13.03.2000

STÄDTE„Physischer Schmerz bei Geigenklängen“

Der Potsdamer Musikpädagoge Michael Büttner, 41, über den Versuch, Junkies mit klassischer Musik aus U-Bahnhöfen zu vertreiben
SPIEGEL: Herr Büttner, im Hamburger Hauptbahnhof werden U-Bahn-Benutzer nach dem Vorbild anderer europäischer Großstädte neuerdings mit Vivaldi, Mozart, Bach oder Brahms berieselt - mit dem Ziel, Junkies zu vertreiben. Was macht klassische Musik für Menschen unter Drogen so schwer erträglich?
Büttner: Ich habe mich noch keinem Selbstversuch unterzogen, vermute aber, dass höhere Frequenzen zum Beispiel der Geige als physischer Schmerz erlebt werden können.
SPIEGEL: Halten Sie die Musikbeschallung, die man in Hamburg auch für andere Problembahnhöfe plant, grundsätzlich für ein taugliches Mittel zur Vertreibung von Obdachlosen und Junkies?
Büttner: Der obdachlose Junkie verbringt seine Nächte sicher nicht aus Liebe zum Schienenverkehr im Bahnhof. Er könnte sich also notgedrungen auch daran gewöhnen und die Beschallung schließlich sogar gut finden.
SPIEGEL: Dann ginge es ihm vermutlich wie den nicht drogensüchtigen U-Bahn-Benutzern - auf die dürfte klassische Musik an öffentlichen Orten doch entspannend wirken?
Büttner: Alles andere. Das Hören von Musik ist ein freiwilliger Akt. Bahnhöfe hingegen sind öffentliche Räume, in denen sich der Mensch im Sachzwang befindet, ein Verkehrsmittel zu benutzen. Musikbeschallung heißt: den öffentlichen Raum für Manipulation zu missbrauchen.
SPIEGEL: Also ist die aus Lautsprechern rieselnde Musik an öffentlichen Orten für Sie akustische Umweltverschmutzung. Fürchten Sie, dass die Plage noch weiter zunimmt?
Büttner: Wir leben in einer Zeit permanenter Lärmbelästigung. Im Mittelalter, einer Zeit der Geruchsbelästigung, pflegte man sich zu parfümieren, anstatt sich zu waschen. Ich fürchte, wir haben wenig dazugelernt. Die Plage der Musikberieselung wird sich also noch ausbreiten.

DER SPIEGEL 11/2000
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