DER SPIEGEL



HANDYS

Restrisiko einer Pudelmütze

Von Blech, Jörg

Englische Forscher behaupten, dass Handy-Wellen die Reaktionsfähigkeit verändern. In Schweden fanden Mediziner verdächtige Eiweiße im Hirn bestrahlter Ratten. Eine Großstudie soll nun klären, ob Mobiltelefone Hirntumoren wuchern lassen. Wie gefährlich sind Handys wirklich?

Hunderte von Bundesbürgern bekommen demnächst, kaum dass Chirurgen ihnen eine Krebsgeschwulst aus dem Hirn geschnitten haben, neugierigen Besuch: Interviewer werden mit einem Fragebogen an ihr Krankenbett treten und die frisch Operierten um Auskunft bitten: Haben Sie früher ein Handy benutzt? Wenn ja: wie häufig?

Die Epidemiologen, die in neurochirurgischen Stationen in Mainz, Bielefeld und Heidelberg nach Tumorpatienten suchen wollen, fragen im Auftrag der Weltgesundheitsorganisation (WHO) und hegen einen unheimlichen Verdacht: Verursachen die elektromagnetischen Strahlen, die von Mobiltelefonen aus in den Kopf eindringen, Krebs?

Sollte sich ein Zusammenhang nachweisen lassen, so warnen die Forscher, wären die Folgen dramatisch. Denn die verdächtigen Geräte verbreiten sich rasend schnell über den Planeten. Mehr als 400

Millionen Erdenbürger quasseln bereits mobil; in Deutschland fiepen und vibrieren bald 35 Millionen Handys; in Finnland wählen 65 Prozent der Einwohner schon heute lieber ohne Schnur. Dem drahtlosen Telefon für zu Hause und unterwegs gehört die Zukunft - Strahlenbelastung inklusive.

Selbst ein geringer Effekt auf die Gesundheit, sagt Elizabeth Cardis von der zur WHO gehörenden Internationalen Agentur für Krebsforschung in Lyon, würde "tausende Opfer in der ganzen Welt" bedeuten. Die Leiterin der Studie und ihre Kollegen wollen mehr als 12 000 kranke und gesunde Menschen in Deutschland, Frankreich, England, den Vereinigten Staaten und neun weiteren Ländern befragen. Erste Ergebnisse erwarten sie in drei bis vier Jahren.

Das von der Europäischen Union und der Kommunikationsindustrie mit umgerechnet acht Millionen Mark unterstützte Projekt ist nicht nur die bisher größte Studie dieser Art. Zugleich mutet das Vorhaben an wie ein letzter Versuch, endlich einen Beleg zu finden, dass Handys den Menschen krank machen.

Seit dem sprunghaften Aufkommen der Funktelefone vor nunmehr 15 Jahren wollen zwar die Warnungen nicht verstummen, die Geräte bewirkten Kopfschmerz und Ohrenkrebs, schwächten die Abwehrkräfte, minderten das Gedächtnis, störten die Träume und ließen Gehirntumoren heranreifen.

Doch bisher haben die Gelehrten keinen Beweis dafür präsentieren können, dass die gepulsten Strahlen aus dem Handy Leib und Leben gefährden - und das, obwohl ganze Jahrgänge von Wissenschaftlern das Phänomen "Handy-Smog" erforscht und bisher schätzungsweise 4000 bis 5000 Studien vorgelegt haben.

Auch die Epidemiologen in Lyon haben für ihre Krebsstudie keinen konkreten Anfangsverdacht. Im Gegenteil: Eine Untersuchung in Schweden fand unter mehr als 600 Mobiltelefonierern keine erhöhte Gehirntumorrate. Anlass für die neuerliche, diesmal millionenteure Erhebung, sagt Elizabeth Cardis, sei vor allem die "große Besorgnis in der Bevölkerung".

Die weit verbreitete Furcht vor den hochfrequenten Handy-Strahlen am Kopf rührt von Schreckensmeldungen, die - kaum von Wissenschaftlern ausgesprochen - in der Bevölkerung schnell die Runde machen. Jutta Brix vom Bundesamt für Strahlenschutz im bayerischen Oberschleißheim liest und bewertet alles, was zum Thema veröffentlicht wird. Sie hat die Erfahrung gemacht, dass gerade die Aufsehen erregenden Studien einer wissenschaftlichen Prüfung nicht standhalten.

