DER SPIEGEL



SCHÖNHEITSKULT

Verschrumpelte Mickymäuse

Von Gatterburg, Angela

Die Strategien im Kampf um jugendliches Aussehen werden immer raffinierter und populärer. Die Branche profitiert von günstigeren Preisen, sanfteren Methoden und besseren Materialien. Auch Männer und Teenager lassen ihre Körper glätten, straffen, verschlanken.

Michelle Pfeiffer, 41, hat es getan, Suzanne von Borsody, 42, tut es vielleicht, Hannelore Elsner, 55, würde es nie tun. Eine derart entschiedene Ablehnung ist selten - sich mit verschiedensten Methoden verschönern zu lassen ist heute keine große Sache mehr. "Alles, was Sie hier sehen, verdanke ich Spaghetti", soll Sophia Loren gesagt haben. Leider hat Pasta nicht bei jedem Menschen eine derart eindrucksvolle Wirkung, und deshalb sind kleinere oder größere Renovierungsarbeiten irgendwann fällig.

Altern ist out, Körperoptimierung in. Altsein gelte fast als Krankheit, erklärt Edgar Biemer, Professor für plastische Chirurgie am Münchner Klinikum rechts der Isar. "Früher hat man die Erfahrung und Würde des Alters geachtet", so Biemer, der auch der Deutschen Gesellschaft Ästhetisch-Plastischer Chirurgen als Präsident vorsteht, "heute ist es oft im Weg. Falten und hängende Lider werden in manchen Berufen schon als Zumutung empfunden."

Die Bevölkerung huldigt einem geradezu unerbittlichen Körperkult, der längst über Fitness hinausgeht. Das komplette Programm heißt: Nährstoff- und Vitamin-Cocktails, verschiedenste Therapien mit Hormonen und, als radikalste Maßnahme, Laserbehandlungen, Faltenunterspritzungen und Operationen. Immer mehr Deutsche unterziehen sich einer Schönheitsbehandlung, in den vergangenen fünf Jahren ist die Zahl der kosmetischen Eingriffe um etwa 30 Prozent gestiegen. "Immer jünger unters Messer", titelt die Hamburger Zeitschrift "Max" und beschreibt eine 17-jährige Amerikanerin, die bereits zwölf Operationen hinter sich hat. Fast drei Viertel aller Deutschen bis 35 befürworten eine Operation, um besser auszusehen, ermittelte die Illustrierte. Vor fünf Jahren war es nicht mal jeder Zweite.

Günstigere Preise, sanftere Methoden, verträglichere Materialien lassen die Branche boomen. "Es schießen kommerzielle Schönheitskliniken aus dem Boden wie Einkaufszentren", klagt Biemer.

Im Showbusiness ist es seit 20 Jahren üblich, sich eine schnittigere Körper-Karosserie zuzulegen. Schon Marilyn Monroe ließ sich Nase und Busen richten, sprach aber nicht öffentlich darüber. Bekannter sind die Veränderungen von Stars und Sternchen neuerer Zeit. Fotomodell Anna Nicole Smith ließ sich ihren Busen auf Körbchengröße Doppel-D operieren und angelte sich einen Öl-Milliardär. Das Auf und Ab des Kunstbusens von "Baywatch"-Star Pamela Anderson, einer "postmodernen Controllerin des eigenen Fleisches", wie "Die Woche" befand, wird liebevoll vom Boulevard beobachtet.

Die US-Popsängerin Britney Spears, 18, kommentiert ihre unübersehbare Brustvergrößerung nicht, der Schauspieler John Byner hingegen inszenierte sein Lifting via Internet. Michael Jacksons unheimliche Verwandlung ist kein Geheimnis, Nick Nolte ließ sich angeblich auch optisch renovieren. In der Komödie "Der Club der Teufelinnen" spielt Goldie Hawn eine alternde Diva, der ein Chirurg erklärt: "Noch einmal liften, und Sie blinzeln mit den Mundwinkeln."

Ein wenig optische Nachhilfe ist inzwischen nicht nur Showstars vorbehalten. Wer Glück hat, gewinnt eine neue Nase im Radio. 1700 Kandidaten meldeten sich beim Privatsender Radio Hamburg, als er damit warb, zwei Hörern eine Schönheitsoperation zu bezahlen. Die meisten Behandlungswilligen waren zwischen 20 und 40 Jahren. Gewinnerin Bettina Leydel, 35, bat um eine Brustvergrößerung, Sieger Martin Schlund, 37, ließ sich seinen Bauchspeck absaugen.

