DER SPIEGEL



Freiheit - kaum auszuhalten

Von Mohr, Reinhard

Der Single ist das höchst entwickelte Wesen der Geschichte. Zwischen Glanz und Elend: Sein Leben vereint alle Widersprüche des Seins. Ein Lagebericht.

Ob römische Sklaven, Thomas Müntzers Bauernhaufen, die französischen Sansculotten von 1792 oder die verarmten Proletarier der deutschen Novemberrevolution von 1918 - sie alle träumten von der Freiheit. Der Single 2000 hat sie. Er ist der Sieger der Geschichte. Als wandelnde Kreditkarte - "Die Freiheit nehm ich mir!" - mit vollends aufgeklärtem Bewusstsein, als allseits entwickelte Persönlichkeit jenseits jeder Fremdherrschaft hat er die Utopie des Kommunismus im Einmannbetrieb erfüllt: Er lebt nach seinen Bedürfnissen. Schön, aber auch schrecklich: Denn was sind bloß "meine Bedürfnisse"? Champions League, rotes Hühnercurry (Nr. 133), Sex, Gespräche über Politik, Ski fahren im Engadin, mal wieder Nietzsche lesen? Die dauerhafte Liebesbeziehung jenseits des Fred-Kogel-Schemas?

Der Single 2000 ist der erste Mensch, der sich diesen Fragen wirklich stellen muss - und immer wieder daran scheitert. Sicher sind am Ende nur die Champions League und die Zeitung von morgen.

So ist der Single zugleich der erste und der letzte Mensch. Ein Karstadt-Zarathustra, ein Austern-Autonomer. Ein Individualist mitten in der Massengesellschaft, die ihn überhaupt erst hervorgebracht hat: Achtung, Dialektik!

Er ist unverschämt privilegiert - nicht nur gegenüber seinen kämpfenden Ahnen, sondern auch gegenüber der Mehrheit seiner Zeitgenossen in aller Welt. Seine Probleme sind Luxusprobleme, Houellebecq hin, Houellebecq her.

Doch wenn es dem Single mal wirklich nicht gut geht, dann wird er böse und selbstgerecht, dann kann er über Erdrutsche andernorts nur bitter lachen: Das sind wenigstens handfeste Herausforderungen, archaische Naturgewalten, Blut, Schweiß und Tränen, Leben pur, und der Tod kommt gratis noch dazu.

Er aber, er leidet unter exklusiver Seelenpein, subtilster Einsamkeit und dem Phänomen der virtuellen Relativität: Was ist schon ein Zugunglück in Indien gegen sein Gefühl, nicht von allen geliebt zu werden, was sind die Schlammfluten in Venezuela gegen die akute Montagsdepression? Jetzt wissen wir: Dieter Kunzelmanns "Orgasmusschwierigkeiten" von 1967 - "Was geht mich Vietnam an?!" - waren schon Vorboten des Single 2000 und seiner Einmannkommune mit Südbalkon und Fußbodenheizung.

Wem es glänzend geht, der empfindet jede Eintrübung als reine Zumutung. Zumindest aber taucht der bohrende Gedanke auf: Wie könnte es noch besser gehen? Was fehlt zur Perfektion? Das Sein als unentwegtes "Re-Design", das Leben als Leistung: Der Single ist ein Sisyphos am Berge KaDeWe, ein Schwerstarbeiter am Lebensglück, ein Autodidakt in Sachen Genuss- und Sinnstiftung.

Gerade weil ihm seine Existenz ohne existenzielle Bindungen ungeheure Entscheidungsfreiheiten, ein einziges Leben auf Probe (mit Widerrufsklausel) erlaubt, hat er es so schrecklich schwer. Der Markt der Möglichkeiten ist verlockend, aber grausam. Unter den avancierten Widersprüchen der befreiten Existenz leidet er wie niemand sonst. Es gilt das philosophische Wort: Freiheit heißt zuerst, sie auszuhalten.

Er muss auf niemanden Rücksicht nehmen außer auf sich selbst - eine übermenschliche Anstrengung, eine fast göttliche Herausforderung. Der Single ist Geschöpf und Selbstschöpfer in einem, Richter und Anwalt seiner selbst. Keine Gewaltenteilung entlastet ihn von der Gesamtverantwortung für sein eigenes Leben. Keine Partnerin ist schuld, wenn er sich "irgendwie dauernd unter Druck gesetzt" fühlt. Keine Kinder, deren Spielgefährten oder plötzlich auftauchende Zweitväter halten ihn vom Verfassen eines grandiosen Textes ab, und auch die Zeiten, da das "Scheißsystem" noch fürs schlechte Wetter verantwortlich war, sind vorbei. Da heißt es, tapfer sein und immer daran denken: It's your life, it's your choice. Just do it.

Am Sonntagmorgen muss der Alleinfrühstückende ganz autonom entscheiden, ob er vor oder nach dem "Presseclub" in die Badewanne steigt, ob noch einmal die angebrochene Wildbeerenmarmelade aufs Baguette kommt oder schon der Honig aus der Provence. Abends das gleiche Theater: Zur nächsten Ost-Folklore-Inszenierung in die Volksbühne oder gleich in die "Tagung" nach Friedrichshain, wo die gute alte DDR von allen Wänden grinst? Oder doch zu Hause bleiben und zum dritten Mal "Pulp Fiction" schauen?

Der einstige, objektiv waltende Sinn des Lebens - der Freiheits- und Existenzkampf des kleinen Mannes auf der Straße - hat sich für den Single weitgehend erledigt. Ihm geht es um den metaphysischen Sinn des Lebens, um die ewig quälende Frage: Was soll ich, wenn ich - fast - alles kann?

Da die Frage, greift man nicht auf die religiös-transzendenten Antworten zurück, schlechthin unlösbar ist, orientiert sich der Single 2000 schließlich wieder pragmatisch an den Dingen des Lebens und entdeckt die Welt des ewigen Alltags. Er wird zum sportiven Body-Buddhisten, zum Cheftheoretiker des "Carpe diem", zum Flaneur nach allen Flaneuren. Hic Rhodos, hic Rosi. Das kleine Glück ist das große Glück.

Und die Liebe? Sie ist der letzte Statthalter der Transzendenz, das ewige Rätsel, die Utopie, nach der in den Clubs der Stadt immer schon vergeblich gefahndet wird. Die Bars sind die letzten Orte des metaphysischen Klassenkampfs um das Paradies auf Erden. Mehr als die Freiheit, immer wieder um das gesegnete Terrain zu kämpfen, hat auch der Single nicht. Gingen ihm alle seine Wünsche in Erfüllung, wäre nicht nur der Einmannkommunismus am Ende. Es wäre auch das Ende jener prekären Freiheit, die den Alleinlebenden zum tragikomischen Sieger der Geschichte macht - das Ende der Geschichte überhaupt. Nicht zuletzt: das Ende aller Single-Analysen. REINHARD MOHR


DER SPIEGEL 10/2000
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