Mobiltelefone verbesserten das Reaktionsvermögen ihrer Benutzer - so lautete etwa die verblüffende Botschaft, die der Physiker Alan Preece an der Universität Bristol vergangenes Jahr verbreitet hat. Doch selbst diesem Befund mochte der Forscher nichts Gutes abzugewinnen: Die erhöhte Geisteskraft der Handy-Benutzer, warnte Preece, sei möglicherweise das Resultat einer schädlichen Stressantwort. Mit der wehre sich das Gehirn gegen den widernatürlichen Strahlenbeschuss. Doch ein Blick in die Studie offenbart, wie klein der Effekt ist, den die Gruppe um Preece beobachtet haben will. Die Forscher haben 36 gesunden Testpersonen eine Handy-Antenne ans linke Ohr geklemmt. Bei der Kontrollgruppe von 18 Menschen blieb der Sender ausgeschaltet.

Die Probanden bekamen eine halbe Stunde lang auf einem Monitor vielfältige Aufgaben gestellt; insgesamt 15 verschiedene Aspekte der Gehirnfunktion wurden getestet. Bei 14 der Aufgaben endete der Test ergebnislos. Nur für die letzte konnten die Wissenschaftler eine Differenz errechnen, und zwar bei der Reaktionszeit. Sobald die Probanden die Worte "Ja" und "Nein" auf einem Bildschirm erkannt hatten, mussten sie eine entsprechende Taste drücken. Wenn die Attrappe am Ohr Handy-Wellen aussandte, wie bei den hier zu Lande üblichen D1- und D2-Netzen, waren die Bestrahlten im Vergleich zur Kontrollgruppe um 3,5 Millisekunden oder 0,9 Prozent schneller.

Den winzigen Unterschied erklärten die Forscher allen Ernstes damit, die Handy-Strahlen weiteten in einer Gehirnregion namens Gyrus angularis die Gefäße, so dass dort mehr Blut hindurchrausche. Darin sehen die Briten den Beginn einer bedrohlichen Aufschaukelung: Das zusätzliche Blut könne "eine leichte Erwärmung des Gehirns" bewirken, die wiederum "zu einem erhöhten Blutfluss führe".

Hermann Dertinger, der das Institut für Medizintechnik und Biophysik am Forschungszentrum Karlsruhe leitet, hält das für "abenteuerliche Spekulationen". Aktuelle Befunde geben dem Experten Recht. Beamte des Bundesamtes für Strahlenschutz haben in der Zwischenzeit das Experiment wiederholt - und überhaupt keine Unterschiede gemessen.

Ähnlich zweifelhaft erscheint auch jener Einfluss, den Handy-Strahlen auf die Blut-Hirn-Schranke haben sollen. Diese natürliche Barriere verhindert in Mensch und Tier, dass hirnschädigende Stoffe aus den Blutgefäßen in das hochempfindliche Nervengewebe gelangen.

Dass die Blut-Hirn-Schranke durch Wellen aus Mobiltelefonen löchrig wird, legen Experimente an der Universität Lund in Schweden nahe. Drei Wissenschaftler bestrahlten 481 Ratten bis zu 16 Stunden lang mit gepulsten Wellen unterschiedlicher Stärke. Anschließend töteten sie die Tiere und betrachteten deren Gehirngewebe im Mikroskop. Bei 170 der Tiere (35 Prozent) entdeckten sie Albumin, ein Transportprotein, das normalerweise im Blut zirkuliert. Zum Vergleich: Unter 372 unbestrahlten Ratten war das Protein nur in 17 Prozent der Fälle in das Denkorgan gewandert.

In den bestrahlten Ratten schlüpfte das Albumin also offenkundig leichter in das Gehirn. Allerdings behalten die Forscher für sich, ab welcher Wirkdauer der Effekt auftritt. "Wir haben keine Ahnung, ob das für die Ratten gefährlich ist", gesteht der beteiligte Neurochirurg Leif Salford. Sicher sei nur, dass sich die Ergebnisse nicht auf den Menschen übertragen lassen. "Eine klinische Bedeutung ist sehr zweifelhaft", räumen die Schweden ein. Die Experten des Bundesamtes für Strahlenschutz sehen ebenfalls keine "gesundheitliche Signifikanz".

