20.03.2000

CDUPerlchen an Perlchen

Auf das System Kohl folgt das System Merkel: eine verjüngte Mannschaft, mehr Offenheit, keine Rituale.
Von der Allensbacher CDU-Hausdemoskopin Renate Köcher hat Angela Merkel seit dem 18. Dezember 1999 nichts mehr gehört. Der Aufruf der Generalsekretärin zum Abschied vom Übervater Helmut Kohl in der "Frankfurter Allgemeinen" kam bei der Hüterin konservativer Geschlossenheit nicht gut an.
Doch am Rat von alten Kohl-Vertrauten ist Merkel ohnehin nicht sehr interessiert. Sie telefoniert lieber mit Trend-erfahrenen Werbeleuten wie Sebastian Turner und Thomas Heilmann von Scholz & Friends über die neue Spitzenmannschaft der CDU, die sie nun anführen wird.
Drei Wochen lang hatte sie sich geziert. Auf zahllosen Regionalkonferenzen hatte sie sich an der Begeisterung der Parteibasis erfreut. Alle anderen Kandidaten verschwanden wie von selbst. Jetzt ist es raus: Angela Merkel wird Vorsitzende der CDU.
Für die patriarchalisch geprägte Partei ist der Führungswechsel ein Kulturschock. In 25 Jahren unter Helmut Kohl war die Partei mit ihrem Vorsitzenden verschmolzen. Die Neue will nun endgültig mit dem System Kohl brechen. Jetzt soll die Ära des Systems Merkel beginnen. Da liegen Chance und Scheitern nah beieinander.
Zum ersten Mal in ihrer Geschichte bekommt die CDU eine hauptamtliche Führungskraft, die nicht gleichzeitig Ministerpräsident, Bundeskanzler oder Fraktionsvorsitzender ist. Anders als der neue Fraktionschef Friedrich Merz, der einen eingespielten Apparat vorfindet, verfügt Merkel über kein schlagkräftiges Machtzentrum. Die Parteizentrale ist noch nicht nach Berlin umgezogen, die CDU steht vor dem finanziellen Kollaps.
In der provisorischen Bundesgeschäftsstelle in Berlin ist nicht mal ein Büro frei, in das die Vorsitzende einziehen könnte, wenn sie ihres für einen neuen Generalsekretär räumen muss. Doch die erste Frau an der Spitze einer großen Volkspartei hätte auch die Möglichkeit, ein Politikerbild zu prägen, das es in Deutschland noch nie gab. Bislang allerdings ist nur in Umrissen zu erkennen, wofür die neue Vorsitzende steht und wie die CDU unter ihr aussehen wird.
Werber Heilmann rät Merkel zu inhaltlicher Präzision. Die Optik der Partei zu verändern hält er für zweitrangig. In Kürze will Merkel ein Konzept vorlegen, wie es in der CDU weitergeht. Oberste Priorität soll ein Wahlerfolg in Nordrhein-Westfalen haben. Immerhin konnte Merkel vergangene Woche erstmals Gerhard Schröder im ZDF-"Politbarometer" an Beliebtheit beim Wähler überrunden.
Die neue Vorsitzende der alten Volkspartei muss einen Erfahrungs- und Erlebnishorizont abdecken, den sie gar nicht haben kann. Zugleich kämpft die ostdeutsche Pastorentochter gegen den Verdacht an, sie wolle die Partei nach links rücken. Ein "überzeugendes Gesamttableau", verlangte deshalb CSU-Chef Edmund Stoiber, müsse die echten und vermeintlichen Schwächen der Kandidatin abdecken. Doch die Besetzung der CDU-Spitzenmannschaft wird nicht nach übergeordneten Gesichtspunkten entschieden, sondern im Kräftespiel der Landesverbände.
So gilt als sicher, dass für die Vizeposten Baden-Württembergs Kultusministerin Annette Schavan, Ex-Verteidigungsminister Volker Rühe, der niedersächsische Landeschef Christian Wulff und der CDU-Spitzenkandidat in Nordrhein-Westfalen, Jürgen Rüttgers, antreten. Damit seien weder der rechte noch der linke Flügel vertreten, monierte der saarländische Ministerpräsident Peter Müller, der für den Sozialflügel der Union steht. Er erwägt nun eine Kampfkandidatur gegen Rühe oder Wulff.
Sachsen-Chef Kurt Biedenkopf dagegen verzichtet auf einen Vizeposten. Gleichwohl soll der CDU-Programmatiker künftig in der Partei wieder eine prominente Rolle spielen und sich verstärkt um die Themen Wirtschaft, Soziales und Finanzen kümmern.
Merkels Einfluss darauf, wen die 1001 Delegierten beim Parteitag am 10. April wählen, ist eher gering im Vergleich zu den Zeiten, da das noch der allmächtige Kohl bestimmte. Umso mehr Gewicht bekommt für sie der Posten des Generalsekretärs, den sie als Einzigen selbst auswählen kann.
