14.02.2000

Die rote Kasse der Genossen

Jahrzehntelang nutzten Düsseldorfer SPD-Politiker, vorneweg der heutige Bundespräsident, die WestLB als heimlichen Geldgeber des Staates. Jetzt kommt heraus: Die Genossen an der Spitze der mächtigen Bank halfen sogar bei der Finanzierung des SPD-Wahlkampfs in Brandenburg.
Da sind sie ja, die Glitzerdinger. Durch die große Glaswand im Sitzungssaal E 3 A 02 des Landtags kann man sie sehen, wie sie im flachen Bogen im trüben Grau des Düsseldorfer Himmels verschwinden.
Parlamentarier des Untersuchungsausschusses sitzen vor ihren Thermoskaffeekannen und gucken den kleinen Jets hinterher - zum Himmel über dem Airport, dem Tatort ganz in der Nähe von Landtag und Staatskanzlei.
Da ist er herumgedüst, der Ministerpräsident Johannes Rau, auf Kosten der WestLB, ein bisschen privat, ein bisschen für die SPD, ein bisschen für die Regierung. Und nun kommen immer neue Briefe aus dem Schloss Bellevue in Berlin. Das Staatsoberhaupt lässt die Wahrheit in Fortsetzungen verkünden - warum und auf wessen Kosten er die teuren Charter-Jets benutzt hat, als er hier Landesvater war, Bruder Johannes, der Düsende. Vergangene Woche waren es wieder neue Flüge, von denen Raus Anwälte berichteten. In 19 Punkten mussten die beiden ersten Briefe aus Berlin ergänzt und korrigiert werden.
Wie lange kann das noch gutgehen? Die CDU-Abgeordneten im Ausschuss werden, das ist intern bereits ausgemacht, darauf bestehen, den Präsidenten persönlich einzuvernehmen.
Der Super-GAU an der Spitze des Staates war den Staatsrechtlern bislang zu unwahrscheinlich, als dass sie sich ernsthaft darüber Gedanken gemacht hätten. Der Bundespräsident als Betroffener vor einem Untersuchungsausschuss? Wer entscheidet, wenn er meint, er müsse da nichts sagen? Und was geschieht, wenn die Staatsanwaltschaft nun auch noch gegen ihn ermitteln sollte?
Die juristische Phantasie reicht nicht. Die Strafprozessordnung sieht vor, dass das Gericht zum Schloss Bellevue reisen muss, um das Staatsoberhaupt als Zeugen zu vernehmen. Gilt das auch für einen Untersuchungsausschuss? Und was ist, wenn er nicht als Zeuge, sondern als Beschuldigter herhalten muss? Nicht vorgesehen.
Rau-Nachfolger Wolfgang Clement hat sein Versprechen, der "Luftnummer" um die teuren Riesenspielzeuge des Düsseldorfer Kabinetts das "Lebenslicht" auszublasen, nicht halten können. Nun brennt es richtig. Im Feuer steht der Bundespräsident - und Clement selbst.
Denn nun geht es nicht mehr nur um die Frage, wer mit wem flog. Die Flugaffäre hat den beschönigenden Schleier zerstört, den Johannes Rau und sein Freund, der Bankdirektor Friedel Neuber, jahrzehntelang über ein Filz- und Freunde-System in NRW gesponnen hatten.
Jetzt kommt immer mehr heraus. Unter Johannes Raus Regentschaft entstand in NRW eine Rote-Kassen-Wirtschaft. Die Millionensumme, mit der die WestLB des Rau-Intimus Neuber Politikerflüge sponserte, ist nur ein Beispiel. Der Umgang mit der roten Kasse hatte System.
Wo immer die Regierung Rau einen Coup an Verfassung oder Parlament vorbei landen wollte - "Friedel macht das", hieß es in der Staatskanzlei, deren Chef jahrelang Wolfgang Clement, 59, war.
Clement war beteiligt an solchen Finanzierungsmodellen, ebenso wie der wegen seiner Flugreisen zurückgetretene Finanzminister Heinz Schleußer. An Schleußers Landeshaushalt vorbei, aber mit dem Wissen des Finanzministers bauten Clement und sein Vorgänger Vertretungen Nordrhein-Westfalens auf, deren Mitarbeiter ihr Gehalt von der WestLB bezogen.
Auf dunklen Finanzierungswegen organisierten so die Genossen von der WestLB Teile des SPD-Wahlkampfs in Brandenburg. Und was man mit der drittgrößten Bank Deutschlands im Rücken alles machen kann, musste Gerhard Schröder erfahren, als er - gegen den Widerstand von Johannes Rau - um seine Kanzlerkandidatur kämpfte: "Ich weiß jetzt, dass die Steigerung von Todfeind Parteifreund ist", schleuderte Schröder dem Genossen Neuber einmal entgegen.
Schröder muss solche Sätze natürlich dementieren, denn nun ist der Widersacher von einst sein Staatsoberhaupt. Und staatsmännisch nahm der Kanzler den Präsidenten in Schutz: Man dürfe den Amts- träger nicht "in den Dreck" ziehen. Vielleicht nicht wegen ein paar Flügen, von denen es nachdrücklich heißt, sie seien nur halb privat gewesen. Doch mit Rau verkörpert ein Mann den Staat, dessen Staatsverständnis Zweifel aufwirft.
Wer eine Bank zur geheimen Nebenkasse des Landes macht, handelt undemokratisch, wenn auch eleganter als derjenige, der seine Partei aus schwarzen Kassen finanziert. Wer Staatsamt und Parteiamt, Reisen für seine Regierung und Reisen in den Wahlkampf, nicht säuberlich trennt, bricht die Verfassung. Wer Regierungsarbeit aus Quellen finanziert, die das Parla-
ment nicht kennt und kontrolliert, missachtet das Budgetrecht der Volksvertretung, das höchste Gut der parlamentarischen Demokratie.
"Was ist ein Einbruch in eine Bank", so fragte der Dichter Bertolt Brecht, "gegen die Gründung einer Bank?" Raus Sozialdemokraten haben gezeigt, dass es etwas gibt, das ungleich wirkungsvoller ist als die Macht über eine Bank: die Macht über eine Landesbank.
In Ost-Berlin, dem einstigen Wirkungsort des kommunistischen Dichters, führten Rau und Clement die Bedeutung des Brechtschen Lehrsatzes im noch nicht mal wieder vereinigten Deutschland vor. Die Akten des Lehrstücks sind jetzt in den Unterlagen der einstigen Ständigen Vertretung Bonns in der DDR aufgetaucht.