Untersuchungen am Max-Planck-Institut für neurologische Forschung in Köln und an der Universität Heidelberg stellen die Ergebnisse aus Lund sogar in Frage. Im Unterschied zu den Schweden konnten die Deutschen einen erhöhten Albuminwert im Gehirn nur feststellen, wenn sie Strahlen großer Intensität benutzten.

Offenbar ändert sich die Durchlässigkeit der Blut-Hirn-Schranke erst dann, wenn die Strahlen derart stark sind, dass sie das Gehirn von Ratten gleichsam wie in der Mikrowelle erhitzen. Genau das aber droht dem Menschen nicht. Zwar versetzen Handy-Strahlen Wassermoleküle des Gewebes in Schwingung, so dass Wärme entsteht - doch der Effekt ist ungefähr dem Aufsetzen einer Pudelmütze vergleichbar.

Während eines Telefonats erhöht sich die Temperatur an der Gehirnoberfläche um nicht mehr als 0,1 Grad, auch wenn man sich das Gerät stundenlang an den Kopf hält. Im Innern des Denkorgans ist der Anstieg noch geringer. Einen negativen Einfluss auf die Blut-Hirn-Schranke halten die Kölner und Heidelberger Forscher nach ihren Versuchen für unwahrscheinlich. "Unsere Daten stützen nicht die Vorstellung, dass das mobile Fernsprechwesen ein Gesundheitsrisiko für das Gehirn darstellt."

Doch egal, ob es um Handy-Strahlen oder einen Meteoriteneinschlag geht, Wissenschaftler können Restrisiken, und seien sie noch so klein, generell nicht ausschließen - schlichtweg, weil absolute Ungefährlichkeit prinzipiell unbeweisbar ist. Eines hat die Forschung jedoch gezeigt: Das mögliche Restrisiko ist so klein, dass man es nicht messen kann.

Strahlenkundler wie Michael Kundi vom Institut für Umwelthygiene der Universität Wien halten es dennoch für angebracht, die Strahlenbelastung durch Handys prinzipiell so gering wie möglich zu halten. "Selbst wenn sich herausstellt, dass wir zu vorsichtig waren", sagt der Österreicher, "wäre das der geringere Schaden."

Die Aussage, die wohl ein jeder unterschreiben würde, schürt in Wahrheit die Ängste der Öffentlichkeit - und dient damit den ureigensten Interessen der Wissenschaftler. Nur wenn Mobiltelefone als mögliche Gesundheitsgefahr im Gerede bleiben, fließen die Forschungsmittel.

Häufig genug wird das Geld für abwegige Experimente ausgegeben. Zoologen an der Universität Frankfurt beispielsweise kitzelten Heimchen an den Hinterbeinen und beobachteten das Reflexverhalten dieser Grillenart. Wenn die Wesen mit Handy-Wellen bestrahlt werden, zeigen sie angeblich eine "signifikante Abnahme in der

Reaktionsrate", wie die Forscher im vorletzten November auf einem Kongress in Zagreb mitteilten.

Was bedeutet das für den Menschen? "Die Übertragbarkeit auf den Menschen ist nicht einfach zu beantworten", formuliert der Leiter der Arbeitsgruppe in branchenüblicher Zweideutigkeit. "Man kann nicht ausschließen, dass es womöglich gesundheitsschädigende Effekte gibt. Aber es gelang bisher nicht, das experimentell zu belegen."

So butterweich die Verlautbarungen der Handy-Forscher auch sind, sie nähren die Vorbehalte. Die Berliner Verbraucherzentrale riet bereits vor Jahren, die elektronischen Bimmelgeister besser nicht zu verschenken. Die schweizerische Spinnerei Spoerry & Co will ängstlichen Mobiltelefonierern Mützen aus einem Metallgarn verkaufen, das die elektromagnetische Strahlung abfängt. Und in Bayern rebellieren rund hundert Bürgerinitiativen aus Furcht vor Gesundheitsrisiken gegen Sendemasten.

