13.03.2000

„Wir brauchen Opferbereitschaft“

Präsident Abdelaziz Bouteflika über Algeriens Weg vom Terrorstaat zur Demokratie, das Versöhnungsangebot an die Islamisten und die Hoffnung der maroden Wirtschaft auf Investitionen aus Deutschland
Bouteflika, 63, hatte einst sein Philosophiestudium abgebrochen, um gegen die französische Kolonialmacht zu kämpfen. Nach der Befreiung brachte er es in der Einheitspartei FLN bis zum Außenminister unter Ben Bella und Boumedienne, bevor er 1979 zurücktreten musste. Im April 1999 wurde er zum Präsidenten gewählt. -------------------------------------------------------------------
SPIEGEL: Herr Präsident, nach acht Jahren Bürgerkrieg wollen Sie die Algerier in eine zivile Gesellschaft führen. Ist Ihr vom Terror zerrüttetes Land wirklich schon reif für die Demokratie?
Bouteflika: In Algerien läuft zur Zeit ein großes Experiment. Auch wenn unsere demokratische Entwicklung noch jung ist, so ist sie doch einmalig in dieser Region. Die neue Regierung, die ich vor kurzem gebildet habe, ist der beste Beweis dafür, dass wir auf dem richtigen Weg sind. Die Ministerposten sind auf verschiedene Parteien verteilt, die in der Bevölkerung tief verwurzelt sind. Dennoch: Bis die Demokratie in unserer Gesellschaft wirklich fest verankert ist, müssen wir noch eine weite Strecke zurücklegen.
SPIEGEL: Wie wollen Sie eine Demokratie schaffen, wenn elementare Menschenrechte immer noch missachtet werden?
Bouteflika: Bei dieser Behauptung legen Sie Menschenrechte zu Grunde, wie sie der Westen politisch definiert. Aber wir können diesen Maßstab nicht so ohne weiteres übernehmen, solange bei uns noch Menschen verhungern oder nach sauberem Trinkwasser dürsten. Bei Menschenrechten denken wir zunächst einmal an ein menschenwürdiges Leben - das ist unsere Richtschnur.
SPIEGEL: Was stört Sie an der westlichen Definition der Menschenrechte?
Bouteflika: Damit kein Missverständnis aufkommt: Die Menschenrechte, wie sie der Westen versteht, sind eine Errungenschaft, auf welche die ganze Menschheit stolz sein kann. Auch wir wollen diese Errungenschaft Schritt für Schritt bei uns verwirklichen. Aber vergessen Sie bitte nicht, dass es kein einziges Land auf der Welt gibt, dass allein im Besitz der reinen Wahrheit und ein Paradies auf Erden ist.
SPIEGEL: Sie reklamieren Fortschritte, doch in Wahrheit gibt es Rückschläge. Haben nicht die algerischen Frauen ihre gleichberechtigte Stellung unter dem Einfluss der erstarkten Islamisten verloren?
Bouteflika: Nach unserer Verfassung haben Frauen dieselben Rechte wie Männer. Gehen Sie doch mal an die Universitäten. Da sehen Sie am großen Andrang der Studentinnen, wie stark die Stellung der Frau in unserer Gesellschaft ist. Falls Sie mit Ihrer Frage aber andeuten wollen, dass der Koran die Rolle der Frau anders definiert - dafür bin ich nicht verantwortlich. Doch auch jene Strömungen, die ewig gestrig scheinen, werden mit der Zeit den neuen Entwicklungen weichen.
SPIEGEL: Zum Erstarken des politischen Islam trugen vor allem Vettern- und Misswirtschaft unter der Einheitspartei bei. Wie wollen Sie diese Übel bekämpfen?
Bouteflika: Die Islamisten sind in der Tat nicht vom Himmel gefallen: Es waren die miserablen wirtschaftlichen und sozialen Verhältnisse, welche der Islamischen Heilsfront, dem FIS, die Anhänger zugetrieben haben. Frustrierte und verzweifelte Algerier glaubten tatsächlich, der FIS böte den einzigen Weg aus der Krise. Niemals hätten es diese Menschen für möglich gehalten, dass sie damit das Land in die Anarchie und in ein unermessliches Blutvergießen treiben könnten.
