14.02.2000

PKKDie verlorene Brigade

Seit Anfang der neunziger Jahre zogen 30 junge Deutsche nach Kurdistan, um im Bürgerkrieg gegen die Türken zu kämpfen. Eine starb, einer wurde zum Krüppel, zwei kamen ins Gefängnis - und gegen etliche Heimkehrer ermittelt der Generalbundesanwalt.
Am Geburtstag seines Großvaters kehrte der verlorene Sohn nach Coburg zurück. Die Familie saß beim Essen, als die Tür aufging und ein junger, schmächtiger Mann auf Krücken hereinhumpelte. "Tag, ich bin der John", sagte er und begrüßte den Opa, die Mutter und den Bruder wie Fremde. Dann zeigte er seinen Stumpf.
Vor drei Jahren, erzählte John T.-H., 30, habe er sich erstmals Granatsplitter im Bein eingefangen. Klar, sagte er, das hätte man als Warnung deuten können. Passiert sei es dann 1998 in den Bergen Kurdistans. Ein türkischer Hubschrauber griff seine Einheit an und begann zu feuern. Ein paar kleine Splitter erwischten John am Kopf, und ein paar große Splitter zerfetzten sein rechtes Bein. Seine Kameraden schleppten ihn ins Feldlazarett, und dort hatten sie, wegen des Wundbrands, keine andere Chance: Sie amputierten das Bein ohne Narkose.
Nach dieser Geschichte war Opas Party natürlich versaut. Johns Mutter, die vier Jahre lang, seit der Bub über Nacht verschwunden war, kaum eine Nachricht von ihrem Sohn bekommen hatte, konnte nichts mehr essen, und die anderen Gäste schwiegen betreten. "An diesem Tag" im Herbst letzten Jahres, sagt ein Freund der Familie, "haben wir erkannt, dass da ein junger Mann sein Leben weggeschmissen hatte. Und wofür?"
Seit Anfang der neunziger Jahre waren 30 Deutsche nach Kurdistan gezogen. Sie gingen in den Krieg - einige, um medizinisch zu helfen; einige, um zu dokumentieren, was in den Gefechten im Grenzgebiet von Iran, Irak, Syrien, Türkei und Armenien geschieht; die meisten, um sich in den Lagern der Volksbefreiungsarmee Kurdistans (ARGK) ausbilden zu lassen und gegen die Türken zu kämpfen. Und?
"Man kann leider nicht sagen, dass wir viel erreicht hätten", meint einer, der jahrelang dabei war. Das kann man schon deshalb nicht behaupten, weil die Kurden den bewaffneten Kampf am vergangenen Mittwoch für beendet erklärt haben.
Und der Preis des Abenteuers war hoch. Jörg Ulrich saß knapp eineinhalb Jahre im Nordirak im Gefängnis. Eva Juhnke sitzt immer noch - wegen Mitgliedschaft in der Kurdischen Arbeiterpartei (PKK) wurde sie 1998 zu 15 Jahren Haft im Osten der Türkei verurteilt, ohne Aussicht auf Bewährung. Andrea Wolf starb, erschossen von türkischen Soldaten.
In Deutschland haben die Heimkehrer kaum eine Zukunft. Manche leben an der Grenze zur Illegalität, ohne festen Wohnsitz, ohne Telefon. Wer sie sprechen will, muss sich zu wenigen Kontaktpersonen durchfragen, Rufnummern hinterlassen und wochenlang warten.
Denn gegen etliche von ihnen ermittelt der Generalbundesanwalt - die Behörde geht dem Verdacht nach, dass die deutschen Aktivisten ihre Erfahrung nutzen, um hier zu Lande eine neue Terrorgruppe nach Vorbild der RAF aufzubauen. Darum zieht es manchen Kämpfer der deutschen PKK-Brigade schon wieder in den Untergrund, während Verfassungsschützer die Details seines früheren und heutigen Lebens zusammentragen.
"Zumindest einige", steht in einem vertraulichen Bericht des Bundesamts für Verfassungsschutz (BfV), "haben sich die Realisierung ihrer gesellschaftlichen Utopie von einem ,Neuen Sozialismus' zur Aufgabe gemacht und streben dazu - dieses Vorhaben bezeichnen sie als 'Projekt' - den Aufbau revolutionärer Strukturen in Deutschland und Westeuropa nach dem Vorbild der PKK an."
