14.02.2000

LITERATURRusslands Pate in New York

„Der Zar von Brooklyn“, das Romandebüt des Schweizers Ulrich Schmid, ist ein cleverer Krimi, der in New York und Moskau spielt - und zugleich ein genau beobachtetes Porträt der postsowjetischen Gesellschaft im Russland der Gegenwart.
Was empfindet ein junger Russe, der zum ersten Mal ins gelobte Land des Kapitalismus gereist ist? "Man lächelt so selten in Moskau. In New York ist das anders. Auf der Straße lächeln dich wildfremde Menschen an, und manche werfen dir im Gehen ein Hi! entgegen wie eine Handvoll Schnee."
Der Romanheld und Ich-Erzähler heißt Alexander Michailowitsch Zwetkow und ist ein junger Journalist bei der kleinen Moskauer Zeitschrift "Sputnik". Sascha, wie ihn seine Freunde nennen, hat einen Reportagepreis gewonnen; nun darf er nach Amerika: Er soll im "Sputnik" russische Emigranten vorstellen, die in New York ihr Glück suchen. Dass seine Reise in Wahrheit einem anderen Zweck dient, dämmert ihm erst viel später.
Der Moskauer Chefredakteur schleust Sascha über New Yorker Bekannte zu einem Landsmann im Stadtteil Brooklyn. In "Little Odessa", diesem Klein-Russland in New York, trifft der Held einen vom nahen Krebstod gezeichneten Zyniker, der zwischen Hustenanfällen Kette raucht und Wodka in sich hineinschüttet. Der Mann nennt sich Markow, behauptet, er sei gleich nach dem Ende der Sowjetunion in die USA ausgewandert, und wird Sascha als Paradebeispiel des geschäftstüchtigen neuen Russen empfohlen. Seinen Wohlstand, sagt Markow, verdanke er dem Handel mit Fernsehern und Hi-Fi-Geräten aus Fernost.
Bei einem gemeinsamen Restaurantbesuch wird Sascha Zeuge, wie zwei russische Mafiosi Markow brutal zur Zahlung ausstehender Schutzgelder bringen wollen. Die beiden Profis ahnen aber so wenig wie der Moskauer Reporter, dass sie beim Abkassieren diesmal nicht an einen kleinen Fisch, sondern an einen ausgewachsenen Hai geraten sind: an den Branchenführer des organisierten Verbrechens. "Der Zar von Brooklyn" heißt er bei seinen Rivalen.
So lautet auch der Titel des Romans, dessen Autor Ulrich Schmid von Beruf Journalist ist wie sein Held Sascha. Für die "Neue Zürcher Zeitung" hat Schmid, 45, von 1991 an viereinhalb Jahre lang als Auslandskorrespondent aus Russland berichtet. Der hoch gewachsene, schlaksige Mann mit dem scharf geschnittenen Profil spricht fließend Russisch. Weil er seinen Beruf liebt, wusste er sein "Goldgräberglück" zu schätzen, als einer der ersten westlichen Beobachter nach Jahrzehnten kommunistischer Abriegelung und Erstarrung frei herumreisen und berichten zu können. Die wirtschaftliche Dauerkrise des sich umwälzenden Riesenreichs, seine Putsche, Kriege und sozialen Konvulsionen boten immer neuen, dramatischen Stoff.
Die Idee, die Rolle des Chronisten mit der des Erzählers zu vertauschen, kam Schmid erst nach dem Wechsel von Moskau auf den Korrespondentenposten in Washington.
"Eigentlich ist Monica Lewinsky schuld an meinem Buch", sagt er. Nach den faszinierenden russischen Jahren wurde plötzlich die Endlos-Berichterstattung über die niederschmetternd banale Affäre des Präsidenten Clinton mit der Praktikantin sein tägliches Brot. Die ewige Wiederkehr des Gleichen ödete ihn an.
Nostalgisch suchte er seine Freizeit-Zuflucht in Milieus wie "Little Odessa", wo auch auf der Straße jedermann Russisch spricht. Im Restaurant "Winter Garden" - dort spielt die Erpressungsszene seines Romans - erblickte er am Nebentisch einen älteren Russen mit markantem Schädel, Goldkettchen und offenem Hemd. Er griff zum Notizbuch: Der "Zar von Brooklyn" hatte ein Urbild.
Zwei Jahre lang teilte Schmid seinen Alltag, zuverlässig wie ein Schweizer Chronometer, zwischen Beruf und Roman: Ab sechs Uhr früh sichtete er für die Heimatredaktion die Neuigkeiten über Lewinskys Lippendienste. Bis zwölf Uhr Ortszeit schickte er seine Artikel nach Zürich, wo wegen der Zeitverschiebung bereits Redaktionsschluss war. Spätnachmittag, Abend und manche Nacht gehörten dann dem Roman.
Die Arbeitsdisziplin hat sich gelohnt. "Der Zar von Brooklyn" erzählt die Geschichte eines Zerfalls: die Kapitulation des Helden Sascha vor der Realität des postkommunistischen Russland*. Erst nach dem Verlust seiner Ideale und mit gebrochener Persönlichkeit ist der junge Journalist für den kriminellen Alltag in seiner Heimat reif - eine zeitgemäße und realistische Umkehrung des klassischen bürgerlichen Bildungsromans.
