Von Tuma, Thomas
Wenn John de Mol, 44, nachdenkt, spielt er mitunter russisches Roulette. Oder Reise nach Jerusalem. Oder Gott. Oder am besten gleich alles auf einmal.
Dann sinniert er in seinem strahlend weißen Büroklotz am Rande des holländischen Städtchens Hilversum zum Beispiel darüber, ob man zehn Menschen mit nur neun Fallschirmen in ein Flugzeug stecken könnte. Vielleicht liebt er den kurzen Schrecken seines Gegenübers. Jedenfalls macht er eine genießerische Pause, bevor er seine Fernseh-Spiel-Idee weiter ausbaut.
Alle Insassen wüssten vor dem Einstieg, dass zwar die Maschine abstürzen, aber jeder der neun Überlebenden auch eine Million Mark oder Gulden oder Dollar bekommen würde. Also - könnte man das? Natürlich könnte man - da ist er sicher.
An durchgeknallten Kandidaten würde es nicht mangeln in einer TV-Ära, wo Menschen schon für ein paar tausend Mark Rolltreppen-Laufbänder ablecken oder ihre Frau bei Bärbel Schäfer für eine Nacht versteigern wollen. Die Würde des Menschen ist antastbar geworden, weil viele Menschen es erlauben, sobald sie eine Kamera sehen. So einfach ist das.
Aber dürfte man es auch? Den programmierten Selbstmord zum Programm adeln?
De Mols Gesicht changiert zwischen Gesichtslähmung und Richard Gere. Ein braun gebranntes Pokerface. Sein Blick kommt dabei meist von unten herauf, wie ein oft geprügelter Terrier, in dem irgendetwas brennt - und sei es nur der Zigarettenqualm, der diesen Mann chronisch umwölkt.
Er raucht. Nicht zum Spaß. Dazu zieht er viel zu hastig ein paar Mal an der Zigarette, drückt sie gedankenverloren aus und greift sich bis zur Antwort die nächste aus der Schachtel. Zeit genug, sich die Fallschirm-Kämpfe vorzustellen. Die quotenträchtige Verzweiflung. Das echte Grauen. Den ganzen Multimedia-Krawall, den ein solches Mords-Spektakel mit sich brächte.
De Mol kann sich das alles gut vorstellen. Es ist sein Job. Und weil er mitunter weiter denkt als andere, skrupelloser vielleicht, wuchs seine Firma Endemol zur größten unabhängigen TV-Produktionsfirma Europas heran. Ein konzernfreier Konzern. Von Hilversum aus werden allein in diesem Jahr weltweit rund 14 000 Stunden Programm gesteuert.
In Deutschland reicht sein Angebot von "Hausfieber" bis "Die Wache", von "Domino Day" und "100 000 Mark Show" bis zu "Nur die Liebe zählt", "Glücksspirale" und ab 1. März täglich "Big Brother" auf RTL 2, wo ausnahmsweise mal der Letzte der Erste sein soll.
Zehn Verrückte lassen sich dann 100 Tage lang auf 160 Container-Quadratmetern einsperren und - bei was? - beobachten. Beim Leben? Von 28 Kameras bis aufs Klo verfolgt und von 59 Mikrofonen selbst im Bett ausgehorcht - vor 120-köpfigem Produktionsteam und Millionenpublikum. Alle paar Wochen dürfen die Zuschauer entscheiden, wer das Internierungslager verlassen muss. Das Publikum hat immer Recht.
In de Mols Show "Perfect Day" durften einst hoch verschuldete Kandidaten um ihre Finanzrettung spielen. Das war zwar auch nicht geschmackloser oder würdevoller als "Big Brother", kam hier zu Lande indes schlicht nicht an. Und natürlich entscheidet letztlich nur das Publikum, ob eine Show gut oder schlecht ist. "Perfect Day" war also schlecht. "Big Brother" muss atemberaubend gut werden.
