06.03.2000

ZEITGESCHICHTE„Wohin führt das?“

Der Tod des DDR-Wirtschaftschefs Erich Apel ist noch immer ein Rätsel. Beging der Reformer 1965 tatsächlich Selbstmord - oder fiel er nicht doch einem Komplott zum Opfer?
Den Hörer abnehmen konnte Erich Apel nicht mehr, als am 3. Dezember 1965 das Telefon klingelte; DDR-Ministerpräsident Willi Stoph wollte den Vorsitzenden der Staatlichen Plankommission sprechen. Doch Apel saß mit durchschossenen Schläfen an seinem Schreibtisch.
Die Sekretärin fand ihn, als sie um kurz vor zehn Uhr die Tür zum Büro öffnete. Das Projektil, Kaliber 7,65 Millimeter, lag auf dem Fußboden. Es stammte aus Apels Dienstpistole Nummer 24 907.
Der Tod des Reformers gehört zu den Politkrimis des SED-Staats. Wilde Gerüchte rankten sich um das Ableben des mächtigen Ökonomen. Zu DDR-Zeiten berichteten Ost-Berliner von Lichtsignalen, die aus Apels Büro im Haus der Ministerien über die Mauer Richtung Westen geblinkt hätten. In SED-Archiven, in die Walter Ulbricht gern unliebsame Genossen abschob, raunten einstige Funktionäre über eine Putzfrau, die vor Apels Büro an dessen Todestag auffällige Männer gesehen haben wollte.
Der merkwürdige Todesfall fiel mitten in eine heikle Umbruchphase der DDR-Ökonomie. Der robuste Chefplaner mit der lauten Stimme hatte den Sowjets getrotzt, als die der DDR größere Opfer abverlangten. Apel reformierte damals im Auftrag von Ulbricht die marode DDR-Wirtschaft und fürchtete um die Früchte seiner Arbeit. Bis heute gelten die Reformen unter Nostalgikern des ostdeutschen Arbeiter- und-Bauern-Staats als verpasste Chance, eine überlebensfähige DDR zu schaffen.
Apels Mentor Ulbricht, bis dahin ein phantasieloser Bürokrat, wollte nach dem Mauerbau auf einmal Neuerungen einführen. Nun zog ja die Ausrede nicht mehr, an der Dauermalaise der DDR sei die offene Grenze zum Westen schuld.
Der geistige Vater des Neuen Ökonomischen Systems, in dem die Betriebe Gewinne erzielen durften, war Apel. In der SED wurde um den Reformkurs erbittert gerungen. "Du bist ein dummes Schwein", pöbelte Apels Gegenspieler Alfred Neumann im Politbüro, "einen politischen Verstand kannst du nicht haben, oder du bist ein Bandit."
Der alternde Ulbricht hatte eine Gruppe von Technokraten um sich geschart, zu der Apel gehörte. Der Diktator wollte mit ihnen die Apparatschiks aus der SED-Bürokratie umgehen, doch die Parteifunktionäre wehrten sich. An ihrer Spitze stand Erich Honecker, der auf Ulbrichts Nachfolge hoffte und in Apel einen Konkurrenten sah.
In der DDR galt Apel lange Zeit als Mann der Russen. Der einstige Mitarbeiter von Hitlers Raketenbauer Wernher von Braun hatte nach Kriegsende sechs Jahre lang für Stalin Raketen in Russland konstruiert.
Nikita Chruschtschow akzeptierte Apels Reformen. Doch 1964 musste er abtreten, und der neue Kremlchef Leonid Breschnew wollte keine Experimente. Er kürzte die Getreidelieferungen an die DDR, forderte mehr Geld für sowjetische Panzer und verlangte ostdeutsche Milliarden-Investitionen in der Sowjetunion. Andernfalls, so drohte er, müsste er die sowjetischen Rohstofflieferungen drastisch einschränken.
Den Reformer Apel ließen die neuen Männer im Kreml wissen, dass es in Moskauer Geschäften seit drei Jahren kein Mehl gebe. Das sei schlimmer als die "Sorgen" der DDR-Führung.
Der West-Berliner Bürgermeister Willy Brandt glaubte, Apel habe sich getötet, um gegen die Ausbeutung der DDR durch die Sowjetunion zu protestieren. Am Tage seines Todes sollte Ulbrichts Reformer ein deutsch-sowjetisches Handelsabkommen unterzeichnen. Brandt prophezeite kryptisch: "Er ist nicht schweigend gestorben. Wir alle werden noch von ihm hören, von dem, was ihn bewegte."
Hinweise auf ein Mordkomplott gab es immer wieder. Nach dem Fall der Mauer tauchte beispielsweise ein Unbekannter bei Apels ehemaligen Kollegen auf, zeigte das Foto eines Mannes und erzählte, sein Vater habe auf dem Sterbebett gesagt, dies sei der Mörder des Chefplaners. Der Unbekannte heißt Manfred Bartz, und 1994 erzählte er seine Geschichte auch der Berliner Staatsanwaltschaft.
Bartz' Vater hatte bei einem Empfang mit einem Stasi-Major gebechert. Der Tschekist soll geprahlt haben: "Und den Apel, dieses Schwein, das die deutsch-sowjetische Freundschaft untergraben wollte, den haben wir erschossen." Weitere Belege besaß Bartz junior nicht, nach zwei Jahren stellte die Staatsanwaltschaft die Ermittlungen ein.
Nun sind in der Gauck-Behörde Dokumente der Stasi gefunden worden, die neue Zweifel an der Selbstmordthese wecken.
