07.02.2000

SERIENMÖRDERDoktor Seltsams Todesspritzen

Ein beliebter Hausarzt in Manchester brachte mindestens 15 seiner Patientinnen um. Psychologen rätseln über das Motiv des Killer-Doktors.
Als Richter Thayne Forbes den Angeklagten wegen Mordes in 15 Fällen zu 15-mal lebenslanger Haft verurteilte, kam es im ehrwürdigen Crown Court im nordenglischen Preston zu Gefühlsausbrüchen. Zuschauer weinten, riefen "Yes" oder reckten zornig die Fäuste. "Die Verworfenheit dessen, was Sie getan haben", begründete Richter Forbes das Strafmaß, "entzieht sich jeder Beschreibung und ist unvorstellbar schockierend."
Ohne die Miene zu verziehen, nahm der Mediziner Harold Shipman, 54, das Urteil entgegen. Bis zuletzt hatte der vollbärtige Arzt geleugnet, seine überraschend verstorbenen Patientinnen mit einer Überdosis Heroin getötet zu haben.
Schon jetzt gilt der Doktor aus Hyde, einem Vorort von Manchester, als schlimmster Serienmörder der britischen Kriminalgeschichte. Doch die Fahnder vermuten, dass er sogar noch eine wesentlich größere Zahl von Patienten auf dem Gewissen hat. Die Polizei ermittelt in 23 weiteren Fällen und hält bis zu 150 Opfer für möglich.
Doch nicht allein der hohe Blutzoll oder die perfide Ausbeutung des Vertrauens von Patienten erregen die Gemüter; besonders gruselig findet es das Publikum, dass es kein nachvollziehbares Motiv gibt. Nur bei seinem letzten Mord hat Shipman sich zu bereichern versucht. Im Gegensatz zu anderen Serienmördern verging er sich auch nicht sexuell an seinen Opfern oder schändete deren Leichen.
"Bemerkenswert an ihm war, dass er nicht bemerkenswert war", erinnert sich ein ehemaliger Kommilitone an den in Nottingham geborenen Sohn eines Lastwagenfahrers. Shipman war ein launischer Einzelgänger und heiratete mit 20 seine Sprechstundenhilfe Primrose, die ihm auch nach der Verurteilung die Treue hält. Zusammen mit ihren vier Kindern lebte das Paar vollkommen unauffällig. Auch die meisten Patienten können nicht fassen, dass ihr geliebter Doktor ein Massenmörder ist.
Die dunklen Seiten des Biedermanns traten indes schon vor 25 Jahren zu Tage, als er bei Rezeptfälschungen ertappt wurde. Shipman hatte Patienten Pethidin verschrieben, sich das Morphiumsubstitut aber selbst injiziert. Er habe die harte Droge täglich konsumiert, erklärte er vor Gericht, um Depressionen zu bekämpfen. Shipman wurde zu einer Geldstrafe von 600 Pfund verurteilt und ließ sich in einer Drogenklinik psychiatrisch behandeln.
Da der General Medical Council, die für die Überwachung von Ärzten zuständige Standesorganisation, nicht disziplinarisch gegen ihn vorging, konnte der "Doktor Seltsam" bald darauf in Manchester als Arzt für Allgemeinmedizin arbeiten; 1992 eröffnete Shipman eine eigene Praxis.
Es dauerte sechs Jahre, bis eine junge Leichenbestatterin misstrauisch wurde. Anfang 1998 fiel ihr die Häufung von Todesfällen unter Shipmans Patientinnen auf, und sie wandte sich an eine Ärztin, die von ihm ausgestellte Totenscheine abgezeichnet hatte. Die Kollegin Shipmans errechnete unter den über 3000 Patienten des dämonischen Doktors eine dreimal höhere Todesrate als üblich und schaltete die Polizei ein. Doch die Nachforschungen gegen den populären Arzt wurden wieder eingestellt - so konnte er noch drei weitere Patientinnen umbringen.
Dann entdeckte eine Anwältin, dass es sich bei dem Testament ihrer Mutter, in dem diese Shipman eine wertvolle Immobilie vermachte, um eine plumpe Fälschung handelte. Die Polizei nahm die Ermittlungen wieder auf. Als Gerichtsmediziner die Leichen von mehreren verstorbenen Patientinnen exhumierten, fanden sie bei den meisten von ihnen Heroinspuren. Offenbar hatte Shipman - vorzugsweise bei Hausbesuchen, manchmal auch in seiner Praxis - seinen arglosen Opfern eine letale Dosis des Opiats gespritzt.
Trotz intensiver Verhöre gelang es den Ermittlern nicht, in die Wahnwelt des Killer-Doktors einzudringen. Psychologen spekulieren, Shipman habe sich für den frühen Tod seiner Mutter rächen wollen - sie starb, als er 17 war, an Krebs; zur Linderung ihrer Schmerzen hatte sie Morphium bekommen. Andere Seelenkundler vermuten, er habe sich daran berauscht, Herr über Leben und Tod zu sein.
Wie die meisten Serienmörder rechnete Shipman nicht mit seiner Entdeckung und fühlte sich den Ermittlern, besonders was Medizin und Computertechnik anlangte, weit überlegen. Doch es war sein PC, der ihm zum Verhängnis wurde. Um die überraschenden Todesfälle als medizinisch plausibel darzustellen, hatte er für seine Opfer passende Krankengeschichten erfunden und sie in seinem Computer gespeichert. EDV-Experten analysierten das für Ärzte entwickelte Programm und wiesen nach, dass er diese Eintragungen falsch datierte und jeweils erst vornahm, nachdem er seinen Opfern den tödlichen Schuss gesetzt hatte.
Trotz der eindeutigen Indizien rechnete Shipman bis zuletzt mit einem Freispruch. Aus dem Gefängnis hatte er bereits Blumen bestellt - für die "Welcome home party" mit seiner Familie. MICHAEL SONTHEIMER
Von Michael Sontheimer

DER SPIEGEL 6/2000
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