14.02.2000

KETZERDie unheilige Allianz

Vor 400 Jahren starb der Philosoph Giordano Bruno auf dem Scheiterhaufen. Seine Vision von einem unendlich belebten Universum stößt auch heute noch bei katholischer Kirche und herrschender Naturwissenschaft gleichermaßen auf Ablehnung. Von Jochen Kirchhoff
Kirchhoff, 55, lehrt Philosophie an der Humboldt-Universität in Berlin. In seinem kürzlich erschienenen Buch "Räume, Dimensionen, Weltmodelle - Impulse für eine andere Naturwissenschaft" beschreibt er die möglichen Auswirkungen von Brunos Weltmodell auf die heutige Kosmologie. -------------------------------------------------------------------
Eine achtjährige Haft in den Kerkerhöhlen der Inquisition ging dem wohl spektakulärsten Justizmord der Kirchengeschichte voraus. Als dem Philosophen und abtrünnigen Dominikanermönch Giordano Bruno am 8. Februar 1600 das Todesurteil verkündet wurde, schleuderte der von Folterungen Gezeichnete den vor ihm aufgebauten Würdenträgern einen Satz entgegen, der eingegraben ist in die Annalen des menschlichen Geistes: "Ihr verhängt das Urteil vielleicht mit größerer Furcht, als ich es annehme!"
Papst Clemens VIII. hatte das Jahr 1600 zum Jubeljahr erklärt. Rom war von frommen Pilgern überflutet. Die öffentliche Hinrichtung eines in ganz Europa bekannten Philosophen galt als Höhepunkt der Feierlichkeiten. Die katholische Kirche wollte ein Zeichen setzen. Als Bruno am 17. Februar 1600 auf dem Campo dei Fiori in Rom lebendig verbrannt wurde, sollte der als Ketzer Geschmähte vom Antlitz der Erde getilgt werden - der Mensch und das Werk.
Auch das Jahr 2000 ist vom amtierenden Papst zum Jubeljahr und Heiligen Jahr deklariert worden; unter anderem soll es der "Reinigung des Gedächtnisses" dienen. Während etwa der Naturforscher Galileo Galilei 1992 (immerhin) "rehabilitiert" wurde, ist die Feindschaft der katholischen Kirche Giordano Bruno gegenüber nie aufgehoben oder auch nur abgemildert worden. Sie steht gleichsam da wie am ersten Tag. Eine "Rehabilitierung" des großen Denkers hat es nie gegeben.
Dafür gibt es Gründe, die, rätselhaft genug, kaum bekannt sind - und aus denen ersichtlich wird, dass Bruno auch heute noch ein Ketzer wäre, der einer unheiligen Allianz aus Naturwissenschaft und katholischer Kirche gegenüberstünde.
In unseren Tagen befinden sich viele Theologen und Kosmologen in bestem Einvernehmen. Die Urknall-Theorie, nach der die Welt durch eine Urexplosion entstand, wird vom Vatikan dankbar begrüßt und als Bestätigung der christlichen Schöpfungsidee gewertet - das Alternativmodell, nach dem das Weltall immer schon existiert hat, würde einen Schöpfer im christlichen Sinne überflüssig machen.
Auch in anderer Hinsicht gibt es eine Übereinstimmung zwischen Naturwissenschaft und katholischer Kirche: Intelligentes Leben gilt, wenn schon nicht als einzigartig, so doch als oasenhaft selten in der monströsen und betäubenden Himmelswüste. "Da draußen im All", da sind sich Christen und Kosmologen einig, ist nicht viel zu holen. Genau an dieser Stelle tritt Giordano Bruno auf den Plan, und zwar als philosophischer Unruhestifter ersten Ranges. Der Brunoschen Lehre vom alllebendigen, allbewussten Universum können weder die Christen noch die naturwissenschaftlichen Matadore des toten Universums etwas abgewinnen. Wenn überall im Prinzip intelligentes Leben möglich ist, wie Bruno annahm, wo bliebe dann die Einzigartigkeit des Gekreuzigten? Müsste es nicht unendlich viele "Erlöser" geben - für jede Menschheit auf den Myriaden Sternensystemen da draußen ein eigenes Jesuskind?