Wie emotional die Debatte geführt wird, das weiß Ottokar Petrowicz aus eigener Anschauung. Der Ingenieur des Instituts für Experimentelle Onkologie und Therapieforschung der Technischen Universität München erforscht die Wirkung elektromagnetischer Strahlung auf den Körper und hält Vorträge vor verunsicherten Bürgern und aufgebrachten Mobilfunk-Gegnern.

Das Unbehagen seiner Zuhörer vor Handy-Wellen ist für Petrowicz kein medizinisches Problem, sondern ein soziologisches Phänomen. "Elektromagnetische Strahlen können wir nicht sehen, spüren und riechen. Dass sie sich unserer Sinneswelt entziehen, führt zu Ängsten, die jedoch keine naturwissenschaftliche Grundlage haben", urteilt der Münchner Experte über die Handy-Phobie.

Die unheimlich anmutende Strahlenquelle am Kopf ist im wesentlichen ein tragbares Gerät zum Empfang und Senden elektromagnetischer Wellen. Die gängigen D-Netze von Telekom (D1) und Mannesmann Mobilfunk (D2) arbeiten im Frequenzbereich von rund 900 Megahertz, das heißt, die Wellen schwingen 900 Millionen Mal in der Sekunde. Das E-Netz von E-Plus funktioniert mit ungefähr 1800 Megahertz. Um eine effektivere Datenübertragung zu erreichen, werden die Strahlen zusätzlich mit 217 Hertz gepulst: Die Sendeenergie wird 217-mal in der Sekunde ein- und ausgeschaltet; die Signale reisen in Paketchen durch den Raum.

Um die einzig erwiesene Wirkung auf den Menschen, eine leichte Erwärmung des Gewebes, gering zu halten, gelten für Mobiltelefone, wie für alle elektronischen Geräte, Richtlinien. Die seit 1997 gültige Schutzverordnung "Elektromagnetische Felder" schreibt für Basisstation und Sprechgeräte Grenzwerte vor. Zwar steigern Handys ihre Strahlungsintensität, wenn der Empfang schlecht ist. Doch selbst dann bleiben sie unter den Grenzwerten. Jürgen Bernhardt vom Bundesamt für Strahlenschutz in Oberschleißheim zufolge sprechen bei Einhaltung der Grenzwerte "alle vorliegenden Kenntnisse und Erfahrungen gegen gesundheitliche Wirkungen".

Und doch können Handys schädlich wirken - allerdings nicht auf Menschen, sondern auf Maschinen. Die Antennenwellen können in Elektronikgeräten gefährliche Störströme hervorrufen, warnt Achim Enders, der das Institut für elektromagnetische Verträglichkeit der Technischen Universität Braunschweig leitet (siehe Interview).

Am größten freilich ist ausgerechnet jenes Risiko, das viele Menschen allzu bereitwillig in Kauf nehmen: Das Wählen und Quasseln während der Autofahrt vervierfacht die Unfallgefahr, so das Ergebnis einer Untersuchung im Fachblatt "New England Journal of Medicine". Eine einzige Sekunde Ablenkung bei Tempo 100 bedeutet eine Blindfahrt von 28 Metern. Ein Plausch am Steuer, schätzt das Bundesverkehrsministerium, hat im vorletzten Jahr 40 Autofahrer das Leben gekostet.

Zwar will der Gesetzgeber das Hantieren mit Handys während der Fahrt deshalb vermutlich noch in diesem Jahr verbieten. Doch etliche Automobilisten werden sich darum kaum scheren.

Dabei kann einen der Tod ganz schnell am Telefon ereilen: Auf der A2 zwischen Magdeburg und Helmstedt flog ein BMW mit 230 Stundenkilometern von der Piste. Als der Leichnam des Fahrers aus dem Wrack geborgen wurde, hielt er sein Handy noch fest umklammert. JÖRG BLECH

* An einem Phantomkopf messen britische Forscher, wie stark Handy-Strahlung menschliches Gewebe erhitzt. * An der Uniklinik Mainz; bei dem Versuch wurde untersucht, ob ein eingeschaltetes Mobiltelefon die Hirnströme verändert. Die Messungen ergaben keine Auswirkungen auf die Gesundheit.

DER SPIEGEL 10/2000
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