DER SPIEGEL



EICHMANN-ERINNERUNGEN

Im Angesicht des Galgens

Von Wiegrefe, Klaus

Der israelische Historiker Jehuda Bauer über den Wert der Aufzeichnungen Adolf Eichmanns und die Gründe für ihre Veröffentlichung

Bauer, 73, ist Forschungsleiter der Jerusalemer Holocaust-Gedenkstätte Jad Waschem. -------------------------------------------------------------------

SPIEGEL: Herr Bauer, Sie haben sich dafür eingesetzt, dass das israelische Staatsarchiv die Erinnerungen Adolf Eichmanns veröffentlicht. Warum?

Bauer: Es gibt eine moralische Pflicht, alles zugänglich zu machen, was mit dem Holocaust zu tun hat.

SPIEGEL: Wieso hat Israel die Unterlagen erst jetzt, nach fast 40 Jahren, zugänglich gemacht?

Bauer: Eichmann wollte seine Aufzeichnungen als Buch veröffentlichen. Es sollte eine Gegendarstellung zum Gerichtsurteil werden. Generalstaatsanwalt Gideon Hausner hat den damaligen Ministerpräsidenten David Ben-Gurion überredet, die Papiere unter Verschluss zu nehmen. Ben-Gurion setzte eine Frist von 15 Jahren fest. Als sie ablief, war Menachem Begin Ministerpräsident, und der wollte nicht, dass die Familie Eichmann mit dem Manuskript Geld verdient. Später wurde das Manuskript einfach vergessen. Erst der Archivleiter Ewjatar Friesel fand die Unterlagen kürzlich wieder und beschloss, sie zu veröffentlichen.

SPIEGEL: Sie hatten ursprünglich dafür plädiert, eine wissenschaftlich bearbeitete Fassung herauszugeben. Wieso haben Sie Ihre Ansicht geändert?

Bauer: Die Staatsanwaltschaft wies darauf hin, dass die Rechte an dem Manuskript nicht dem Staat Israel gehören, sondern der

Familie Eichmann. Archivleiter Friesel hat die Unterlagen abschreiben lassen. Sie stehen jetzt im Archiv allen Wissenschaftlern zur Verfügung.

SPIEGEL: In London prozessiert der Publizist David Irving derzeit gegen die amerikanische Historikerin Deborah Lipstadt, weil sie ihn als "einen der gefährlichsten Holocaust-Leugner" bezeichnet hat. Irving bestreitet die Existenz von Gaskammern ...

Bauer: ... die Verteidigung Lipstadts bat zufällig gerade um die Aufzeichnungen Eichmanns, als die Abschrift fertig war.

SPIEGEL: Wird Frau Lipstadt davon profitieren?

Bauer: Das ist möglich. Eichmann beschreibt die Details der Vergasung von Juden im polnischen Vernichtungslager Chelmno. Eichmann war dort, er war Augenzeuge.

SPIEGEL: Sie haben als erster Historiker die Aufzeichnungen Eichmanns gelesen. Müssen Sie Ihr Bild vom Holocaust revidieren?

Bauer: Ich habe nichts gefunden, was nicht schon im Eichmann-Prozess 1961 vor Gericht verhandelt worden ist. Vielleicht können Psychologen daraus neue Erkenntnisse gewinnen; für Historiker aber ist das Material uninteressant.

SPIEGEL: Eichmann hat mehrmals Erinnerungen aufgeschrieben, es gibt auch umfangreiche Tonbandaufnahmen von seinen Verhören. Weshalb hat er die nun vorliegende Version angefertigt?

Bauer: Das geht aus den beiligenden Aufzeichnungen hervor. Das Manuskript war als ein Contra zu dem Urteil der Richter gedacht, er wollte sich vor seiner Familie reinwaschen. Jeder seiner Söhne sollte ein Exemplar mit Widmung erhalten.

SPIEGEL: Eichmann gibt sich in den freigegebenen Notizen reumütig. Er wolle der "jetzigen und kommenden Jugend zu ihrer Warnung" vom "kapitalsten Verbrechen in der Menschheitsgeschichte" berichten.

Bauer: Das ist seine bekannte Verteidigungslinie aus dem Prozess. Die Vernichtung der Juden habe stattgefunden, sie sei ein großes Verbrechen; nur: Er könne nichts dafür. Das ist pure Heuchelei.

SPIEGEL: Eichmann, Jahrgang 1906, verlebte als Sohn aus gutbürgerlicher Familie eine normale Jugend in Oberösterreich. Was ließ aus dem jungen Verkaufsbeamten einen Nationalsozialisten werden?

Bauer: Er schreibt, dass er in einer nationalistischen Umgebung aufgewachsen ist und allmählich den "Götzen" - so bezeichnete er Hitler und die Führung des Dritten Reiches - verfiel. Ob das so war, kann ich nicht beurteilen.

SPIEGEL: Unter den Nazis, die den Holocaust zu verantworten hatten, gab es auffallend viele Deutsch-Österreicher. Wie ist das zu erklären?