Der letzte Überlebende soll am Ende 250 000 Mark Schmerzensgeld erhalten. Das ist nicht viel in einer Zeit, da selbst ein schläfrig-holsteinischer Radiokanal Millionengewinne auslobt. Doch ums Geld geht es eigentlich nur am Rande. Worum also dann?
In Holland lief das Schlüsselloch-Spektakel bereits derart erfolgreich in Glotze und Internet, dass selbst die Analysten der Dresdner Kleinwort Benson enthusiasmiert zum Kauf der Endemol-Aktie rieten. Weil die Quoten gewaltig waren. Weil die Medien das "Big Brother"-Feuer immer weiter anheizten. Und weil selbst aus den Zwangsaussteigern noch Teilzeitberühmtheiten wurden, die dank geliehener Prominenz für jeden Discoauftritt ein paar tausend Mark verlangen konnten.
Holland ist so flach, wie gewinnträchtige Fernsehunterhaltung sein muss. Dank seiner Vielsprachigkeit ist der kleine Küstenfleck der vielleicht größte TV-Windkanal der Welt. Was hier ankommt, wird auch der Rest Europas lieben. Das ist das erste Geheimnis von de Mols atemberaubendem Aufstieg vom Discjockey zum Milliardär.
Sein zweites Geheimnis ist, dass de Mol Gefühle verkauft. Gefühle bedeuten Authentizität. Authentizität ist Wahrheit. Wahrheit ist heute allenthalben Mangelware und entsprechend begehrt. Wer wüsste das besser als jemand, der wie de Mol jede Lüge des Mediengeschäfts kennt?
Bei der "Traumhochzeit", einem seiner ersten Erfolgsformate, ist von vornherein klar, dass das Gewinnerduo bei der finalen Trauung allerlei richtig echte Tränen vergießen wird. In "Verzeih mir" wurden aus zerstrittenen Müttern und Vätern und Töchtern und Söhnen und Onkels und Tanten die letzten Emotionstropfen gepresst. Und in der "100 000 Mark Show" ist zumindest jener Moment entlarvend wahr, wenn das Siegerpärchen sich in seiner endlich gestillten Geldgier umarmt.
Endemol ist eine Spaßfabrik mit dem Prädikat "gefühlsecht", auch wenn in den Fluren und Studios wenig gelacht wird. Bei welcher anderen Aktiengesellschaft taucht im Geschäftsbericht ohne Not ein Rapport zum Krankenstand der Belegschaft auf? Nicht nur die Liebe zählt.
"Big Brother" ist die logische Weiterentwicklung eines als richtig, weil erfolgreich erkannten Konzepts. Die Spanner-Show ist de Mols Baby. Ein Spross, der nicht sonderlich nett oder charmant ist, aber eine Menge Geld bringt.
Ein dutzend Länder ist an dem Schlüsselloch-fertigen Gaudi-GAU interessiert. Vor wenigen Wochen kaufte sogar das US-Network CBS die "Big Brother"-Rechte und katapultierte de Mol damit endgültig in den Olymp internationaler TV-Produzenten.
Deshalb erzählt de Mol während der nächsten Zigarette gern, wie das alles vor drei Jahren anfing mit nichts als einer Idee. Seiner Idee. Er erinnert an das Vorbild der "Biosphere II", einer Art menschlichem Treibhaus, in dem Amerikaner beweisen wollten, dass sie zwei Jahre lang autark überleben könnten. Das Experiment ging schief. De Mols Idee, daraus ein nacktes Voyeurs-Spektakel zu machen, nicht.
Mit nur einem halben dutzend Eingeweihten entwickelte er das intern nur "Projekt X" genannte Format weiter. Er zitterte, als die "Truman Show" in die Kinos kam, weil er Angst hatte, dass da ausgerechnet Hollywood mal schneller gedacht haben könnte als er. Und anfangs saß er oft selbst im Studiobunker und beobachtete seinen Menschenzoo mit der Leidenschaft eines Oberammergauer Passionsspielers.