SPIEGEL: Rund zwei Drittel der algerischen Bevölkerung sind jünger als 30 Jahre. Aber noch immer hat eine Generation das Sagen, die seit der Befreiung von der Kolonialherrschaft in den sechziger Jahren die Macht in den Händen hält.
Bouteflika: Da irren Sie sich gewaltig. Aus der Garde der Unabhängigkeitskämpfer sind nur noch wenige verblieben. Diese Funktionäre brauchen wir noch immer, weil sie über wichtige Erfahrungen und Fähigkeiten verfügen. Sie sind weder despotisch noch autoritär.
SPIEGEL: War es nicht gerade die Oligarchie aus alten FLN-Zeiten, die das Land an den Abgrund geführt hat?
Bouteflika: Ich will die Misswirtschaft der politischen Führung in den vergangenen 20 Jahren gar nicht bestreiten.
SPIEGEL: Sie, Herr Präsident, gehören doch auch zu dieser alten Führung.
Bouteflika: Ich bin schon 1979 aus allen Ämtern ausgeschieden und kann daher nicht Teil jener Staatsmacht gewesen sein, die durch ihre Fehler dem Islamismus Vorschub leistete. Seitdem ich Präsident wurde, haben wir erfolgreich die nationale Versöhnung vorangetrieben und die Entwaffnung vieler Gruppierungen erreicht. Das nährt meinen Optimismus. So Gott will, werden wir auch mit den restlichen Straßenräubern fertig.
SPIEGEL: Sind die militanten Islamisten bereits vernichtend geschlagen?
Bouteflika: Sehr viele Kämpfer haben die allgemeine Amnestie angenommen. Ich bin zuversichtlich, dass sie tatkräftig am Wiederaufbau Algeriens mitarbeiten.
SPIEGEL: Die Amnestie hat neue Wut geschaffen. Unzählige Algerier, die Freunde und Verwandte durch den Terror verloren haben, sind nicht zur Versöhnung bereit.
Bouteflika: Ich leide mit jenen, die ihre Angehörigen verloren haben, und wir werden alles versuchen, damit die Wunden bald heilen. Immerhin haben 98,6 Prozent der Wähler in einem Referendum für meine Politik votiert. Es stimmt also nicht, dass es hier keine Mehrheit für mich und meine Politik gibt.
SPIEGEL: Trotz Ihrer Bemühungen ist Algerien außenpolitisch noch immer isoliert. Wie wollen Sie das ändern?
Bouteflika: Bis wir unsere Isolation vollständig überwinden werden, müssen wir noch einen dornigen Weg zurücklegen; wir brauchen viel Opferbereitschaft.
SPIEGEL: Bei der Beerdigung König Hassans II. von Marokko haben Sie dem israelischen Ministerpräsidenten Ehud Barak demonstrativ die Hand gereicht. Suchen Sie den Ausgleich mit Israel?
Bouteflika: Wir unterstützen die gemeinsamen arabischen Bestrebungen, um die Rechte der Palästinenser zu verwirklichen, und verlangen die Befreiung der von Israel besetzten Gebiete gemäß internationalem Völkerrecht. Richtig ist aber auch, dass ich ein Mann des Friedens und der Versöhnung sein möchte.
SPIEGEL: Wird es eine Annäherung Algeriens an Europa geben?
Bouteflika: Wir wollen wieder eine Atmosphäre des Vertrauens schaffen und suchen eine fruchtbare Zusammenarbeit mit allen Ländern Europas. Dabei kommt Deutschland eine besondere Bedeutung zu. Wir brauchen die hervorragende Technologie, die immense Erfahrung, über die Deutschland verfügt. Wir haben umfangreiche Bodenschätze zu bieten und günstige Lohnkosten. Einer gleichberechtigten Partnerschaft steht nichts im Wege.
SPIEGEL: Investoren wollen vor allem politische Stabilität. Können Sie die schon jetzt garantieren?
Bouteflika: Wir sind gerade dabei, durch große Reformen auf wirtschaftlichem und sozialem Gebiet die Voraussetzungen für Investitionen zu schaffen. Ich bin sehr zuversichtlich, dass schon bald deutsche Unternehmer zu uns kommen, um in Algerien gute Geschäfte zu machen.
INTERVIEW: ADEL S. ELIAS
Von Adel S. Elias

DER SPIEGEL 11/2000
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