Große Nasen, krumme Nasen, Hängelider, dicke Wohlstandsbäuche - nahezu jedes Körperteil kommt auf den Operationstisch oder unter den Laserstrahl. In den USA werden immer mehr Teenager operiert, "Newsweek" bezeichnete diese Entwicklung als "neue Ära der Schönheitschirurgie". 1840 US-Teenager haben sich im Jahr 1998 ihre Brüste vergrößern lassen, doppelt so viele wie sechs Jahre zuvor. Seriöse Chirurgen warnen vor Eingriffen im Entwicklungsalter, es könne zu unangenehmen Spätfolgen wie etwa Missbildungen kommen. Etwa ein Fünftel solcher Operationen muss nach Einschätzung von Spezialisten später wiederholt werden.

Eine 19-jährige Engländerin bezahlte eine Brustoperation mit ihrem Leben. Sie starb eine Woche nach dem Eingriff an einer Blutvergiftung. Doch selbst Todesfälle haben keine nachhaltig abschreckende Wirkung. In fünf Jahren, da sind sich Branchenkenner einig, werde man zum Schönheitschirurgen gehen wie zum Zahnarzt oder Friseur. Zu den Stars, die als Vorbilder fungieren, kommt der Druck der Medien, die immer häufiger mit computerretuschierten Fotos ein perfektes Körperbild suggerieren. All dies führt zu dem Wunsch, Spuren des Verfalls zu beseitigen und seinen Körper wie ein Bildhauer selbst zu modellieren. "Ich bin diesen Unsinn leid, dass Schönheit nur äußerer Schein ist. Ein schöner Schein reicht doch! Was wollen Sie? Ein anbetungswürdiges Pankreas?", so fragt der Bühnenautor Jean Kerr. Und eine Frauenzeitschrift schreibt: "Was nützt einer Frau ein IQ wie der von Einstein, wenn sie aussieht wie sein Zwillingsbruder?"

Zwischen 300 000 und 500 000 kosmetische Operationen werden schätzungsweise jährlich in Deutschland vorgenommen. Zu den Patienten zählen zunehmend Männer, ihr Anteil lag 1985 bei 5 Prozent, inzwischen beträgt er rund 20 Prozent. Sie lassen sich Tränensäcke entfernen, liften, den Penis verlängern, Fett absaugen.

Es sind meist Models, Homosexuelle und Beschäftigte in der Medienbranche. Manchmal erfordert der Beruf kleinere Verschönerungen, manchmal ist es die eigene Eitelkeit, manchmal einfach eine neue Liebe. So unterzog sich der britisch-indische Autor Salman Rushdie, 52, heftig entflammt für das bildhübsche Ex-Model Padma Lakshmi, 29, unter Aufsicht seiner Angebeteten nicht nur einer Diät; angeblich hat er sich sogar heimlich seine berühmten hängenden Augenlider korrigieren lassen.

Wie kommt es, dass auch in Deutschland immer mehr junge Menschen sich für die kunstvolle Manipulation ihres Körpers interessieren? Junge Leute, erklärt der Hamburger Hartmut Meyer, Spezialist für plastische Chirurgie, hätten kein so ausgeprägtes Sicherheitsdenken wie ältere und deshalb weit weniger Berührungsängste, was Eingriffe zur Verschönerung angeht. Für die jüngere Generation sei Jugendlichkeit noch wichtiger geworden als für deren Eltern, Alterserscheinungen gelten schlicht als inakzeptabel. "Da werde ich", erklärt Meyer, der seit 13 Jahren operiert, "mit einer Technik- und Fortschrittsgläubigkeit konfrontiert, die mich manchmal erschreckt."

Es sei viel, aber eben nicht alles machbar, sagt Meyer, der zu den sensibleren Vertretern einer Zunft gehört, die den Jugendwahn in vielen Fällen skrupellos ausbeutet. Meyer verabscheut standardisierte Maskengesichter mit Schmollmund und Stupsnäschen. Sein Anspruch sei es, sagt er, "ein Gesicht zu verjüngen und zu verschönern und gleichzeitig den eigenen Ausdruck zu bewahren".

Manche Operationen, wie etwa Brustvergrößerungen bei 14- oder 15-Jährigen, hält Meyer ethisch für nicht vertretbar, weiß aber, dass etliche seiner Kollegen da weniger zimperlich sind. Der Schönheitsmarkt ist unübersichtlich, inzwischen operieren oder lasern auch Zahnärzte, Kieferchirurgen, Gynäkologen und Dermatologen, um verringerte Kassenhonorare auszugleichen. Und manche operieren allzu unbekümmert. Das Absaugen von Wohlstandsfett, im Augenblick die am häufigsten gefragte Operation, ist beispielsweise nicht für jeden Patienten geeignet.