Im Januar 1990, Teile der Mauer waren noch gar nicht abgebaut, ließ Johannes Rau es sich nicht nehmen, eine Filiale der WestLB in der real noch existierenden DDR zu eröffnen. Bei der Feier im Grand Hotel Unter den Linden war natürlich auch Bankchef Neuber dabei, der freudig konstatierte: In Ost-Berlin habe nun die WestLB von den Banken der Bundesrepublik Deutschland die stärkste Stellung.
Ach ja, noch was, erläuterte Rau den geladenen Gästen, es gebe da einen Herrn Hans-Christian Hoffmann. Der hohe Beamte aus der Bonner NRW-Vertretung werde in Zukunft ein Verbindungsbüro des Landes in Ost-Berlin leiten, als sein "persönlicher Beauftragter".
Was die Gäste nicht wussten: Hoffmann und drei Referenten, die wenig später hinzukamen, waren zwar dem Staatskanzleichef Wolfgang Clement unterstellt, bezahlt aber wurden sie von der WestLB.
Hoffmanns Vertrag ist ein abenteuerliches Konstrukt. Da heißt es:
1. Die Bank stellt Herrn Hoffmann mit Wirkung vom 1. Februar 1990 bis zum 31. Dezember 1995 an. Die Anstellung erfolgt ausschließlich zur Wahrnehmung der Funktion des Leiters des Verbindungsbüros Nordrhein-Westfalen in Berlin (Ost).
...
11. Herr Hoffmann unterliegt hinsichtlich der Art und des Umfangs der Aufgabenerledigung den Weisungen des Chefs der Staatskanzlei des Landes Nordrhein-Westfalen.
Unterschrift: Friedel Neuber.
Die Idee, einfach mit Bankangestellten zu regieren, stammt aus der Düsseldorfer Staatskanzlei. Dort hatte man so etwas schon vorher erfolgreich ausprobiert.
Mitte der achtziger Jahre entdeckte die NRW-Landesregierung die Bedeutung Brüssels; sie wollte mit eigenen Leuten in der Europa-Hauptstadt vertreten sein. Dort eine Vertretung zu eröffnen war jedoch mangels verfassungsrechtlicher Zuständigkeiten nicht möglich. Doch dank Raus roter Kasse ließen sich diese verfassungsrechtlichen Probleme wegfinanzieren. Die WestLB kaufte ein Haus in der Rue Michelange. Auch die NRW-Lobbyisten standen in der Anfangszeit im Sold der Landesbank. Das Land vergütete dem Institut die Kosten pauschal - alles an Haushaltsrecht und Landesverfassung vorbei, aber mit Zustimmung des Bundes.
Als der Maastricht-Vertrag ratifiziert werden musste, brauchte die Bundesregierung die Zustimmung der Länder. Die ließen sich 1992 ihr Ja durch eine Grundgesetzänderung bezahlen. Im Artikel 23 ist seither das Recht der Länder, in der Europapolitik mitzuwirken, gesichert. Und seither dürfen die Düsseldorfer ihre Leute auch ganz verfassungsgemäß aus der Landeskasse bezahlen.
Um nach dem Fall der Mauer in Ost-Berlin präsent zu sein, hätte es einer solchen Hilfskonstruktion allerdings nicht bedurft. In der Hauptstadt der DDR gab es bereits eine bundesdeutsche Vertretung. Auch NRW-Abgesandte hätten sie nutzen können. Doch in der Aufbruchstimmung nach der Wende ging es den Düsseldorfern um mehr: um Einfluss im künftigen Beitrittsgebiet und um Hilfe für die im Aufbau befindliche Ost-SPD. Beides wäre aus der Bonner Vertretung schlecht möglich gewesen. Und so eröffnete das Land NRW zum Ärger der BRD-Vertretung eine eigene Dependance, geregelt per Geschäftsbesorgungsvertrag zwischen Land und WestLB.
Schon wenige Tage nach dem Auftakt im Grand Hotel bezogen das offizielle Bankbüro und die inoffiziellen Mitarbeiter der Landesregierung ihre Räume - im dritten Stock des Ost-Berliner Palasthotels. Die Kosten trug zunächst die WestLB - Personalkosten, Bewirtungskosten, die monatliche Miete in Höhe von etwa 30 000 West-Mark.
Die Gesamtkosten des Verbindungsbüros betrugen laut Landesregierung im Jahr 1990 rund 1,2 Millionen Mark. Die WestLB habe dem Land ihre Kosten regelmäßig nachträglich in Rechnung gestellt.
Ob Raus Leute der Bank tatsächlich ihre Auslagen vollständig erstattet haben, lässt sich nicht nachprüfen.
Hoffentlich haben sie''s nicht getan. Es wäre verbotene Parteienfinanzierung aus der Staatskasse. Denn das Büro vertrat eher nebenbei die Interessen des Landes Nordrhein-Westfalen, es organisierte vielmehr die Wahlkampfkampagne der SPD.
Die WestLB finanzierte der Staatskanzlei ein Ost-Berliner SPD-Büro, das "Büro Stolpe", wie Mitarbeiter der Ständigen Vertretung spotteten. Manchmal mehrfach in der Woche ließ sich Manfred Stolpe, ein Mann ohne politisches Amt, aber immerhin Spitzenkandidat der SPD für die brandenburgischen Landtagswahlen im Oktober 1990, im Palasthotel beraten. Ein Stolpe-Getreuer: "Die haben seinen Kalender geführt."
Rau und Clement spannten das "Verbindungsbüro" und die Staatskanzlei in Düsseldorf direkt für Stolpes Wahlkampf ein. Georg Wilhelm Adamowitsch, Leiter des Büros von Rau, ließ Stolpe über das Berliner NRW-Büro Argumentationshilfen für den Wahlkampf zukommen.
Im August 1990 erstellte das Düsseldorfer Kabinett eine Liste von "Ansprechpartnern in den Ressorts der Landesregierung für Herrn Konsistorialpräsidenten Dr. Stolpe". Jedes Ministerium hatte einen Ministerialen als Stolpe-Helfer zu benennen.
