21.02.2000

Rituale sind wichtig

Von Sturm, Thomas

Hans-Georg Gadamer über Chancen und Grenzen der Philosophie

Gadamer, der in Heidelberg lebt, konnte jüngst seinen 100. Geburtstag feiern. Sein Hauptwerk "Wahrheit und Methode" (1960) gilt als Klassiker. -------------------------------------------------------------------

SPIEGEL: Herr Gadamer, wie erklären Sie Nichtphilosophen, was Philosophen eigentlich machen?

Gadamer: Etwa so: Es gibt Fragen, auf die die Menschen Antworten haben wollen, aber keine finden. Es ist ein Aberglauben zu meinen, dass diese Fragen mit dem Fortschritt der Wissenschaften verschwinden könnten.

SPIEGEL: Welche Fragen?

Gadamer: Viele verschiedene. Die nach Tod und Geburt, Fragen der Religion, aber auch noch andere Fragen, etwa danach, was Bewusstsein ist. Diese Frage lässt sich nicht etwa durch Informationstheorie beantworten.

SPIEGEL: Welche Methoden benutzt die Philosophie denn dann, um die genannten Fragen zu behandeln?

Gadamer: Man will den anderen überzeugen. Das nennt man auch Rhetorik.

SPIEGEL: Aber die Rhetorik ist doch keine philosophische Methode, oder?

Gadamer: Das weiß ich nicht. Vielleicht ist sie tatsächlich die einzige!

SPIEGEL: Viele große Denker, Platon und Immanuel Kant etwa, fanden das nicht.

Gadamer: Bei Platon würde ich das doch meinen, bei Kant freilich nicht. Aber selbst dann wäre ich vorsichtig. Rhetorik als philosophische Methode, das soll heißen: Wir müssen endlich wieder lernen, wie man ein richtiges Gespräch führt. Das ist eine sehr verantwortungsvolle Aufgabe für die Philosophie. Ein Gespräch setzt voraus, dass der andere Recht haben könnte.

SPIEGEL: Gibt es falsche Erwartungen gegenüber der Philosophie?

Gadamer: Eine ganz unberechtigte Erwartung ist, wenn man glaubt, dass die Philosophie irgendwelche Wissenschaften ersetzen kann, oder wenn man meint, sie sollte so etwas wie Zusammenfassungen der Wissenschaften zu Weltbildern liefern. Noch unberechtigter wäre es, wollte man meinen, die Philosophie sollte oder könnte zu einer Wissenschaft werden. Beweisbarkeit nach wissenschaftlicher Methode ist nicht die Sache der Philosophie. Wir haben in unserer Kultur seit Galileo Galilei unerhörte Fortschritte in der wissenschaftlichen Bemächtigung der Natur gemacht. Jetzt rächt sich vieles, wie sich an der Umweltverschmutzung zeigt.

SPIEGEL: Was kann die Philosophie da tun? Was darf man von ihr erwarten?

Gadamer: Ich finde, es ist eine große Aufgabe, wieder fragen zu lernen, also nicht alles von vornherein für geregelt zu halten. Man sollte beim Fragen nicht einfach bloß darauf aus sein, wichtige Informationen zu bekommen. Schon das Wort "Information" sagt es ja: Das ist etwas, worüber man nicht weiter nachzudenken braucht.

SPIEGEL: Wie kann man den Menschen beibringen, so grundsätzlich zu fragen?

Gadamer: Nun, zunächst muss ein Bedürfnis, eine Neugier geweckt werden. Das geht normalerweise am besten bei Menschen im Alter zwischen 14 und 18 Jahren. In der Zeit muss man, statt alles nur mit Regeln und vorgefertigtem Wissen vorzuschreiben, ein Interesse an der philosophischen Einstellung wecken. Ich gehe seit Jahren nur noch in die obersten Klassen in Schulen, also auf Gymnasien etwa, um einen kleinen Vortrag zu halten und dann mit den Schülern zu diskutieren. Das ist das Alter, in dem man die Menschen am besten erreicht.

SPIEGEL: Warum wirkt die Philosophie auf Otto Normalverbraucher eigentlich so abstrakt?

Gadamer: Ich weiß nicht, ob das überhaupt eine richtige Einschätzung ist. Selbst Menschen, die man als Dummköpfe bezeichnet, können sehr große philosophische Interessen haben ...

SPIEGEL: ... aber nicht die Fähigkeiten, philosophische Fragen zu beantworten?

Gadamer: Na, das können die Philosophen doch noch viel weniger! Aber immerhin können sie sagen, warum sie die Fragen nicht beantworten können.

SPIEGEL: Dennoch: Viele fürchten sich vor der Philosophie - weshalb?

Gadamer: Das liegt beispielsweise daran, dass sie oft als eine mit der Logik verbundene Theorie der Wissenschaften, als eine Methodenlehre der Wissenschaften beschrieben wird. Das ist tatsächlich ein sehr abstraktes Feld wie einige andere auch. Umgekehrt wurde dann alles, was nicht so auf Abstraktion und Präzision aus ist, als "bloße Rhetorik" bezeichnet. Ich habe mal einem Freund, einem sehr anerkannten Physiker, eine Arbeit von mir gesendet, und ich erhielt sie zurück. Auf jeder dritten Seite stand am Rand: "Rhetorik!" Das war für ihn also schon eine Kritik.

SPIEGEL: Haben Sie etwas gegen Logik einzuwenden?

Gadamer: Nein. Es ist nur falsch, Logik und wissenschaftliches Denken auf das menschliche Leben zu übertragen.

SPIEGEL: Warum?

Gadamer: Die Logiker sollten akzeptieren, dass Gespräche nie ganz logisch funktionieren und funktionieren können.

SPIEGEL: Worauf hoffen Sie selbst in der Philosophie?

Gadamer: Es wäre eine sehr schöne Sache, wenn wir endlich darangehen, die Weltreligionen wieder ins Gespräch miteinander zu bringen.

SPIEGEL: Erwarten die Leute nicht mehr, etwa eine Art Religionsersatz? Und müssen Philosophen nicht deutlicher erklären, dass diese Erwartungen unerfüllbar sind?

Gadamer: Das ist richtig. Andererseits, man kann doch ein paar mehr Dinge sagen als nur "Wir können nicht wissen, ob es einen Gott gibt" usw. Wenn ich an Konfuzianer oder Buddhisten denke, kann ich mir gut vorstellen, dass man mit ihnen über den Begriff der Menschenrechte sprechen kann. Oder man kann zum Beispiel über die Bedeutung der religiösen Rituale sprechen oder auch versuchen, den Ruf der Rituale zu verbessern. "Ritual", das ist ja schon ein Schimpfwort heute. Das finde ich verrückt.

SPIEGEL: Was bedeuten denn Rituale?

Gadamer: Ich denke, Rituale spielen eine wichtige Rolle. Man muss Rituale betreiben, damit man lernt, über wichtige Dinge nachzudenken, wie den Tod oder die Geburt. Damit man hier das richtige Fragen lernt. So wie der Theologe sein Leben lang im Zweifel verbringt. Das muss er ja auch lernen auszuhalten.

INTERVIEW: THOMAS STURM


DER SPIEGEL 8/2000
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