Bauer: Unter den Deutsch-Österreichern gab es seit Beginn des Jahrhunderts einen besonders aggressiven Nationalismus und Antisemitismus. In diesem Umfeld sind Leute wie Hitler, der Leiter des Reichssicherheitshauptamtes (RSHA) Ernst Kaltenbrunner und Eichmann aufgewachsen. Die Österreicher stellen deshalb einen hohen Prozentsatz der Mörder.

SPIEGEL: Eichmann behauptet, an den Nazis habe ihn "allein das Heldische interessiert". Antisemit aber sei er nie gewesen.

Bauer: Das ist Unsinn. Was er wirklich dachte, hat er 1957 dem holländischen Journalisten und ehemaligen SS-Mann Willem Sassen in einem Interview erzählt. Eichmann war damals ein freier Mann, und er zeigt sich als glühender Antisemit. Er bedauerte in dem Interview, dass die Nazis nicht noch mehr Juden umgebracht hätten. Das Resultat sei nun leider der Staat Israel.

SPIEGEL: Die Philosophin Hannah Arendt glaubte, dass Eichmann aus einer "ganz ungewöhnlichen Beflissenheit" heraus handelte und keine weiteren Motive für sein Handeln besaß.

Bauer: Darüber können wir nur spekulieren. Sicher ist: Der Mann war ein hoch intelligenter, radikaler, mörderischer Nationalsozialist.

SPIEGEL: Eichmann behauptet in der Niederschrift, er sei "nicht besser noch schlechter als die große Masse des Durchschnitts" gewesen.

Bauer: Eichmann und seine Mitarbeiter im Reichssicherheitshauptamt waren ganz ungewöhnliche Bürokaten. Das war eine ideologisierte Gruppe, die sich dem Mord verschrieben hatte. Schließlich sind - mit Verlaub - nicht alle Bürokraten Mörder.

SPIEGEL: Im Prozess hat sich Eichmann auf Befehlsnotstand berufen. In seinen Aufzeichnungen schreibt er, er sei nur ein kleines "Rad" gewesen. Wie groß war sein Handlungsspielraum?

Bauer: Ziemlich groß. Er war der Judenreferent des Reichssicherheitshauptamtes; fast alles, was die Terrormaschinerie des RSHA mit den Juden plante, lief über seinen Schreibtisch. Er ist eine bedeutsame Figur gewesen. Das haben auch die Jerusalemer Richter 1961 festgestellt.

SPIEGEL: Eichmann behauptet, er habe weder die Planung noch die Leitung oder Auswahl der Deportationen zu verantworten.

Bauer: Als SS-Chef Heinrich Himmler 1944 die Vernichtung der ungarischen Juden bremste, lehnte sich Eichmann dagegen auf. Gerade in Ungarn hat er das Tempo der Vernichtung forciert. Was er in seinen Aufzeichnungen festhält, schreibt er im Angesicht des Galgens.

SPIEGEL: Eichmann hat 1938 das so genannte Wiener Modell entwickelt. Es war eine besonders perfide Form, Österreicher jüdischen Glaubens aus dem Land zu treiben. War der Weg zum Völkermord damit schon vorgezeichnet?

Bauer: Nein, der Beschluss zum Massenmord ist später gefallen. Das war eine graduelle Entwicklung zwischen Frühjahr und Herbst 1941. Erst ging es um die Vernichtung der Juden in der Sowjetunion, dann wurde die Vernichtung auf Polen und schließlich ganz Europa ausgedehnt.

SPIEGEL: Eichmann behauptet in seinen Aufzeichnungen, der RSHA-Chef Reinhard Heydrich habe ihn im "Herbst 1941" von einem Befehl Hitlers über die "physische Vernichtung der Juden" informiert.

Bauer: Das ist eine verkürzte Version. Es ist ziemlich klar, dass Eichmann die Wiedergabe eines Gesprächs zwischen Himmler und Adolf Hitler gelesen hat, die wohl von Himmler stammte. Ich glaube allerdings nicht, dass mit dieser einen Besprechung der Holocaust in Gang gesetzt wurde. Hitler und Himmler haben 1941/42 mindestens 156-mal miteinander gesprochen; das geht aus Himmlers Terminkalender hervor. Sie werden immer wieder über den Holocaust gesprochen haben. Hitler war ein Radikalisierungsfaktor von oben, und Eichmann war ein Radikalisierungsfaktor von unten.

SPIEGEL: Eichmann war für viele Historiker der Inbegriff des Schreibtischtäters. Hat die Konzentration auf seine Person und seinen Prozess den Blick verstellt auf die vielen anderen Profiteure und Beteiligten des Holocaust?

Bauer: Zunächst ja, aber das hat sich dann bald geändert. Inzwischen sind viele Bücher über vergleichbare Mittäter erschienen. Das Interesse reißt nicht ab, weder bei den Historikern noch bei den Philosophen.

Ich habe für mich gelernt, dass wir alle kleine Teile von Adolf Eichmann und Heinrich Himmler in uns haben, wir haben aber auch kleine Teile der Retter in uns. Und es hängt von uns ab, welche Entscheidungen wir treffen und ob es einen neuen Genozid geben wird. Eichmann ist eine fürchterliche Warnung.

INTERVIEW: KLAUS WIEGREFE

* Beim Schreiben seiner Erinnerungen.

DER SPIEGEL 10/2000
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