Lange bevor Stolpe in Potsdam seinen Wahlsieg feiern konnte (38,2 Prozent für die SPD), hatten Raus Mannen schon ausgetüftelt, welcher Ministeriale aus Düsseldorf in der Landesregierung von Potsdam einen Posten übernehmen sollte. Clement selbst soll Stolpe den einstigen Oberstadtdirektor von Gelsenkirchen, Jürgen Linde, als Staatskanzleichef aufgedrückt haben.
"Sie hatten das Paradies erträumt und wachten auf in Nordrhein-Westfalen", klagte kürzlich der einstige Bürgerrechtler und Pfarrer Joachim Gauck, heute Herr der Stasi-Akten. So war das auch gedacht.
Das erstaunliche Zusammenspiel zwischen dem Bankhaus und der Staatskanzlei entsprang nicht der Goldgräber-Stimmung im Wiedervereinigungsrausch. Da war schon immer System dahinter gewesen, das funktionierte seit Jahren schon zuverlässig auf der Grundlage von Männerfreundschaften, Stammtischrunden, Traditionen. Hatte man sich nicht immer Bayern so vorgestellt?
Das Düsseldorfer System wurde zusammengehalten von zwei Männern. Der eine galt, wie meistens in solchen Geschichten, als der Gute, der andere als der Bösewicht.
Der gute Mensch von Wuppertal, Johannes Rau, gab sich volksnah und so zuverlässig, dass sich die Wirtin seiner Stammkneipe "Karpaten" sogar vorherzusagen traute, ob er am Abend "Reibekuchen auf Schwarzbrot" oder "Bratkartoffeln mit Kotelett" bestellen würde. Das tat er 20 Jahre lang nämlich immer abwechselnd.
Der andere: Neuber, WestLB-Chef seit 1981, gilt als erbarmungsloser Machthaber. "Blattschuss", berichten einstige Vertraute, lauteten die kurzen, halblauten Anweisungen des Hobbyjägers im Umgang mit Versagern, Gegnern, Aufsässigen.
"Wissen Sie eigentlich, dass Sie schon tot sind?" - so einen Nachruf hörte der ehemalige Salzgitter-Manager Hans-Joachim Selenz von einem Neuber-Mitstreiter: Selenz hatte gegen den Bank-Chef opponiert.
Der einstige Juso-Chef vom Niederrhein, ein rotblonder Hüne, der ungeheure Mengen Wodka trinken kann, saß schon mit 27 Jahren im Landtag. Rau, schon damals nicht ohne Einfluss, hatte ihn ins Parlament gelotst. Mit 34 war Neuber rheinischer Sparkassen-Präsident.
Vielen galt der Sohn eines Schlossers als kommender Finanzminister, und bei der WestLB war er auch schon drin - als Vizechef des Verwaltungsrats.
Damals bereits musste er vor einem NRW-Untersuchungsausschuss erscheinen. Es ging um die 680-Millionen-Mark-Pleite des niederrheinischen Baulöwen Josef Kun und um dessen Nähe zu Verwaltung und Politik. Der Vorwurf gegen Neuber: Der Kegelbruder und Parteifreund Kun habe ihm das Haus in Duisburg-Rheinhausen umgebaut und nicht den vollen Rechnungsbetrag kassiert.
Quittungen waren nicht zu finden, die Zahlungen will Neuber bar beglichen haben. Der Bankmann Neuber beurteilte den Deal später selbst als "ungewöhnlich".
Doch die Anklage des Staatsanwalts, der Politiker habe den Fiskus um Schenkungssteuer gebracht und vor dem Ausschuss falsch ausgesagt, ließ sich vor Gericht nicht halten. Neubers Freispruch hatte Signalwirkung. Wer so knapp die Kurve kriegt, besteht jeden Elchtest.
Als der glücklose WestLB-Chef Johannes Völling 1981 in Ungnade fiel, war Neuber schon da. Obwohl der Nachwuchsmann vom Bankgeschäft praktisch keine Ahnung hatte, organisierte er sich Zustimmung über bewährte Seilschaften. Schließlich beschloss Freund Rau, Patenonkel eines Neuber-Sohnes: "Friedel macht das."
"Auf Filz geschrieben", kommentierte damals die "Süddeutsche Zeitung", sei Neubers Vertrag als Vorstandschef der SPD-Bank. Na, wenn schon. Fortan galt im Land der Satz, den Wolfgang Clements Staatskanzlei erst kürzlich, als es um die Begleichung der Flugkosten für sein fliegendes Kabinett ging, so forsch vorbrachte: "Bei uns zahlt die WestLB."
Friedel machte das - und bewies, was damals noch nicht so selbstverständlich war, dass auch Sozis ganz gut mit Geld umgehen können. Mehr als 800 Millionen Mark Überschuss nach Steuern fuhr der Banker 1998 ein, fast 100 Millionen davon schüttete er als Gewinn an den Hauptteilhaber (43,2 Prozent) NRW aus. 10 000 Mitarbeiter hat das Unternehmen mittlerweile. In mehr als 35 Ländern der Erde unterhält die Großbank Filialen.
Staatskapitalismus: Längst nicht mehr sind die Landesbanker, für die der Staat mit seinen Steuereinnahmen haftet, dem Gemeinwohl verpflichtet. Neuber kann wirtschaften wie jeder andere Banker auch. Lediglich zu "berücksichtigen" haben laut Gesetz die Landesbank-Herren das öffentliche Interesse. Zugleich aber genießen sie Privilegien und den Goodwill einer öffentlich-rechtlichen Anstalt.
Das bringt auch was: Um die chronisch schwache Eigenkapitaldecke der Landesbank zu vergrößern, übereignete die Rau-Regierung 1992 der Hausbank die landeseigene Wohnungsbauförderungsanstalt - einfach so.
Um vier Milliarden Mark durfte sich Neubers Bank danach reicher rechnen - das ermöglichte nach den Regeln des Kreditgewerbes eine Geschäftsausweitung um etwa 70 Milliarden Mark. 1,6 Milliarden Mark, so rechnen die Kommissare in Brüssel, schulde die Bank der NRW-Kasse an Zinsen für die Großzügigkeit. Doch Clement will kein Bargeld von Neuber, lieber lässt er sich von Brüssel verklagen.
Schließlich hat sich Neuber für die Düsseldorfer Wirtschaftspolitik unentbehrlich gemacht. Mehr als 150 Firmen regiert die Landesbank direkt oder indirekt. Dazu gehören andere Bankhäuser in ganz Europa, aber auch maßgebliche Anteile an Preussag, VEW, Kaufhof und Triumph-Adler.
