06.03.2000

MEISTERZWANGKartell im Cyberspace

Die Handwerkskammern gehen gegen junge Computerunternehmer vor - wenn denen der Meisterbrief fehlt.
Der Computerfachmann ist ein Unternehmer ganz nach dem Geschmack des Multimedia-Kanzlers Gerhard Schröder. Bereits als Jugendlicher schraubte der Nürnberger seine ersten Computer zusammen, mit 21 Jahren gründete er die EDV-Firma Algodat und finanzierte sein Informatikstudium, indem er Software für den Handel im Internet entwickelte.
Der Erfolg als Existenzgründer schien programmiert - bis Georgios Carapoulios, 25, am 13. Oktober vergangenen Jahres plötzlich Post von der Handwerkskammer Mittelfranken bekam.
Bündig teilte ihm die Behörde mit, dass ein "selbständiger Betrieb eines Handwerks als stehendes Gewerbe nur den in der Handwerksrolle eingetragen Personen gestattet" sei. Zuwiderhandlung, so lernte Carapoulios weiter, seien eine Ordnungswidrigkeit, die mit 50 000 Mark Geldbuße geahndet werden könne.
Der Unternehmer war ratlos. Das von der Handwerkskammer verlangte Ingenieursdiplom samt "einschlägiger Gesellenprüfung" konnte er ebenso wenig vorweisen wie einen Meisterbrief als Informationstechniker. "Ich wusste nicht einmal", erinnert sich Carapoulios, "dass es den überhaupt gibt."
Und ob. Seit die Nazis vor 65 Jahren erstmals den "großen Befähigungsnachweis" zur Führung eines Handwerksbetriebes vorschrieben, herrscht Meisterzwang in Deutschland. Penibel listet die Anlage A der deutschen Handwerksordnung vom Augenoptiker bis zum Zupfinstrumentenmacher 94 Berufe auf, in denen ein Eintrag in der Handwerksrolle mehr Bedeutung hat als das Recht auf Berufs- und Gewerbefreiheit im Grundgesetz.
Selbst auf die Cyber-Ökonomie hat die im Mittelalter erdachte Zunftordnung ihren Einfluss ausgedehnt. Anfang 1998 verschmolzen die Handwerke von Büroelektronikern, Radio- und Fernsehtechnikern zum neuen Handwerksberuf des Informationstechnikers. Während Bundeskanzler Gerhard Schröder den Mangel an Computerexperten beklagt, müssen derzeit etwa 25 000 EDV-Dienstleister ohne Meisterbrief damit rechnen, das die Handwerkskammern ihren Betrieb womöglich stilllegen.
Sorgen machen sich vor allem jene Computerfirmen, die neben dem Verkauf von Festplatten, Monitoren und Software-Programmen auch einen Reparaturdienst anbieten. Wer keinen Meisterbrief hat, darf lediglich vorgefertigte Bauteile zusammensetzen. Ein defekter Stecker hingegen zählt nach Auffassung der Handwerkskammern bereits zum geschützten Arbeitsfeld des Informationstechnikers und darf nur unter fachmännischer Aufsicht eines Handwerksmeisters repariert werden. Verstöße gegen die Regeln des Zunftkartells werden scharf geahndet.
In Lübeck, Köln, Reutlingen und Karlsruhe gingen Handwerkskammern gegen EDV-Firmen vor, weil keiner der Mitarbeiter einen Meisterbrief vorzeigen konnte. Der Bruchsaler SPD-Bundestagsabgeordnete Jörg Tauss sammelte ein Dutzend Briefe von Computerunternehmern, die sich über schikanöses Gebaren ihrer örtlichen Kammervertreter beklagten.
Argwöhnisch wachen die deutschen Zünfte über ihre Privilegien, die unliebsame Konkurrenz vom Markt halten sollen. Bereits im Mittelalter riskierten Handwerker Prügel, wenn sie gegen Standesregeln verstießen. Nach Schätzung des Berufsverbandes unabhängiger Handwerkerinnen und Handwerker werden jährlich knapp 2000 Betriebschefs verurteilt, weil sie alteingesessenen Handwerkern ins Gehege kamen.
Wie groß der volkswirtschaftliche Schaden ist, den das Zunftkartell in der Zukunftsbranche Informationstechnologie anrichtet, lässt sich derzeit kaum absehen. "Die Dunkelziffer gescheiterter Unternehmer ist groß, weil das forsche Einschreiten der Kammern viele Gründungswillige frühzeitig einschüchtert", vermutet der Bonner Handwerksrechtler Horst Mirbach. "Da wird gemauert, was das Zeug hält."
Dabei könnte es schon bald einen Weg geben, den Meisterzwang zu umgehen. So plant Bundeswirtschaftsminister Werner Müller - gegen den Widerstand der Handwerksverbände - eine Ausnahme von der Meisterregel. Noch in diesem Jahr sollen Gesellen einen Betrieb übernehmen dürfen, wenn sie zuvor mindestens drei Jahre in einem Handwerksbetrieb gearbeitet haben.
Der Nürnberger Computerunternehmer Georgios Carapoulios indes kann darauf nicht warten. Um ein Bußgeld zu vermeiden, hat er der örtlichen Handwerkskammer zugesichert, sich künftig nur noch mit Programmen zu beschäftigen und von Hardware die Finger zu lassen. "Einen Lötkolben", so Carapoulios, "werden die bei mir nicht mehr finden."
ALEXANDER NEUBACHER
Von Alexander Neubacher

DER SPIEGEL 10/2000
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