Sollte Bruno Recht haben, wäre die Singularität der irdischen Bühne dahin und sowohl das Christentum als auch die Kosmologie des toten Weltalls und der überwiegend toten Himmelskörper als Projektion unseres (erdperspektivisch verzerrten) Bewusstseins entlarvt.
Laut Bruno gibt es keinen toten Winkel im Weltraum. Alles lebt, sogar die tote Materie - nur anders, als wir Erdlinge aus unserem beschränkten Blickwinkel es uns vorstellen können. Die Brunosche Allbeseeltheit, die den Gedanken der Wiedergeburt einschließt, kennt keine absolute Trennung von Lebendigem und Unlebendigem. So gesehen, erscheint Bruno fast wie eine Art "Buddha des Westens".
Warum wurde der Philosoph des Unendlichen umgebracht? Die Frage ist nicht letztgültig zu beantworten; die offiziellen römischen Prozessakten sind, abgesehen von einigen Fragmenten, verschollen. Sicher ist: Bruno wurde nicht als Kopernikaner verurteilt; die Frage, ob die Erde ruht oder um die Sonne läuft, hat in seinem Prozess keine Rolle gespielt. Das eigentliche Skandalon der Philosophie Giordano Brunos waren zwei Komponenten, die auch heute noch "anstößig" sind:
* die These, das Universum sei real unendlich und unendlich belebt, von unzähligen Himmelskörpern erfüllt, die, als große Organismen, Träger vielfältigen, auch intelligenten Lebens sind (waren oder sein werden).
* die schroffe Frontstellung gegen das Christentum, einschließlich der Person seines Stifters Jesus aus Nazaret.
Brunos Radikalität in diesem zweiten Punkt lässt keinen Spielraum für beschwichtigende Deutungen, obwohl es nicht an Versuchen gefehlt hat, ihn zu "rechristianisieren". Für Bruno ist Jesus ein Magier und Betrüger, ein Verdreher der natürlichen und kosmischen Ordnung.
Brunos kaum bekannte Attacken gegen das Christentum und seinen Stifter in dem Buch "Die Vertreibung der triumphierenden Bestie" von 1584 sind beispiellos in ihrer Art. Am Ende der langen Passage über das Christentum bezeichnete Bruno Jesus als "einen verächtlichen, gemeinen und unwissenden Menschen", durch den "alles entwürdigt, geknechtet, in Verwirrung gebracht und das Unterste zuoberst verkehrt, die Unwissenheit an Stelle der Wissenschaft gesetzt" und "der echte Adel zu Unehren und die Niederträchtigkeit zu Ehren gebracht" worden seien.
Wie kam Bruno zu einem so harten, ja schockierenden Urteil über Jesus, das die meisten Interpreten verschweigen oder verfälschen? Wir wissen es nicht. Mit 17 war Bruno in den Dominikanerorden eingetreten; die Motive für diesen "fatalen Schritt" (so der Bruno-Biograf Anacleto Verrecchia) bleiben rätselhaft. Belegt sind frühe Zweifel am christlichen Gottesbegriff; Bruno hielt die Anbetung des Gekreuzigten für Götzendienst. Einem gegen ihn angestrengten Ketzerprozess konnte er sich 28-jährig nur durch die Flucht aus dem Kloster entziehen.
Aus der Kopernikanischen Wende, nach der die Erde nicht länger als Mittelpunkt des Universums gelten konnte, hatte Bruno den Schluss gezogen, dass die Daseinsprämissen des Menschen von Grund auf revidiert werden müssten. Er sah sich berufen, diese Revision zu leisten und die damit verbundene kosmologische Revolution einzuleiten - und heute, vier Jahrhunderte nach seinem gewaltsamen Tode, lässt sich festhalten, dass sein Denken diesen Anspruch durchaus eingelöst hat, obwohl es nahezu folgenlos blieb.