Das Ziel künftiger Aktionen, so hat es eine deutsche PKK-Aktivistin schließlich selbst in ihr Tagebuch geschrieben, seien all "diese aufgequollenen Fettsäcke in ihren schwarzen und grauen Anzügen, diese ekligen Männer, die in endlosen Reihen sitzen auf Versammlungen, bei denen die Versklavung und Vernichtung der Menschheit zementiert werden soll, die keinerlei Existenzberechtigung mehr haben, und ich will sie tottreten wie fette Kakerlaken".
Wie ernst sind solche Sätze Jahre später zu nehmen? Gar nicht, sagen die, die zurück sind; nie sei der Aufbau einer neuen Terrorgruppe versucht worden. Aber die Bundesanwaltschaft, die seit 1995 ermittelt, mag die Akten nicht schließen.
Als sich vor drei Wochen acht Veteranen im belgischen Ferienort De Haan trafen, beantragte der Generalbundesanwalt eilig Rechtshilfe, und dann stürmten deutsche und belgische Polizisten das Appartement. Ein ganzer Sack neuer Papiere wurde sichergestellt. Fest steht bislang nur, dass sich die Wege nicht getrennt haben, dass die alten Bindungen immer noch halten.
Die jungen Leute, die nach Kurdistan gingen, waren für die Staatsschutzbehörden alte Bekannte. Viele waren vorher in der alternativen Szene aktiv gewesen, einige bei den Autonomen und ein paar schon ziemlich nah an der RAF. Fanatische Frauen waren dabei, die den alten Traum von Freiheit und Sozialismus träumten, halbstarke Männer, die Nervenkitzel suchten, Verliebte, die trotz der Liebe gingen, und frisch Getrennte, die der Trennung wegen gingen. Die meisten verließen Deutschland zum Entsetzen ihrer Eltern.
"Je weniger Menschen etwas wissen, desto besser", sagte John T.-H.
Für John war die linke Szene immer eine Art bessere Familie gewesen. Seine eigene war kaputt: Johns Vater, ein Versicherungsmakler, hatte ein Fitnesszentrum gegründet und sich übernommen; nach der Pleite war erst das Haus weg, dann die Ehe hinüber. Der Sohn ging zur Realschule, lernte Gärtner, nahm hin und wieder Jobs an, aber so richtig fasste er im bürgerlichen Leben nie Tritt.
Die so genannte Antifa-Bewegung zog ihn an. John demonstrierte gegen Wackersdorf und Neonazis, für die Inhaftierten der RAF und die Nürnberger Hausbesetzer, und irgendwann stieß er auf das kurdische Netzwerk im Raum Würzburg/Nürnberg.
"Du wolltest doch nie eine Waffe anfassen", sagten seine Freunde.
"Es gibt Momente, da muss man kämpfen", antwortete John.
Seine Familie traut sich noch immer nicht, über den verlorenen Sohn zu reden; er könnte sie ja bestrafen und für alle Zeiten den Kontakt abbrechen. Coburger Freunde erzählen, dass John sich von seinem Vater 5000 Mark "für ein Auto" lieh und drei Wochen später verschwand. Sein Weg führte in die Berge Kurdistans, wo er auf die anderen traf.
Jörg Ulrich, heute 30, war in Braunschweig in der Antifa-Bewegung zugange, als die Polizei 1994 in Hannover versehentlich einen Kurden erschoss. Bei den Protest-Demonstrationen fand Ulrich zur PKK. "Man lernt sie Stück für Stück besser kennen", meinte er, "und irgendwann sagt man: Ich will es tun." Er meldete sich zum Fronteinsatz und wurde abgeholt.
"Ich wollte den Krieg sehen", sagt er.
Eva Juhnke, heute 35, ging mit 13 Jahren erstmals demonstrieren, "gegen Gorleben", sagt ihre Mutter. Doris Juhnke ist die einzige Angehörige, die von Anfang an eingeweiht war - sie wäre wohl selbst gern gegangen. Sie sei eben keine gute Mutter gewesen, sagt Doris, jedenfalls habe Eva nie studiert oder Karriere gemacht: "Ich habe ihr nur beigebracht, für das einzustehen, woran sie glaubt."
Eva brach die Schule ab, arbeitete in der Verpackungsindustrie und als Altenpflegehelferin. Daheim, in dem vollgestopften Häuschen in Hamburg-Poppenbüttel, legten vier Generationen das Geld zusammen, und alle standen sie links. Als die PKK den bewaffneten Kampf begann, sagt Doris Juhnke, "mussten wir uns entscheiden, für oder gegen unsere Freunde".