"Wenn jemand 30 Kilo Übergewicht hat und zum Fettabsaugen kommt", so Meyer, "schicke ich ihn wieder weg." Eine Diät sei in diesem Fall sinnvoller. Danach könne man weitersehen.

Insgesamt hätten, bezogen auf alle möglichen Körper-Manipulationen, in den letzten Jahren sowohl gesellschaftliche Akzeptanz als auch Illusionen und übersteigerte Erwartungen stark zugenommen. Dem damit verbundenen naiv-gläubigen Leichtsinn müsse entsprechend viel Aufklärung entgegengesetzt werden.

Viele Patienten wählen die Behandlung mit den neuen Lasergeräten, weil sie ein Lifting ohne Messer verheißt. "Vertrauen ist wichtig", sagt die Pharmareferentin Beatrice Schwarz, 44, die sich für ein so genanntes Full Face Laser Lift im neu eröffneten Hamburger Medical Skin Center entschied, nachdem zwei Ärzte ihr den dort arbeitenden Kollegen als kompetent empfohlen hatten. Schwarz ließ den Eingriff vor einem Jahr machen und ist mit dem Ergebnis sehr zufrieden. "Das Hautbild ist feiner, die Falten flacher, die Konturen fester, aber es ist immer noch mein Gesicht", sagt sie. Das Ergebnis soll zehn Jahre halten, die Kosten lagen bei rund 8000 Mark.

Mit Laser lassen sich außerdem Altersflecken, unerwünschte Behaarung, Warzen, Muttermale, Couperose und Tätowierungen beseitigen, Aknenarben behandeln und sogar Augenlider straffen.

Falsch angewendet, kann Lasertherapie allerdings zu schweren Verbrennungen führen. Seit über 30 Jahren betreut die Kölner Anwaltskanzlei Meinecke & Meinecke die Opfer ärztlicher Kunst - der Anteil missratener Schönheitsoperationen hat sich seit den achtziger Jahren verzehnfacht. Unter den Fällen sind Laserpatienten mit vernarbten Gesichtern, erblindete Klienten, ein Todesfall und ein Komapatient nach Fettabsaugung, Selbstmord nach missratener Schönheitsoperation im Unterleibsbereich, verstümmelte Brüste, zernarbte Bauchdecken. "Auch jüngere Frauen werden von diesen Behandlungsfehlern natürlich nicht verschont", erklärt Rechtsanwalt Boris Meinecke.

Doch selbst wenn alles gut geht und die Rundumerneuerung regelmäßig wiederholt wird - endlos lässt sich das Altern nicht aufschieben, auch wenn eine neurotisch auf Jugend fixierte Gesellschaft das hofft. "Ich sehe bei jüngeren Menschen weniger eine Abwertung als die Abkoppelung vom Alter", erklärt Chirurg Meyer. Sie hätten nichts gegen ältere Leute, sagten sich aber selbstbewusst: "Alter betrifft mich nicht, ich investiere mal eben 5000 Mark in mich selbst."

Vielleicht werden schöne ältere Gesichter wie etwa das der verstorbenen Schauspielerin Jessica Tandy bald ganz aus den Medien verschwinden, weil man faltige Gesichter generell als unästhetisch empfindet.

Der Satiriker Loriot - der sich hoffentlich nie liften lässt - stellte in einer "Rede an die Jugend" dar, wie sehr die Gesellschaft sich inzwischen "verjüngt" hat.

Darin erzählt er vom Versuch, sich ein paar leichte Sportschuhe zu kaufen. Er probiert sämtliche lieferbaren Modelle an: "Schon auf den ersten Blick hatten alle eines gemeinsam: Ich sah aus, als sei ich in eine Sahnetorte getreten." Als er der Verkäuferin seine alten, zweckmäßigen Sportschuhe beschreibt, die er bisher trug, deutet sie an, zur Zeit dieser Mode noch nicht gelebt zu haben. Loriot: "Das war nicht galant, aber ich weiß nun, dass für Greise keine Sportschuhe mehr hergestellt werden. Es sei denn, Großeltern finden sich damit ab, wie verschrumpelte Mickymäuse auszusehen." Schöne neue Welt. ANGELA GATTERBURG


DER SPIEGEL 12/2000
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://corporate.spiegel.de finden Sie Angebote für die Nutzung von SPIEGEL-Content zur Informationsversorgung von Firmen, Organisationen, Bibliotheken und Journalisten.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.

DER SPIEGEL 12/2000
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!


Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Bei Spodats erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

SCHÖNHEITSKULT:
Verschrumpelte Mickymäuse

TOP



TOP