13.03.2000

ZEITGESCHICHTEArzt und Agitator

Amerikanische Mediziner fordern, die „Reiter-Krankheit“ umzubenennen - ihr Entdecker war ein überzeugter Nazi, der die Zigeuner verfolgte und KZ-Experimente deckte.
Den Sanitätsoffizier Hans Conrad Reiter schmückte ein kleiner Schnurrbart, wie ihn auch der Gefreite Adolf Hitler trug. Beide dienten 1914 bis 1918 im deutschen Heer, eingeschworen auf Gott und den Kaiser.
Während Hitler an der Westfront als Meldegänger sein Bestes gab, sorgte sich Dr. med. Reiter zur gleichen Zeit um die Gesundheit der Soldaten. Die ließ im Ersten Weltkrieg sehr zu wünschen übrig. Syphilis und Tripper grassierten. Zehntausende deutsche Soldaten lagen deshalb im fernen Heimatlazarett statt im Graben, nahe am Feind.
Entzündete Harnröhren waren seinerzeit so verbreitet wie heutzutage eine Allergie. Dem Bakteriologen und Hygieniker Reiter fiel in den Kriegsjahren jedoch eine Besonderheit auf. Bei einigen Patienten ließen sich weder die bekannten Syphiliserreger noch Tripperkeime nachweisen. Außerdem war die entzündete Harnröhre (Fachwort: "Urethritis") bei den meist fiebernden Kranken kombiniert mit zwei weiteren, schmerzhaften Leiden - einer Entzündung der großen Gelenke ("Arthritis") und der Augenbindehäute ("Konjunktivitis").
1916 machte Reiter der wissenschaftlichen Welt Mitteilung von der neu entdeckten Krankheit, die zum rheumatischen Formenkreis gehört. Die Ärzte nennen das "urethrookulo-synoviale Syndrom" einfachheitshalber meist Reiter-Krankheit oder "Morbus Reiter". Damit hat der deutsche Doktor die Spitze professioneller Reputation erklommen - eine eigene Krankheit ist nach ihm benannt. Das soll nun anders werden.
Im "Journal of Clinical Rheumatology" fordern die US-Ärzte Daniel Wallace und Michael Weismann, dem Deutschen die Ehrung abzuerkennen:
"Soll ein Kriegsverbrecher mit solch einer Auszeichnung belohnt werden?" Auch die "New York Times" dachte in der letzten Woche auf 280 Zeilen über das Problem nach, kam jedoch zu keiner Empfehlung.
Die Nazi-Vergangenheit des deutschen Professors hat der deutsch-kanadische Historiker Michael H. Kater, der in Toronto lehrt, aufgeklärt. Noch vor der deutschen Wiedervereinigung durfte der Gelehrte in die Tiefen des "Berlin Document Center" hinabsteigen. In einem vom Reichsmarschall Göring gebauten Bunker bewahrte die amerikanische Besatzungsmacht fast elf Millionen erbeutete Personalakten der NSDAP auf - darunter Belege für die Untaten tausender deutscher Ärzte in KZ, bei tödlichen ("terminalen") Menschenversuchen, im Gutachterwesen und als Helfer der Euthanasie, Rassenhygiene und Erbgesundheitspflege.
In mehrjähriger Forschungsarbeit hat Kater die Rolle der "Doctors under Hitler" aufgeklärt. Als Erster analysierte er umfassend den sozioökonomischen Hintergrund der Ärzteschaft vor und während der NS-Zeit, ihre ideologische Infizierung, die Verfolgung der jüdischen Ärzte und die Verbrechen im Namen der germanischen Herrenrasse - in Deutschland noch immer weitgehend tabuisierte Themen. In diesem Monat erscheint Katers umfassende Darstellung auf Deutsch**.
Hans Reiter, Jahrgang 1881, hat sich schon während der Weimarer Republik - in der so genannten Kampfzeit - für die NSDAP geschlagen. Der 1918 zum Professor an der Universität Rostock ernannte Arzt trat 1931 in die NSDAP ein. Dazu, sagt Kater, "gehörte Idealismus", denn kein Beamter konnte Hitlers Aufstieg und das "tausendjährige Reich" mit Gewissheit vorhersehen.
