07.02.2000

SCHAUSPIELEREin Graf zum Knuddeln

Friedrich von Thun ist ein Spätzünder im Fernsehgeschäft. Obschon seit 40 Jahren im Beruf, ist er erst jetzt richtig erfolgreich. Mit TV-Figuren wie „Professor Capellari“ schafft er Traumquoten.
Als Filmehen noch im Himmel der Illusionen geschlossen wurden, brauchte es Mädchenschmelz und fesche Kavaliere. Romy Schneider und Karlheinz Böhm, Ruth Leuwerik und O. W. Fischer - Beziehungsarbeit kam nicht von Sisyphos, sondern von Sissi.
In den neunziger Jahren war das Traumpaar höchstens ein Traumapaar: Lebensramponierte Mittfünfziger, abgebrüht und vernarbt aus den unzähligen Beziehungsschlachten, gaben sich nach endlosem Geplänkel das Jein-Wort. Klar: Die Rede ist von Senta Berger und Friedrich von Thun, die als Frauenärzte oder als reicher Professor und arme Witwe das ewige Kriegensie-sich-nun-Spiel aufführten.
Millionen sahen zu, schwelgten in Sympathie und zögerten nicht, den alten Adelstitel "Traumpaar" zu verleihen. Einer indes nicht. Thun, Sentas kessere Hälfte, widerspricht: "In unserem Alter Traumpaar genannt zu werden, das ist absurd."
Inzwischen hat sich Thun, 57, von der Berger emanzipiert und den "Höhepunkt der Karriere" (Thun) erreicht: "Die Verbrechen des Professor Capellari", so nennen sich die Krimis, mit denen der Schauspieler seit vergangenem Jahr wieder erstaunliche Quotenerfolge erzielt. Im Schnitt sind sieben Millionen Zuschauer dabei, so viele wie beim "Tatort".
Ähnlich wie das späte Traumpaar weicht auch die von Thun miterfundene Figur des Capellari von althergebrachten Fernsehklischees ab. Der Kriminalistikprofessor ist kein Draufgänger, sondern ein Leisetreter. Er prügelt nicht, sondern sagt dauernd bitte und danke.
Die wichtigste Nebenrolle ist keineswegs mit einer heißen Lady besetzt, Capellari wird vielmehr von seinem Vater kujoniert: "Bub, heirate doch eine Akademikerin", muss sich der Endfünfziger von seinem
Papa (gespielt vom wunderbar zauseligen Karl Schönböck) anhören.
Die einzig wichtige Frau in Capellaris Leben ist seine altjüngferliche Haushälterin (Irm Hermann), und nicht mal ein schnittiges Verfolgerauto darf er fahren. Der Verbrecherjäger tuckert mit dem Oldtimer durch die oberbayerische Landschaft.
Ein feiner Herr, ein bisschen vertrottelt und viel zu gutmütig, einen Hauch ironisch und durch und durch altmodisch - der nun wird zum Quotenbringer des ZDF, wer hätte das gedacht? Niemand, außer Thun selbst: "Ich predige den Produzenten schon lange: ,Zerbrecht euch nicht das Hirn, was ankommen könnte, sondern macht''s halt G''schichten, die gut sind.''"
Dass sein Capellari hinhaut, davon war Thun überzeugt, vermutlich, weil die Figur ihm ungeheuer ähnelt - der Schauspieler schuf sich selbst und sah, dass es gut war.
Zwar gibt es in Thuns Leben durchaus Frauen, eine Ex-Ehefrau, mit der er zwei erwachsene Kinder hat, und eine Nachfolgerin. Doch der Schauspieler gibt sich als Gentleman wie seine Figur, ebenso superhöflich und auch ein wenig versponnen.
In Thuns Haus im schnieken München-Bogenhausen stapeln sich die Klassik-CDs (Capellari dirigiert zu Plattenspieler-Musik), an der Wand hängen Ölgemälde in opulenten Goldrahmen, und über der langen Tafel im Esszimmer baumelt ein schwerer Kerzenkronleuchter - hier geht es so gediegen zu, dass der Schauspieler sein Haus getrost als "Capellari"-Drehort zur Verfügung stellen könnte.
Doch: Die Upperclass-Aura, die Thun heute so vortrefflich einsetzt, sie hat ihm lange Zeit geschadet. Anderes hat man ihm kaum abgenommen. Schon früh, als er in Ludwig Thomas "Lausbubengeschichten" den Förster spielte (1964), musste er sich trotz angeklebten Zuppelbarts und verschlissener Jacke anhören: "Ja mei, der schaut wieder schrecklich fein aus."
Ein Schauspieler mit breitem Spektrum zu sein, dieses begehrte Etikett bleibt ihm bis heute verwehrt.
Es dürfte wohl seine Herkunft sein, die an ihm pappt wie Pech. Er ist der Graf von Thun und Hohenstein, ein gnädiger Herr, und weil er dieses Image mit Vorzugsmanieren und sonorer Stimmlage pflegt, entkommt er ihm selbst in Zeiten prügelnder Prinzen nicht. Dabei hat Thun von seiner vornehmen Abstammung (vier Jahrhunderte besaßen seine Ahnen ein Gut in Böhmen und verbändelten sich fleißig mit den Habsburgern) nicht sonderlich profitiert. Es ist offenbar mehr das Wissen um seine Herkunft, das sich seinem Auftreten eingeprägt hat, als faktischer Reichtum.
Die Privilegienwelt seiner Väter ging nicht nobel zu Grunde, nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die Familie enteignet und in ein tschechisches Lager gesteckt, Thun war drei Jahre alt. Schmerzhaft erinnert sich der Graf an geschorene Köpfe und ewigen Hunger, an eine Flucht in die Steiermark, dort an eine Zweizimmerwohnung, die sie zu sechst bewohnten.