Mit dem Zukauf von Reiseunternehmen wie TUI, Hapag-Lloyd und Thomas Cook hat Neuber seine Preussag zum größten Touristik-Konzern Europas gemacht.
Richtig reich aber sind die Düsseldorfer geworden, als Neubers Preussag 1989 dem Bund die Salzgitter AG mit diversen Töchtern, darunter HDW, abkaufte. Als Gratisbeigabe bekamen die Käufer der einstigen Hermann-Göring-Werke 34 000 Werkswohnungen übereignet - unter der strengen Auflage, den Immobilienbestand nur im Notfall zu versilbern und ihn seiner sozialen Zweckbestimmung zu erhalten.
Neubers Staatsbank war mit einem Schlag zu einem der größten Immobilienbesitzer des Landes geworden. Der Verkehrswert der Wohnungen wurde damals schon auf mehr als vier Milliarden Mark geschätzt. Der Kaufpreis für die ganze Firma mit allem Drum und Dran hatte nur 2,4 Milliarden betragen.
Für so viel Geld muss auch ein Banker lange sparen. Wenigstens ein paar, höchstens 2500 Wohnungen, so hatte Neuber ausgehandelt, durften notfalls verkauft werden, um mit dem Erlös alte Schulden der HDW in Iran zu bezahlen. Die Iraner hatten, noch zu Schah-Zeiten, knapp 200 Millionen Mark für HDW-U-Boote angezahlt, die dann aus nahe liegenden politischen Gründen nicht geliefert werden durften.
Neuber aber kam die Geschichte ganz recht, um mit der Erbschaft Monopoly zu spielen. 6000 Wohnungen für 300 Millionen Mark hat die Preussag veräußert - gegen Proteste aus Brüssel. Die Kommission sieht in dem Deal einen Fall von verbotener Bonner Wirtschaftsförderung und besteht auf Aufklärung. Egal: Fortan spielte Geld im Hause Neuber keine Rolle mehr.
In der Touristik-Branche wunderte man sich, warum Neubers Preussag alsbald für die Hapag-Lloyd 2,8 Milliarden Mark hinlegte. Das Unternehmen war deutlich weniger wert.
Der zweite Akt der Salzgitter-Story handelt von der (im letzten Augenblick missglückten) Umwandlung von Geld in Politik auf dem Wege einer Männerfreundschaft.
Zwei Probleme nämlich plagten die Düsseldorfer Mächtigen 1997, im Jahr vor der Bundestagswahl. Das Schnäppchen-Stahlwerk in Niedersachsen passte nicht mehr ins Touristik-Konzept der Preussag, weil es weder schwimmen noch fliegen konnte. Niedersachsens Gerhard Schröder, zum anderen, passte nicht in Johannes Raus Politik-Konzept, weil der Landeschef, anders als Konkurrent Oskar Lafontaine, dem Rau-Traum vom Bundespräsidentenamt eher zurückhaltend gegenüberstand.
Der blitzschnelle und klammheimliche Verkauf der Stahlfabrik - natürlich ohne die Wohnungen - an die österreichische Voest-Alpine versprach beide Probleme zugleich zu lösen. Hatte doch Schröder seine Landtagswahl im März 1998 zur Latte für die Kanzlerkandidatur gemacht, und hatte er doch den 9000 Stahlwerkern in Salzgitter versprochen, sie müssten sich wegen eines drohenden Verkaufs keine Sorgen machen.
Während der Industriefreund Schröder im Weihnachtsurlaub auf Teneriffa weilte, machten Neuber und Preussag-Chef Michael Frenzel den Deal mit dem österreichischen Stahlunternehmen perfekt. Er sollte am 9. Januar unterschrieben werden.
Für Schröder ging es um Stunden. Am Morgen des 9. Januar reiste der Landeschef zu Neuber nach Düsseldorf. Im Schlepptau hatte er den zornigen Chef der Salzgitterfabrik, Hans-Joachim Selenz.
Selenz hatte sich schon im Preussag-Vorstand gegen den Verkauf nach Österreich quer gelegt: "Ich kann einer rechtswidrigen Transaktion nicht zustimmen." Der Manager hielt Neuber den Vertrag vor, den die Preussag einst mit der Bundesregierung geschlossen hatte: Darin verpflichteten sich die Käufer, nicht nur die Wohnungen bei den Stahlwerkern zu lassen, sondern auch den Standort Salzgitter "zu erhalten und zu entwickeln".
Am Mittag, in Neubers Vorstandsbüro im vierten Stock in Düsseldorf, hatte Schröder einen Riesenauftritt, schleuderte dem Banker den bekannten Satz vom "Todfeind" entgegen. Dann machte der Mann, der Kanzler werden wollte, dem Bankchef und Preussag-Herrscher ein Angebot, das der nicht ablehnen konnte.
Schröder ließ sich ein weißes Blatt geben, zog einen Stift aus der Tasche und schrieb einen Vertragsentwurf: Der Mehrheitsanteil der Stahlfabrik wird nicht an Österreich, sondern an das Land Niedersachsen verkauft. "Friedel", sagte Schröder und reichte ihm freundlich das Blatt, "an sich müsste ein Notar das jetzt abzeichnen, aber ich glaube, wir brauchen das nicht zu unterschreiben. Unter Ehrenmännern gilt das auch so."
Es galt, merkwürdig genug. Hatte Schröder - unausgesprochen - noch mehr in der Hinterhand? Neuber, sichtlich angeschlagen, stoppte im letzten Augenblick den Vertrag mit den Österreichern, setzte Selenz auf die Abschussliste und informierte die Düsseldorfer Landesregierung, dass die Sache dumm gelaufen sei.
Der Landesvater Rau hatte die Kunde vom Blitzsieg seines Widersachers Schröder offenbar nicht rechtzeitig vernommen. Als die beiden Landesfürsten am Abend desselben Tages in Bonn in der saarländischen Landesvertretung zusammentrafen, hörten Ohrenzeugen, wie der wegen seines Humors gefürchtete Rau über den armen Schröder ulkte, dem sie sein Stahlwerk sozusagen unter den Füßen weg nach Österreich verkauft hätten.
Den Hintergrund kommentierte einer, den Rau und Neuber, weil er nun zu Schröder hielt, schon länger nicht mehr mochten, Bodo Hombach: Wäre der Düsseldorfer Coup gelungen, "hätten die mitten in der heißen Wahlkampfphase einen Clown aus Schröder gemacht, und die Arbeiter hätten ihm zu Recht die Stahlbarren in die Fenster der Staatskanzlei geschmissen".
