21.02.2000

Kommunikationscontainer sollen die Dritte Welt vernetzen.Rechner statt Brot

Am Rande des Städtchens San Marcos de Tarrazú in Costa Rica, mitten unter Kaffeesträuchern, steht ein ausrangierter weißer Schiffscontainer, überspannt von einem weiten Baldachin aus Segeltuch. Die Blechkiste ist zukunftsträchtig: Voll gepackt mit Hightech, soll sie das Informationszeitalter in die kabellose Pampa bringen.
Bislang nur in Mittelamerika, doch bald schon auf der ganzen Welt offerieren die wuchtigen Transportbehälter unterentwickelten Landstrichen die Segnungen der modernen Telekommunikation: Faxgeräte, Telefone, Videorecorder, Internet-Zugang, gar Telemedizin. "Computer statt Brot für die Welt" lautet das Motto des Projekts "Little Intelligent Communities" (Lincos), dessen Initiatoren dafür sorgen wollen, dass die Dritte Welt den Anschluss an die Erste nicht verliert.
Ersonnen haben das Unternehmen Costa Ricas früherer Präsident José María Figueres, der in seinem Heimatland eine Stiftung für Nachhaltige Entwicklung leitet, und der Computerwissenschaftler Alex Pentland vom Massachusetts Institute of Technology (MIT).
"Mit Lincos können arme Gemeinden ihre eigene Zukunft gestalten", erläutert Pentland, "wir wollen ihnen kostengünstige technische Möglichkeiten an die Hand geben, aber wir schreiben ihnen nicht vor, was sie damit tun sollen."
Vor einem Jahr stellte die Gruppe einen Prototyp der Blechbox der Öffentlichkeit vor. Den Standardcontainer - 8 Meter lang, je 2,40 Meter breit und hoch - hatte eine Reederei ausrangiert. MIT-Ingenieure steuerten ihr Know-how bei, Firmen wie Motorola und Microsoft übernahmen die Kosten und lieferten Material. Der Aufwand für das - zum größten Teil recycelte - Techno-Paket lag bei 50 000 Dollar.
Heute stehen in Costa Rica bereits zwei, in der Dominikanischen Republik sogar fünf Container, in denen weitere Rechner surren. Infotech-Boxen sind in Lincos-Werkstätten in Costa Rica im Bau. Noch einmal 50 stehen auf dem Plan, mehrere davon sind für Afrika vorgesehen.
Die Konstrukteure haben die stählernen Gemeindezentren bis in den letzten Winkel gestopft: elektronisches Postamt, Arztpraxis, Bank, Bibliothek, Radiostation, Büro, Kino, Minilabor, all das vereinigt die Blechschachtel. Angetrieben von Solarbatterien, mit einer Satellitenschüssel obendrauf, ist das Zentrum, auch wenn mitten im Nirgendwo aufgebaut wird, stets mit dem globalen Datenstrom verbunden.
Da informieren sich Bauern im Internet über die Preise für Schweine oder Saatgut. Aus den USA trudeln E-Mail-Grüße ausgewanderter Verwandter ein. Auch Schulklassen dürfen lernen, mit den neuen Medien umzugehen.
Als telemedizinisches Übertragungszentrum kann der Kommunikationscontainer lebensrettend sein: Der Patient tritt in dem engen Multilabor vor eine Videokamera, eine Ärztin in der nächsten Stadt kann ihn untersuchen. Die Lincos-Container sind dafür ausgerüstet, bei dem Kranken Blutdruck, Temperatur und Puls zu messen, ihm in den Rachen zu sehen und sein EKG aufzuzeichnen.
Der Anthropologe Timothy Dye, der am Center for Future Health in Rochester mit dem MIT zusammenarbeitet, erkennt darin einzigartige Möglichkeiten: "Mit Hilfe der Technik könnten wir in Zukunft Epidemien rechtzeitig erkennen."
Auch die Initiatoren anderer Projekte haben inzwischen die Idee des Hightech aufgegriffen. Im letzten Jahr wurde in dem palästinensischen Beduinendorf Kaabna, nahe dem Toten Meer, ein Kommunikationszentrum errichtet, das die 2000-Seelen-Gemeinde erstmals mit Solarstrom und Telefonanschluss versorgte. Visionäre träumen schon von InternetPortal und Teledoktor im Amazonas-Urwald oder am Polarkreis.
Für den Anfang sind die Bedürfnisse derer, denen die technischen Wohltaten zugute kommen, noch bescheiden. Franklin Hernández-Castro, Planungsleiter bei Lincos, berichtet, dass bei den Container-Fans von San Marcos der Bildschirm für Telekonferenzen am populärsten sei.
Die Bewohner des Fleckens scharen sich regelmäßig um den Großbildschirm, wenn ein Fußballspiel übertragen wird. HUBERTUS BREUER
Kommunikation - http://www.spiegel.de/cebit/
Von Hubertus Breuer

DER SPIEGEL 8/2000
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