Berauscht von der Macht seiner Möglichkeiten und peinlich berührt mitunter von den intimsten Geständnissen, die sich da vor ihm offenbarten. Kein Schauspieler brächte manche Szenen so hin, sagt er. Keiner. Und natürlich glaubt er, dass sein Team in solchen Momenten göttergleich Schicksale lenkt, weil es Wahrheiten schafft - nun eben auch in Deutschland.
Dem größten deutschen Privatsender RTL war das übrigens alles viel zu gefährlich oder zu eklig. Deshalb schlug dann "nur" der kleine Bruder RTL 2 zu und kaufte die deutschen Rechte an "Big Brother" für angeblich 18 Millionen Mark. Seither geriert sich der Sender in Wir-zeigen-alles-Geilheit, was bei dem Bumsen-Bier-und-Ballermann-Kanal allerdings längst zur stolzen Grundeinstellung gehört.
Den Skandal mussten die Macher hier zu Lande nicht mal selbst inszenieren. Der Chef der zuständigen hessischen Landesmedienanstalt drohte, für beide Seiten werbewirksam, mit Abschaltung.
Bei Laborratten hätte man sofort den Tierschutzbund am Hals, mahnte der rheinland-pfälzische Ministerpräsident Kurt Beck (SPD). Auf diese Weise erfuhr man immerhin, dass es eine Rundfunkkommission der Länder gibt, deren Vorsitzender Beck heißt. Und Drehbuchautor Wolfgang Menge durfte an- und ausdauernd erklären, dass er die TV-Pervertierung ohnehin immer vorausgesehen hat. In seiner Fiktion "Das Millionenspiel" zockten schon vor 30 Jahren Kandidaten unter Einsatz ihres Lebens. Glückwunsch, Herr Menge!
Schlimm wird "Big Brother" nur, wenn''s nicht schlimm wird. Der Skandal begänne dort, wo er nicht stattfindet. Deshalb sollen in der deutschen Version weit mehr Konflikt-garantierende Gegensätze aufeinander prallen: Es gilt als allemal spannender, einen Skinhead mit einem schwulen Vorstadt-Türken einzusperren, als eine Schar von Kirchentagspazifisten über die Abtreibungsfrage debattieren zu lassen.
Wahrscheinlich wird das ganze Theater am Ende dennoch so spannend wie eine Kreuzberger WG-Sitzung. Aber darum geht es gar nicht mehr. Spätestens seit der unfreiwilligen "Maschendrahtzaun"-Komik der ostdeutschen Arbeitslosen Regina Zindler ist klar, dass man als völliges Nichts momentan die besten Chancen hat, schnell bekannt zu werden. De Mol hat dafür immerhin noch 20 Jahre gebraucht.
Als er sich 1980 selbständig machte, war er ganz unten: Seine Ehe mit der reichen und erfolgreichen Schlagersängerin Willeke Alberti war gerade grandios gescheitert. Eine Pleite mit Plattenläden hatte de Mol ein paar hunderttausend Mark Schulden eingebracht.
Kurze Zeit darauf bekam er von dem britischen Satellitensender Sky Channel den Auftrag, 800 Stunden Programm zu liefern. Er brauchte eine Moderatorin. Und obwohl er damals an kaum etwas weniger glaubte als an seine kreuzbiedere, Jura studierende Schwester, wurde gerade die einer der größten holländischen Exportschlager seit Rudi Carrell. Das Einzige, was man damals von de Mol zu erzählen wusste, war, dass er "der Mann hinter Linda" war. Das war ihm ganz recht, denn er mag das Scheinwerferlicht nicht.
Der Produzent war eben der Käsefresser aus der tulpigen Nachbarschaft, der in seinem Aktenköfferchen für die gerade gestarteten Privatsender immer die richtigen Ideen hatte: billig, erfolgreich, dosiert skandalös. 1994 kaufte er sich beim Produktionskonkurrenten und gelernten Straßenclown Joop van den Ende ein und gründete die gemeinsame Firma Endemol. Zwei Jahre später ging das Unternehmen an die Börse.
