21.02.2000

NACHRICHTENSENDERPolitik in Echtzeit

Schäubles Ende, Merkels Aufstieg: Das CDU-Drama lässt sich, Szene für Szene, im Fernsehen verfolgen. Noch nie war der Zuschauer einem Polit-Krimi so nah. Von Reinhard Mohr
Es sind die kleinen Veränderungen im Alltag, die historische Zäsuren anzeigen: die Pilzköpfe der sechziger Jahre, die selbst gebauten Hochbetten der Siebziger, die coolen Neon-Bars in den Achtzigern und die Handys in den Neunzigern, mit denen die Menschen als sprechende Autisten die Trottoirs bevölkerten, bevor sie Sushi essen gingen.
Der Beginn des Jahres 2000 aber brachte die Wiederkehr des Extrablatts mit anderen Mitteln, die Renaissance des Wohnzimmers als moralische Anstalt: Die live übertragene Pressekonferenz ist zum neuen Forum der Nation geworden, Ort der "brutalstmöglichen Aufklärung" (Roland Koch) wie des "radikalen Neuanfangs" - jedenfalls eines atemraubenden Dramas, das Shakespearesche Elemente besitzt und Demokratie in seltener Weise und abseits der Sonntagsrede unmittelbar erlebbar macht. Dies ist die Sternstunde für den "Ereignis- und Dokumentationskanal" Phoenix, ein öffentlich-rechtliches Kind von ARD und ZDF, das noch vor zwei Jahren ein graues Schattendasein jenseits der Quote führte. Jetzt aber, dank Schreiber, Kohl & Co., ist er, neben dem kommerziellen Marktführer n-tv, zum Kultsender der "Info-Elite" avanciert, zum Krisengewinnler in der harten Fernsehkonkurrenz: Zweieinhalb Millionen Zuschauer schalten seit Anfang 2000 täglich Phoenix ein - eine Million mehr als im entsprechenden Zeitraum 1999. n-tv meldet für die ersten sechs Wochen des Jahres einen Anstieg der "Tagesnettoreichweite" auf 4,92 Millionen Zuschauer (gegenüber 4,26 Millionen vor einem Jahr). Auch beim Börsensender mit den durchlaufenden Kurswerten entsteht ein großes Quoten-Plus durch die politischen Live-Übertragungen - eine echte Nachricht vom Nachrichtensender.
"Nicht einmal der Kosovo-Krieg hat so viele Bürger animiert, sich aus erster Hand zu informieren", bestätigt Phoenix-Programmgeschäftsführer Klaus Radke den Trend zur medialen Selbstbedienung. "Hier entsteht ein Stück plebiszitärer Öffentlichkeit." Da mag sich mancher Medientheoretiker die Augen reiben, und der Gesellschaftskritiker wundert sich.
Wird Politik also wieder spannend? Gibt es gar eine Re-Politisierung der Öffentlichkeit? Oder handelt es sich nur um eine kurzfristige Skandalisierung - mit lauter Polit-Voyeuren statt Citoyens?
Fast den ganzen Tag sendet Phoenix live von den politischen Schauplätzen der erregten Republik - aus dem Fraktionssaal der CDU/CSU im Berliner Reichstag wie von der Kieler Förde, wo Volker Rühe ratlosen Sympathisanten die Lage erklärt; aus dem hessischen Landtag, wo die Stimmung kocht, und aus dem Willy-Brandt-Haus der SPD, dem neuen Revier von Generalsekretär Franz "Münti" Müntefering, der seine Genugtuung über die Existenzkrise des politischen Gegners manchmal nur mit Mühe zwischen den besorgt hoch gezogenen Augenbrauen verstecken kann.
Wolfgang Schäubles Mona-Lisa-Lächeln beim Abgang, Angela Merkels zukunftsfester Blick, Roland Kochs vernarbte Wange im Dauererklärungszwang - in diesen Tagen, so viel steht fest, sitzt der Bürger tatsächlich in der ersten Reihe, während Tragödie und Katharsis ihren Lauf nehmen. Was vor einem knappen Jahrzehnt über den "virtuellen" Krieg am Golf behauptet wurde, trifft auf die innenpolitische Dauererregung der letzten Wochen nun wirklich zu: Politik vollzieht sich in 1:1 Echtzeit. Die politischen "Cruise Missiles" landen direkt in der Wohnstube. Jedes Räuspern, jeder Zwischenton, jede gestische und mimische Unsicherheit der Protagonisten kommt ungefiltert über den Bildschirm nach Hause - für all jene eine ganz neue Erfahrung, die sonst nur die vorgestanzten Politiker-Statements in der "Tagesschau" zu sehen bekamen.
Und für Nachschub ist gesorgt. Stets fangfrisch werden die jeweils allerneuesten "Anfangsfehler" (Kanther), "Fehler" (Kohl) und "Dummheiten" (Koch), am Ende auch die "persönlichen Konsequenzen" - fällige Rücktritte - serviert. Die Krise macht Quote, die Info-Elite wächst. Immer mehr Zuschauer werden zu televisionären Augenzeugen der dramatischen Geschehnisse.
Noch nie war die Zeitung von gestern so alt wie heute - und selbst in aller Eile zusammengeleimte Sondersendungen wie ZDF-"Spezial" und "Brennpunkt" (ARD) erscheinen angesichts der medialen Echtzeit-Politik wie die Pferdekutschen der Kommunikationsgesellschaft.