So hat Bruno in der ihm eigenen Mischung aus denkerischer Schärfe und Intuition vieles "vorweggenommen", was Naturwissenschaftler erst später entdeckten. Bruno war der Erste, der erkannte, dass jeder Fixstern am Himmel eine Sonne wie die unsere ist; auch spekulierte er über die (später bewiesene) polare Abplattung der Erde oder die Rotation der Sonne.
In seiner Schrift "Über das Unendliche, das Universum und die Welten" (1584) schreibt Bruno, bezogen auf die Gestirne am Nachthimmel: "Das sind nun alles Welten, die von ihren Lebewesen bewohnt und bebaut werden, darüber hinaus, dass sie selbst die allerersten und göttlichsten Lebewesen des Universums sind." Und in der Schrift "De immenso" (Vom Unermesslichen) von 1591 heißt es, es sei "unsinnig anzunehmen, irgendein Teil der Welt sei ohne Seele, ohne Leben und folglich unbelebt": "Es ist ausgesprochen töricht und gemein zu glauben, es gäbe keine anderen Lebewesen, keine anderen Sinne, keine anderen Intelligenzen, als sie unseren Sinnesorganen erscheinen."
Wie kein anderer Denker und Kosmologe hat Giordano Bruno den irdischen Provinzialismus aus den Angeln gehoben, der uns den Blick verstellt für die Allge-
genwart von Leben und Bewusstsein im unendlichen Raum. Der Weltraum ist für Bruno nichts anderes als ein Ausdruck des unendlichen Lebens des Universums.
Brunos Vision eines brodelnd lebendigen, hoch kommunikativen, vibrierend intelligenten und allbewussten Universums, vorgetragen in einer vulkanischen, leidenschaftlichen, ja erotischen Sprache, war vor 400 Jahren eine Herausforderung - und ist es auch heute noch.
Schon in der ersten naturphilosophischen Schrift Brunos sind die Grundzüge seines Weltbildes erkennbar. Der einzige Hinweis auf seine Entstehung findet sich in dem Buch "Von den heroischen Leidenschaften"; hier berichtet Bruno von einer Grund- oder Ur-Intuition im Alter von 30 Jahren, die ihm die Wahrheit enthüllt habe. Reale physikalische Experimente hat er nicht durchgeführt - er war ein Meister so genannter Gedankenexperimente.
Mit dem "Widerhall und Wirbelwind lebendiger Gründe" wollte Bruno alle Gegner seiner Vision "niederwerfen". Das ist ihm nicht gelungen; die Mainstream-Naturwissenschaft hat diesen "Wirbelwind" gestoppt; manche aber haben ihn auch teilweise beerbt. An Bruno gemessen, wirkt die populäre Gaia-Theorie des ehemaligen Nasa-Forschers James Lovelock, der sich unseren Planeten Erde als einzigen, großen Organismus vorstellt, fast rührend, weil geozentrisch eng und kleinherzig.
Weder für die Kirche noch für die Naturwissenschaft ist der unendliche Weltseele-Raum des Giordano Bruno eine integrierbare Größe. Denn die herrschende Kosmologie propagiert mit Inbrunst den rundum toten Raum, den Raum ohne Leben und damit ohne Weltseele.
Hier liegt die geheime Achse der Anti-Bruno-Koalition von Christen und Mainstream-Kosmologen: Beide eint die ideologisch motivierte Überzeugung von der Nichtexistenz der Weltseele, der Allgegenwart des Lebens.
* Bronze-Tafel am Fuße des Bruno-Denkmals in Rom.
Von Jochen Kirchhoff

DER SPIEGEL 7/2000
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