Mittlerweile hat auch Linda eine Scheidung und mehrere Quotentiefs hinter sich und gilt ihrem Bruder als ebenbürtiger Sparringspartner, wenn auch immer noch weit weniger zynisch und unnahbar. Als er ihr beim gemeinsamen Skiurlaub in Lech zum ersten Mal von "Big Brother" erzählte, redete sie stundenlang auf ihn ein, so was könne er doch nicht und überhaupt. Was jüngere Schwestern eben so reden, wenn sie die Rolle des blonden Mutterschafs auch hauptberuflich geben.
Ihr großer Bruder sagt derweil, dass die TV-Geschichte in 50 Jahren nur noch in Vor-"Big-Brother" und Nach-"Big Brother" eingeteilt werde, als sei er selbst der Jesus einer neuen Heilslehre höherer TV-Wahrheiten. Und er fügt sogar hinzu, dass "Big Brother" die erste seiner ungezählten Shows sei, in der er auch selbst gern mitspielen würde. Mein Gott, John!
Mit Sicherheit würde er als einer der Ersten aus dem Container fliegen, weil er viel zu scheu, zurückgezogen und gefährlich still wirkt. Ein oft seiner selbst unsicherer Grübler, sagt de Mol über de Mol so schnell, dass man ihm kein Wort glaubt. Wahrscheinlich säße er den ganzen Tag rauchend im Garten vorm Container oder würde allenfalls von seinen Kinderträumen in die Kamera schwafeln, Fußball-Profi zu werden. Von seinem Golf-Handicap vielleicht. Oder den Brettspielabenden mit den wenigen Freunden, die er sich gönnt.
Bis vor ein paar Jahren wollte er von allen gemocht werden. Das Einzige, was ihm seither einigermaßen treu blieb, ist der Erfolg. Heute reicht ihm die Gewissheit, mit all seinen Psycho-Shows meist der Erste gewesen zu sein. So einer kopiert am liebsten sich selbst. Demnächst startet in Holland "Der Bus", eine Art "Big Brother" auf Rädern. Natürlich noch enger, härter, skandalträchtiger.
Pro Sieben will ab Sommer eine ähnliche Laienspiel-Schar unter Führung des Ex-Tennisspielers Michael Stich auf eine Abenteuerreise schicken. Weder Weg noch Ziel sind das Ziel, sondern die Frage, welcher der Teilnehmer der böse Maulwurf ist, der das Unternehmen torpediert.
Auf TM 3 sind neuerdings Menschen wie du und du zu sehen, die mit wackliger Handkamera ihr Leben filmen und zehn Mark pro gesendeter Sekunde bekommen. Wer langweilt, fliegt raus.
Sat 1 ("Die Insel") und RTL 2 ("Expedition Robinson") wollen je ein dreckiges Dutzend zum mehrwöchigen Überlebenstraining auf eine Insel schicken. Für Gesprächsstoff ist allemal gesorgt, denn nach der schwedischen Ausgabe des Spektakels erlebte einer der Robinsons seinen ganz persönlichen schwarzen Freitag und beging Selbstmord.
Was aber wäre schlimmer für den Produzenten? Ein Freitod oder öde Langeweile? Natürlich der Suizid, sagt de Mol pflichtschuldig und pappt gleich wieder hinten dran, dass es dennoch nur einen Maßstab gebe: das Publikum. Mit der gleichen Argumentation könnte man beim nächsten Kindermord auch die Todesstrafe durch den Bundestag peitschen.
Die Todesstrafe! Was für eine Idee. Dürfte man das also? Zehn Menschen mit neun Fallschirmen in ihr Verderben hetzen?
Der Aschenbecher ist längst voll. Er habe zwei Grundsätze, fängt de Mol dann an, als glaube er es selbst. Jeder seiner Kandidaten müsse am nächsten Morgen erstens unverletzt und - zweitens -, ohne sich zu schämen, wieder über die Straße gehen können. Nein, er würde diese Fallschirm-Show nicht produzieren.
Aber dazu lächelt er ausnahmsweise. Als hätte er sich die Rechte längst gesichert.
DER SPIEGEL 9/2000
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