Die Permanenz der Neuigkeit im Originaltonbild, die flagrante Chronik der laufenden Ereignisse trägt zuweilen fiebrige Züge, Züge des Voyeurismus und des Big Entertainment. Schon fordern spaßige Zeitgenossen regelmäßige Live-Übertragungen aus der CDU/CSU-Bundestagsfraktion - Infotainment aus dem Reichstag.
Die Pressekonferenz, in normalen Zeiten die unergiebigste - und langweiligste - Quelle journalistischer Informationsbeschaffung, wird in diesen historischen Tagen zur Hauptbühne des Polit-Theaters. Anders als sonst, wenn nur die rhetorisch opulenten Highlights präsentiert werden, offenbaren die inszenierten Auftritte in ihrer gnadenlosen Vollständigkeit mehr, als sie verbergen. Dazu gehört auch, dass man die Matadore kommen und gehen, zuweilen auch schlurfen und traben sieht wie vom Leben gezeichnete Kämpfer auf dem Schlachtfeld der Rede-Republik. Manch einer wirkt da schon angezählt, bevor er seine Fehler aufgezählt hat.
Das alte aufklärerische Mittel der ortsfesten, bloß abfilmenden, dokumentarischen Kamera, die unerbittlich draufhält und eben nicht wegblendet, wenn die traurige Wahrheit aus den Mundwinkeln lugt, bewährt sich nun erst recht: Bei den oft stundenlangen Fernseh-Übertragungen von Phoenix oder n-tv nimmt der Zuschauer den Posten eines zivilen Beobachters ein, der sich buchstäblich selbst ein Bild macht, bevor er zum "heute journal" schaltet. Der Schnitt passiert im Kopf.
Doch das permanente Fernsehgericht wirkt auch wie ein Diskursbeschleuniger, der immer neue Schwingungen und Interferenzen hervorbringt: Auch Koch, Kohl und Schäuble sind gute Kunden der Nachrichtensender, und blitzschnell, wenn es sein muss, vom Fernsehsessel aus, können sie auf das reagieren, was der verehrte Parteifreund, der politische Todfeind, gerade unverschämterweise "in den Raum gestellt" hat. So hat sich Kohl in den letzten Wochen schon zweimal selbst kurzfristig zum Fernsehinterview eingeladen nach der Methode "Deppendorf, bitte melden!"
Kurz bevor der unbelehrbare Altkanzler seinen gespenstischen Jubelauftritt beim Neujahrsempfang der Bremer CDU absolvierte, sah er via Phoenix Schäuble und CDU-Vize Wulff bei einer Pressekonferenz in Lüneburg. Dort räsonierten sie über "juristische Konsequenzen" gegen Kohl. Dies, so wird glaubwürdig berichtet, habe den schwarzen Paten aus Oggersheim erst recht in die geistig-moralische Offensive getrieben und seiner selbstgerechten Realitätsverdrängung frischen Betriebsstoff geliefert. Sein Bremer Auftritt, wiederum live bei Phoenix übertragen, ließ Fernsehzuschauer Schäuble dann noch einmal vor dem letzten Schritt einer Klage gegen Kohl zurückschrecken. Der Kanzler der Einheit wird es einkalkuliert haben.
Die freche Lüge als Stilmittel der Politik - auch dies gehört zu den Abgründen, in die Phoenix und n-tv ohne Zeitverlust dem Bürger draußen im Lande Einblick gewähren. Wann etwa konnten die Fernsehzuschauer schon einmal einer Spitzenpolitikerin live beim Lügen zusehen - wie etwa der hessischen FDP-Vorsitzenden Ruth Wagner, als sie auf ihrer Pressekonferenz in Lich am 12. Februar auch angesichts wiederholter Nachfragen darauf beharrte, erst wenige Stunden vor Ministerpräsident Kochs jüngster Bekanntgabe einer ganz blöden "Dummheit" entsprechend unterrichtet worden zu sein. Pech für Wagner - umgehend stellte sich heraus: Es waren zwei volle Tage Wissensvorsprung, den die Eiserne Lady der FDP ganz fest für sich behielt, ohne den bösen Wolfgang Gerhardt zu informieren. Derweil saß Roland Koch vor dem Bildschirm und sah Phoenix.
Fernsehen als Volkshochschule - und der Staatsbürger ein Dauer-Praktikant, der seinen politischen Repräsentanten ins Antlitz schaut, kombiniert und sich sein Urteil bildet: geradezu ein Idealzustand partizipatorischer Demokratie. Idyllische Zustände freilich sind nicht zu befürchten.
Medien und Politik spielen Pingpong. Das ist nicht neu. Neu ist die ungeheure Beschleunigung des politischen Geschehens. Immer größer wird der Zeitdruck auf Entscheidungen, immer schneller müssen Politiker auf Äußerungen und Tatbestände reagieren, von denen sie erst durch Fernsehreporter - oder Live-Übertragungen - erfahren haben. Und immer schneller müssen ihrerseits die Medien berichten, fragen, spekulieren. Ein riesiges Karussell. Zeit zum Nachdenken wird Mangelware. Populistische Vereinfachungen drängen sich auf.
Das ist die Kehrseite der neuen Transparenz.
Von Reinhard Mohr

DER SPIEGEL 8/2000
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