Ein Mann soll es sein, möglichst aus dem Westen. Darüber hinaus will Merkel sich nicht am Proporz orientieren. Wichtiger ist ihr, dass sie sich auf ihren Mitstreiter verlassen kann, dass er Gefühl für die Partei hat und Gespür für die Medien. Und dass er seinem SPD-Konkurrenten Franz Müntefering Paroli bieten kann.
Gehandelt wurden bislang der nordrhein-westfälische Abgeordnete Ruprecht Polenz, der baden-württembergische Fraktionschef Günther Oettinger, sein Landsmann Christoph Palmer, der nordrhein-westfälische Fraktionschef Laurenz Meyer und der rheinlandpfälzische Fraktionschef Christoph Böhr. Doch von denen wird es keiner, heißt es in Merkels Umfeld.
Die strikte Aufgabenverteilung innerhalb der Spitzenmannschaft nach Vorbild eines Konzernvorstands, wie sie Biedenkopf gern hätte, sieht Merkel skeptisch. Man könne nicht einem Vize vorschreiben, er dürfe sich nur zu einem bestimmten Thema äußern, wendet sie ein.
Starre Hierarchien und ritualisierte Abläufe, wie sie die CDU jahrzehntelang geprägt haben, sind Merkel ohnehin verhasst. Offener werde die CDU unter der neuen Vorsitzenden werden, glauben viele. Auf die übliche "Morgenlage" verzichtet sie, Zeitungen und Entwürfe liest sie selbst. Die Tür zu ihrem Büro steht meist weit offen, am Schreibtisch ist sie nur selten zu sehen. Lieber sitzt Merkel am "runden Tisch", von dem je ein Exemplar in Bonn und in der Berliner Mauerstraße steht.
Offene Fragen klärt die promovierte Physikerin gleich mit dem zuständigen Referenten, anstatt den üblichen Dienstweg über die Abteilungsleiter einzuhalten. Und den berühmten kleinen Schlüssel, mit dem Peter Hintze oder Helmut Kohl dafür sorgten, dass der Lift in der Bundesgeschäftsstelle ohne Zwischenstopp durchfuhr, hat Merkel kaum je benutzt.
Die finanzielle Not der Partei schränkt den Spielraum der künftigen Vorsitzenden drastisch ein. Derzeit tüftelt die Parteispitze an einem Sanierungsplan für die verschuldete Bimbes-Partei, der ein Minimum von rund 50 Millionen Mark für den Wahlkampf 2002 sichern soll. Die unwilligen Landes- und Kreisverbände von einer Umlage zu überzeugen gilt als erste große Führungsaufgabe der Spitzenfrau. Doch gleichzeitig gibt die Finanzmisere Merkel die Chance, Bewegung in die festgefahrenen Strukturen des Adenauer-Hauses zu bringen.
Als größtes Handicap der neuen Vorsitzenden sehen Kritiker mangelnde Teamfähigkeit und Ungeduld. Merkel sei ein Kontroll-Freak, mit dem Abgeben von Verantwortung und Aufgaben tue sie sich schwer. Mitarbeiter und Freunde loben dagegen Merkels schnellen Verstand, ihre Offenheit für Kritik, ihre Belastbarkeit und ihre Zielstrebigkeit. "Sie denkt vom Ende her und reiht dann Perlchen an Perlchen aneinander, bis das Ziel erreicht ist", erklärt ihre Büroleiterin Beate Baumann.
Auf ein Küchenkabinett à la Kohl hat Merkel stets verzichtet, Seilschaften hat sie in den neun Jahren als Ministerin kaum geknüpft. Als enge Vertraute, auf die sie sich bedingungslos verlässt, gelten Baumann und Bundesgeschäftsführer Willi Hausmann.
Kumpelei liegt Merkel fern. Mit Hausmann und Baumann ist sie ebenso per Sie wie mit ihrer Sprecherin Eva Christiansen, einer studierten Volkswirtin.
Der Einfluss der Frauen in der CDU wird nun auch ohne Quote steigen. Zu ihrem Umfeld in der Partei werden neben Wulff und dem Saarländer Müller vor allem Annette Schavan, die Berliner Kultursenatorin Christa Thoben und die JU-Vorsitzende Hildegard Müller gezählt.
Wichtige Verbündete in der Fraktion sind der neue Vorsitzende Merz und der erfahrene Geschäftsführer Hans-Peter Repnik.
Die CSU, die Merkel skeptisch gegenübersteht, stellt sich schon auf das neue System ein. Mit der Merkel sei es wie mit dem Euro, ließ sich Bayerns Regierungschef Stoiber vernehmen. Wenn sie nicht zu verhindern sei, werde man sich schon arrangieren. TINA HILDEBRANDT
Von Tina Hildebrandt

DER SPIEGEL 12/2000
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