Der Mann, der so kritisch über die Düsseldorfer Rankünen urteilte, bekam sehr schnell Probleme. Irgendjemand muss kurz darauf der Staatsanwaltschaft gesteckt haben, mit der Bezahlung des Hombach-Privathauses in Mülheim - kreditfinanziert von der WestLB - sei etwas nicht Ordnung.
In der Highnoon-Story um den Verkauf nach Österreich konnte Neuber noch auf eine andere Männerfreundschaft bauen. Am südlichen Ende zog Franz Vranitzky die Fäden, einstmals Bundeskanzler in der Alpenrepublik.
Nicht nur gemeinsame Opernbälle verbinden Vranitzky, Neuber und Rau. Die WestLB ist in Österreich seit 1995 auch geschäftlich stark engagiert.
Damals, kurz vor Weihnachten, kauften die Düsseldorfer zehn Prozent der Anteile an der Bank Austria, später wurde ihnen im Rahmen eines Geheimvertrags ein bis ins Jahr 2001 laufendes Vorkaufsrecht über weitere 45 Prozent der Aktien eingeräumt. Neubers Bank hätte damals also mächtigen Einfluss auf Österreichs größtes Geldinstitut bekommen können.
Pikant an dieser Konstruktion war, dass sie im deutschsprachigen Prospekt der Bank Austria nicht auftauchte, wohl aber in der englischen Version. Als der Deal mit der WestLB 1997 bekannt wurde, warf FPÖ-Chef Jörg Haider der Regierung großmäulig "wirtschaftlichen und politischen Hochverrat" vor.
Treffer. Bundeskanzler Viktor Klima musste eingestehen: "Ich habe von dem Vorkaufsrecht nichts gewusst."
Dass auch Klimas Vorgänger Franz Vranitzky darüber nicht informiert war, sei "kaum vorstellbar", so das österreichische Nachrichtenmagazin "Format". Neuber und Vranitzky sind seit Jahren ganz dicke, und natürlich lud der Düsseldorfer Sozi den Wiener Sozi samt Ehefrau und Kindern gern in Jets des Charterunternehmens PJC ein.
Allein zwischen 1989 und 1994 protokollierte die Düsseldorfer Steuerfahndung knapp 15 Vranitzky-Flüge, die von der WestLB bezahlt wurden - und damit teilweise vom Steuerzahler.
Nach österreichischer Gesetzeslage könnten solche Freiflüge eine "Geschenkannahme durch Beamte" gewesen sein. Bislang ist der Altkanzler noch nicht vernommen worden. Doch neben staatsanwaltlichen Ermittlungen laufen bereits "Vorerhebungen" durch das zuständige Strafgericht.
Wie eng die Verbindung zu Neuber war, beweist Vranitzkys Job nach seiner Demission als Kanzler Anfang 1997: Er arbeitet seither als Konsulent für die WestLB gegen ein Spitzenhonorar. Reklame scheut der Berater. Auf der Klingel an seinem Büro in der Wiener Führichgasse 8 stehen nur drei Buchstaben: W. L. B.
Dem Eindruck, dass da im Westen der Republik sich eine Bank eine Regierung hält und nicht umgekehrt, ist Neuber in seiner wortkargen Art nie entgegengetreten. Und manche meinen, er sehe das wirklich so.
Alexandra Landsberg zum Beispiel, die grüne Landtagsabgeordnete. Die bekam
überraschend 10 000 Mark von der WestLB-eigenen Investitionsbank NRW überwiesen, als Jahresvergütung für ihre Mitgliedschaft im Beirat der Bank. Dabei hatte das Gremium nicht ein einziges Mal getagt. Weil so viel Geld bei der Grünen Misstrauen erregte, fragte sie nach und bekam die in Düsseldorf übliche Antwort: Das kriegen hier doch alle.
Ein halbes Dutzend Minister aus Raus Kabinett, so stellte sich heraus, kassierten ebenfalls das Honorar fürs Nichtstun. Eilig nahm sich die Staatskanzlei der Sache an: Alle Fragen wegen der Zuwendungen, so hieß es in einem Schreiben an die Geldempfänger, würden von Amts wegen beantwortet: "Eine Stellungnahme ist somit nicht mehr nötig."
Trefflich war der Tisch gedeckt, als im Juni 1995 der Vergnügungsdampfer "MS Jan von Werth" um neun Uhr morgens am Düsseldorfer Burgplatz ablegte und rheinaufwärts Fahrt aufnahm. Rund 130 Finanzmitarbeiter aus dem Machtbereich des Neuber-Freundes Heinz Schleußer sonnten sich an Bord.
Die Rechnung für die "Sonderfahrt Nr. 655 des Finanzministerium Düsseldorf" mit der "MS Jan von Werth" ging am 23. Juni 1995 von der Köln-Düsseldorfer Rheinschifffahrt (Slogan: "Auf den Flüssen zu Hause") an die WestLB, der auch die weiße Flotte gehört.
Ein paar Tage später gab''s eine neue Rechnung, auf der Preis und Nummer der Sonderfahrt identisch sind, nur fehlt darauf der Hinweis auf das "Finanzministerium Düsseldorf". So offensichtlich sollte das Sponsoring nun doch nicht sein.
Ein Jahr später schipperten die Teilnehmer einer Arbeitstagung von Generalstaatsanwälten und Bundesanwaltschaft ebenfalls mit der "Jan von Werth" über den Rhein und ließen sich ein Abendessen auf dem Fluss schmecken.
Dass "Angehörige der Strafverfolgung und Mitarbeiter des Justizministeriums" häufiger als ihnen heute lieb ist die Gastfreundschaft der WestLB genossen haben, musste kürzlich Justizminister Jochen Dieckmann (SPD) im Landtag eingestehen.
Wenigstens redete er nicht lange herum; er legte eine ausführliche Liste vor, die auch gleich an die Presse versandt wurde - für die grüne Fraktionschefin Sylvia Löhrmann ein "hoffnungsvoller Anfang".
Nach Dieckmanns Liste trafen sich zwischen 1985 und 1995 der frühere Justizminister Rolf Krumsiek und Bankchef Neuber regelmäßig mit den damaligen Generalstaatsanwälten. Neuber lud dabei auch auf das Schloss Krickenbeck ein, das der Bank gehört. An "Fachgesprächen" auf Einladung der WestLB nahmen auch Abteilungsleiter der Generalstaatsanwaltschaft und der Schwerpunktabteilung für Wirtschaftsstrafsachen in Düsseldorf teil.
