPIEGEL: Was geschieht, wenn der SPIEGEL das umstrittene Bild des Propheten hier noch einmal abdruckt?
Elyas: Sie sollten das nicht tun, wenn Sie die Muslime nicht absichtlich verletzen wollen. Sie können notfalls das Bild drucken, aber das Gesicht weißen.
INTERVIEW: CAROLIN EMCKE
Von Carolin Emcke

DER SPIEGEL 6/2000
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