06.03.2000

„Ein dutzend Knüppelhiebe“

Der Moskauer Rundfunk-Journalist Andrej Babizki über seine Verhaftung durch die russische Sonderpolizei Omon und seinen Aufenthalt im Gefängnis Tschernokosowo
SPIEGEL: Andrej Muratowitsch, sechs Wochen lang waren Sie im Kaukasus verschwunden - wie kam es dazu?
Babizki: Am 16. Januar flüchtete ich aus dem ständig bombardierten Grosny in Richtung Nordosten. Ich wollte die Frontlinie überqueren, aber nicht im Flüchtlingsstrom. Ich hatte zwei Videokassetten dabei und wies mich als Journalist aus - mit Pass und Akkreditierung beim russischen Außenministerium. Daraufhin nahmen mich Leute der russischen Spezialeinheit Omon fest.
SPIEGEL: Warum denn?
Babizki: Sie sagten, mit meiner Akkreditierung sei etwas nicht in Ordnung. Sie fesselten mir die Hände hinter dem Rücken und verbanden mir die Augen. Dann warfen sie mich in einen Panzerwagen, mit dem Gesicht nach unten.
SPIEGEL: Wohin wurden Sie gebracht?
Babizki: Die Fahrt dauerte eine Stunde, in unbekannter Richtung. Der militärische Geheimdienst verhörte mich. Zwei Tage steckte ich auf einem Gefangenentransporter, einem Lkw ohne jede Abdeckung. Es war eisig kalt. Danach landete ich in dem berüchtigten Lager Tschernokosowo.
SPIEGEL: Nach offizieller Moskauer Lesart ein "Filtrationslager", in dem man Verdächtige aus der Masse der Festgenommenen herausfiltert, ein alter Sowjetbrauch.
Babizki: Ich habe Tschernokosowo als regelrechtes Konzentrationslager erlebt, ähnlich wie Dachau. Gefangene wurden geprügelt und gefoltert.
SPIEGEL: Sie auch?
Babizki: Nur einmal und vergleichsweise barmherzig haben sie mich mit Knüppeln willkommen geheißen, es setzte ein dutzend Hiebe. Das waren Vollzugsbeamte, von denen einige vermummt auftraten, reine Sadisten. Misshandlungen von Gefangenen waren dort an der Tagesordnung. In die Zellen wurde Tränengas gesprüht.
SPIEGEL: Wie haben Sie die Haft verkraftet?
Babizki: Schlecht. Ich habe in Tschernokosowo ständig gehört, wie Menschen geschlagen und gefoltert wurden. Als ich in Dagestan im Polizeigewahrsam war, bekam ich heftige Herzschmerzen und konnte meine linke Hand nicht mehr bewe-
gen. Niemand war bereit, einen Spezialisten zu holen. Mit den Scherben meiner 300 Dollar teuren Brille versuchte ich, mir die Adern aufzuschneiden. Ich suchte nicht den Tod, sondern ärztliche Hilfe, die mir schließlich auch gewährt wurde. Der Arzt stellte eine Herzattacke fest.
SPIEGEL: Sie wurden in Tschetschenien gegen Gefangene ausgetauscht?
Babizki: Ein Mann kam, der sich als Mitarbeiter einer Kommission beim russischen Präsidenten für die Befreiung von Gefangenen und Geiseln vorstellte. Er sagte, mit meiner Hilfe könnten zwei russische Kriegsgefangene aus Tschetschenien befreit werden. Das hätte Turpal Ali Atgerijew angeboten, der Chef des muslimischen Geheimdienstes in Tschetschenien.
SPIEGEL: Dieser Mann wollte Sie befreien?
Babizki: Den kenne ich schon seit dem vorigen Krieg als verlässlich. Es hieß, er habe zugesichert, mich sofort freizulassen.
SPIEGEL: Das machte Sie in den Augen der Russen erst recht verdächtig. Haben Sie sich darauf eingelassen?
Babizki: Die Bedingungen schienen mir akzeptabel. Ich wurde auf einer Straße irgendwo in Tschetschenien Leuten übergeben, von denen ich bis heute nicht weiß, was sie eigentlich wollten.
SPIEGEL: Davon gibt es Videoaufnahmen, die nach einer Geheimdienst-Show aussehen.
Babizki: Diese Leute bestanden darauf, dass ich nach Aserbaidschan ausreise. Ich wollte aber nach Moskau, zu meiner Frau und meinen Kindern, die ich schon zwei Monate nicht mehr gesehen hatte.