Dabei handelt es sich um Unterlagen der Morduntersuchungskommission der Stasi, die Ulbricht selbst eingesetzt hatte. Die Geheimpolizisten ermittelten drei Tage lang, dann behaupteten sie, es sei Suizid gewesen und verwiesen auf die Notizen Apels, die sie beschlagnahmt hatten.
Darin bezeichnete der Planungschef die DDR-Ökonomie als "Sauwirtschaft" und sah große Schwierigkeiten heraufziehen, falls die Sowjets ihre Lieferungen einschränkten. Die SED müsse dann "die Kaufkraft abschöpfen" und Mieten und Steuern erhöhen. Apel notierte "Rückzug" und fragte: "Wohin führt das?"
Apel-Stellvertreter Gerhard Schürer erinnert allerdings ein Telefongespräch kurz vor dessen Tod. Der Planungschef sei über das Handelsabkommen mit den Sowjets zufrieden gewesen: "Das ist doch gut geworden." Breschnew hatte, wie aus SED-Unterlagen im Berliner Bundesarchiv hervorgeht, seine Forderungen gemildert.
Schürer glaubt dennoch an Selbstmord. Apel sollte auf einer Sitzung des Zentralkomitees wenige Tage später abgestraft werden. "Den Gedanken, vor dem Plenum als Versager dazustehen", so Schürer, habe er nicht verkraftet.
Apels Mitarbeiter entdeckte den Stasi-Unterlagen zufolge aber keinerlei Anzeichen für Selbstmordabsichten. Um kurz vor zehn Uhr am Todestag bat er die Sekretärin, sich zum Diktat bereit zu halten. Leibwächter Dietmar F. berichtete, Apel sei in "einer guten Gemütsverfassung" gewesen. Mit Schürer verabredete er sich für den Nachmittag.
Die Ermittlungen der Stasi verliefen ungewöhnlich schlampig. In ihren Unterlagen fehlt das Gespräch zwischen Apel und Schürer. Auch den Besuch kurz vor Apels Tod von Günther Wyschofsky, einem seiner Stellvertreter, führten die sonst so akribischen Ermittler nicht auf.
Wyschofsky sprach mit dem Planungschef über das neue Handelsabkommen mit der Sowjetunion. Apel sei über die Zukunft der Reformen besorgt gewesen. Wyschofsky erinnert sich auch, im Büro später mehrere Einschusslöcher gesehen zu haben. Wenn es nicht Schüsse eines Mörders waren - dann müsste Apel zunächst an sich vorbeigeschossen haben.
Unauffälliger Zutritt zum Büro wäre durchaus möglich gewesen, es hatte zwei Zugänge. Der vordere führte durch das Sekretariat, der hintere ging durch eine leere Kammer direkt auf den Flur und sollte eigentlich verschlossen bleiben. Über den Schlüssel verfügten die Sekretärinnen. Eine von ihnen, Marianne H., kam erst um 9. 30 Uhr vom Friseur ins Büro. Laut Stasi-Bericht war sie eine der letzten Personen, die Apel lebendig sahen. Heute will sie davon nichts mehr wissen. Da seien "noch ganz andere" bei Apel gewesen.
Leibwächter F. trank im Vorzimmer mit den Sekretärinnen Tee, als er plötzlich ein Geräusch hörte. Es klang wie das Schlagen einer Tür. Da Apel öfter mit den Türen schlug, nippte Friedrich weiter an der Tasse. Wahrscheinlich war dies der Moment, in dem Apel starb.
Der Leibwächter mag sich heute auf die Todesursache seines Schützlings nicht festlegen. Er könne "nicht beurteilen", ob es Mord oder Selbstmord gewesen sei. F. stand damals zur Beförderung an. Nach Apels Tod wurde er Leibwächter von Stasi-Minister Erich Mielke.
Die Teerunde im Vorzimmer wurde angeblich erst misstrauisch, als Apel das Telefon nicht abnahm. Wie die Stasi notierte, fand die Sekretärin ihren Chef im Sessel sitzend, mit der Pistole in der Hand - ein ungewöhnlicher Umstand. Normalerweise fallen Selbstmördern die Waffen aus der Hand.
Auch sonst häufen sich in den Unterlagen der Mordkommission Merkwürdigkeiten. Die Ermittler konnten weder Apels Fingerabdrücke auf der Waffe noch Schmauchspuren an der Hand entdecken. Die Durchschusslöcher an den Schläfen waren gleich groß; das ist bei einem Suizid eher selten.
Den Kampf um die Wirtschaftsreformen konnte Ulbricht ohne Apel nicht gewinnen. Das Neue Ökonomische System nahm er schrittweise zurück. 200 Mitarbeiter aus Apels Plankommission mussten gehen; die Stasi hatte ihre Entlassung gefordert. Honecker war fortan der unumstrittene Kronprinz Ulbrichts.
Apel wurde am 6. Dezember 1965 im Haus des Zentralkomitees mit einem Trauerakt geehrt und erhielt ein Staatsbegräbnis. Die SED dankte anschließend mit einer Anzeige im "Neuen Deutschland" für die Beileidsbekundungen. Im Entwurf standen auch diese Worte: "Millionen Menschen in unserer Republik sind bereit, sich für die großen Ziele einzusetzen, für die der Verstorbene allezeit tätig gewesen ist." Erich Honecker ließ den Satz streichen. KLAUS WIEGREFE
Von Klaus Wiegrefe

DER SPIEGEL 10/2000
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