Doris brachte Eva zur Mitfahrzentrale, und dann war die Tochter fort. Die PKK hatte den Transport gut organisiert. Die meisten der Neuen von der deutschen Brigade reisten mit Autos nach Griechenland, stiegen in der Pension Dodonis in Athen ab und warteten auf Anweisungen. Geld lag auf einem Konto bei der griechischen Nationalbank bereit. Wenn der Anruf kam, ging es weiter. Die, die zuerst kamen, führte der Weg in die libanesische Bekaa-Ebene; dort lernten sie schießen und Bomben bauen. Später wurde in der Nähe von Damaskus trainiert.
Zunächst spürten sie alle, was sie noch heute zum "Gefühl absoluter Freiheit" verklären. Stolz nahmen sie die Ausrüstung der Guerrilleros an: eine Kalaschnikow, die einst der Nationalen Volksarmee gehört hatte, einen Patronengurt mit vier Gewehrmagazinen und zwei Halterungen für Handgranaten und das Tuch, das die türkischen Kurden "Kefiye" nennen.
Früh um vier begann der Drill mit dem Appell. Dann sammelten sie Holz, machten Sport und wurden zum politischen Unterricht gerufen. Mittags gab es Reis mit Bohnen, selten Reissuppe mit Auberginen, noch seltener in Fett gedünstetes und leicht gesalzenes Mehl, die Süßspeise der PKK. Danach folgte das militärische Training, Gänsemarsch durchs Minenfeld beispielsweise oder Handgranatenwerfen.
"Die Granate entsichern, bis sechs zählen, ausholen, werfen, wegducken", sagt einer der jungen Deutschen, "und wenn die Türken einen eingekreist haben, dann einfach entsichern und festhalten."
Abends setzten sie sich zum "Tekmil" zusammen, dem Tagesrückblick, bei dem alle zur Kritik an allen aufgerufen sind. Jeder muss Tagebuch schreiben in der kurdischen Armee, und alle 14 Tage ist ein Rapport fällig mit den immer gleichen sechs Punkten: 1. Einschätzung der politischen Entwicklung, 2. Auswertung des Unterrichts, 3. Disziplin innerhalb der Guerrilla, 4. Beurteilung der Leistungen der Offiziere, 5. Selbstkritik, 6. Verbesserungsvorschläge.
"Wir müssen uns auf diesen Prozess einlassen", schrieb Holger D., 39, Deckname "Sipan", aus Duisburg.
"Wir wollen ein Leben ohne Konkurrenz und Leistungsdruck, wir wollen die Menschheit umarmen, uns selbst liebenswert machen, wir wollen neue Beziehungen zwischen den Menschen aufbauen, in denen es kein oben und unten mehr gibt, weder nach Geschlecht noch nach Herkunft", schrieb Anja F., 35, Deckname "Pelda", aus Cuxhaven.
Denn die PKK, das glaubten sie wirklich, arbeitete an der Erschaffung eines neuen Menschentyps. Die Partei wollte eine Welt ohne Hierarchien, ohne Patriarchat und ohne lästige Gefühle wie Liebe und Hass, weil Beziehungen und Affären vom Kampf für ein freies Kurdistan ablenken. Dass die PKK diesen Menschentyp mit hierarchischer Führung und strengem Patriarchat erschaffen wollte, dass sie funktionierte wie eine Sekte, das gesteht im Rückblick nur einer der deutschen Kämpfer.
Damals waren sie alle Überzeugungstäter, durch nichts von der Naivität ihres Unternehmens zu überzeugen. Sie liebten ja dieses kurdische Sprichwort: "Berxwedan Jiyane", Widerstand heißt Leben. Und wer von Abdullah Öcalan zum drei Monate dauernden Lehrgang in der Führungsakademie der PKK gerufen wurde, war dem "Apo" fortan treu wie Jünger dem Herrn.
In der "Akademie", einem ehemaligen Landgut, gibt es Obstgärten, Fußball- und Volleyballfelder. Im Innenhof liegen Gummimatten, auf denen alle zusammen das Fladenbrot essen. "Lös dich nicht mehr von uns", sagte Öcalan zur Begrüßung.
Bis zu 150 angehende Führungskräfte waren bei jedem Lehrgang dabei. Sie studierten Philosophie, Partei-Ideologie und das, was Öcalan die "hohe Kunst des Guerrilla-Kriegs" nannte. Jede Rede des Führers wurde mit Videokameras für die Nachwelt festgehalten. Stundenlang sprach Öcalan, und während der Reden ließ er eine Perlenkette durch seine Finger gleiten.