SPIEGEL: Gab es während Ihrer Odyssee durch den Kaukasus Momente, in denen Sie glaubten, nicht mehr lebend zurückzukommen?
Babizki: Seit ich auf die tschetschenische Seite abgeschoben wurde, würgte mich drei Wochen lang dieses Gefühl: Lebendig kommst du hier nicht wieder raus.
SPIEGEL: Wieso führten Sie einen falschen aserbaidschanischen Pass bei sich?
Babizki: Meine tschetschenischen Begleiter hatten mir Personalausweis und Reisepass abgenommen und zwei frisch gefälschte Pässe in die Hand gedrückt. Einen warf ich weg, den anderen behielt ich.
SPIEGEL: Konnten Sie herausbekommen, wer Ihre Begleiter waren?
Babizki: Die haben sich von Zeit zu Zeit mit unterschiedlichen Namen vorgestellt. Sie nötigten mich, irgendwelche Erklärungen über eine Zusammenarbeit mit kaum bekannten arabischen Organisationen zu unterschreiben. Das Ganze war eine Farce.
SPIEGEL: Waren es vielleicht Provokateure, die Sie nur aushorchen sollten?
Babizki: Einer dieser Leute, er nannte sich Mohammed, war ein Anhänger von Halif Adam, der die Zeitung "Adamalla" herausgibt und eine Bewegung führt, die sich für den Verbleib Tschetscheniens in der Russischen Föderation einsetzt. Der Mann gab mir seine Moskauer Adresse und sagte, er sei immer dann im russischen Fernsehen zu sehen, wenn es um Verhandlungen über eine friedliche Lösung für Tschetschenien ginge.
SPIEGEL: Das klingt nach einem Kollaborateur der Russen.
Babizki: Ein anderer Tschetschene, der mich dazu drängte, mit der islamistischen Organisation al-Islami zu kooperieren, fiel mir durch seinen typisch russischen Beamtenjargon auf. Merkwürdig war auch, dass ich im Kofferraum des Pkw meiner Befreier aus Tschetschenien in die Hauptstadt der russischen Republik Dagestan geschleust wurde, ohne dass der Wagen auch nur einmal kontrolliert wurde.
SPIEGEL: Wegen des falschen Passes ist ein Strafverfahren gegen Sie eingeleitet, Sie dürfen Moskau nicht verlassen. Denken Sie an Emigration?
Babizki: Nein. Ich bin in diesem Land geboren, lebe hier und kenne mich hier aus. Anfang der neunziger Jahre gab es für mich eine konkrete Möglichkeit auszuwandern, zumal ich enge Beziehungen zur sowjetischen Dissidentenszene hatte. Ich hoffe, dass sich in diesem Land etwas ändert.
SPIEGEL: Sie sind Korrespondent des US-Senders Radio Liberty. Viele russische Medien haben Sie zu einem amerikanischen Agenten und Landesverräter abgestempelt - trifft Sie das?
Babizki: Am Ende wird sich das alles regeln, wenn die Feindseligkeiten zwischen den Staaten abgebaut werden. Im neuen Jahrtausend wird es zu zivilisierten internationalen Beziehungen kommen, die solche Vorwürfe überflüssig machen.
SPIEGEL: Präsident Wladimir Putin hat Ihre Freilassung befohlen. Er sagt, die Pressefreiheit sei in Russland garantiert. Wie denken Sie über ihn?
Babizki: Putin ist meiner Ansicht nach ein Mensch vom Anfang des 20. Jahrhunderts - schlecht erzogen, mit unzureichendem Verständnis für die jeweilige Situation. Er hat sehr verquere Vorstellungen davon, wie Russland zu regieren sei. Seine unseligen Ideen stammen teils von Pinochet, teils aus der Schule, an der er das Handwerk eines kleinen Spions erlernt hat.
SPIEGEL: Die meisten Russen möchten ihn wählen.
Babizki: Die Russen wollen eine harte Hand und begreifen nicht, dass sie es nur mit einem weichen Hirn zu tun bekommen.
INTERVIEW: UWE KLUSSMANN, ANNA SADOWNIKOWA
* Mit Ehefrau Ljudmila, Tochter Rebekka am vorigen Mittwoch.
Von Uwe Klussmann und Anna Sadownikowa

DER SPIEGEL 10/2000
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