Die leichteren Zeiten begannen für ihn ausgerechnet bei Mönchen. Acht Jahre lebte er in einem Benediktiner-Internat, dort fing er mit der Schauspielerei an. Grillparzer und Raimund, den ganzen Ösi-Schmäh spielte er rauf und runter - und das in einer Zeit, da Schultheater meist aus Sartre-Messen mit existenzialistischem Zorn im Rollkragenpullover bestand. Bei den fidelen Klerikern hingegen durfte Thun den lustigen Weinberl in Nestroys Verwechslungskomödie "Einen Jux will er sich machen" geben - "eine Mordsgaudi", erinnert er sich.
Nach den Schülererfolgen wünschte der Graf, Schauspieler zu werden, und er sieht darin einen Zusammenhang zu seiner Herkunft. "Der Chopin hat die Schwestern meines Urgroßvaters unterrichtet - die Kunst war in unserer Familie immer schon wichtig", rekapituliert er auf Gutsherrenart.
Der junge Mann stürzte sich in die Schwabinger Künstlerszene. Er spielte Kabarett, kleinere Rollen in den Münchner Kammerspielen und in Fernsehstücken. Dreißig Jahre lang bewegte sich der Edelmann im Mittelfeld: "Die guten Rollen habe ich nicht bekommen."
Es gab ein paar Schmuddel-Ausrutscher (etwa in den "Schulmädchen-Report") und eine einzige glänzende Partie: 1983 bekam Thun in der Verfilmung von Franz Werfels "Eine blassblaue Frauenschrift" (Axel Corti) die Hauptrolle, den Beamten Leonidas, der von einer frühen Schuld gepeinigt wird.
Mit Stolz und Wehmut berichtet der Schauspieler von dieser "Reifeprüfung". Stolz wegen der preisgekrönten Leistung, wehmütig, weil es die einzige große Anspruchsarbeit über viele Jahre blieb.
In Deutschland gab es nur zwei Sender, und in die wenigen breitenwirksamen Kinoproduktionen der sechziger, siebziger und achtziger Jahre passte Thun nicht. Ein Graf mit Nestroy-Affinität im Autorenfilm? Zu leichtfüßig. Zu ernsthaft aber auch für die deutschen Supernasenkomödien.
Was half''s, der Familienvater brauchte ein zweites Standbein, und das war der Dokumentarfilm. Für den ORF machte der Österreicher Porträts von Daniel Barenboim bis Bruno Bettelheim, hier konnte er seinem Hang zu Höherem nachgehen,
ohne den Spaß am Spiel zu vergessen. "Ich wollte die Leute, über die ich Filme machte, nicht im Zimmer sitzen und schlaue Dinge sagen lassen: Ich ging raus mit ihnen und inszenierte deren Leben."
Dezente Experimentierfreude, gepaart mit dem Willen zum Anspruch, der Drang, sich auf solide Weise einen Jux zu machen, in dieser Mischung liegt wohl der Grund für Thuns späten Erfolg. Denn damit kommt er dem Interesse öffentlich-rechtlicher Sender entgegen, die sich im Konkurrenzdruck mit den Privaten derzeit heftig um qualitätsvolle Unterhaltung mühen, gerade im populären Krimibereich nach neuen Formen suchen.
"Ich arbeite sehr an meinen Szenen, wenn mich etwas gar nicht überzeugt, spiele ich es nicht", sagt der Schauspieler. Er weiß, dass er es sich leisten kann zu mäkeln, weil er inzwischen mit den besten Komödianten mithält.
Denn seine eigentliche Reifeprüfung, die Zähmung Senta Bergers, hat er bravourös bestanden. Noch zwei Jahre bevor Berger/Thun das Ärztepaar in "Dr. Schwarz und Dr. Martin" (1993) spielten, hatte Berger in dem Scheidungsdrama "Sie und Er" ihren Partner Reimar Johannes Baur glatt an die Wand gespielt - sie und nur sie.
Doch Thun, dieser Graf von Monte Sereno, vermochte sich ihr gegenüber zu behaupten und legte eine unnachahmliche Mischung aus Knuddelbär, Rosenkavalier, ewigem Kind und verlässlichem Daddy hin. Senta rang sichtlich um Fassung.
"Liebe und weitere Katastrophen" (1999) hatte die Züge einer Reprise. Der mongoloide Bobby (Rolf Brederlow) stahl dem Traumpaar Thun/Berger ein wenig die Schau. Die Quote blieb trotzdem nobel.
Dieser Graf kann, wie es sich für einen Gentleman aus Böhmen gehört, sogar schwejken. Wieso er, wie in einigen Blättern stand, einmal einen Psychoanalytiker aufgesucht habe? "Den hab ich einfach erfunden", gesteht er, die wasserblauen Augen zwinkern listig.
Thun, dieser Caligari oder Professor Capellari, ist ein besonders schwerer Fall von angenehm leichter Muse.
SUSANNE BEYER, NIKOLAUS VON FESTENBERG
* Oben: mit Senta Berger und Rolf Brederlow in "Liebe und weitere Katastrophen" (1998); unten: mit Leslie Malton in der neuen Folge von "Die Verbrechen des Professor Capellari"; Sendetermin: 20. Februar. * In "Eine blassblaue Frauenschrift" mit Friederike Kammer.
Von Susanne Beyer und Nikolaus von Festenberg

DER SPIEGEL 6/2000
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