Damit nicht genug. Die WestLB lud auch bundesweite Justizgrößen ein. So gab sie 1989 einen Empfang in Münster, als dort die 60. Konferenz der Justizminister des Bundes und der Länder stattfand. Im Dezember 1995 lud Krumsieks Nachfolger Fritz Behrens Gerichtspräsidenten und Staatsanwälte mit Ehefrauen zum Weihnachtsessen ins Schloss.
1996 hörten die schönen Veranstaltungen auf, damals nahm die Düsseldorfer Staatsanwaltschaft ihre Ermittlungen wegen des Verdachts der Steuerhinterziehung gegen die WestLB auf. Justizminister Dieckmann versicherte jetzt, dass die frühere Unterstützung durch die Landesbank in keiner Weise "rechtlich anrüchig" gewesen sei.
Das Justizministerium habe vor jedem Zusammentreffen die "Frage geprüft, ob auch nur ein Ansatz von Ermittlungstätigkeiten gegen die WestLB oder ihre Filialen im Land vorlag". Trotzdem müssen die Genossen von der WestLB von vornherein eine sichere Ahnung gehabt haben, was ihnen bevorstand, als die Steuerfahnder am 3. September 1996 in Neubers Bank eine Razzia wegen Schwarzgeld-Konten bei der Luxemburger WestLB-Tochter unternahmen. Die Vorstandsetage der Bank, befand ein Ermittler, sei zuvor "klinisch gereinigt" worden.
Ob der Freund und Finanzminister Schleußer die geplante Aktion verraten hatte? Die Staatsanwälte, die deshalb kurz gegen Schleußer ermittelten, stellten das Verfahren alsbald ein - kein Verdacht des Geheimnisverrats. Wie
auch. Gute Freunde haben sich nichts zu verraten, weil
sie schließlich keine Geheimnisse voreinander haben.
Diese besondere Düsseldorfer Offenheit war auch zu spüren, als der Untersuchungsausschuss die Flugakten über den Vielflieger Schleußer und seine Kabinettskollegen bei der Steuerfahndung anforderten, wo die Unterlagen aus einem früheren Verfahren lagen. Bevor der Ausschuss die Kisten voller Papier bekam, waren sie von einer Schleußer-Mitarbeiterin gesichtet worden.
Justizminister Dieckmann verteidigte den Vorgang damit, man habe die Akten ein wenig angucken müssen, um das "Steuergeheimnis" der WestLB und des Piloten zu wahren. "Es ging nicht um das Steuergeheimnis", meint der CDU-Obmann im Untersuchungsausschuss, Michael Breuer, "hier sollte alles genutzt werden, um Schleußer zu entlasten." Schreibfehler haben die Opposition jedoch misstrauisch gemacht. Auf Listen der Fluggesellschaft waren der ehemalige Chef der Düsseldorfer Staatskanzlei, Rüdiger Frohn, und der frühere Fraktionsvorsitzende Friedhelm Farthmann falsch geschrieben worden, als "Fron" und "Fahrtmann". Die Listen waren jahrelang unter Verschluss bei der Steuerfahndung. Doch die gleiche verkehrte Schreibweise findet sich in der Liste, die von der WestLB dem Untersuchungsausschuss vorgelegt wurde.
Fron und Fahrtmann, haha. Beim Stammtisch, dem "IC 72", werden sie sich wieder totgelacht haben. Da sitzen sie alle zusammen, die mächtigen Männer aus Düsseldorf, trinken und reden über die Umwandlung von Geld in Politik.
IC 72: Was wie ein Kürzel aus dem Zugfahrplan klingt, ist in Wahrheit ein Synonym für einen der außergewöhnlichsten Männerclubs in Deutschland. Neuber, damals noch Sparkassenpräsident, hatte den "Investmentclub" 1972 gegründet, es sei "eine spontane Idee im Landtag" gewesen.
Eines der ersten prominenten IC-72-Mitglieder wurde der junge Wissenschaftsminister Johannes Rau. Ihm folgten etliche Landes-VIPs - etwa Justizpolitiker Krumsiek oder Finanzminister Schleußer, der Fernsehgewaltige Friedrich Nowottny oder der Preussag-Chef Frenzel.
Ministerpräsident Wolfgang Clement stieg beim IC 72 erst am 1. Januar 1996 ein. Rau habe ihn dazu gedrängt, weil Nachwuchsmangel herrsche, erklärte Clement in kleinem Kreis. Clement habe exakt 50 080,84 Mark einschießen müssen.
Um den Vorgang habe sich seine Frau gekümmert, "die bei uns alles Finanzielle regelt", vertraute der Ministerpräsident der "Welt" an. Im Übrigen sei der IC 72 ein "stinknormaler Sparclub". Natürlich.
Die erlauchte Herrenrunde tagt standesgemäß: mal in der Staatskanzlei, mal in Neubers Düsseldorfer Bankpalast, mal in der Einsamkeit niederrheinischer Wälder auf Schloss Krickenbeck.
Die gut 30 IC-72-Gesellschafter zahlen derzeit monatlich je 400 Mark ein. Clubmitglied Theodor Schwefer, ein Christdemokrat, schätzt das Vermögen auf "über drei Millionen Mark". Für dessen Anlage am Kapitalmarkt sorgt die WestLB.
Alles laufe "rechtlich einwandfrei" und "wie in tausenden solcher privater Anspargesellschaften" auch, beteuert der ehrenamtliche IC-72-Geschäftsführer Gerhard Böger, ein Neuber-Intimus, der im Hauptberuf die Westdeutsche Spielbanken GmbH managt. "Natürlich" würden die "jeweils geltenden Bestimmungen der Wertpapierhandelsgesetze stets beachtet".
Seit einiger Zeit kümmert sich bei der WestLB eine Portfolio-Managerin um den Club, die den "für jeden Privatkunden geltenden Portfolio-Management-Vermögensverwaltungsvertrag" stets im Auge habe, so Böger. Behauptungen über fette Renditen, die verschwiegen würden, seien "geradezu absurd". Viel lasse sich wahrlich nicht verdienen, klagt Schwefer: "Das Geld hätte ich besser angelegt."