"Mein Stil ist es, während des Gehens zu denken und zugleich zu handeln und während des Handelns zu denken. Dieses Zusammenspiel und dessen Intensität bestimmen unser Entwicklungstempo, und das ist rasant", fabulierte der PKK-Chef.
Es war nur so, dass die Wirklichkeit mit seinem Tempo nicht Schritt halten konnte. Selbst Öcalan hielt die jungen Deutschen für "ziemlich schwach"; er habe sie bloß "nicht abweisen" wollen. Und so absurd, wie der Einsatz teutonischer Gast-Soldaten gegen türkische Panzer und Hubschrauber aus militärischer Sicht war, so zermürbend wurde mit der Zeit der Alltag.
Nach ein paar Monaten litten die Deutschen unter den Läusen, die sich in den Nähten ihrer Jacken einnisteten. Die Guerrilleros mussten Eichhörnchen jagen, wenn es sonst nichts mehr zu essen gab. Sie erkrankten an Typhus, weil es in den Höhlen an Toiletten mangelte und alle in den Fluss urinierten, aus dem sie am nächsten Morgen das Trinkwasser holten.
Und irgendwann spürten sie, dass sie nicht viel erreichen konnten: Die Bevölkerung der Dörfer wollte schon längst keinen Krieg mehr, sie wollte nur Ruhe. Als die türkische Armee damit begann, so genannte Dorfschützer - das sind gut bezahlte Spitzel unter der kurdischen Bevölkerung - zu rekrutieren, war der Widerstand endgültig zersetzt.
Die jungen Deutschen konnten nur noch durchhalten. Wenn die Raketen einschlugen, warfen sie sich zu Boden und blieben dort, bis die Suchscheinwerfer der Hubschrauber abdrehten. Wenn die Panzer kamen, beteten sie, zu Gott oder zu Allah.
"Moslem ist er auch noch geworden", sagen Johns einstige Freunde.
Immer öfter fiel der politische Unterricht aus, wegen der Beerdigungen. Gefallene Genossen wurden mit der Fahne der ARGK zugedeckt. Die Überlebenden gaben 60 Salutschüsse ab und schworen, dass der Tote gerächt werde.
Aber dann mussten sie doch wieder ihren Kameraden, die auf Minen getreten waren, den Fuß oder die Hand mit einer Rasierklinge amputieren, weil es bei den meisten Einheiten keine Ärzte gab. Und so wurde auch die deutsche Brigade nach und nach aufgerieben.
John T.-H., Deckname "Ciya", soll es bis zum Kommandanten gebracht haben, ehe ihn die Granaten trafen. Heute trägt er eine Prothese und arbeitet in Köln für die Sache der Kurden.
Jörg Ulrich, der in Syrien ausgebildet wurde, überquerte Ende 1997 mit 20 Kameraden die Grenze zwischen Syrien und dem Irak. Dort sollte seine Ausbildung fortgesetzt werden. Der Weg in den Norden sei frei, meldeten Kundschafter. Doch Kämpfer von der PKK-Konkurrenz "Demokratische Partei Kurdistans" (DPK) lagen im Hinterhalt.
Vier PKK-Leute starben bei dem Angriff, 15 wurden festgenommen. Ulrich wurde in die Brust getroffen; die Feinde wussten zunächst nichts mit ihm anzufangen, schleppten ihn in ein Lazarett und dann in ein Gefängnis im Irak. Anderthalb Jahre lang vegetierte Ulrich abwechselnd im Knast und unter Hausarrest. Emissäre aus Deutschland reisten an und verhandelten über seine Ausreise. "Ich bin ein Kriegsgefangener", erklärte Ulrich ihnen, er wolle nur zurück zur PKK. Also blieb er.
"Du triffst eine Entscheidung und zahlst den Preis", sagte er.
Doch dann wurde Öcalan in Kenia gefasst. Seit er zum Tode verurteilt wurde, ist die PKK kopflos, der Krieg verloren. Am 26. August letzten Jahres kehrte Ulrich ziemlich kleinlaut nach Hause zurück.
Die Hamburgerin Eva Juhnke, Deckname "Kani", wurde im Oktober 1997 von türkischen Soldaten gefasst. Sie trug Guerrilla-Kleidung und einen Rucksack mit Chirurgenbesteck, Jod, Nadel und Faden, aber keine Waffen. Obwohl sie fünf Jahre lang verheiratet gewesen war, halfen sechs Soldaten einem Arzt, bei ihr den so genannten Jungfrauentest durchzuführen. "Niemand weiß, dass du in unserer Hand bist", sagte ein Soldat, "wenn wir dich also in einen Hubschrauber setzen und dich hinausstoßen, wer wird da schon Fragen stellen?"