Nur allmählich geht dem gejagten Sascha auf, was die rivalisierenden Verbrechergruppen miteinander verbindet, die in New York und Moskau um ihn kämpfen wie um einen Bauern beim Schachspiel - und welche KGB-Karriere der "Zar von Brooklyn" hinter sich hat. Nach und nach begreift er, was es bedeutet, dass der "Sputnik" Teil eines undurchschaubaren Konsortiums ist, das seinerseits einer anonymen Holding gehört; warum ihn sein Chefredakteur gerade auf Markow (der in Wahrheit anders heißt) angesetzt hat; wer jener mächtige Iwan Andrejewitsch Gubin ist, an den er sich, in der Form eines persönlichen Rechenschaftsberichts, vom ersten bis zum letzten Wort des Buches wendet.
Dabei wäre es Spielverderberei, die verblüffende und doch schlüssige Pointe zu verraten, in die Saschas in Rückblenden erzählte Geschichte am Ende mündet.
Die Frauen und Männer, auf die der Held trifft, ihre Lebensumstände, ihre Schwächen und Widersprüche schildert der Autor mit beinahe zärtlicher Ironie; nicht zufällig zählt er Anton Tschechow, den Meister der leisen Tragikomik, neben den Amerikanern John Updike und Philip Roth zu seinen literarischen Vorbildern. Sogar ein skrupelloser Verbrecher, der eine klägliche russische Lehrerexistenz gegen die Mafia-Laufbahn eingetauscht hat, verwandelt sich da im Suff in einen Poesieverehrer zurück; er trinkt Bruderschaft mit seinem Opfer Sascha und klagt über kulturlose
Kumpane: "Mit denen kannst du nicht mal über Puschkin reden."
Zu den Stärken des Buchs zählt die bildkräftige Sprache. Den "Zar von Brooklyn" etwa sieht Sascha so: "Die Krankheit hatte seine Haut fahl werden lassen, aber die breiten Handgelenke, die Unterarme und die Sehnen auf der Hand, die unter der fleckigen Haut arbeiteten wie Pleuelstangen, waren die eines Athleten." Oder auch so: "Sein Gesicht bekam etwas von einem Schimpansen, der auf einem Zweig kaut und dabei nachdenklich die Zoobesucher betrachtet."
In New York staunt Sascha über "Kellner, die die Spezialitäten des Tages aufsagen wie Pioniere Lenin-Gedichte". Unter Passkontrollen leidet er - was Leser, die sich noch an die grimmen Grenzer des "real existierenden Sozialismus" erinnern, unschwer nachvollziehen werden: "Ich kann nicht atmen, wenn jemand in meinen Pass starrt. Mir ist, als liege ich mit geöffneter Bauchdecke auf dem Schragen, als äugten feindselige Ärzte in mein Inneres und entdeckten Fehler und Unvollkommenheiten, die mich noch teuer zu stehen kommen würden."
Auch erotische Verwirrungen bleiben Sascha nicht erspart. Seine Moskauer Freundin Galja zieht sich innerlich von ihm zurück, je mehr sie seine wachsende Unaufrichtigkeit spürt. Äußerlich aber bleibt sie so leidenschaftlich wie immer: "Mein Glied wurde öfter geküsst als mein Mund." Die grünäugige, rothaarige New Yorkerin Tracy wiederum - eine Russland-Liebhaberin, die er auf dem Flug nach Amerika kennen lernt - wird vor allem deshalb scharf auf Sascha, weil sie dessen gefährliche Nähe zu Schwerverbrechern prickelnd findet und wie Action-Kino genießt.
Saschas rückhaltlose Amerika-Bewunderung und Tracys naive Russland-Schwärmerei durchkreuzen einander und führen sich wechselseitig ad absurdum. Die komischen Dialoge der beiden offenbaren die kulturelle Fremdheit zwischen Ost und West, Russland und Amerika.
Mit dem Thema des Romans hat sich der promovierte Historiker und Politologe Schmid, der seit einem halben Jahr aus Peking berichtet, auf andere Weise schon in dem Mafia-Sachbuch "Gnadenlose Bruderschaften" beschäftigt. Als Erzähler zeigt er nun die vielstimmige Schar seiner Gestalten als Geschöpfe ihrer Gesellschaft; freilich haben sie auch unter den widrigsten Bedingungen eine Wahl.
Saschas Freund Serjoscha zum Beispiel - ein genialischer Mathematiker und Querschädel, der Charakterfestigkeit mit kauzigem Aberglauben vereint - lässt sich durch Banditen nicht von seinem eigenen Weg abbringen. Er hastet mit einem sperrigen Holzbrett unterm Arm durch Moskau. Das sorgsam eingewickelte Brett, so versichert er allen Ernstes, sei in einer sibirischen Hütte gefunden worden und beginne zu leuchten, wenn der Name der in dieser Hütte ermordeten Person erwähnt würde.
Als Sascha und Serjoscha nach einer Begegnung in Moskau auseinander gehen, blickt Sascha seinem Freund wehmütig nach: "Dort ging er, mein Freund, das Brett unter dem Arm, mit kleinen, hastigen Schritten, und er sah aus wie einer, der auszieht, um Maß zu nehmen, Maß am neuen Russland, das er nicht versteht."
Das schwer begreifliche neue Russland, auch davon handelt "Der Zar von Brooklyn", ist aus dem Bauch des alten hervorgegangen wie eine Matrjoschka-Puppe aus der anderen. RAINER TRAUB
* Ulrich Schmid: "Der Zar von Brooklyn". Eichborn Verlag, Frankfurt am Main; 520 Seiten; 49,80 Mark.
Von Rainer Traub

DER SPIEGEL 7/2000
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