Im Juli 1932, so ergibt sich aus den Document-Center-Akten, zog Reiter als NSDAP-Abgeordneter in den mecklenburgischen Landtag ein. Im Oktober 1933 wurde Reiter "sozusagen gerechterweise" (Kater) Präsident des Reichsgesundheitsamtes in Berlin.
Der wissenschaftlich talentierte Arzt ließ fortan die Heilkunst fahren und betätigte sich vor allem als politischer Agitator. Kernsätze des überzeugten Nazis:
* "Die Hygiene der Zukunft wird eine erbbiologisch orientierte sein, und jede richtig begriffene Bevölkerungswissenschaft wird eine erbbiologische Hygiene sein müssen."
* "Nur der Staat wird seine Existenz sichern können, der durch eine verstandesmäßig gesteuerte Menschenökonomie die größtmögliche Entfaltung seiner Macht gewährleistet."
* Das deutsche Volk hat "ein Recht, sich gegen die Überfremdung" durch "völlig wesensfremde Kräfte" mit "allen Kräften zu wehren".
Als Leiter des Reichsgesundheitsamtes trieb Reiter die Verfolgung "rassischer" Minderheiten voran. Seine "Rassenhygienische Forschungsstelle" arbeitete den Vernichtungslagern zu, indem sie Roma- und Sinti-Familien "erfasste". Im KZ Buchenwald organisierte das "Robert-Koch-Institut" - ein Ableger des Reichsgesundheitsamtes - seit 1943 an Häftlingen Fleckfieberversuche.
Die Experimente dienten der Entwicklung eines Impfstoffs. Von den rund 450 Menschen, die mit der lebensgefährlichen Krankheit vorsätzlich infiziert wurden, starb jeder Dritte.
Angesichts der Kriegslage, so argumentierten die beamteten Ärzte der Heimatfront, sei jede Debatte um "ethische Fragen" Verrat am Endsieg. Die jüngeren SS-Ärzte - etwa der berüchtigte Dr. Josef Mengele, der Kindern die Augen herausschnitt, um die "Zwillingsforschung" voranzutreiben - kannten ohnehin keine Skrupel.
SS-Ärzte standen überall in der ersten Reihe - sie "selektierten" die verschleppten Juden an der Rampe des Vernichtungslagers Auschwitz, sie betrieben "humanexperimentelle" Versuche zur Impfstoff- und Antibiotika-Entwicklung, zu Schusswunden und Unterkühlung. Dabei gingen sie so brutal vor, dass die Opfer keine Überlebenschance hatten.
Hans Reiter, der Vater der "Reiter-Krankheit", wusste von vielem und war mit allem einverstanden. Deshalb soll die nach ihm benannte Krankheit, so fordern die Amerikaner, zukünftig "reaktive Arthritis" heißen.
Fünfundvierzig Prozent der deutschen Ärzte waren, wie Reiter, Mitglied in der NSDAP. Sieben Prozent, so hat Kater errechnet, marschierten unter dem Totenkopf in den Reihen der SS. Nur wenigen ist nach 1945 ein Haar gekrümmt worden.
Die ärztliche Standesführung, nach dem Zweiten Weltkrieg in Köln als Bundesärztekammer neu konstituiert, wurde zuerst vom SA-Mann Karl Haedenkamp geleitet, dann von den SS-Mitgliedern Ernst Fromm (1959 bis 1973) und Hans Joachim Sewering (1973 bis 1978). Obgleich Ärztepräsident Sewering in die NS-Euthanasie verstrickt war, lebt der jetzt 84-Jährige von der Justiz unbehelligt bei guter Gesundheit in Dachau.
Auch Hans Reiter hatte nach 1945 wenig auszustehen. Zwei Jahre nahmen ihn die Amerikaner in Arrest. Danach praktizierte er wieder als Arzt. Reiter starb, wohl versorgt mit seiner Pension, auf die er als ehemaliger Reichsgesundheitsamts-Leiter Anspruch hatte, 1969 im Alter von 88 Jahren friedlich im Bett. HANS HALTER
* In Alt Rehse (Mecklenburg). ** Michael H. Kater: "Ärzte als Hitlers Helfer". Europa Verlag GmbH, Hamburg/Wien; 568 Seiten; 58,50 Mark.
Von Hans Halter

DER SPIEGEL 11/2000
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