Während des Prozesses gab Eva Juhnke eine leidenschaftliche Erklärung ab: "Es lebe die Freiheit. Alle Völker sind Brüder. Hoch die internationale Solidarität. Es lebe die PKK. Es lebe der Genosse Parteivorsitzende Apo." Die Richter lauschten stumm. Dann verurteilten sie die Angeklagte zu 15 Jahren Knast. Juhnke wird 47 Jahre alt sein, wenn sie freikommt.
"Die Sache war es wert", sagt ihre Mutter, "tausende Kurden mussten sterben."
Alle paar Monate bekommt Doris Juhnke Post, eng geschriebene Zeilen, die aus dem Gefängnis geschmuggelt werden konnten. Und zwei-, dreimal im Jahr kann sie ihre Tochter besuchen. Drei Tage war sie zuletzt unterwegs für fünf Minuten am Morgen und drei Minuten am Nachmittag; sie bangte um Eva, die am 48. Tag ihres Hungerstreiks war, mit dem sie eine Verlegung ins türkische Amasya erzwingen wollte. Sie erreichte ihr Ziel am 57. Tag.
Was Eva Juhnke jetzt noch quält, sind die Schuldgefühle. "Ich habe Schuld an Andreas Tod", sagt sie.
Denn ihre Verhaftung sorgte für Schlagzeilen in der Türkei. Als Andrea Wolf und deren Genossinnen den Soldaten ins Netz gingen, machten die Militärs, so sieht es Juhnke, lieber keine Gefangenen.
Andrea Wolf, 33, war die Prominenteste der deutschen Kämpferinnen und Kämpfer. Die Münchnerin wurde 1987 wegen des Verdachts auf Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung verhaftet. Am 27. März 1993 soll sie gemeinsam mit ihrem damaligen Freund Klaus Steinmetz am letzten Auftritt der RAF beteiligt gewesen sein; damals verwüsteten Bomben den Gefängnisneubau im hessischen Weiterstadt, 130 Millionen Mark betrug der Sachschaden. Der Verhaftung entging Andrea Wolf durch die Flucht zur PKK.
Dass sie den Terrorismus nach Deutschland tragen wollte, wie der Verfassungsschutz glaubt, bestritt Wolf. "Den paranoiden Hirnen des über 20 Jahre hochgezüchteten Staatsschutzes entspringt die Phantasie einer neuen terroristischen Vereinigung à la RAF, die ich gründen würde", schrieb sie, "wer den Gedanken an Widerstand nicht aufgibt, wird mit dem ... deutschen Polizeiapparat eingekreist, isoliert und bis zur Vernichtung gejagt."
Dass Andrea Wolf wirklich in den Bergen Kurdistans umgekommen ist, gilt bei Staatsschützern bis heute nicht als sicher. Ihre Leiche ist nie gefunden worden. Vielleicht, mutmaßen die Fahnder, sei die Gesuchte erneut untergetaucht. Doch die "Internationale Unabhängige Untersuchungskommission zur Aufklärung der Todesumstände von Andrea Wolf" und das "Kurdistan Informations-Zentrum" wollen Zeugen gefunden haben, die bekunden können, was am 22. Oktober 1998 in Kurdistan wirklich geschehen ist. Auch die Staatsanwaltschaft Frankfurt ermittelt gegen unbekannte türkische Militärs wegen Mordverdachts.
Andrea Wolf, Codename "Ronahi", war laut Zeugenaussage mit ihrer Einheit von insgesamt 39 Kämpfern in der Nähe des Dorfes Keles unterwegs, als sie auf türkische Soldaten stießen. Das Gefecht habe drei Stunden gedauert, dann seien die türkischen Hubschrauber gekommen und hätten den Kampf entschieden. Nachts zwischen 1.30 Uhr und 2 Uhr seien Wolf und ein knappes Dutzend ihrer Leute festgenommen worden. Beim Verhör hätten die Soldaten festgestellt, dass sie eine Deutsche gefasst hatten.
"Sie wird uns genauso großen Ärger machen" wie Eva Juhnke, habe einer der türkischen Militärs gesagt. Dann hätten sie geschossen. Kurdische Kameraden, die später an den Ort der Hinrichtung kamen, sollen Andrea Wolf beerdigt haben.
Das war der Anfang vom Ende der deutschen Brigade.
KLAUS BRINKBÄUMER, GEORG MASCOLO
Von Klaus Brinkbäumer und Georg Mascolo

DER SPIEGEL 7/2000
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