Die Tugend des Sparens aber ist ganz offenbar Nebensache. Hier werde eher das Spiel gespielt "Wer wird was in NRW?", sagt ein Insider. Es geht im Verein der Hochkaräter um Herrschaftswissen, Beziehungen werden geölt, selten ist irgendwo die Seilschaft aus Politikern und Wirtschaftsführern so eng. Die Hamburger "Woche" spricht von "Neubers Amigo-System".
40 Kilometer südlich der NRW-Landeshauptstadt, in Köln am Rhein, haben geschlossene Zirkel einen anderen Namen: Klüngel. Konrad Adenauer, einer von ihnen, hat diese Filzvariante so definiert: "Mer kenne uns, mer helfe uns."
Das ist nichts anderes als ein netter mafi oser Umgangston. Die Grenzen solcher informellen Machtsysteme zeigen sich erst, wenn einer anfängt zu spinnen, wenn er den Komment verletzt - dann knallt''s.
Der Spinner im Düsseldorfer Amigo-System war Peter Wichmann. Der Chef und Pilot der Charterfirma PJC schaffte es bis in den innersten Kreis der Macht, wusste viel, vielleicht zu viel, über Neuber und Rau. Der Leib-Flieger der mächtigen Männer von Düsseldorf hat das System zum Einsturz gebracht.
So beginnt die Geschichte der Flugaffäre eigentlich schon in den siebziger Jahren, als die WestLB noch einen eigenen Lear Jet und fest angestellte Piloten hatte. Da drückte sich ein junger Mann namens Wichmann immer in der Flugzeughalle herum, flog auch mal im Cockpit mit.
"Was ist denn das für einer?", fragte der damalige Bankchef Ludwig Poullain seinen Piloten. "Och, der ist irgendwie immer dabei, der will bei uns mitmachen."
Poullain, dem der Mann nicht geheuer war, verbot seinen Leuten schließlich den Kontakt mit Wichmann.
Offenbar vergebens. Wichmann schaffte es nach Poullains Ausscheiden nicht nur, der Bank seine Firma PJC als Hauslieferanten für schnelle Trips unterzujubeln. Bei Neuber avancierte er zum Promi-Piloten. Er präsentierte der WestLB dabei offenkundig so überzogene Flugrechnungen, dass die Bank, die immer alles zahlte, nun Gegenstand staatsanwaltschaftlicher Ermittlungen wegen Untreue ist.
Wichmann, der wusste, dass seine Krebskrankheit ihm nur noch kurze Zeit zum Leben ließ, war ein Mann, der zwar kaum richtig schreiben, aber glänzend reden konnte. Der mächtige Banker Neuber fand Gefallen an ihm, nicht zuletzt, weil der Pilot fast so viel trinken konnte wie sein Auftraggeber.
Und Wichmann nutzte das Vertrauen seines prominenten Fluggastes. Der smarte Pilot, so behauptet jedenfalls seine Witwe, habe gelegentlich in Neubers Unterlagen spioniert, und da habe er sich auch Fotokopien gezogen. Nach den Kopien wird noch immer gesucht.
Die Fotos hingegen, die bei manchen Flügen an Bord der PJC-Jets entstanden, wurden mehr aus Versehen schon 1996 von der Steuerfahndung in Wichmanns Büro beschlagnahmt; sie liegen nun, eingeklebt in ein rotes Fotoalbum, beim Untersuchungsausschuss in einem der 17 Umzugskartons.
Der talentierte Peter Wichmann hatte früher einmal ein Fotogeschäft und war bestens ausgerüstet für die Dokumentation gelegentlicher Bordfeste oben in den Wolken. Bei den Bildern - die Geschichte gerät jetzt erheblich unter SPIEGEL-Niveau - handelt es sich um Nacktfotos, und Sabine Wichmann, die Piloten-Witwe, betont, dass nicht sie es sei, die auf den Bildern zu sehen ist.
Jedenfalls hat der aufgeregte Dementierer Clement, seit die Sache ruchbar ist, konsequent darauf verzichtet, nochmals das zuvor viel gebrauchte Wort "Luftnummer" in den Mund zu nehmen, wenn es um die Flugaffäre geht.
Und dann - auch das erinnert an Mafia - gibt es immer einen, der zwar viel weiß und manches erzählt, aber leider einiges durcheinander bringt. Ralph Ermisch heißt der ehemalige PJC-Copilot, der wegen Drogenschmuggels im Knast von Geldern sitzt und sich gelegentlich an die schöne Zeit mit Peter Wichmann erinnert: Wie der gesagt habe, dass seine Kopien aus Neubers Aktentasche die Düsseldorfer Landesregierung binnen weniger Stunden zum Rücktritt zwingen würden; wie der alles fotografiert habe - und welche prominenten Prominententeile auf den Bildern in dem roten Album zu sehen seien.
Um Ermisch und seine zum Teil gefälschten Unterlagen haben die meisten Journalisten aus gutem Grund einen weiten Bogen gemacht. Manches von dem, was Ermisch sagt, stimmt. Manches ist falsch. Nur weiß leider niemand, was.
Ein krebskranker Desperado und sein inhaftierter Kumpel, der sich auch noch als Opfer eines Justizirrtums empfindet - schlimmer hätte es nicht kommen können. Die Flugfirma war die Bruchstelle des sonst so perfekt funktionierenden Systems Rau/Neuber.
Dem Erben, dem kühlen Clement, dem eigentlich die ganze alkoholdunstige Männerbündelei zuwider ist, fällt nun die Erbschaft so auf die Füße, dass es besonders wehtut. Der Sauber-Sozi muss nicht nur demnächst die erste Landtagswahl gewinnen, in der er selbst und nicht mehr der Charismatiker Rau zur Wahl steht, er muss auch noch den Vorgänger verteidigen, denn der ist nun Staatsoberhaupt.
Clement hat sich nicht nur selbst im Rau-Filz verstricken lassen, er erweist sich nun auch als schlechter Krisenmanager. "Die meinen noch immer: ,Dieses Land gehört uns''", zürnt die grüne Umweltministerin Bärbel Höhn über den roten Koalitionspartner.
Blindwütig teilt der ehemalige Journalist Clement gegen die Journaille im Land aus. Pressekonferenzen wie am Mittwoch vorletzter Woche, als nach langem Suchen doch noch mit dem bisherigen Wirtschaftsminister Steinbrück ein neuer Finanzminister präsentiert werden konnte, gipfeln in Schimpfkanonaden.
