21.02.2000

Schnelldenker mit Eigensinn

Der künftige Fraktionschef Friedrich Merz verkörpert einen Unionspolitiker neueren Typs.
Eigentlich wollte es Friedrich Merz gar nicht so weit bringen. Am Montag vergangener Woche verriet er einer kleinen Runde, die im vierten Stock des Gebäudes der Unionsfraktion tagte: "Ich hoffe, dass es uns bis Freitag gelingt, wieder mit Sachthemen in den Zeitungen vorzukommen - wenigstens auf Seite zwei."
Schon drei Tage später fand sich der ehrgeizige Finanzexperte sogar auf den Titelseiten wieder, nicht mit seinem momentanen Lieblingsthema, der Steuerreform, sondern mit einer Personalie. Friedrich Merz, erfuhr die Öffentlichkeit, soll Wolfgang Schäuble als Chef der CDU/CSU-Fraktion beerben.
Friedrich wer? Selbst Nachrichtenprofis wie "Tagesthemen"-Moderator Ulrich Wickert hatten Schwierigkeiten mit dem Emporkömmling. "Sie unterstützen Friedhelm Merz?", wollte er im Interview von Edmund Stoiber wissen. Bayerns Ministerpräsident selbst hatte zuvor von Siegfried Merz gesprochen. Und die Deutsche Presse-Agentur schrieb März statt Merz.
In den Politikzirkeln von Bonn und Berlin wurde sein Name aber schon seit längerem genannt, wenn es um die personelle Zukunft der Union ging. So schnell ist im Bundestag noch keiner nach oben gefallen: Gerade fünf Jahre ist Merz Mitglied, die meisten Parlamentarier schaffen es nach fünf Legislaturperioden nicht einmal zum Beisitzer im Fraktionsvorstand. Nun schickt er sich an, die Rolle des Oppositionsführers zu übernehmen - und damit des künftigen Gegenspielers des Kanzlers.
"Der junge Mann übernimmt sich", hatte Gerhard Schröder im Sommer letzten Jahres mit väterlicher Nachsicht festgestellt. Als der Rechtsanwalt Merz, 44, den elf Jahre älteren Regierungschef im Plenum heftig attackierte, hatte der Kanzler ihm wortlos den Vogel gezeigt. Schröder: "Auf Schäuble hätte ich antworten müssen, auf Merz nicht. Das ist auch eine Altersfrage."
Künftig treten die beiden im Bundestag direkt gegeneinander an. Merz, mal ironisch, mal bissig, gilt als der beste Redner der Unionsfraktion. Seinen Ruf als Rhetorik-Talent, das ohne Manuskript auskommt, erarbeitete er sich vor allem in den Auseinandersetzungen mit dem damaligen Finanzminister Oskar Lafontaine. Hingebungsvoll rieb sich der bekennende Marktwirtschaftler aus dem Sauerland an dem Weltökonomen aus dem Saarland.
Der Vater dreier Kinder steht gesellschaftspolitisch fest im konservativen Lager: Die Gleichstellung gleichgeschlechtlicher Lebensgemeinschaften lehnt er ebenso vehement ab wie die doppelte Staatsbürgerschaft. 1995 stemmte er sich als einer der wenigen Jungen gegen die Lockerung des Paragrafen 218.
Und dennoch verkörpert Merz den Unionspolitiker des neuen Typs: mehr Manager als Ideologe, mehr
Macher als Funktionär. Wo andere das Politikgeschäft nach Sitzungsschluss in gemütliche Kungelrunden verlegen, setzt er auf geschäftsmäßige Effizienz. Schnell einen Termin gemacht, in zehn Minuten das Wesentliche erledigt - noch Fragen? Schon schnellt der fast Zwei-Meter-Mann in die Höhe und ist beim nächsten Termin.
Seine steile Karriere verdankt Merz jenem Mann, den er nun beerben soll. Es sind die Parallelen, die Wolfgang Schäuble für den Youngster einnahmen. Wie sein Mentor ist der Nachfolger Jurist, Schnelldenker und ausgestattet mit einem ausgeprägten Ego.
Merz ist clever genug, dem abträglichen Image vom glatten Senkrechtstarter seinerseits Ecken zu verleihen. So verbreitet er über seine Internet-Seite, wie er mit 14 Jahren, langhaarig und ohne Führerschein, auf dem Motorrad durch seine Heimatstadt Brilon düste und einmal wegen eines Schülerstreichs sogar von der Schule flog: Erst war eine ausgehängte Tür und dann die Französischlehrerin ins Klassenzimmer gefallen.
Bei manchen Fraktionskollegen gilt Politkarrierist Merz als unnahbar. "Das ist keiner, mit dem man ein Bier trinken geht", sagt ein Abgeordneter. Dass der künftige Fraktionschef dieses Manko erkannt hat und schon bald versuchen wird, verbindlicher zu wirken, steht für Kollegen, die ihn besser kennen, außer Frage.
Wie die Anziehungskraft der Macht wirkt, zeigte sich am Donnerstag vergangener Woche. Merz saß pünktlich um neun Uhr im Plenarsaal des Bundestags, da zog ein wahres Defilee von Unionsabgeordneten an ihm vorbei. Jeder wollte dem jungen Mann, der mal grinsend, mal nachdenklich blickend die Ehrerbietung genoss, die Hand schütteln.
Auf der Pressetribüne richteten sich derweil sämtliche Kameraobjektive auf den Fraktionschef in spe. Die Fotografen zeigten sich von dem mediengewandten Nachwuchsstar angetan: "Der spult ganz routiniert sämtliche Posen für uns ab." Das kann sonst nur einer: Gerhard Schröder - doch der blieb diesmal unbeachtet. CHRISTIAN REIERMANN,
* Stehend, am vergangenen Freitag im Bundestag.
Von Christian Reiermann und Ulrich Schäfer

DER SPIEGEL 8/2000
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