06.03.2000

ÖSTERREICH

Falsche Fährte

Von Mayr, Walter

Jörg Haider, im Innersten ein Zauderer, hat den FPÖ-Vorsitz niedergelegt und zugleich seinen Anspruch auf das Kanzleramt erneuert.

Drei Stunden, bevor in ihrer Partei das Matriarchat eingeführt wird, ahnt die FPÖ-Politikerin Ursula Haubner noch nichts von dem, was kommt. Bescheiden sitzt sie am vergangenen Montag in ihrem Büro in der Linzer Landesregierung und beschreibt eine Politik der kleinen Schritte.

Erfolgreich habe sie in der als "Führer"und Männerpartei verkannten FPÖ eine "Neuorientierung des Frauenprogramms" durchgesetzt. Allein erziehende Frauen, allein erziehende Väter, ja sogar Paare ohne Trauschein seien nunmehr berücksichtigt. Vor allem: Auch ihr als gestrig verrufener Parteichef habe sich in diesen Punkten durchaus in Richtung Moderne bewegt.

Der Parteichef heißt Jörg Haider und ist ihr Bruder. Ursula Haubner, geborene Haider, ist mit vier weiteren Frauen seine Stellvertreterin an der FPÖ-Spitze, beziehungsweise war es - bis zum Abend des vergangenen Montags. An dessen Ende verkündete Haider seinen völlig unerwarteten Rücktritt, nicht ohne die Nachfolgefrage gewohnheitsmäßig noch im Handstreich zu regeln: Vizekanzlerin Susanne Riess-Passer wurde vom Chef promoviert.

Die Kommentare der im Wiener Hotel Wimberger versammelten FPÖ-Spitzen reichten von "tief betroffen" bis "schwer schockiert". Manche klammerten sich an die Worte des Vorsitzenden, er wolle sich ja nur "wie ein Generaldirektor aus dem operativen Geschäft zurückziehen" und eine Art "Aufsichtsrat" werden.

Die Haider-Schwester Ursula hingegen fand, die FPÖ dürfe durchaus langsam ohne Haider erwachsen werden: "Auch ein Kind entlässt man mit 14 Jahren in die Berufswelt" - Haider war seit 1986 Parteichef. Mit seinem Rücktritt, so gibt er vor, habe er klarstellen wollen, dass die FPÖ-Minister in der schwarzblauen Koalition unter Kanzler Wolfgang Schüssel keineswegs seine "Marionetten" seien und er sich selber nicht als "Schattenkanzler" fühle.

Derlei Vorwürfe zitiert Haider nur, wenn er seine Gegner auf eine falsche Fährte locken will. Natürlich hat der Puppenspieler aus Klagenfurt anderes im Sinn, als das Prädikat Schattenkanzler loszuwerden. Bereitwillig räumt er ein, weiterhin das Kanzleramt anzustreben.

Jetzt will er erst mal Zeit gewinnen und Kräfte sammeln. Entgegen seinem Ruf als Draufgänger ist Haider im Innersten ein Zauderer - einer, bei dem immer schon Perioden manischer Betriebsamkeit mit Phasen angedrohten oder tatsächlichen Rückzugs aus der Politik wechselten.

Das war 1986 so, als Haider vor der Wahl zum Parteichef in letzter Sekunde noch seine Kandidatur zurückziehen wollte. 1995, nach seinem Auftritt vor SS-Veteranen in Krumpendorf, forderte er mit einer Rücktrittsdrohung die Solidarität des Parteivorstands ein und retirierte danach angeschlagen ins heimische Bärental.

In den letzten Wochen war der Druck auf Haider gewaltig. Persönlich als Ursache der internationalen Ächtung Österreichs namhaft gemacht, irrlichterte der FPÖ-Chef von einer Schlagzeile zur nächsten.

Statt wie angekündigt zur EU nach Brüssel zu fliegen, schob er "wichtige internationale Termine" vor und musste sich dann von Reportern im kanadischen Tiefschnee ertappen lassen. Am Tag der Wiener Großdemonstration hetzt Haider samt Familie vom Skispringen am Kulm zum Dinner in die Hauptstadt. Er setzt sich an den Fenstertisch eines italienischen Restaurants und wird, natürlich, von Demonstranten erkannt und belagert. Unter Polizeischutz verlässt er das Lokal.

Fluchttendenzen eines Gehetzten? Oder Arbeit am Märtyrerstatus, wie EU-Kommissionspräsident Romano Prodi befürchtet? Haiders Rückzug hat auch profane

Gründe - der FPÖ-Star wahrt die Distanz

zu seiner unberechenbaren Ministerriege.

Justizminister Michael Krüger ist aus "gesundheitlichen Gründen" bereits abgelöst worden. Er hat in nur 25 Tagen Amtszeit durch den Wunsch nach einem Jaguar als Dienstwagen erfreut und durch die im Nachrichtenmagazin "profil" beglaubigte Akkordarbeit mit einer ehemaligen Miss Vienna. "Was haben wir geschnackselt", erinnert sich ein alter Spezl unter zustimmendem Wiehern des Ministers: "Zuerst ich im Schlafzimmer, dann du im Wohnzimmer."

Krüger ist weg. Was bleibt, ist das Konkursverfahren gegen den Mann der Vizekanzlerin Riess-Passer (unter den Gläubigern ist der neue Justizminister Dieter Böhmdorfer) und das Getuschel über den Sohn der Sozialministerin Elisabeth Sickl, der den Neonazis nahe stehen soll.

Außenpolitisch hat Haiders Rückzug ins zweite Glied nichts bewirkt - die EU-Blockade geht weiter wie bisher. Schon droht der junge Finanzminister Karl-Heinz Grasser von der FPÖ, dass die "Kindergartenmentalität" seiner EU-Kollegen Folgen im Abstimmungsverhalten Österreichs haben werde: "Man kann in Europa nicht Politik gegen ein ganzes Volk machen."

Mit dieser Linie darf Grasser auf Beifall von der Basis rechnen. Ein "einfaches Parteimitglied" der FPÖ aus Kärnten hat bereits angekündigt, der "ehemalige RAF-Sympathisant Fischer in Deutschland" und vor allem Frankreichs Regierung sollten den Einfluss der Freiheitlichen auf die EU-Politik nicht unterschätzen: "Wenn sie Ergebnisse erzielen wollen, werden sie Österreich ordentlich behandeln müssen."

Der sich da als "einfaches Parteimitglied" mit dicker Lippe im Fernsehen zu Wort meldete, war Stunden zuvor noch FPÖ-Chef: Jörg Haider braucht kein Amt, so lange er eine Bühne hat. WALTER MAYR

* Mit Bundeskanzler Wolfgang Schüssel.

DER SPIEGEL 10/2000
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