Selbst treue Parteigänger verzweifeln an Clements Erklärungen, die sich immer mehr widersprechen. Am 10. Dezember letzten Jahres verlautbarte der Regierungschef: Die Flüge mit den Jets gingen "selbstverständlich zu Lasten des Gewinns der Landesregierung". Die Kosten "sind bezahlt und auch versteuert worden".
Drei Tage später, im Interview mit der "Westdeutschen Allgemeinen", erklärte Clement die Abrechnung ganz anders: "Die Flugkosten gehen selbstverständlich zu Lasten des Gewinns der Gewährträger der Bank ..." Was bedeutet, dass alle Anteilseigner der Bank - auch die Landschaftsverbände sowie diverse Sparkassen- und Giroverbände - für die Reisen des fliegenden Kabinetts aufgekommen sind.
Ernst Gerlach, künftiger Generalbevollmächtigter der WestLB und noch Staatssekretär im Düsseldorfer Finanzministerium, unterstützte vorletzte Woche die zweite Version des Regierungschefs: Es gebe ein "Absinken von Gewinnen durch zusätzlich entstehende Kosten, und die treffen alle".
Verständlicher ist da die Erklärung von Ex-Finanzminister Schleußer, der jetzt, losgelöst von allen Zwängen, verriet, dass es bei der WestLB zugeht wie in einem Selbstbedienungsladen: Die Landschaftsverbände bekämen jährlich 200 000 Mark, die Sparkassenverbände "durften mit verschiedenen Sponsorings rechnen", und das Land habe "vor Jahren vereinbart, als Sachleistungen Flugdienste in Anspruch zu nehmen".
Und Neuber selbst betont, es sei schließlich die Aufgabe einer Staatsbank, "ihre Ressourcen der Landesregierung zur Verfügung zu stellen". Denn, nicht wahr, "wir haben die gesetzliche Aufgabe, dem Gemeinwohl zu dienen".
Da ist es wieder, das Zauberwort vom Gemeinwohl, mit dem die Herren der schwarzen Kassen immer spielen, wenn es um die Beschönigung von Filz geht. Was mag der Bundespräsident dazu sagen?
Jürgen Pelka, Steuerjurist und Gründungsmitglied der Deutschen Steuerjuristischen Gesellschaft, ist "gelinde gesagt verblüfft" über die Erklärungen der Landesregierung.
Seiner Ansicht nach ist die Bezahlung der Flüge von Regierungsmitgliedern durch die Landesbank "eine verdeckte Gewinnausschüttung, die möglicherweise zudem das Delikt der Steuerhinterziehung erfüllt hat, wenn dies in der Steuererklärung der WestLB nicht offen gelegt worden ist".
Eine Verrechnung der Flugkosten mit dem Gewinnanteil des Landes hätte nach Pelkas Überzeugung eine Gesellschafterversammlung der Eigentümer der Landes-
bank ausdrücklich genehmigen müssen.
Die Gewinnverrechnung hätte alljährlich transparent gemacht werden müssen.
Ein Verfahren nach dem Motto: Jeder kriegt was ab, wie es Schleußer geschildert hat, hält Pelka für "völlig abwegig": "Wo bleibt da eine saubere Bilanz?"
Die Flüge von Johannes Rau ("Ich bin nie privat geflogen") zu Parteiveranstaltungen sind, so Pelka, ein "Verstoß gegen Strafgesetz und das Parteiengesetz". Parteiveranstaltungen dürfen danach nicht auf Staatskosten oder zu Lasten der WestLB finanziert werden. Wer auf Staatskosten zu Parteiterminen düst, begeht Untreue im Amt - die Staatsanwaltschaft ist verpflichtet, ein Ermittlungsverfahren einzuleiten. Auch ein Bundespräsident, obzwar immun wie ein Abgeordneter, kann Opfer strafrechtlicher Ermittlungen sein - spätestens, wenn er zurückgetreten ist.
SPD-Parteigeneral Franz Müntefering hält die Verbindung von Dienst- und Privatreisen im Fall Rau für angemessen, weil "im Ansatz dienstlich ausgelöst". Und Raus Anwalt Gernot Lehr verweist auf die Affäre um Rita Süssmuths Flüge in die Schweiz.
Die ehemalige Bundestagspräsidentin verteidigte sich mit dem Argument, es müsse Spitzenpolitikern erlaubt sein, nach Abschluss ihrer Dienstgeschäfte zur Familie gebracht zu werden, wo immer die sich gerade aufhält. So war es, als Rau 1993 "überraschend" Helmut Schmidt in England zum Geburtstag gratulierte und sich anschließend im PJC-Jet zum Weihnachtsurlaub der Familie nach München fliegen ließ.
Sollte ein Bundespräsident, die personifizierte Verfassung, sich tatsächlich darauf berufen, dass Spitzenpolitiker gleicher sind als andere Bürger? Steuerjurist Pelka jedenfalls weist darauf hin, dass "im Steuerrecht Politiker wie jeder andere Bürger auch behandelt" werden. Raus Flug von England nach München würde vom Finanzamt als Privatreise behandelt und müsse auch privat bezahlt werden.
Wie macht man eine Affäre? Indem man sie dementiert. Wolfgang Clement erklärt: Dass es bei den Rau-Reisen eine "Nähe und Verbindung hin gab zu anderen Veranstaltungen", zu nichtdienstlichen also, "das ist völlig klar, weiß auch jeder, der mit der Praxis zu tun hat".
Im Land der roten Kasse und der Männerfreunde, kein Zweifel, haben alle alles gewusst. Aber keiner hat etwas gesagt.
STEFAN BERG, GEORG BÖNISCH,
THOMAS DARNSTÄDT, BARBARA SCHMID
* Oben: mit dem einstigen nordrhein-westfälischen Wirtschaftsminister Reimut Jochimsen (2. v. l.) vor einem PJC-Jet; unten: mit SPD-Generalsekretär Franz Müntefering in Essen. * Mit Christina Rau, Christine Vranitzky und Johannes Rau beim Wiener Opernball 1995. * Bei der Feier zur Börseneinführung der Salzgitter-Aktie 1998 in Hannover. * Am 19. Januar in Düsseldorf. * Auf Spiekeroog (1997).
Von Berg, Stefan, Bönisch, Georg, Darnstädt, Thomas, Schmid, Barbara

DER SPIEGEL 7/2000
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